Sonntag, 15. Dezember 2013

Minna Kleeberg - Eine abtrünnige Mormonin



Ann Eliza Young
Eine abtrünnige Mormonin.

Die sociale Bevorzugung der Frau im amerikanischen Freistaate ist eine bekannte Thatsache. Auch ist wohl nirgends das Weib zur Entgegennahme aller Huldigungen so historisch berechtigt, wie auf dem Boden der neuen Welt. War es doch eine Frau, jene trotz ihrer Irrthümer bewundernswerthe castilische Isabella, welche die Gleichgültigkeit der spanischen Granden gegen die Entdeckungsprojecte des Genuesen durch das stolze Wort zu entwaffnen wußte: »Ich verpfände meine Juwelen, um die Mittel zu schaffen.« So bahnte ein mu¬thiger Frauengeist den Meerespfad zum neuen Erdtheil. Der Amerikaner erfüllt demnach, wenn er das Weib zum Idol seines Landes erhebt, unbewußt nur eine Schuld culturhistorischer Dankbarkeit.
Doch in diesem an Contrasten reichen Lande giebt es auch eine Gemeinschaft, die das Weib seiner heiligsten Rechte beraubt, und die gleich dem kranken Manne Europas die Polygamie gesetzlich und dogmatisch heilig spricht. Die auch in Deutschland genugsam bekannten Mormonen oder, wie sie sich selbst mit Vorliebe nennen, »die Heiligen der jüngsten Tage«, haben bis vor wenigen Jahren in ihrem Territorium Utah am großen Salzsee fast isolirt gelebt. Der Salzsee der neuen Heiligen schien die Eigenschaft jenes urheiligen mythischen Salzes geerbt zu haben, das eine redselige Frauenzunge zu versteinern vermochte. Denn — so seltsam es klingen mag — man hörte in diesem Lande, dessen wirksamste Schutzheiligen Oeffentlichkeit und freie Presse sind, nie von der rebellischen Auflehnung einer Mormonin gegen das schmachvolle Institut der Vielweiberei. Doch die jüngste Zeit hat dem Mormonenthum neben mancher anderen Heimsuchung auch seine erste gefährliche Abtrünnige gebracht, die keine Geringere ist, als Ann Eliza Young, die neunzehnte Gattin des Propheten Brigham Young.
Ihn selbst, den greisen Apostel jener von ihm canonisirten Barbarei, mußte die rächende Nemesis in der Gestalt einer seiner jüngsten und schönsten Gattinnen treffen.
Wenn man die Erscheinung der Mormonin Ann Eliza Young, deren Lebensskizze diese Zeilen den Lesern der »Gartenlaube« vorführen sollen, nach der Norm des Ewig-Weiblichen messen will, die eine civilisirte Culturanschauung geschaffen hat, so entspricht die Heldin dieser Skizze freilich nicht unseren Begriffen von edler Frauenwürde. Aber die unglückliche und muthige Frau gewinnt an Interesse, wenn man den Schlüssel zu ihren Verirrungen und vorzüglich zu ihrem Ehebunde mit dem Mormonenhäuptlinge in der Thatsache findet, daß Ann Eliza das Kind einer mormonischen Ehe war. So offenbart sich in den Lebensschicksalen der geschiedenen Gattin des Propheten ein Stück modern-barbarischer Culturgeschichte, von welcher die muthige Hand dieser Frau zum ersten Male den Schleier hinweggezogen hat. Auch mit der Art und Weise des Kampfes, den Ann Eliza gegen Brigham Young und den Mormonismus unternommen hat, mag sich eine geläuterte Auffassung nicht einverstanden erklären, es wäre aber ungerecht, wollte man die civilisatorische Bedeutung dieses Kampfes in Abrede stellen. Wenn einst der letzte Rest jener Zwillingsbarbarei (twin-barbarism), wie ein amerikanisches geflügeltes Wort die Negersclaverei und die Polygamie in Utah genannt hat, von diesem Continente vertilgt sein wird, dann wird Ann Eliza Young’s Name unter den Heldinnen amerikanischer Culturgeschichte glänzen.
