Samstag, 31. August 2013

Reinhold Eichacker - Treue

Treue
Von Reinhold Eichacker

Aus »Briefe an das Leben«. Novellen. Union-Verlag. Stuttgart. 10. Auflage 1916.

  
Wie wäre ich doch einsam ohne Dich!
Du fehltest mir, wenn ich mich heimwärts  schlich,
Dich suchte ich, wenn meine Seele fror,
Du schwebtest mir in meinen Träumen vor.
In jeder Schönheit habʼ ich Dich erkannt
Bis ich Dich selbst und Deine Schönheit fand!
Nun treibt die Erde Frucht uns jeden Tag,
Wir grüßen uns in jedem Amselschlag,
Wir atmen doppelt jeden Blumenhauch,
Uns blüht verzwiefacht jeder Blütenstrauch,
Wir finden uns in jedem Himmelsstern;
Du bist mir nah, und wärst Du noch so fern.
Du lebst in mir, und ich belebe Dich,
Ich bin nun Du, und Du bist ewig ich,
Ich schloß Dich ganz in meine Seele ein — —
Nun kann ich niemals wieder einsam sein!




»Wie wäre ich doch einsam, ohne dich!« — Ein Zufall gab mir beim Ordnen dies Blatt in die Hand. Oder war es das Schicksal? — »15. Juli 1914« steht unter den Versen, mit Bleistift geschrieben. 15. Juli. — Am 15. Juli riefen dich Pflichten zu kurzer Trennung über das Meer. In deine sonnige, südliche Heimat. — Am 15. Juli sah ich die Angst in der Nacht deiner unergründlichen Augen, eine fremde, kalte, lauernde Angst. Vor etwas Schrecklichem, Unbestimmbarem, unausdenkbar Grausigem. — Und ich gab dir die schlichten Verse, in verschlossener Hülle, als Abschiedsgruß! Du solltest sie lesen, wenn du auf See warst, und wenn die Einsamkeit aus dem Dunkel der Wogen emporstieg, und nach dir griff mit schmerzenden Krallen. So wollte ich bei dir sein, alle die Wochen.
Alle die Wochen! Ewigkeiten sollten es werden! — Du nahmst das kleine Geschenk und bargst es an deinem weinenden Herzen, und deine Lippen waren bleich, bebend und bleich, als ich sie küßte, brennend küßte, — zum letzten Male! — Dann war ich allein. — Und hinter den Bergen im Osten erhob sich ein grausiges, ungekanntes Gespenst, in klirrender Rüstung, mit blutdürstigen Augen. Berge rollte es donnernd zwischen uns beide, zackige Felsen, unendliche Gletscher, wogende Meere und unübersehbare Fernen. Weiter und weiter trennte uns das Gespenst, bis du daheim warst an Indiens Küsten. Und die Angst deiner Augen wuchs mit der Ferne, wuchs unaufhörlich, riesig und haltlos, füllte die Meere und peitschte die Lüfte, wälzte sich über die fruchtbaren Täler, sprang auf die Gletscher und eisigen Firne, trieb die Männer in Eile zusammen zu ernstem Beraten, und ließ die liebenden Frauen erbeben in machtloser Klage.
Da sprang es dröhnend empor, das lauernde Riesengespenst, rüttelte an den Bergen des Ostens, warf die brennende Fackel zum Westen, und schrie es hinein in das friedliche Land, in die kreisenden Welten: »Hier bin ich — der Krieg
Und er nahm unsere Hoffnungen, nahm unsere Wünsche, stäubte sie über die brausenden Meere, stampfte sie unter die stählernen Füße, und schmetterte krachend ins Schloß die Tore der Welt. Mit höhnendem, dröhnendem, grausamem Lachen: »Ihr kindischen Träumer! Da — sucht euer Glück!«
Und unsere Gedanken jagten zusammen, über Berge und Meere, angstgepeitscht, — trotzend, — verzweifelnd und hoffend, rankten und kletterten rasend empor an den trennenden Wällen entfesselten Hasses, und — brachen zusammen am Tore des Kriegs!
Dreizehn Monate stürmte das Meer meiner flammenden Sehnsucht gegen die Dämme, dreizehn Monate gab ich der Hoffnung meine Gedanken und schrie meine Schmerzen hinein in die Winde. Dreizehn Monate harren die Briefe deiner am Grenztor, daß sie ein freundlicher Pförtner dir bringe. Dreizehn Monate dürstet mein Leben vergebens nach Antwort! — Und meine Seele ist traurig. Unsagbar traurig und müde. Meine glühenden Sinne verzehren sich täglich in brünstiger, flackernder Sehnsucht nach deiner Stimme, nach deinen märchentief schimmernden Augen, nach deines Leibes berauschender Schönheit, nach deinen seligen, trunkenen Küssen —!
Weib, ich verdurste — nach deiner Liebe!

* * * 

— Wenn ich zurückschaue, Margot, auf die vergangenen Wochen meiner Genesung, dann grüßen sie mich fern und wesenlos, wie ein Traum. Wie ein zarter, friedlicher, und doch so gefährlicher Traum. Ich muß mein Tagebuch zu Hilfe nehmen, wie ein Erwachender seine letzten Gedanken, um ihn dir zu erzählen, von Anfang bis Ende, vom Träumen bis zum Erwachen.

