Max Deri – Kunst und Sozialismus

Max Deri – Kunst und Sozialismus

Essay


aus: Das Ziel, Jahrbücher für geistige Politik, Herausgegeben von Kurt Hiller, Vierter Band, Kurt Wolff Verlag, München, 1920, S. 31 ff

Das Thema der Beziehungen zwischen Sozialismus und Kunst könnte eigentlich jedem vernünftigen Menschen verleidet sein, durch alle die vielen – es sei ein hartes Wort erlaubt – Dummheiten, die in den so durchaus gefühlsmäßig orientierten Revolutions-Monaten darüber geredet und geschrieben, »dekretiert« und »manifestiert« worden sind. Doch sei nun, wo – wenn auch reichlich zu gewaltmäßig für sozialistische Naturen – einigermaßen wieder Ruhe »hergestellt« worden ist, ein rein verstandesmäßiges Wort darüber versucht. –
Zu den vielen Ammenmärchen, die die Überhebung des Menschen über das »Tierreich«, dem er ursprungsmäßig völlig zugehört, der Gemeinschaft immer wieder vorlügt, gehört auch jenes, das die »Kunst« an die »Wiege der Menschheit« stellt. Davon kann in keiner Weise die Rede sein. An der Wiege des Menschwerdens standen die biologischen Hauptsorgen um Nahrung, Kleidung, Wohnplatz, Sicherung des Lebens und des Schlafes. Es mag Jahrtausende gedauert haben, bevor der Mensch alle diese primär zur reinen Daseins-Erhaltung notwendigen Unbedingtheiten in einem Grade gesichert hatte, der etwas biologisch Über-Notwendiges auch nur erlaubte. Und wenn ihm dies überhaupt gelungen ist, so gelang es, wie man heute weiß, nur auf Grund des Prinzips der »gegenseitigen Hilfe«; jenes Prinzips, das die ganze menschliche Entwicklung, die völlig unbegreiflich bleibt, wenn man sie rein auf das Gegenprinzip des »Kampfes ums Dasein« stellt, überhaupt erst kulturschaffend werden ließ.
Denn um »Über-Notwendiges« handelt es sich, wenn man von »Kultur« spricht. Und zur Kultur gehören eben, neben den rein materiellen Lebens-Erleichterungen und Daseins-Verbesserungen, jene beiden großen Bezirke der Wissenschaft und der Kunst.
Erst also mußte der Mensch satt und sein physisches Dasein gesichert sein, bevor es überhaupt zu rein wissenschaftlichem und rein ästhetischem Verhalten kommen konnte. Und um von vornherein den Bedeutungsinhalt dieser beiden Begriffe für das Folgende festzulegen, sei im Allgemeinsten so definiert, daß »wissenschaftliches Verhalten« die Pflege des Erkennens um der Erkenntnis willen, und »ästhetisches Verhalten« die Pflege des Gefühles eben um des Erlebens dieses Gefühles willen bezeichnen soll.
Das »reine« Kunstwerk ist – im Unterschiede von »Kunsthandwerk« im weitesten Sinne – jenes Gebilde, das ein Gefühl um seiner selbstwillen vermittelt, ohne daß der »Träger« dieses Gefühls, eben das Kunstwerk, noch einem Gebrauchszwecke dient. Der Sinn eines Gemäldes, eines Gedichtes, einer Sonate ist damit erfüllt, daß sie dem Erlebenden eben jenes Gefühl, das sie trägt, zur »Bildung«, zur »Kultur« seiner Seele vermittelt. –
Und nun bedenke man weiterhin, daß sich die Entwicklung der Menschheit vom Ur-Zustande des zweibeinigen Tieres zu jenem Menschentypus, der eben Zeit zu biologisch über-notwendigen Betätigungen und Erlebnissen hat, keineswegs einheitlich vollzogen hat. Sondern wie ein Gletscher nicht in seiner vollen »Mächtigkeit«, nicht als im Querschnitt zusammengenommene, kompakte Masse zu Tale wandert; sondern wie sich bei ihm die verschiedenen Schichten mit verschiedener Geschwindigkeit bewegen, die oberste sich am raschesten, Schicht nach Schicht gegen die Grundschicht immer langsamer vor wärtsschiebt: so hat auch die Bewegung vom Urzustände zum Kulturzustande die verschiedenen Schichten der Menschheit in verschiedenem Ausmaße vorwärts gebracht. Da zur Pflege