Während der bekannte Scheidungsproceß der Dame gegen das Oberhaupt von Utah von Instanz zu Instanz verfolgt wurde, unternahm sie selbst eine Vorlesungstour durch die Vereinigten Staaten. Das Thema dieses Vortrags war die Geschichte ihres eigenen Lebens und die Leidensgeschichte aller weiblichen Sclaven von Utah. Die Rednerin erklärte mit unleugbarer Würde und Begeisterung, daß sie den Kampf für diese fünfzigtausend unglücklichen Frauen, die Opfer der Vielweiberei, als die Aufgabe ihres Lebens betrachte, und daß sie nicht aufhören werde, im Interesse ihrer Leidensschwestern an den Gerechtigkeitssinn des amerikanischen Volkes zu appelliren. Das diesem Aufsatze beigefügte Portrait Ann Eliza Young’s mag den Lesern der »Gartenlaube« die Züge dieser Frau veranschaulichen, in denen Trauer und Entschlossenheit als vorzüglichste Charaktermerkmale hervortreten.
Ann Eliza’s Eltern waren, wie im Verlaufe der Vorlesung berichtet wurde, schon vor ihrer Verheirathung Gläubige der Mormonenlehre und Anhänger des damaligen Propheten Joseph Smith geworden. Ihr Vater, ein Mr. Webb, und ihre Mutter, die als frühere Lehrerin nicht ohne Bildung sein konnte, folgten dem Propheten aus ihrer New-Yorker Heimath in die damalige Mormonenstadt Nauvoo in Illi¬nois. Dort wurde ihnen als fünftes Kind Ann Eliza am 13. September 1844 geboren. Als die Kleine ein Jahr alt war, brachte der Vater eines Tages eine zweite Frau nach Hause, welche mit ihrer Mutter zwölf Jahre lang in Eintracht und Zufriedenheit Haus und Gatten theilte. Doch die Mutter war oft trübe gestimmt, und Ann Eliza merkte, daß ein heimlicher Kummer derselben das Leben vergiftete, obschon sie eine tiefgläubige Anhängerin des neuen Evangeliums war und in der Polygamie eine göttliche Institution verehrte. Der Vater nahm ein zweites Weib, weil er das für seine religiöse Pflicht hielt.
Zur Erklärung solcher Zustände sprach die Rednerin folgende Betrachtungen über die Mormonenreligion und deren Opfer aus: »Man sage nicht, daß die Frauen als mit Vernunft begabte Wesen die Hölle erblicken müssen, in welche sie sich durch die Verheirathung mit einem Mormonen stürzen; wer gründlich vertraut ist mit der Mormonenreligion, wer erfahren hat, mit welcher unerbittlichen Strenge die Kirche die Gewissen ihrer Anhänger gefangen nimmt, wer bedenkt, wie den Kindern die Grundsätze dieser Kirche in’s Herz eingeprägt werden und wie die Mormonen ganz und gar in ihrer Kirche aufgehen: der wird jene Frauen nicht tadeln können. Sie halten das ewige Joch, in welches man sie durch die Mormonenehe zwängt, für eine göttliche, schon von den Patriarchen geheiligte Institution und tragen dieses Joch mit Geduld, ob ihnen auch das Herz vor Jammer brechen möchte. Ich bin in jener Kirche geboren und erzogen worden und kenne den furchtbaren Bann, mit dem mich jener Glaube umfangen hat. Trotz dieses entsetzlichen Zwanges giebt es auch in Utah Tausende von edlen und sittenreinen Frauen, die nur ihrem religiösen Irrwahn zum Opfer fallen. Diese Mormonenreligion fordert mehr Opfer, als der Gott der Fidchi-Insulaner.« —
Die schlichte Naturgewalt solcher Schmerzenslaute kann ihre Wirkung nicht verfehlen und muß in einer oder der anderen Weise dem von der Rednerin verfolgten Zwecke dienen.