* * *

5. September 1915.
— Nun bin ich seit vier Tagen »daheim«. Daheim in der Fremde. Weit hinter der Front. »Zur vorläufigen Verwendung in der Etappe«, sagt mein Papier. Ich habe mein eigenes, freundliches Zimmer, mit Blumen an Fenstern von richtigem Glas, habe ein weißbezogenes Bett, — keinen Strohsack! — Sessel und Sofa, und drüben ein lockendes, schlafendes Wunder: ein wirkliches, lebendes, schwarzes Klavier! Heute schläft es noch friedlich. Ich kann es nicht wecken. Meine Hand ist noch steif, und mein Arm hängt recht matt in der Binde. Aber es ist da, und steht zu meiner Verfügung. — Es ist ganz wie im Märchen. Und ich bin der Prinz. Der leuchtende, schillernde Märchenprinz meiner Yvette! Sie liebt mich, das kleine französische Mädel, wie ihren Märchenprinz aus dem Buche. Vom ersten Tage an, da wir uns sahen. Man wies mir das niedliche Haus als Quartier an. Sie kam mir entgegen, und hieß mich willkommen. Sie war ganz allein. Die Mutter sei draußen. Es sei heute Markttag. —
Und wir sahen uns an — und erröteten beide. — Ich grüßte den Frieden in diesen Räumen, grüßte in ihrer Jugend die Schönheit, grüßte in ihrer Anmut das Weib! Sie lauschte auf meine glücklichen Worte, erwiderte leise, sah auf den Arm, der noch im Verband hing, und — zitterte plötzlich. Seitdem sind wir Freunde. — Sie bringt meiner Stube den Schimmer des Märchens, sie schmückt meine Fenster mit duftenden Blumen, sie sorgt und betreut mich wie einen Bruder, sie reicht mir die Speisen und würzt sie durch Anmut.
Und abends sitzen wir plaudernd zusammen. Ich muß ihr von »draußen«, vom Kriege erzählen. Sie fragt, und ich lebe das Ganze noch einmal. Sie lacht ihr sonniges, klingendes Lachen, wenn ich ihr von lustigen Streichen berichte, und — zittert, wenn ich von Kämpfen erzähle. — Dann werden die leuchtenden Augen plötzlich dunkel und traurig, und ihre kleine, seidige Hand greift stumm nach der meinen. Und dann schüttelt sie heftig die nachtschwarzen Locken, als wehre sie ihren entsetzten Gedanken, streicht sich über die liebliche, weiße Stirne und lacht unter Tränen mir tröstend zu, und — spricht schnell . . . vom Frieden. — Ich habe sie lieb, meine kleine Yvette. — Lieb, wie eine Schwester.

* * *

10. September 1915.
— Gestern löste man mir meinen Arm aus der Binde. Ich darf ihn wieder tragen als mein Besitztum, darf ihn bewegen, beugen und strecken. Ich bin wieder ein Mensch, wie andere Menschen. In meinen Adern flutet das Leben, meine Kräfte drängen nach neuen Taten, bald darf ich wieder hinaus, an die Front. Als sei ich aus einem Gefängnis entlassen, so trieb es mich freudig heim durch die Straßen. Eine schäumende Lebensfreude sang in meinem Blute, von Leben und Liebe, von Kraft und Kampf. Nun hatte ich wieder zwei Arme, zwei Hände! Ich legte die Rechte ganz fest in die Linke. Wie zwei Freunde, die sich lange entbehrten: »Ich gratuliere! Schon wieder gesund?« — Und ich freute mich, wie ein Kind. Strich zärtlich über die herbstlichen Sträucher und tauchte die Hand in den plätschernden Brunnen, und alles glitzerte: »Wieder gesund!« — Leise öffnete ich meine Türe. Ich wollte mein »Schwesterchen« überraschen. Sie würde sich freuen. — Das Zimmer war leer!
Aber dort in der Ecke stand es noch immer, das lockende Wunder, das schwarze Klavier. Ob ich es wagen sollte, das Wunder zu wecken? Würde ich seinen Zauber ertragen? Dreizehn Monate hörte ich keine Musik! Dreizehn Monate schwiegen für mich selbst die Glocken! —
— Ein süßer, singender Ton durchzitterte plötzlich den Raum, zaghaft, versuchend, schwang und schwebte, und andere folgten, schmiegten sich zärtlich und sanft ineinander, schwebten zu dreien und vieren im Reigen, sinkend und steigend, verklingend und schwellend, einten sich freudig zu Harmonien, zu Klängen aus längst entschwundenen Zeiten, zu Melodien, die einst der Krieg mit rohen Fäusten erdrosselt hatte. Nun waren sie plötzlich voll Glut wieder da, alle, — alle, lebten und sprühten, lachten und weinten. — Und dann rang es sich aufwärts, mit einem Male, aus dem Gewirr der Töne zum reinsten Licht, siegend und jauchzend, das Lied der Sehnsucht, das Lied der Liebe: Siegmunds leuchtender Liebessang! Erst leise schwellend, voll heimlichen Sehnens, dann trotzig, verlangend, bestürmend und jubelnd, die Sinne berauschend in lodernder Glut!
— Da fühlte ich plötzlich zwei heiße, brennende Augen auf mich gerichtet, fühlte es, ohne zu schauen, und meine Sehnsucht warf mich den leuchtenden Sternen entgegen, peitschte das Blut mir zu lohender Flamme — und meine Lippen fanden die ihren, bebend und dürstend, tranken den feurigen Trank des Lebens, stürmisch, sinnlos, selig vergehend — in meinen Armen hielt ich — Yvette, hielt ich das Weib!
Seit diesem Tage spreche ich abends von Liebe mit meiner — »Schwester«.