der Kultur arbeitsfreie Zeit, in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung also Geld gehört, hat es der Kapitalismus mit seiner so einseitigen Verteilung der materiellen Güter auch mit sich gebracht, daß sich nur eine so erschreckend dünne Oberschicht überhaupt mit Kulturtatsachen beschäftigen konnte. Und da auch hier die, heute nachgewiesene, »Vererbung erworbener Eigenschaften« die größte Rolle spielt, da auch hier ein auf Verbrauch und Abstumpfung der »niederen« Kulturgüter aufgebautes Aufsteigen nötig ist, deshalb pflegen heute noch die »unteren Schichten« in den Belehrungen und in den Vergnügungen, die sie suchen, so primitive Gebiete. –
Doch nun steht der Bedeutungsinhalt des zweiten Titelbegriffes zur Beantwortung: was will ein vernünftiger, wissenschaftlicher – nicht gefühlsmäßig – fundierter »Sozialismus«?
Es handelt sich hierbei um eine »Arbeit an der Gemeinschaft«. Diese Arbeit kann niemals gelingen, wenn nicht der Werk-Führer sein Material kennt. So wie der Tischler wissen muß, was er dem Holz zumuten kann und was nicht, so wie jeder Arbeiter am Werke sein Material kennen muß, so sollte es der sozialistisch Orientierte kennen. Das Material des Sozialismus aber ist der Mensch der heutigen Gemeinschaft.
Dieser Mensch ist, dank der kapitalistischen Entwicklung, die für die neuere Zeit seit etwa fünfhundert Jahren herrscht, in seiner großen Mehrzahl noch nicht dazu gelangt, so genügende Sicherung seiner biologischen Notwendigkeiten zu besitzen, um von der Jugend an bis ins Reifealter des fünften und sechsten Lebensjahrzehntes Zeit zur generationensummierenden Kultur-Beschäftigung und -Betätigung zu finden. Und so verharrt er auch heute noch auf einem für den Kulturmenschen der Oberschicht erschreckenden Niveau.
Zu dieser nicht abzuleugnenden Tatsache kommt ein Zweites. Der Kommunismus, der die Gleichheit aller Menschen behauptet, ist offenbar im Unrecht. Es besteht eine Ungleichheit, die niemals ausschaltbar sein dürfte: das ist die Ungleichheit der zufällig angeborenen »Begabung«. Kein Mensch kann etwas dafür, wie dumm oder wie gescheit, wie gefühlsbegabt oder -unbegabt er auf die Welt kommt. Und mag die »Vererbung erworbener Eigenschaften«, also die auch physiologisch von Generation zu Generation sich summierende Gedanken-Arbeit oder Gefühls-Betätigung des Vater- oder Mutter-Einzelnen, die besten Aspekte für die fernere Zukunft erwecken: auch sie wird die angeborene Ungleichheit der »Begabung«, die in der irrationalen Vielfältigkeit der vor und bei der Zeugung wirkenden Faktoren ihren Grund hat, niemals aus der Welt schaffen können.
Was kann also ein vernünftiger Sozialismus wollen?
Nicht mehr, als zwei Institutionen: erstens gleichen »Start« für Alle; und zweitens von Seiten der Gemeinschaft Sicherung des Existenzminimums an Nahrung, Kleidung, Wohnung, Schule und ärztlicher Hilfe, sowie freien Zutritt zu allen primären Kultur-Institutionen und -Veranstaltungen als Gegenleistung gegen das Arbeitsminimum, das jedem von der Gemeinschaft auferlegt wird. –
Nun erst sind wir so weit, um die beiden Faktoren künstlerischer Tätigkeit des Menschen zu trennen: die produktive und die rezeptive.