Mit neunzehn Jahren wurde Ann Eliza an einen ungebildeten Mormonen verheirathet, dessen Mißhandlungen sie sich nach zwei Jahren durch gerichtliche Scheidung entziehen mußte. Die zwei Kinder dieser Ehe, die noch am Leben sind, wurden der Mutter zugesprochen. Die junge Frau lebte und arbeitete nun auf ihres Vaters Farm in der Nähe von Salt-Lake-City und glaubte für immer dem Joche der Ehe entsagt zu haben. Da führte ihr Unstern den fast siebenzigjährigen Brigham Young in das Haus ihres Vaters. Schon in der ersten Unterredung gab ihr der »heilige« Mann den frommen Rath, bei etwaiger Wiederverheirathung keinen jungen Fant, sondern nur einen guten alten Bruder der Kirche zu wählen. Am andern Tage theilte ihr Vater ihr mit, daß der Prophet ihr die hohe Ehre erweisen wolle, sie zu seiner neunzehnten Gattin zu erheben. Sie sträubte sich gegen diesen Antrag, aber Vater und Mutter erkannten denselben als einen Wink vom Himmel und eine große Gnade Gottes. Erst nach einem Jahre gab sie ihre Zustimmung, und zwar vorzüglich aus Liebe für ihren Bruder, der durch des Propheten Rachsucht von der Kirche abgeschnitten werden sollte. Ein solcher Kirchenbann ist in Utah mit zeitlicher und »ewiger« Vernichtung gleichbedeutend. So ward Ann Eliza am 7. April 1868 die neunzehnte Gattin des Propheten Brigham Young.
In erschütternder Weise schildert die Rednerin die Qual eines solchen Ehelebens und die Tortur der religiösen Zweifel, die in Folge dieser Leiden mit immer stärkerer Gewalt in ihrer Seele erwachten. Noch immer versuchte sie, ihren Unglauben und ihre Denkkraft in Banden zu schlagen; noch immer erhoffte sie von Reue und Buße, von einer neuen Taufe das Heil ihrer religiösen Wiedergeburt. Aber trotz aller Versenkung in den Glauben ihrer Kindheit, trotz aller Qual und Kraftanstrengung ward ihr innerer Abfall vom Mormonenthume immer mehr zur vollendeten Thatsache. Endlich gewann sie den Muth, dem geistigen und physischen Sclaventhume ihrer Ehe zu entsagen. Sie bezog eine Wohnung in einem nichtmormonischen Hôtel, verließ die Religionsgemeinschaft der Heiligen und begann ihren berühmten Scheidungsproceß gegen Brigham Young.
Das erste Ergebniß dieses langwierigen Processes war ein Haftbefehl gegen den Propheten, da dieser sich geweigert hatte, dem gerichtlichen Urtheilsspruche Folge zu leisten und seiner geschiedenen Frau Alimente und Entschädigung zu zahlen. Brigham Young berief sich auf den mormonischen Glaubenssatz, daß die Mormonenehe eine himmlische oder göttliche Institution sei und als solche durchaus nicht unter der Controle irdischer Gerichtsbarkeit stehe. Obgleich nun seine Meinung allerdings von der des Gerichtshofs abweiche, so gereiche es ihm und allen Heiligen doch zu ganz besonderer Genugthuung, daß die Vereinigten Staaten in ihrem Urtheilsspruche zu Gunsten Ann Eliza’s zum ersten Male die Polygamie als eine gesetzliche Institution dieses Landes anerkannt hätten. Und hier lag die moralische Nothwendigkeit, die schließlich den Proceß zu einem für die Klägerin ungünstigen Ende führen mußte. Man durfte die Vielweiberei nicht auf legalem Wege sanctio¬niren.