* * *

18. September 1915.
— Ich kämpfe wie ein Ertrinkender, Margot! Kämpfe gegen mich, selbst, gegen meine Vernunft, meine Ehre, gegen meine lodernden, brünstigen Sinne! — Ich suchte Rettung bei deinem Bilde —. Es sah mir ruhig und liebend entgegen: »Tue, mein Mann, was du mußt! Ich weiß, daß du leidest. Nimm ihre Liebe, dann weiß ich dich glücklich! Ich werde dich lieben, auch wenn du mir weh tust. — Ich werde — verzeihen!« —
— Aber ich will dir nicht wehe tun! Will es nicht, Margot! — Und das Blut flutet schneller, und raunt und wispert: »Sei kein Tor! Wer wird es ihr sagen?« — »Ich, ich werde es tun!« schreit meine Ehre, »wenn sie es fordert! Ich selbst! Soll ich lügen?!«
Und die Sinne lachen und kichern: »Narr, der du bist! Erwache, sieh um dich! Was tun die anderen?! Geh doch ins Kloster! Verschlafe dein Glück!« —
Und ich wühle den stöhnenden Kopf in die Kissen, presse die fiebernden, schmerzenden Schläfen. Ich höre sie doch: »Was nennst du denn Treue? — Nimmst du ihr etwas von deiner Liebe?! Ist deine Liebe zu ihr nur Verliebtheit? Ist sie nicht mehr? Hat ihr Yvette die Liebe geraubt, oder gar deine Seele? — Was ist dir Yvette? Ein zärtliches Weib, das dich liebt. Liebst du sie auch? — Du liebst in ihr — Margot! Du liebst ihr Lachen, weil sie wie Margot lacht. Du sehnst dich nach ihrer seidigen Hand, weil sie eine Frauenhand ist, wie die Hand deiner Margot. Du küssest ihr sehnend die schwellenden Lippen, weil sie ein Weib ist, wie Margot, die du entbehrst! Würdest du Narr denn Yvette küssen, wenn Margot nicht fern wäre? Nun also! — Was ist dir Yvette!?« —
Wein Körper brennt und fiebert in Verlangen und Sehnsucht nach deiner berauschenden Schönheit. Erlöse mich, Margot! — Doch du bist fern, unendlich fern, ewig getrennt durch eine Welt! Und meine Adern singen: »Was bietet dir, Grübler, die Liebe Yvettes? Fordert sie denn deine Seele? Sie macht dich gesund, denn du stirbst an der Sehnsucht! Sie gibt sich dir, wenn du sie rufst, wie ein Labsal. Was sprichst du von ›Treue‹? Du suchst nur Erlösung! Du suchst nur Genuß! Sie labt deine Sinne, wie eine Blume, wie ein Glas feuriger, süßer Champagner. Du trinkst ihre Liebe und stillst deine Sehnsucht. Und deine Seele bleibt, wie sie war, und all deine Liebe gehört deiner Margot. Dir ist Yvettes Liebe nichts als ein Glas Sekt! Nicht mehr und nicht anders! — Würde dir Margot dies Glas je mißgönnen, wenn du es tränkest, während sie fern ist!? Schätzest du ihre Liebe so niedrig? — Du nimmst ihr ja nichts! — Du hältst ihr die ›Treue‹!«
— Und ich versinke in meinen Gedanken, sehe die Anmut des schmiegsamen Körpers, spiegle mich in den nachtschwarzen Augen, fühle ihr Blut sich an meinem entflammen, und meine Hände erzittern vor Schwäche! — Dann treibt es mich weit in die Wälder, wo ich allein bin, an den Fluß, wo der Sturm meine brennenden Sinne umwirbelt und bändigt, und ich fühle mich freier. Bis ich es sehe — es wiedersehe — das Weib in Yvette! — Dann spottet die Sehnsucht der Winde und Stürme und lacht meiner Qual!
»Narr! Narr!« tönt es von allen Seiten. »Recht so, du Narr! Hast wieder einmal einen Tag verloren! Einen ganzen, unwiederbringlichen Tag! Hast sicher zu viele noch zu vergeben! Oh! — Dein Leben ist ja noch so lang! Schön, mein Sohn, grüble und quäle dich weiter — bald geht es wieder zurück, an die Front! Du kannst es dir leisten! Kannst Tage verschwenden! — Der Krieg ist ja der Freund des Lebens! Warte, du Narr, nur, und — leide!« —
Und sie fletschen die Zähne nach mir, höhnend, wütend! »Nimm endlich Vernunft an! Es ist keine Zeit jetzt für schöne Gedanken, von Liebe und Treue. Das ist gut für den Frieden. Da macht es noch Freude. Und auf dem Theater findet es Beifall. Heute ist Krieg! Heute gibtʼs keine ›Liebe‹ und ›Treue‹! — Jetzt heißt es: Leben, und Kämpfen, und — Sterben! Der Krieg hat seine eigenen Regeln. Bist du im Frieden dreizehn Monate ohne ein Weib?! — Darfst du im Frieden töten, du Träumer?! Wenn du lebend zurückkommst, dann ist noch Zeit genug für Liebe und Treue. — Und deine Margot? Was hat sie davon, wenn du tot bist? — Sie wird einen anderen Liebsten finden, später im Frieden, und glücklich sein. Du bist nicht unersetzlich, mein Freund. — Sie wird dich betrauern und sich grämen, eine Weile lang, und dann — wird eine neue Liebe sie trösten. Sie lebt ja noch lange! — Wenn längst wieder Frieden ist. — Und du?! — Willst auch du gerne warten? In acht Tagen steckst du wieder im Schützengraben, und der Tod lauert dir grinsend und zähnefletschend dicht gegenüber. Zum zweiten Male läßt er sich seine Beute nicht gerne entgehen. Warte nur, Narr! Du hast deinen Willen gehabt, hast deine stolzen Träume gelebt. Du kannst es dir leisten! — Verschlafe dein Leben! Du bist ja — ein Narr!«
Margot, ich kämpfe! — Dein Bild blickt ruhig, vertrauend und sicher, als kenne es keine Not! —

