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Es werden Posts vom August, 2013 angezeigt.

Reinhold Eichacker - Treue

Treue Von Reinhold Eichacker
Aus »Briefe an das Leben«. Novellen. Union-Verlag. Stuttgart. 10. Auflage 1916.
Wie wäre ich doch einsam ohne Dich! Du fehltest mir, wenn ich mich heimwärts  schlich, Dich suchte ich, wenn meine Seele fror, Du schwebtest mir in meinen Träumen vor. In jeder Schönheit habʼ ich Dich erkannt Bis ich Dich selbst und Deine Schönheit fand! Nun treibt die Erde Frucht uns jeden Tag, Wir grüßen uns in jedem Amselschlag, Wir atmen doppelt jeden Blumenhauch, Uns blüht verzwiefacht jeder Blütenstrauch, Wir finden uns in jedem Himmelsstern; Du bist mir nah, und wärst Du noch so fern. Du lebst in mir, und ich belebe Dich, Ich bin nun Du, und Du bist ewig ich, Ich schloß Dich ganz in meine Seele ein — — Nun kann ich niemals wieder einsam sein!



»Wie wäre ich doch einsam, ohne dich!« — Ein Zufall gab mir beim Ordnen dies Blatt in die Hand. Oder war es das Schicksal? — »15. Juli 1914« steht unter den Versen, mit Bleistift geschrieben. 15. Juli. — Am 15. Juli riefen dich Pflichten zu kurzer Tre…

Max Deri – Kunst und Sozialismus

Max Deri – Kunst und Sozialismus

Essay


aus: Das Ziel, Jahrbücher für geistige Politik, Herausgegeben von Kurt Hiller, Vierter Band, Kurt Wolff Verlag, München, 1920, S. 31 ff

Das Thema der Beziehungen zwischen Sozialismus und Kunst könnte eigentlich jedem vernünftigen Menschen verleidet sein, durch alle die vielen – es sei ein hartes Wort erlaubt – Dummheiten, die in den so durchaus gefühlsmäßig orientierten Revolutions-Monaten darüber geredet und geschrieben, »dekretiert« und »manifestiert« worden sind. Doch sei nun, wo – wenn auch reichlich zu gewaltmäßig für sozialistische Naturen – einigermaßen wieder Ruhe »hergestellt« worden ist, ein rein verstandesmäßiges Wort darüber versucht. –
Zu den vielen Ammenmärchen, die die Überhebung des Menschen über das »Tierreich«, dem er ursprungsmäßig völlig zugehört, der Gemeinschaft immer wieder vorlügt, gehört auch jenes, das die »Kunst« an die »Wiege der Menschheit« stellt. Davon kann in keiner Weise die Rede sein. An der Wiege des Menschwerdens s…

Luise Westkirch - Das Paradies meiner Kindheit

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Das Paradies meiner Kindheit
Luise Westkirch

Meine erste Erinnerung ist ein Ball, ein Ball und eine Enttäuschung. Das war in Amsterdam. Mein Vater hatte dort eine Tuchhandlung und war eine angesehene Persönlichkeit in der Kolonie der deutschen Großkaufleute. Eine der Familien gab einen Kinderball und ich — damals zwei und ein halbes Jahr alt — war geladen. Ich weiß noch gut, wie meine Mutter mich auf den Tisch vor dem Spiegel hob, damit ich mich im Putz bewundere. Ich sehe mich im gestickten weißen Kleidchen, mit kurzen blonden Löckchen, ein Korallenkettchen um den Hals. Aber ich bin immer kritisch veranlagt gewesen: mein Spiegelbild gefiel mir nicht. Im Ballsaal trat dann mein Schönheitsideal mir entgegen, ein neunjähriges Mädchen in einem Kleid aus rosa Wollmusselin mit dunkelblauen Augen und langen goldig schimmernden Locken. Hingerissen, bestimmte ich, die junge Schöne solle mit mir tanzen. Aber leider verstand sie den hohen Vorzug nicht zu würdigen. Sie zog die Gesellschaft eines k…