Ann Eliza Young darf aber trotz des ungünstigen Ausganges ihres Processes unbesorgt der Zukunft entgegensehen, da sie sich durch den Ernst und die Würde ihrer Erscheinung und ihres Strebens die thatkräftige Theilnahme vieler urtheilsfähigen Amerikaner errungen hat. Auch die Leser und Leserinnen der Gartenlaube werden der muthigen Vorkämpferin der Mormoninnen von Utah ihre Anerkennung nicht versagen.
Der spiritualistische Wahnsinn, der ein Institut des Orients auf amerikanischen Boden verpflanzen konnte, beruht auf folgenden Dogmen: Millionen körperloser Geister, Nachkommen der Götter, umschweben den Erdball und ersehnen den Augenblick ihrer Menschwerdung, der ihnen die zweite, höhere Stufe ihres Daseins, das Leben auf der Erde, erschließen soll. Es ist demnach die heiligste Verpflichtung der Mormonen, diese heimathlosen Geister in irdische Tabernakel, das heißt in menschliche Hüllen, einzuführen. Wer diese Aufgabe am treuesten erfüllt hat, der wird im Jenseits den dritten und höchsten Grad aller Menschenexistenzen erreichen und selbst zum Gotte werden. »Je mehr Kinder, je mehr Segen!« so lautet also das in die Praxis der Polygamie übersetzte Losungswort des Mormonenthums. Den Hagestolzen und die alte Jungfrau trifft Verachtung hienieden, und der Höllenfluch, den kein Dante grausiger ersinnen konnte, einsam und ungeliebt durch die Ewigkeit zu gehen. Die Frauen hingegen, die dem Heiligen hienieden für den Himmel angesiegelt worden sind, werden seine göttliche Machtstellung im Jenseits theilen.
So sinnreich haben Joe Smith und sein Nachfolger Brigham Young ihr spiritualistisches Netz gewoben, dem schon so zahlreiche und nicht immer bildungslose Frauen durch Erziehung und Gewohnheit zum Opfer gefallen sind. Es würde zu weit führen, näher auf die Irrlehren der mormonischen Glaubenssatzungen einzugehen, und verweise ich den Leser zum Zwecke gründlicher Information über Lehre und Leben der Heiligen auf das neue und interessante Reisewerk Robert von Schlagintweit’s »Die Mormonen«.
Das beigefügte Bild, das Brigham Young in der vollen Glorie seines Prophetenthums im Kreise seiner betenden Frauen zeigt, ist charakteristisch für die heuchlerische Frömmigkeit, deren abnormer Auswuchs diese Vielehen sind.
Jeder Kampf gegen die mormonische Polygamie scheiterte bisher an einer Klippe, die doch im Grunde der höchste Stolz dieses Landes ist, an der durch die Verfassung verbürgten Religionsfreiheit der Republik und der völligen Trennung von Kirche und Staat in diesem Lande. So durfte selbst ein Gemeinschaden, wie diese Vielweiberei, um seiner religiösdogmatischen Begründung willen nicht mit voller Schärfe des Gesetzes verfolgt werden. Doch die jüngste Botschaft des Präsidenten vom Neujahr 1876 enthält, ungleich strenger als bisher, eine Kundgebung der Indignation, von welcher das Volksbewußtsein gegen die Sittenzustände in Utah durchdrungen ist. Auch ward vor kurzem das Urtheil des Oberrichters White gegen einen in Polygamie lebenden Mormonen dahin ausgesprochen, daß der Angeklagte grober Ge-setzesübertretung schuldig sei, da die Religion nicht das Recht habe, sich als selbstständige Autorität und als Deckmantel für das Verbrechen neben oder über das Gesetz zu stellen. Hoffen wir daher, daß trotz der Bittschrift, die in den ersten Januartagen dieses Jahres circa dreißigtausend Mormoninnen, natürlich gezwungener Weise, dem Congresse für die Erhaltung der Polygamie eingesandt haben, die Tage dieser barbarischen Institution auf unserem Continente gezählt sein werden. Möge Ann Eliza Young’s muthige That Nachahmung und Erfolg erzielen!