* * *

23. September 1915.
— Am Abend vor meiner Rückkehr zur Front ist sie zu mir gekommen, lautlos und ungerufen, in einem weichen, fließenden Gewande, und hat sich an mich geschmiegt, fest und vertrauend, schamhaft und zärtlich. Und als sähe sie das Erbeben in meinem Herzen, sagte sie schlicht: »Ich weiß es. Rolf, daß du leidest. Du sollst dich nicht quälen!« — Und ich fühlte, daß ihre Seele sich hingab, hingab aus Mitleid, hingab aus Großmut! — Da schüttelte mich meine Qual, schüttelte mich wie ein Lachen, krampfte meinen Körper und trieb mir das Weinen in Augen und Lippen. Es warf mich wehrlos über den Tisch und ließ mich schluchzen in meinen Händen. Und Yvette strich mir leise und liebend über die Haare, ohne zu sprechen, ruhig und innig, und wieder fühlte ich, fühlte es deutlich: ihre Liebe war Mitleid, meine Liebe war Brunst. — Das ließ mich erwachen!
Ich schaute ihr tief in die schimmernden Augen, und sah ihre Großmut. Ich barg mein Gesicht an dem schwellenden Busen, und fühlte — ihr Mitleid. Ich küßte ihr dankbar die leuchtende Stirne, und fand — ihre Liebe! — Und wir wußten alles, wußten, daß sich eine Schwester opfern wollte für ihren Bruder, weil sie ihn leiden sah, weil sie ihn liebte! Und ich nahm ihren süßen Kopf in beide Hände, trank ihren reinen, unschuldigen Blick, lange und innig, und wir küßten uns traurig, traurig und dankbar, — auf Augen und Stirne! — Dann ging sie, wie sie gekommen war, lautlos und ruhig, und nickte noch einmal zurück in der Türe, grüßte noch einmal, lächelnd in — — Tränen — —!
So nahmen wir Abschied!


Montag, 26. August 2013

Max Deri – Kunst und Sozialismus

Max Deri – Kunst und Sozialismus

Essay


aus: Das Ziel, Jahrbücher für geistige Politik, Herausgegeben von Kurt Hiller, Vierter Band, Kurt Wolff Verlag, München, 1920, S. 31 ff

