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Klabund - Die Herzogin von Este

Die Herzogin von Este
von
Klabund 

Eines Tages erhielt sein Vater die Nachricht, er habe sich mit der Herzogin von Este verlobt. Obgleich der Vater ein großes Vermögen besaß, stutzte er doch und ließ in der Hauptstadt Recherchen anstellen, wie es mit dem Erbschaftsstreit, den Ministerbekanntschaften und dem fürstlichen Oheim bestellt sei. Und die Behauptungen der schönen Herzogin erwiesen sich als durchaus zutreffend. Jeden Morgen fuhr sie am fürstlichen Palais vor, und der Portier stand schon, die blaue goldbetreßte Mütze in der Hand, bereit, den Wagenschlag zu öffnen und sie an die marmorne, mit roten Teppichen belegte Treppe zu geleiten. Wenn es aber regnete, hielt er einen großen schwarzen Schirm über sie, und die kleinen Lackschuhe trippelten so ängstlich und schnell über das feuchte Trottoir, daß er, ehemals Unteroffizier bei den Lübener Dragonern, kaum Schritt halten konnte.
Man lud die Herzogin ein, ihre künftigen Schwiegereltern zu besuchen. Ein ganzes Stockwerk wurde ihr zur Verfügung gestellt, und die Diener trugen alle karmoisinrote Livree, weil sie ihrem Verlobten einmal ihre schwärmerische Vorliebe für die Farbe verraten hatte. Im Treppenhause hing an dünnen silbernen Seilen ein silberner Kübel von der Decke herab, der war mit roten Nelken über und über gefüllt. Und Corner, der schwarze kluge Pudelhund, lief tagelang mit einer roten Nelke herum, die er in Ermangelung eines Knopfloches in der Schnauze trug.
Man fand Benehmen und Wesen der Herzogin entzückend, ihre Manieren untadelhaft, ihren Schneider genial. Das Schönste aber waren ihre schwarzen Augen, die in einer heiteren Schwermut zu schimmern schienen, als hätten sie einst einen Blick in das Grauen des Lebens getan und könnten von diesem schrecklichen Bilde nie ganz genesen.
Sie fuhr nach vier Wochen ohne ihren Bräutigam in die Hauptstadt zurück. Er hatte plötzlich nach Baden-Baden gemußt, einer Ehrenangelegenheit halber, als Beisitzer des Ehrengerichtes.
Sein Vater brachte sie zum Zuge. Verschiedene Male fiel ihm vor Aufregung das Monokel, das an einer roten seidenen Schnur befestigt war, aus dem Auge. Seine von gelbem Glacé umkleidete Hand hielt die ihre zum Abschied freundschaftlich lange umfaßt. Zum Schluß neigten sich seine Lippen zum Handkuß. Corner, der schwarze kluge Pudelhund, stand, von einem Diener an der Leine geführt, schweifwedelnd dabei und hielt eine rote Nelke im Maul.
In Berlin wurde die Herzogin von Este von drei Herren an der Bahn empfangen. Zwei der Herren überreichten ihr verbindlich blöde lächelnd prächtige Sträuße roter Rosen und Nelken. Der dritte hatte nur rote Lippen und brandrotes Haar, und auf ihm richten ihre Augen am wohlgefälligsten. Da wurden die andern beiden eifersüchtig und telegraphierten an seinen Vater. Und nur dies eine Wort: »Schenkmamsell«.
Sein Vater schloß sich ins Arbeitszimmer ein. Nach einer Stunde begriff er, klingelte seinem Diener und fragte, ob die bestellte Sendung Austern schon eingetroffen sei.
Die Herzogin Este und ihr Verlobter waren indessen auf dem Wege nach Wien. Sie gedachte ihn, ihren Eltern vorzustellen. In Breslau hatte man Aufenthalt und betrat den Wartesaal. Zum Unglück lockerte sich der Schnürsenkel ihres linken Schuhes. Sie ging hinaus, die Hilfe der Toilettenfrau in Anspruch zu nehmen. Er sah unruhig auf die Uhr. Sie blieb schon eine Viertelstunde fort. Er erhob sich und ging auf den Bahnsteig.
Eben fuhr ein D-Zug in der Richtung Sagan— Guben—Berlin langsam aus der Halle.
Aus einem Coupé erster Klasse winkte eine kleine blasse Frauenhand. Da hörte er auch schon eine liebe vertraute Stimme und sah zwei Augen, die in heiterer Schwermut zu schimmern schienen:
»Lebe wohl, Egon, es war zu nett — aber du bist ein Schaf.«
In der Ferne flatterte aus einem Coupéfenster der ersten Klasse ein battistnes Taschentuch mit dem Wappen der Herzöge von Este.
Sein Vater machte ihm nicht den geringsten Vorwurf.
»In den Annalen der Venus«, sagte er, während ihm das Monokel aus dem Auge fiel, »steht sie unter den Herzoginnen verzeichnet. Was mich betrifft,« und er hüstelte, »würde ich ihr den Rang und die Ehren einer Königin nicht vorenthalten.«
Insgeheim beauftragte er das Detektiv-Bureau »Greif«, Nachforschungen nach dem Verbleib der Schenkmamsell Lotti Maier anzustellen.
Ihm kam nämlich ein äußerst glücklicher Gedanke.

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