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Magda Trott - Das Kind

Das Kind
(Ein Tagebuch)
Von Magda Trott

20. Januar 19. .
Es ist also wirklich wahr . . . ich werde unfruchtbar bleiben. Gerade ich, die ich mich so rasend nach Kindern sehne. Und mein Mann? Mein Gott, wie wird er es aufnehmen? Er ist solch ein Kinderfreund . . .

17. Oktober 19. .
Warum habʼ ich kein Kind? Man beneidet mich um meinen Reichtum, meine Stellung, um mein Glück, um meinen Mann. Was nützt mir all das Geld? Was nützt es mir, daß ich mich tagaus, tagein schmücke, für ihn, den einzigen, den ich liebe? Für meinen Mann, der mich flieht, seitdem er weiß, daß unser gemeinsames Sehnen nicht in Erfüllung geht? Ich sehe ihn kaum. Er sucht sich seine Freundinnen, seine Geliebte, er sucht die Frau, die ihm ein Kind schenken wird . . . Und ich?



2. Dezember 19. .
Er ist bei ihr. Er liebt sie, die andere, die mich aus seinem Herzen verdrängte. Er hat es mir gestern abend selbst zu verstehen gegeben. Er liebt sie um des Kindes willen, das man dort erwartet. Und doch, aus seinen Worten hat so tiefe Trauer geklungen. Wenn ich ein Kind hätte, wäre alles gut.

2. Juli 19. .
Ich habe ihn ganz verloren. Er ist täglich bei ihr und bei seinem Sohn. Er ist glücklich. Was nützt es mir, wenn ich an seiner Seite von einem Fest zum anderen eile, seine Gedanken sind ja doch nur bei seinem Sohn. Und geschieht es einmal, daß wir ganz allein zusammen auf der Terrasse sitzen, dann schweigen wir, denn zwischen uns steht etwas, — darüber können wir nicht hinweg.

7. Juli 19. .
Der Abendwind hat den schwülen Duft der Rosen zu uns heraufgetragen auf die Terrasse. Schwül und heiß ist es gewesen, da bin ich ihm schluchzend zu Füßen gesunken und habe um seine Liebe — nein, nur um ein liebes Wort gebettelt. Er hat mich an sich gezogen, hat mir leise über das Haar gestrichen und hat — geschwiegen. Ich aber habʼ ihn geküßt, rasend, wild, verlangend, wie irrsinnig — die Rosen dufteten so süß, er aber hat noch immer geschwiegen. Nur in seinen Augen stand tiefe, wehe Trauer. Dann hat er mich leise auf die Stirn geküßt, hat mir mit seinen kühlen Händen über die Stirn gestrichen. Ich aber habʼ ihn hinübergezogen in mein trauliches Zimmerchen — er hat mich nicht verstanden.

15. August 19. .
Ich bin bei ihr gewesen. Mit welcher Liebe hat er ihr das Heim bereitet. Und das Kind? Ich habe es aus seinem Spitzenbettchen emporgerissen, habʼ es geküßt, geküßt, bis sie es mir mit Gewalt fortnahm. Da habʼ ich geweint — und dann habʼ ich sie angefleht — gib mir das Kind. Ich will dich königlich belohnen, nimm all mein Vermögen, nimm alles, was ich habe, nur gib mir das Kind. Mit ihren kalten, spöttischen Augen hat sie mich angesehen. »Eher schmeiß ichʼs ins Wasser.« Da bin ich geflohen, aber die furchtbaren Worte klingen mir noch immer im Ohr.


4. September 19. .
Mir graut vor mir selber. Ich fühle es, daß ich moralisch verkomme, aber ich will ihn nicht verlieren. Ich weiß nicht, wie ich ihn zurückgewinne. All meine Frauenehre habe ich von mir geworfen, wie eine Hetäre habe ich versucht, ihn zu halten, hüllenlos mit gelöstem Haar habʼ ich ihn aus dem Schlaf gerissen und habe nichts erreicht, als daß er mich mit ernstem Wort von sich wies. Ich glaube, jetzt habʼ ich mein Spiel völlig verloren . . .