Das Thema der Beziehungen zwischen Sozialismus und Kunst könnte eigentlich jedem vernünftigen Menschen verleidet sein, durch alle die vielen – es sei ein hartes Wort erlaubt – Dummheiten, die in den so durchaus gefühlsmäßig orientierten Revolutions-Monaten darüber geredet und geschrieben, »dekretiert« und »manifestiert« worden sind. Doch sei nun, wo – wenn auch reichlich zu gewaltmäßig für sozialistische Naturen – einigermaßen wieder Ruhe »hergestellt« worden ist, ein rein verstandesmäßiges Wort darüber versucht. –
Zu den vielen Ammenmärchen, die die Überhebung des Menschen über das »Tierreich«, dem er ursprungsmäßig völlig zugehört, der Gemeinschaft immer wieder vorlügt, gehört auch jenes, das die »Kunst« an die »Wiege der Menschheit« stellt. Davon kann in keiner Weise die Rede sein. An der Wiege des Menschwerdens standen die biologischen Hauptsorgen um Nahrung, Kleidung, Wohnplatz, Sicherung des Lebens und des Schlafes. Es mag Jahrtausende gedauert haben, bevor der Mensch alle diese primär zur reinen Daseins-Erhaltung notwendigen Unbedingtheiten in einem Grade gesichert hatte, der etwas biologisch Über-Notwendiges auch nur erlaubte. Und wenn ihm dies überhaupt gelungen ist, so gelang es, wie man heute weiß, nur auf Grund des Prinzips der »gegenseitigen Hilfe«; jenes Prinzips, das die ganze menschliche Entwicklung, die völlig unbegreiflich bleibt, wenn man sie rein auf das Gegenprinzip des »Kampfes ums Dasein« stellt, überhaupt erst kulturschaffend werden ließ.
Denn um »Über-Notwendiges« handelt es sich, wenn man von »Kultur« spricht. Und zur Kultur gehören eben, neben den rein materiellen Lebens-Erleichterungen und Daseins-Verbesserungen, jene beiden großen Bezirke der Wissenschaft und der Kunst.
Erst also mußte der Mensch satt und sein physisches Dasein gesichert sein, bevor es überhaupt zu rein wissenschaftlichem und rein ästhetischem Verhalten kommen konnte. Und um von vornherein den Bedeutungsinhalt dieser beiden Begriffe für das Folgende festzulegen, sei im Allgemeinsten so definiert, daß »wissenschaftliches Verhalten« die Pflege des Erkennens um der Erkenntnis willen, und »ästhetisches Verhalten« die Pflege des Gefühles eben um des Erlebens dieses Gefühles willen bezeichnen soll.
Das »reine« Kunstwerk ist – im Unterschiede von »Kunsthandwerk« im weitesten Sinne – jenes Gebilde, das ein Gefühl um seiner selbstwillen vermittelt, ohne daß der »Träger« dieses Gefühls, eben das Kunstwerk, noch einem Gebrauchszwecke dient. Der Sinn eines Gemäldes, eines Gedichtes, einer Sonate ist damit erfüllt, daß sie dem Erlebenden eben jenes Gefühl, das sie trägt, zur »Bildung«, zur »Kultur« seiner Seele vermittelt. –
Und nun bedenke man weiterhin, daß sich die Entwicklung der Menschheit vom Ur-Zustande des zweibeinigen Tieres zu jenem Menschentypus, der eben Zeit zu biologisch über-notwendigen Betätigungen und Erlebnissen hat, keineswegs einheitlich vollzogen hat. Sondern wie ein Gletscher nicht in seiner vollen »Mächtigkeit«, nicht als im Querschnitt zusammengenommene, kompakte Masse zu Tale wandert; sondern wie sich bei ihm die verschiedenen Schichten mit verschiedener Geschwindigkeit bewegen, die oberste sich am raschesten, Schicht nach Schicht gegen die Grundschicht immer langsamer vor wärtsschiebt: so hat auch die Bewegung vom Urzustände zum Kulturzustande die verschiedenen Schichten der Menschheit in verschiedenem Ausmaße vorwärts gebracht. Da zur Pflege der Kultur arbeitsfreie Zeit, in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung also Geld gehört, hat es der Kapitalismus mit seiner so einseitigen Verteilung der materiellen Güter auch mit sich gebracht, daß sich nur eine so erschreckend dünne Oberschicht überhaupt mit Kulturtatsachen beschäftigen konnte. Und da auch hier die, heute nachgewiesene, »Vererbung erworbener Eigenschaften« die größte Rolle spielt, da auch hier ein auf Verbrauch und Abstumpfung der »niederen« Kulturgüter aufgebautes Aufsteigen nötig ist, deshalb pflegen heute noch die »unteren Schichten« in den Belehrungen und in den Vergnügungen, die sie suchen, so primitive Gebiete. –
Doch nun steht der Bedeutungsinhalt des zweiten Titelbegriffes zur Beantwortung: was will ein vernünftiger, wissenschaftlicher – nicht gefühlsmäßig – fundierter »Sozialismus«?
Es handelt sich hierbei um eine »Arbeit an der Gemeinschaft«. Diese Arbeit kann niemals gelingen, wenn nicht der Werk-Führer sein Material kennt. So wie der Tischler wissen muß, was er dem Holz zumuten kann und was nicht, so wie jeder Arbeiter am Werke sein Material kennen muß, so sollte es der sozialistisch Orientierte kennen. Das Material des Sozialismus aber ist der Mensch der heutigen Gemeinschaft.
Dieser Mensch ist, dank der kapitalistischen Entwicklung, die für die neuere Zeit seit etwa fünfhundert Jahren herrscht, in seiner großen Mehrzahl noch nicht dazu gelangt, so genügende Sicherung seiner biologischen Notwendigkeiten zu besitzen, um von der Jugend an bis ins Reifealter des fünften und sechsten Lebensjahrzehntes Zeit zur generationensummierenden Kultur-Beschäftigung und -Betätigung zu finden. Und so verharrt er auch heute noch auf einem für den Kulturmenschen der Oberschicht erschreckenden Niveau.