Die Colonisation einer weiten Länderstrecke des amerikanischen Westens und die Erschließung derselben für die Weltcultur ist an und für sich eine so große civilisatorische Errungenschaft, daß man sich fast versucht fühlen möchte, um solchen Preises willen selbst die Sittenzustände der sonderbaren Heiligen mit in den Kauf zu nehmen. Jedenfalls gebührt den Mormonen neben der schärfsten Verurtheilung ihrer Entweihung des Familienlebens auch manches Ruhmeswort gerechter Anerkennung.
Als die Mormonen, von ihren ersten Niederlassungen vertrieben, auf ihrem von Brigham Young geleiteten wunderbaren Wanderzuge durch noch unerschlossene Erdstriche vor circa dreißig Jahren den großen Salzsee erreichten, da fanden sie in der weiten Umgebung der Stätte, wo sie im Sommer 1847 Salt-Lake-City gründeten, nur Einöde und Wildniß. Heute zählt Utah zu den fruchtbarsten Landstrichen der Union und ist mit blühenden Dörfern und Städten übersäet. Salt-Lake-City besitzt schon seit vielen Jahren Gasbeleuchtung und Telegraphenleitung, und die Vollendung eines der größten Wunderwerke der neuen Zeit, der pacifischen Eisenbahn, wäre fast undenkbar gewesen, wenn nicht die Mormonen durch ihre Niederlassungen und ihre Arbeitskräfte und vorzüglich durch ihre freundlichen Beziehungen zu den Indianern den Riesenbau unterstützt haben würden. Bekanntlich lehnt sich die Mormonenbibel an die indianische Vorgeschichte dieses Landes an, und die Mormonen erblicken in den Indianern Brüder und Stammesgenossen. Eine der düstersten Thaten in der Mormonengeschichte, der verrätherische Angriff auf einen wehrlosen Emigrantenzug, gelang ihnen mit Hülfe der Indianer.
Die pacifische Eisenbahn ist vollendet: die reichen Minendistricte des Westens sind erschlossen, und immer mächtiger ergießt sich der Strom der Einwanderung auch über das Territorium Utah, das neue Zion der Heiligen. Der Untergang des Mormonenthums, dessen phantastisches Religionsgebäude selbstverständlich unter dem Andrange höherer Cultur zerfallen muß, ist nur noch eine Frage der Zeit. Und das Forscherauge, das mit optimistischem Blicke die Räthsel der Culturgeschichte zu durchdringen sucht, wird auch im Mormonenthume die urewige Offenbarung lesen, daß selbst die Irrthümer der Menschen zum Ziel und Zweck aller Geschichte, zum Fortschritt, führen müssen. Wie wilder Golddurst die pacifische Küste, so erschloß Glaubenswahn den Centralpunkt des weiten Westens; Goldgräber und Mormonen mußten »trotz alledem« als Bahnbrecher und Pfadfinder der Civilisation dem guten Genius der Menschheit dienen.