Was die produktive Tätigkeit des »Proletariats« anlangt, so ist hier nichts Beträchtliches zu erhoffen, solange sein Lebensmittelspielraum ein so enger ist. Werden einmal der gleiche Start und das Existenzminimum gegen das Arbeitsminimum von Gemeinschafts wegen gesichert sein, so wird sich aber auch hier jener »kommunistische« Standpunkt als falsch erweisen, der auf den Faktor der »zufällig angeborenen Begabung« keine Rücksicht nimmt. Auch in der sozialistischen Zukunftsgesellschaft wird Mehrertrag für Mehrleistung gesichert werden müssen, wenn sich die Summe der Kulturwerte, wissenschaftlicher oder künstlerischer Art, vermehren soll. Doch wir sind noch so weit von jener vernünftig-sozialistischen Ordnung entfernt, daß alles Reden über die »Entfesselung der im Proletariat schlummernden künstlerischen Kräfte« reines Phrasengerede, bestenfalls Verblendung von »Gefühls-Denkern« ist, die sich, wie der Erwachsene sonst nur im Traume, die Tatsachen dieser Welt zu »wunscherfüllenden« Phantasmen umbauen.
Anders liegen nun allerdings auch bereits in der Gegenwart die Tatsachen, wenn man sich dem anderen Teil der Frage, dem rezeptiven Gebiete, zuwendet. Hier hat, aber ausschließlich in den größeren Städten, auch der Durchschnittebürger und der Proletarier bereits »Zeit« genug, um »Über-Notwendigem« nachzugehen. Wenn auch in der »Literatur« über dieses Thema eine maßlose Überhöhung des Niveaus vorgetäuscht, entweder autosuggeriert oder erlogen, wird, so ist doch der primitivste Standpunkt, der nur an Sexuellem, Brutalem, Grausamem, Spannendem, Banalem und dann, als relativ Höchstem, an der Einfachheit und Durchsichtigkeit leichter Volkskunst Freude hat, zum Teil bereits überschritten. Es ist heute, aber wirklich nur in den Großstädten, bereits möglich, einer größeren Zahl dieser Schichten nicht nur mit Thumann, Defregger, Anton von Werner oder Ludwig Richter (jetzt bekreuzigen sich noch neunzig unter hundert Lesern, Ludwig Richter in dieser Gesellschaft zu finden!) – sondern auch mit Rembrandt, Michelangelo oder Grünewald Freude und Erschütterung zu vermitteln. Und so ist es in allen Künsten. Die »Zeit« fehlt aber auch hier noch allzu sehr: für die individuelle generationensummierende Beschäftigung.
Was kann also ein vernünftiger Mensch von der Verbindung »Sozialismus und Kunst« heute wollen? In erster Linie wohl nur jenen vernünftigen Sozialismus des gleichen Startes und der von der Gemeinschaft garantierten Sicherung des Existenzminimums gegen Leistung des Arbeitsminimums. In zweiter Linie dann aber: Erziehung. Volkserziehung. Schule, Schule, Schule in jeder Hinsicht, in jedem Belange. Wer Einsicht in die Verhältnisse hat, wird dem Satze zustimmen, daß zum Kulturaufbau in erster, zweiter und dritter Linie die Schule, die Schulung, das Schülersein gehört Die Lehrer müssen aus jenen Schichten kommen, die durch zufällige Glücksumstände auch bisher schon die Möglichkeit kultureller Summierungspflege hatten. Die ganze Kraft dieser Gruppe aber muß auf das Säen geworfen werden. Wer heute schon glaubt ernten zu können, der kennt das Material in seinem heutigen seelischen Zustand nicht. Der belügt sich selbst; oder die Gemeinschaft, um billigen Massenzuruf zu ernten. Um Erziehung handelt es sich, um Schule, Schulung, Schülersein. Dazu aber gehört zweierlei; die Einsicht der Massen, daß sie am Anfang stehen; und Zeit.
Schafft ihnen Zeit, belügt sie nicht mit Schmeicheleien: und ihr werdet in drei Generationen, oder auch erst nach dreihundert Jahren, Früchte sehen. Früchte bei den Vielen, nicht nur bei Einzelnen. – Diese Zeit ist euch Stürmern zu lang? Egoisten seid ihr! Wer Gemeinschaftsgefühl hat und nicht eitel ist, der weiß, daß angesichts der Menschheitsentwicklung dreihundert Jahre sind, wie drei Jahre im Leben des Einzelnen. Und wenn jemals, so gut es heute nicht dem Einzelnen, nicht persönlichem Ruhme, sondern der Menschheit. Menschheitszüchter wollen wir sein; nicht Volksbeschmeichler. Mehr als Tagesruhm, Jahresruhm, Lebensruhm gilt uns Menschheits-Höherzüchtung.

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