Zu dieser nicht abzuleugnenden Tatsache kommt ein Zweites. Der Kommunismus, der die Gleichheit aller Menschen behauptet, ist offenbar im Unrecht. Es besteht eine Ungleichheit, die niemals ausschaltbar sein dürfte: das ist die Ungleichheit der zufällig angeborenen »Begabung«. Kein Mensch kann etwas dafür, wie dumm oder wie gescheit, wie gefühlsbegabt oder -unbegabt er auf die Welt kommt. Und mag die »Vererbung erworbener Eigenschaften«, also die auch physiologisch von Generation zu Generation sich summierende Gedanken-Arbeit oder Gefühls-Betätigung des Vater- oder Mutter-Einzelnen, die besten Aspekte für die fernere Zukunft erwecken: auch sie wird die angeborene Ungleichheit der »Begabung«, die in der irrationalen Vielfältigkeit der vor und bei der Zeugung wirkenden Faktoren ihren Grund hat, niemals aus der Welt schaffen können.
Was kann also ein vernünftiger Sozialismus wollen?
Nicht mehr, als zwei Institutionen: erstens gleichen »Start« für Alle; und zweitens von Seiten der Gemeinschaft Sicherung des Existenzminimums an Nahrung, Kleidung, Wohnung, Schule und ärztlicher Hilfe, sowie freien Zutritt zu allen primären Kultur-Institutionen und -Veranstaltungen als Gegenleistung gegen das Arbeitsminimum, das jedem von der Gemeinschaft auferlegt wird. –
Nun erst sind wir so weit, um die beiden Faktoren künstlerischer Tätigkeit des Menschen zu trennen: die produktive und die rezeptive.
Was die produktive Tätigkeit des »Proletariats« anlangt, so ist hier nichts Beträchtliches zu erhoffen, solange sein Lebensmittelspielraum ein so enger ist. Werden einmal der gleiche Start und das Existenzminimum gegen das Arbeitsminimum von Gemeinschafts wegen gesichert sein, so wird sich aber auch hier jener »kommunistische« Standpunkt als falsch erweisen, der auf den Faktor der »zufällig angeborenen Begabung« keine Rücksicht nimmt. Auch in der sozialistischen Zukunftsgesellschaft wird Mehrertrag für Mehrleistung gesichert werden müssen, wenn sich die Summe der Kulturwerte, wissenschaftlicher oder künstlerischer Art, vermehren soll. Doch wir sind noch so weit von jener vernünftig-sozialistischen Ordnung entfernt, daß alles Reden über die »Entfesselung der im Proletariat schlummernden künstlerischen Kräfte« reines Phrasengerede, bestenfalls Verblendung von »Gefühls-Denkern« ist, die sich, wie der Erwachsene sonst nur im Traume, die Tatsachen dieser Welt zu »wunscherfüllenden« Phantasmen umbauen.
Anders liegen nun allerdings auch bereits in der Gegenwart die Tatsachen, wenn man sich dem anderen Teil der Frage, dem rezeptiven Gebiete, zuwendet. Hier hat, aber ausschließlich in den größeren Städten, auch der Durchschnittebürger und der Proletarier bereits »Zeit« genug, um »Über-Notwendigem« nachzugehen. Wenn auch in der »Literatur« über dieses Thema eine maßlose Überhöhung des Niveaus vorgetäuscht, entweder autosuggeriert oder erlogen, wird, so ist doch der primitivste Standpunkt, der nur an Sexuellem, Brutalem, Grausamem, Spannendem, Banalem und dann, als relativ Höchstem, an der Einfachheit und Durchsichtigkeit leichter Volkskunst Freude hat, zum Teil bereits überschritten. Es ist heute, aber wirklich nur in den Großstädten, bereits möglich, einer größeren Zahl dieser Schichten nicht nur mit Thumann, Defregger, Anton von Werner oder Ludwig Richter (jetzt bekreuzigen sich noch neunzig unter hundert Lesern, Ludwig Richter in dieser Gesellschaft zu finden!) – sondern auch mit Rembrandt, Michelangelo oder Grünewald Freude und Erschütterung zu vermitteln. Und so ist es in allen Künsten. Die »Zeit« fehlt aber auch hier noch allzu sehr: für die individuelle generationensummierende Beschäftigung.
Was kann also ein vernünftiger Mensch von der Verbindung »Sozialismus und Kunst« heute wollen? In erster Linie wohl nur jenen vernünftigen Sozialismus des gleichen Startes und der von der Gemeinschaft garantierten Sicherung des Existenzminimums gegen Leistung des Arbeitsminimums. In zweiter Linie dann aber: Erziehung. Volkserziehung. Schule, Schule, Schule in jeder Hinsicht, in jedem Belange. Wer Einsicht in die Verhältnisse hat, wird dem Satze zustimmen, daß zum Kulturaufbau in erster, zweiter und dritter Linie die Schule, die Schulung, das Schülersein gehört Die Lehrer müssen aus jenen Schichten kommen, die durch zufällige Glücksumstände auch bisher schon die Möglichkeit kultureller Summierungspflege hatten. Die ganze Kraft dieser Gruppe aber muß auf das Säen geworfen werden. Wer heute schon glaubt ernten zu können, der kennt das Material in seinem heutigen seelischen Zustand nicht. Der belügt sich selbst; oder die Gemeinschaft, um billigen Massenzuruf zu ernten. Um Erziehung handelt es sich, um Schule, Schulung, Schülersein. Dazu aber gehört zweierlei; die Einsicht der Massen, daß sie am Anfang stehen; und Zeit.
Schafft ihnen Zeit, belügt sie nicht mit Schmeicheleien: und ihr werdet in drei Generationen, oder auch erst nach dreihundert Jahren, Früchte sehen. Früchte bei den Vielen, nicht nur bei Einzelnen. – Diese Zeit ist euch Stürmern zu lang? Egoisten seid ihr! Wer Gemeinschaftsgefühl hat und nicht eitel ist, der weiß, daß angesichts der Menschheitsentwicklung dreihundert Jahre sind, wie drei Jahre im Leben des Einzelnen. Und wenn jemals, so gut es heute nicht dem Einzelnen, nicht persönlichem Ruhme, sondern der Menschheit. Menschheitszüchter wollen wir sein; nicht Volksbeschmeichler. Mehr als Tagesruhm, Jahresruhm, Lebensruhm gilt uns Menschheits-Höherzüchtung.