M. Kleeberg.

(Nach der Transkription der deutschsprachigen Wikisource - mitkorrigiert von ngiyaw eBooks)




Dienstag, 3. Dezember 2013

Stefan Zweig, Rezension - Das Tagebuch eines halbwüchsigen Mädchens

Das Tagebuch eines halbwüchsigen Mädchens

Als erste einer Reihe von ›Quellenschriften zur seelischen Entwicklung‹ veröffentlicht der Internationale Psychoanalytische Verlag – offenbar eine Gruppe von Schülern, die sich dem umfassenden Gedankenkreise Professor Freuds verbunden haben – ein ganz merkwürdiges Dokument: das unverstellte Originaltagebuch eines halbwüchsigen Mädchens von seinem elften bis zum vierzehnten Jahre. Das Seltsame in diesem Buche, das Bedeutsame im psychologischen und pädagogischen Sinne ist nun, daß dieses Tagebuch keineswegs das eines Wunderkindes ist, einer zukünftigen Maria Bashkirtseff, sondern im Gegenteil das eines ganz normalen, gar nicht sonderlich begabten, gar nicht sonderlich sensitiven und gar nicht sonderlich erlebnisreichen Kindes aus der sogenannten guten Wiener Gesellschaft. Nur eben eines jener unzähligen, oft belächelten und verspotteten Tagebücher, wie sie fast jedes Mädchen unfehlbar irgendeinmal in den Schuljahren beginnt. Aber schon die Regelmäßigkeit dieser Erscheinung mag Erkenntnis sein für die Bedeutsamkeit dieses Augenblicks, für das fast Gesetzmäßige, daß Kinder und besonders Mädchen gerade in jenen Entwicklungsjahren aus einem zwingenden Gefühl beginnen, sich täglich schriftliche Rechenschaft von sich abzulegen, um dann mit siebzehn oder achtzehn Jahren dieses tägliche Einschreiben schon wieder als kindliche Spielerei zu verachten und überlegen lächelnd zu verwerfen. In jenen Jahren, wo der wirklich persönliche Mensch dem spielhaften Kindeswesen entwächst, wird ihm unbewußt das Leben als Ganzes und insbesondere sein eigenes Leben irgendwie plötzlich wichtig und geheimnisvoll: unbelehrt fühlt das Kind in seinem Wachstum, was dann erst später wieder der Psycholog weiß und was Freud als erster so meisterhaft klargelegt hat, daß in jenen Jahren des gespannten Empfindens bei dem Kinde jede Richtung zur Entscheidung, jeder Zufall zur Bestimmung wird. Im Augenblicke, wo der Mensch – und die meisten Erwachsenen gestehen damit die Armut ihres Innenlebens ahnungslos ein – dann wieder das Leben als etwas Automatisches, als etwas Funktionelles empfindet, läßt die Intensität ihres eigenen Empfindens nach: nur erlesene Menschen behalten jene wunderbar gesteigerte Fähigkeit über die Kindheit hinaus für immer fort, das Leben unausgesetzt als mystische Macht zu empfinden, ewig rätselhaft, ewig unentwirrbar, voll von Überraschungen und Erkenntnissen, und sich selbst als eine Beute unablässiger Abenteuer. Deshalb führen die Erwachsenen nur ausnahmsweise mehr ein Tagebuch, fast immer nur dann, wenn sie irgendwie in das äußerlich Bewegte der Welt historisch eingemengt sind, wie jetzt die Diplomaten und Heerführer; das Kind in den Pubertätsjahren aber empfindet nicht seine Existenz innerhalb besonderer Geschehnisse als wichtig, sondern die Tatsache des Lebens überhaupt, und diese zwingende Betonung jeder kleinen Zufälligkeit, ungeachtet, ob sie andere als banal empfinden mögen, erhöht zauberhaft ihre innere Spannung. In den halbwüchsigen Menschen ist darum eine tiefere – und wieviel richtigere! – Wertung jeder neuen Stunde bereit; das Unscheinbarste belebt sich durch Gefühl, jede Begegnung durch Erwartung. Nur im Kinde, in dieser Spanne von Jahren zwischen der Unbewußtheit und dem schon allzu Bewußten wirkt sich jene Intensität aus, die dann in den Dichtern die Kindheitsjahre überwächst und ihnen das Gefühl der Welt als eines unberechenbaren Mysteriums rein und leidenschaftlich bewahrt.