11. Oktober 19. .
Wenn ich ein Kind hätte, er würde mir wieder gehören. Ich muß ein Kind haben. Aber sein Kind muß es sein — Ich — mein Gott, ich bin unfruchtbar. Aber es gibt so viele andere — und Geld lockt. Ob ich wohl eine finde? Schön muß sie sein, mein Mann ist für Schönheit sehr empfänglich. Wenn ich jene dann öfter einlade, wenn ich die beiden dann allein lasse . . . Er entflammt so schnell. Aber er darf nicht ahnen, daß ich sie zusammenführe . . .



25. Oktober 19. .
Ich habe sie gefunden. Schwarz auf weiß habe ich es mit ihr vereinbart. Das Kind, das kommen wird, das kommen muß, gehört mir, sie muß es mir sofort nach der Geburt bringen. Ich zahle ihr ein Vermögen aus, der Handel ist gemacht. Aber gesund muß sie sein, das wird der Arzt morgen feststellen . . .

28. Oktober 19. .
Nichts! Nein, die Mutter seines Kindes soll nicht solch eine sein — Ich suche ein liebes Mädel, das sich aus Liebe hingibt, die mir das Kind läßt. Er wird dann zu mir zurückkehren.

4. Januar 19. .
Ich suche und suche . . . und finde niemanden, der auf den Handel eingeht. Ich habe mein halbes Vermögen in die Wagschale geworfen. Es gibt genug, die es aus Berechnung tun wollen, nein, nein, das will ich nicht, ein liebes Mädel soll es sein. Ich finde sie nicht, und er entweicht mir immer mehr.



19. März 19. .
Ich glaube, ich bin krank. Ich kann kaum mehr an einem schönen Mädchen vorübergehen. Ich starre sie an, ich gehe auf sie zu, will sie fragen . . . aber im letzten Augenblick reiße ich mich zusammen . . . so geht es doch nicht . . .

12. April 19. .
Ob ich wohl krank bin? Man bringt mir täglich einen Arzt ins Haus. Sie wollen mich fort haben. Ich kann doch jetzt nicht gehen. Ich muß doch erst das Mädchen finden, dann — dann habʼ ich Zeit . . .

17. April 19. .
Heute habe ich wirklich eine schöne, blonde Dame angehalten und sie gefragt. Sie hat aufgeschrien und ist davongelaufen. Ist es denn so schlimm? Ich biete doch Gold, Gold!

1. Mai 19. .
Heute wäre es mir beinahe gelungen. Ich habe meine jüngste Schwester über Nacht hier behalten. Sie ist unerfahren — erst fünfzehn Jahr. Ich habʼ sie hinüber zu meinem Manne geschleppt, habʼ ihr den Mund vorher verstopft — dann aber weiß ich nicht mehr, wie es geworden — ich fiel um — Die Last war mir zu schwer.

16. Mai 19. .
Blühende Blumen um mich her. Nur aus den Fenstern kann ich nicht recht sehen — da sind dicke Eisenstangen davor. Warum bin ich denn von daheim fortgefahren? Es war doch so schön auf der Terrasse. Aber hier ist es auch schön. Der mit dem langen weißen Anzug, der mich täglich besucht, der hat ein schönes Kind. Wie würde sich mein Mann freuen, wenn er dies Kind sähe. Ob er mir das Kleine schenkt? Ich will ihn fragen.

9. Juni 19. .
Ich bin grenzenlos glücklich. Ich habe drei Kinder. Es sind meine eigenen Kinder. Ich kleide sie an, lege sie zu Bett, singe ihnen schöne Lieder. Der Mann mit dem weißen Anzug hat sie mir gestern gebracht. Sie haben dunkle Augen und blonde Haare, gerade wie mein Mann, endlich — endlich — ach, ich bin so glücklich . . .

aus: Die flammende Venus, Erotische Novellen, ausgewählt von Reinhold Eichacker, Universal Verlag, München 1919


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