Freitag, 16. August 2013

Luise Westkirch - Das Paradies meiner Kindheit



Das Paradies meiner Kindheit
Luise Westkirch

Meine erste Erinnerung ist ein Ball, ein Ball und eine Enttäuschung. Das war in Amsterdam. Mein Vater hatte dort eine Tuchhandlung und war eine angesehene Persönlichkeit in der Kolonie der deutschen Großkaufleute. Eine der Familien gab einen Kinderball und ich — damals zwei und ein halbes Jahr alt — war geladen. Ich weiß noch gut, wie meine Mutter mich auf den Tisch vor dem Spiegel hob, damit ich mich im Putz bewundere. Ich sehe mich im gestickten weißen Kleidchen, mit kurzen blonden Löckchen, ein Korallenkettchen um den Hals. Aber ich bin immer kritisch veranlagt gewesen: mein Spiegelbild gefiel mir nicht. Im Ballsaal trat dann mein Schönheitsideal mir entgegen, ein neunjähriges Mädchen in einem Kleid aus rosa Wollmusselin mit dunkelblauen Augen und langen goldig schimmernden Locken. Hingerissen, bestimmte ich, die junge Schöne solle mit mir tanzen. Aber leider verstand sie den hohen Vorzug nicht zu würdigen. Sie zog die Gesellschaft eines kleinen Kavaliers vor und wies mich ab. Beschreiben kann ich mein Empfinden in diesem Augenblick nicht, die Verblüffung, den Schmerz des Verschmähtwerdens, die Kränkung meines noch gänzlich ungebrochenen Selbstgefühls, — beschreiben nicht, aber nachfühlen immer noch. Ich habe vor Weh geschrien, geheult, gebrüllt, daß alles im Saal zusammenlief in der Annahme, mir sei leiblich ein Unfall zugestoßen, während doch nur meine Seele sich ihre erste Beule im Zusammenstoß mit der Welt holte. Übrigens ein typisches Erlebnis. Auch in späteren Jahren hab’ ich kein Glück mit den Menschen gehabt, denen ich beim ersten Sehen mein ganzes Herz entgegentrug. An jenem Abend kamen bald andre Kinder mit besseren Herzen, wenn auch nicht mit solch schönen blonden Locken, nahmen mich bei der Hand, zogen mich tröstend in ihren Ringelreihen. Aber Surrogat bleibt Surrogat. Ich habe schon damals nicht viel für Surrogate übrig gehabt. 
Wir schieden dann bald von Amsterdam. Mein Vater siedelte auf seine Besitzung in der bayrischen Pfalz über. Das Paradies meiner Kindheit tat sich auf. Das Haus, in der Umgebung das Schlößchen genannt, war ehemals Sommerresidenz der Dompröpste von Worms gewesen. Aus seinen Fenstern sah man meilenweit ins Land über Weinberge und Kornbreiten auf viele Dörfer mit leuchtend roten Dächern und schlanken Kirchtürmen, man sah die stolze Form des Wormser Doms, man sah Frankenthal. Die blauen Linien der Bergstraße schlossen das Bild ab. Ausgedehnte Gärten und ein Park mit vielhundertjährigen Bäumen gehörten zum Haus. Und jeder Baum war mir eine Person, die große Tanne, deren Stamm in Manneshöhe vier Menschen kaum umspannten, wie der bescheidenste Strauch. Und jeder Vogel, jedes Käferchen war mir ein Wunder. Ich habe stundenlang am Bassin des Springbrunnens gestanden und mit den langen Stangen, die zum Aufdrehen der Hähne dienten, die Bienen herausgefischt, die beim Trinken ins Wasser geglitten waren. Aber wenn ich auch, die Ohrwürmer ausgenommen, jedes Geschöpf liebte, meine leidenschaftlichste Bewunderung galt dem graziösen und eigenwilligen Katzengeschlecht. Als ich einmal in Worms in einer Menagerie eine Tigerin mit drei sechs Wochen alten Jungen sah, bestürmte ich meinen Vater mir die drei Kätzchen zu kaufen. Und es kränkte mich tief, daß er, der mir sonst gütig jeden Wunsch erfüllte, sich weigerte. Die Erwerbung wäre um so passender gewesen, als es damals für mich feststand, daß der Beruf der Tierbändigerin der einzig richtige für mich sei. Ich war schon bedeutend älter, als mir die ersten Zweifel kamen, ob ich nicht doch lieber Missionär werden sollte mit der Aussicht auf den Tod am Marterpfahl und die Märtyrerkrone. 
Ich bin beides nicht geworden. Die schönsten Träume gehen ja nicht in Erfüllung. Die Vorliebe aber für die Katzen ist mir geblieben, wenn ich mich auch bescheidentlich an die kleinen halte. Während ich schreibe, liegt Nina, eine der reizendsten des Angorastammes, neben mir und blinzelt mich schnurrend mit ihren Bernsteinaugen an.
Manchmal nahm mein Vater mich mit auf weite Streifereinen durch das Land. Es war meine höchste Freude und auch diese Passion ist mir geblieben. Einmal besuchten wir einen verlassenen Fuchsbau. Der Weg war hoch mit Disteln und Brennesseln bewachsen, — für mich, die ich nach der damaligen Kindermode die Beinchen nackt trug, ein wahrer Marterweg. Aber ich schluckte meine Tränen hinunter und verbiß den Schmerz, damit nur ja mein Vater mich nicht ein andermal zu Hause lassen sollte.
Eigentlich bin ich ein sogenanntes Angstkind gewesen, infolge einer schweren Hirnentzündung, die ich bei unsrer Übersiedelung nach Deutschland durchgemacht hatte. Aus Furcht vor etwa noch später auftretenden verhängnisvollen Folgen hatte der Arzt jede Gemütsaufregung für mich verboten, jede größere geistige Anstrengung, jede Erschütterung des Kopfes durch Fall oder Stoß. Das hindert nicht, daß ich bei kühnen Kletterpartien recht häufig auf die Nase gefallen bin, mich oftmals gewaltig aufgeregt habe, und um mich zu beschäftigen wurde ich auch ungewöhnlich früh unterrichtet. Lesen lehrte mich meine Großmutter, die bei uns wohnte, noch nach der alten Buchstabiermethode. Es kostete mich einige Tränen, bis ich begriff, daß d-a da hieß und nicht dea. Aber ich war doch noch nicht fünf Jahre alt, als ich schon glückselig mit einem Buch stundenlang in einem Winkel sitzen konnte. Außer meinen Märchenbüchern interessierte mich besonders eine biblische Geschichte. Die Gesangbuchverse unter jedem Abschnitt konnte ich auswendig. Ihr Klang berauschte mich. Ich sprach sie laut vor mich hin, während ich mit aufgelösten Haaren einsam im Park herumwandelte und vor Rührung weinte.