Unbedeutsam im gewöhnlichen Sinne mag darum auch dieses Tagebuch dem Unbedeutenden gelten, denn es ist weder stilistisch schön geschrieben, noch geistig sonderlich hochwertig, eben nur ein Dutzendtagebuch irgendeines Halbkindes. Aber eben das typische Kleinmädchengeschwätz darin, die ahnungslose Aufrichtigkeit (die dem Dichter ja fehlt), daß jemals ein fremder Blick in diese Blätter eindringe, geschweige denn, daß sie jemals in Buchform vervielfältigt werden könnten, macht seine Lektüre so anregend für alle jene, denen das bloße Verstehen von seelischen Dingen selbst schon eine Art geistiger Lust geworden ist. Es ist voll von zufälligem Geschwätz über Konditoreien, Ausflüge, Kameradinnen, Eifersüchteleien, Schuldummheiten, Familienepisoden, aber eben dadurch ist auch den wesentlichen Dingen der richtige Rang im Seelenleben ausgewertet. Denn der Dichter, die sonst einzige Quelle, der eine Kindheit schildert, die eigene oder eine fremde, in Selbstbiographie oder im Roman, verstellt aus dem innersten Gesetz der Kunst bewußt-unbewußt das Gleichgewicht. Er gibt bloß Abbreviaturen, Verkürzungen des kindlichen Seelenlebens, weil er nur das aufzeichnet, was die Erinnerung nach Jahren noch als wesentlich bewahrt hat, nicht aber das Gleichzeitig-Banale, dem das Besondere entwächst. Er zeigt nur die Meilensteine, statt des ganzen Weges, er schafft Auslese, betont nur das Wissende im Kind, die frühe Weisheit, während hier im Tagebuch noch die ganze breite Folie der Torheit und ahnungslosen Dummheit sich in den Aufzeichnungen naturhaft aufstuft.
Das Erlebnis dieser Jahre, das Wesentliche dieses Buches ist selbstverständlich das Nicht-mehr-Kind-sein-Wollen. Der Wille, als voll gewertet zu werden, um alle Geheimnisse zu wissen, die alle Erwachsenen so krampfhaft vor ihm verbergen. Mit Zorn und Erbitterung notiert die Elfjährige immer, wenn Vater, Mutter oder Schwester sie eine »Kleine« oder »Kind« nennen. Mit Ungeduld will sie schon hinauf in die andere Welt, will sie die verschlossenen Türen zerbrechen, hinter denen sie manchmal unverständliche Worte hört und hinter denen für ihr Empfinden das »eigentliche«, das wirkliche Leben liegt. Jedes dieser aufgelauschten Worte hinter den verschlossenen Türen des großen Geheimnisses wird zum Ereignis, zum Geschehnis, denn ahnend spürt das noch ahnungslose Kind, daß diese abgelösten Worte gleichsam Chiffren sind, mit denen man, wenn einmal die Buchstaben ihres Sinnes auseinandergenommen sind, das ganze Zauberbuch im Fluge durchlesen könne. Wie auf der Wiese hinter Schmetterlingen ist darum dies gespannte Kindwesen mit seinen Freundinnen hinter jedem solchen aufgeflatterten Wort her. Irgendjemand hat »Verhältnis« gesagt und gelächelt dabei – was bedeutet das? Von der Kusine erzählen sie, daß sie »bleichsüchtig« sei, von einem Onkel, er sei »nicht normal«. Mit der Spürkraft aufgereizten Empfindens wittert sie einen besonderen Sinn hinter dem Gewöhnlichen. Und alle die unendlich typischen Schleichwege des Kindes auf dieser Jagd tun sich auf in diesem Tagebuch: Das Tuscheln mit den Freundinnen, das Geschwätz mit den Dienstboten, der heimliche Blick in das Konversationslexikon, bis sich allmählich nach vielen vergeblichen Irrungen – die im einzelnen dem Erwachsenen und besonders dem, der seine eigene Jugend vergessen hat, ein mitleidiges Lächeln entlocken mögen – die richtige Spur findet. Hier, wie vielleicht in jedem aufrichtigen Tagebuche eines Halbwüchsigen ist natürlich der Brennpunkt des Interesses die Sexualität.