Das Schreiben sollte mir der Lehrer der Dorfschule beibringen. Er war ein älterer etwas heftiger Herr, der schalt und mit den Füßen trampelte, wenn meine fünfjährigen Finger die Haarstriche, die ich stundenlang üben mußte, ihm nicht zu Dank zogen. Einmal vergaß er sich so weit, mir einen Klaps auf die Hand zu geben — nur einen leichten Klaps. Aber die Wirkung war groß. Wie eine Feder schnellte ich in meiner Empörung auf und rannte: »Mutter! Mutter!« schreiend aus der Stube, er voll Schrecken hinterher. Aber ich war flinker. Treppauf, treppab durch alle Stuben und Säle — wir hatten einige zwanzig —, ging die Jagd, ich schreiend voran, der alte Herr, mich flehentlich beschwörend, hinterdrein. Unten in der Speisekammer fanden wir endlich meine Mutter in Beratung mit der Köchin. Sie, die immer Gütige, Verständige, sprach mich zufrieden, brachte mich sogar an meinen Platz zurück. Aber der Lehrer hatte bei mir für immer verspielt. Ich haßte die Stunden, zu denen er kam. Ich hob kaum noch den Kopf, antwortete nur ja und nein, saß starr und steif und lernte nichts. Er kam auch mehr oft. Der arme Mann wurde krank und starb. Sein Nachfolger, wirklich ein Lehrer von Gottes Gnaden, begriff, daß eine volle Stunde lang unter den Augen des Lehrers Buchstaben malen für ein lebhaftes Kind Quälerei sei. So fing er an mit mir zu plaudern, scheinbar absichtslos, von Reisen, die der oder jener gemacht hatte. Er beschrieb die Fahrt, die Länder, in die er gekommen war, die Tiere, die dort lebten, die Pflanzen, die dort wuchsen. Manchmal erzählte er auch die sagenhaften Anfänge der Weltgeschichte. Das alles interessierte mich brennend. Ich fragte eifrig, er antwortete. Zuletzt sah er dann nach der Uhr und tat erschrocken. »O weh! wir haben uns wieder verplaudert. Deine Eltern wollen doch, daß ich dich schreiben lehre. Nun werden wir beide Schelte bekommen.« Worauf ich dann eifrig beteuerte: »Nein, lieber Herr Maurer, du sollst gewiß keine Schelte bekommen. Paß mal auf, wie ich mir jetzt Mühe gebe.« Ich schrieb dann mit Feuereifer. Nach wenigen Wochen konnte ich meinem Vater einen sauber gemalten Glückwunsch zum Geburtstag überreichen und hatte dazu, ohne es zu merken, eine Menge Geographie, Naturkunde und Geschichte gelernt.
Da ich keine jungen Geschwister hatte, auch nicht einfach auf die Dorfstraße sollte, sahen sich meine Eltern früh nach passenden Spielgefährten für mich um. Die Wahl fiel zunächst auf zwei Bauerntöchter, viel älter als ich. Aber meiner hübschen Spielsachen wegen kamen sie gern. Nur wollten sie auch etwas davon haben. Fern von Puppenhaus und Kramladen mit mir im Park herumzulaufen langweilte sie. Darum suchten sie mich durch Schauergeschichten ins Haus zu graulen. Ich war infolge jener Gehirnentzündung ein sehr aufgeregtes Kind, gequält von Angstzuständen und schweren Träumen. Fast in jeder Nacht verfolgte mich ein reißendes Tier, das mich zuguterletzt auffraß, wonach ich dann vor Entsetzen weinend stundenlang wach lag. Die beiden bereicherten meine ohnehin nicht arme Phantasie um einige Ungeheuer, von denen ich mich noch genau des »CTieres« entsinne, eines Riesenschweins mit glatter Aalhaut, das auf den Hinterbeinen ging, in den Vorderpfoten ein großes Messer hielt und kleine Kinder, »sobald sie sich zu lange auf derselben Stelle verweilten« abfing und schlachtete.
Nach diesem mißglückten Versuch bekam ich einen Knaben zum Gefährten, den Sohn unsrer Botenfrau. Diese Freundschaft dauerte drei Tage. Am ersten warf er mir einen schweren Ball mit solcher Wucht an den Kopf, der beileibe nicht erschüttert werden sollte, daß meine ganze kleine Person sich wie ein Kreisel im Sand drehte. Am zweiten trat er mir mit dem Hacken ins Auge. Zum Glück war’s ein kleiner Barfuß, sodaß das Auge nicht auslief, sondern nur zur Größe eines Kindeskopfs anschwoll. Am dritten stieß er mich in das Becken des Springbrunnens, wo mir das Wasser über dem Kopf zusammenschlug. Eine weitere Steigerung seiner Leistungen warteten meine Eltern nicht ab. Sie gaben am vierten Tag meinen Freund mit Dank seiner Mutter zurück. 
Darnach wurden zwei kleine Nachbarinnen gebeten, mich zu besuchen. Sie brachten noch eine dritte, eine Freundin von ihnen, mit. Mit diesen dreien hab’ ich dann die Kinderspiele gespielt und wirklich glückselige Stunden verlebt.
Auch in die Handarbeitsschule der Dorfschule schickten mich meine Eltern dreimal in der Woche, damit ich Kinder kennen lernen, mit Kindern umgehn lernen sollte. Zwei Stunden lang lag regelmäßig mein Strickzeug mir im Schoß und ich starrte, staunte, wunderte mich über das mir fremde Treiben. Wenn um vier Uhr die Lehrerin, wie es festgesetzt war, mich heimschicken wollte, erwachte mein Ehrgeiz und ich bettelte inständig nur noch eine einzige Viertelstunde bleiben zu dürfen, um zu arbeiten. Ich strickte dann sehr rasch, aber gar nicht schön. Der Lehrer behauptete einmal, daß durch die ungleichen Maschen meines Strumpfes die Spatzen fliegen könnten. Drei Jahre habe ich an diesem einzigen Strumpfpaar meines Lebens gestrickt — getragen habe ich es nie. 
Als ich sechs Jahre alt war, bekam ich eine Erzieherin und in mein Lernen kam Ordnung und System. Mit meiner jungen Lehrerin verstand ich mich sehr gut. Ich hatte meine Eltern, die ich liebte, ältere Geschwister, die mich verzogen, ich hatte meine Freundinnen, meine Tiere, die Bäume des Parks, die verständliche Sprache zu mir redeten. Es steht nicht einer mehr von ihnen, aber ich kenne sie noch alle. In der Erinnerung wandele ich die Wege, die ich damals gegangen bin. Ich schwinge mich in der Schaukel auf dem Kastanienberg, sehe auf dem Nußberg die Sonne hinter dem breiten Kegel des Melibocus zur Ruhe sinken.
Ich war so glückselig in jenen Jahren wie nur ein Kind sein kann. Aber ich hatte noch nicht meinen achten Geburtstag gefeiert, da starb mein Vater. Meine Mutter zog mit mir nach Mainz, in die engen Gassen einer Festung. Das Paradies meiner Kindheit schloß sich hinter mir. 
Ich bin in Mainz in die Schule gegangen, ich habe Freundschaften geschlossen, von denen einige heut’ noch dauern über Land und Meer und Zeit und Schicksalswechsel hinweg. Ich habe als Neunjährige in dieser Stadt mein erstes Gedicht gedichtet: »An das Abendrot«, während ich Klavier übte, pflichtschuldig und sicher mehr schlecht als recht. Auch meine erste schaurig schöne Ballade entstand dort, an einem Sonntag morgen, als ich in die gute Stube geschickt wurde, um Staub zu wischen. Und Märchen und Geschichten in unzählbaren Mengen habe ich mir zusammengedacht in Schulstunden, die mich langweilten, die Hände auf dem Tisch still und artig dasitzend, eine Musterschülerin, die Lob bekam für ihre Bravheit, während doch all meine Gedanken meilenweit fern schweiften von der Lehrerin und ihrem wohldurchdachten Vortrag. Ja, ich habe noch manche schöne und lichte Stunde verlebt in der engen, unfreundlichen Stadt, die mir immer verhaßt geblieben ist. Aber das Paradies hat sich doch für mich geschlossen in dem Augenblick, da ich von dem »Schlößchen« und seinen Gärten mit den sprechenden Bäumen Abschied nehmen mußte. Dahinter begann das Leben auf der Erde. 


Aus: Als unsre großen Dichterinnen noch kleine Mädchen waren, Verlag Franz Moeser Nachfolger Berlin, Leipzig, 1912, S. 134 ff.

Übernommen von Sophie und nachkorrigiert von ngiyaw eBooks

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