Die Sexualität, nicht die Erotik. Denn hier kommt die Neugier noch aus dem Intellektuellen, aus dem wachen Gehirn eines noch unentwickelten Körpers, und die Unruhe quillt aus dem Verstand, nicht aus den noch dumpfen Zonen körperlichen Gefühls. Nirgends reagiert hier wirkliche Befriedigung auf Erkenntnis, im Gegenteil: der erste zufällige Einblick wird für das scheue Kind zum seelischen Schock. Mit Ekel, mit Abscheu, Furcht und Angst antwortet ihr noch unreifes Gefühl auf alle Ahnungen des Körperlichen. Statt sie an das feurige Geheimnis näher hinzudrängen, schreckt sie die Mechanik des Liebesaktes vorläufig zurück. Nirgends ist in diesem nervösen Kinde trotz aller geistigen Unruhe, trotz aller funkelnden Neugierde ein Atem von Verderbtheit. Man spürt, diese Unruhe ist (wie wahrscheinlich bei den meisten Kindern, was aber Lehrer und Erzieher selten ahnen), absolut präerotisch, sie ist nur Unruhe nach dem Leben, nach dem Zusammenhange, das allzu erklärliche Gefühl nach Ebenmäßigkeit des Wissens, das keine Lücken und leere Stellen dulden will, dasselbe Gefühl, das die junge Menschheit als Gesamtheit von ihrem Anfang getrieben hat, ihre eigene Erde zu durchforschen, unbekannte Kontinente sich bekannt zu machen, alle Ströme, Berge, Seen und Wälder in eine Karte einzuzeichnen und über diese Erde hinaus noch mit Teleskopen und Berechnungen nach den anderen Welten ins Unendliche zu spähen. Gerade dies Nachbarliche der unbändigen Neugier mit dem anderen Geschwätz von neuen Kleidern, verpatzten Schulausflügen, Gouvernantenqual, hellt zauberisch das Wunder des Welterwachens auf, das mit der Jugend jedes Menschen wie der Menschheit mystisch verknüpft ist, und das verhängnisvollerweise so früh in dem normalen Menschen wieder erlischt. Vielleicht auch schon in dieser Frau erloschen wäre, die heute vielleicht zweiundzwanzig Jahre zählte, wenn sie der Tod nicht hinweggenommen hätte, und deren Namen die Herausgeber sorgfältig verschweigen (die auch in dem Buche durchwegs Namenverstellungen vorgenommen haben, um auch die Spur zu verwischen). Eben deshalb aber, weil es so typisch ist, sollten kluge Eltern und kluge Erzieher dieses Buch zur Hand nehmen, freilich nicht, um danach zu erziehen und vielleicht mit der jetzt so beliebten Aufklärung einzusetzen und zu versuchen, den ihnen anvertrauten Kindern etwas von der Unruhe und der Qual ihres Suchens wegzunehmen, die hier so erschütternd im Bilde des namenlosen Kindes wirkt. Denn wer vermag zu sagen, ob diese Unruhe, diese brennende Neugier nicht etwas unendliches Kostbares und Schöpferisches in jedem Kinde ist, ob nicht bei einzelnen gerade aus ihr die Möglichkeit entwächst, sich das Mystische des Lebensgefühles über die Kindheit hinaus zu bewahren. Ob vielleicht nicht Menschen, die in ihrer Kindheit die ganze Not dieser Unsicherheit, die Spannung des Geschlechtes so stark empfunden haben, sich auch dann später im Erotischen reiner den heiligen Schauer des kosmischen Gefühls und anderseits die starke Reizsamkeit leidenschaftlicher bewahren. Es ist vielleicht nicht gut, zu verbessern, wo man nicht weiß, was im einzelnen ungestaltete Möglichkeit zum Guten oder zum Bösen ist, und das Schicksal, das wunderbar eigenwillige, das mit Kindern wie mit Menschen nach seinem Sinn spielt, bevormunden zu wollen. Aber es ist immer gut, Menschliches zu verstehen, und zu diesem Verständnis der Kinderseele scheint mir dieses Buch eines der kostbarsten, das je die Wissenschaft Hand in Hand mit dem Zufall dargeboten, und das nicht durch Kunst, sondern einzig dank jener mystischen Schöpfungskraft der Jugend, die immer dichterischer wirkt als die besten Nachdichtungen von Kindheit.

Aus: Stefan Zweig: Rezensionen 1902 - 1939 (Quelle: Gutenberg-DE)

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