Samstag, 15. November 2014

Lisbeth Lindemann - Mein Hund

Mein Hund
von Lindemann-Küßner



Mein Hund ist ein merkwürdiges Vieh. Ein sonderbarer Kerl, — ich glaube, es steckt eine gefangene Menschenseele in ihm. Er kann sogar lachen. Ich meine damit nicht das nervöse Zucken mit dem Maul, das manche Hunde an sich haben, nein, er kann wirklich lachen; vom hellen, freudigen Lachen, mit dem er mich bewillkommt, bis zum Verlegenheitslächeln, wenn er irgend etwas getan hat, was er nicht tun sollte, und noch nicht weiß, wie die Sache ausgehn wird.
Schwarz ist er. Rasse: Mops-Pudel-Pinscher-Dachs; vielleicht nicht ganz so schlimm, er sieht verhältnismäßig ganz anständig aus. Augen hat er wie ein Mensch, d. h. ein treuer Mensch. Große, schwarzbraune Augen, die er nachdenklich hin und her kugelt, während er seinen Kopf still hält.
Und Glück hat das Geschöpf bei Weibern — kolossal! Wenn ich in ein Restaurant gehe — ich bin nämlich Junggeselle — dann sind die Kellnerinnen um ihn her, wie die Fliegen um den Zucker. Das kennt er schon. Er sitzt ruhig mitten drin, rollt mit den Augen und läßt sich anbeten.
Da war vor Allem die Lise, ein herziges blutjunges Ding; zierlich und biegsam, von entzückender Figur. Unter dem krausen, lichtbraunen Haar guckten zwei Schelmenaugen von seelengutem Ausdruck.
Wenn die Lise den Hund sah, war sie selig. Sie kniete bei ihm nieder, und strich ihm ganz leise und sacht mit den beiden kleinen Händen über den Kopf. Und der Hund saß da und machte sentimentale Augen. Und ich saß da und machte auch sentimentale Augen; dabei kribbelte es mir den Rücken auf und ab, ganz sonderbar; ich wußte nicht, was es war.
Es war mir nicht klar, ob dem Hund das Fressen lieber war, oder dieses sanfte Gestreichel; und wiederum war mir nicht klar, ob ich in das Restaurant ging, weil das Essen dort besser war, als anderswo, oder nur, weil ich zusehn wollte, wie die Lise den Hund liebkoste.
Ueberhaupt die Lise! — So ein liebes, kleines Maul hatte sie, so ein süß geschwätziges, und schneeweiße Zähne.
Wenn Einer niederschreiben wollte, was die Lise und ich mit einander plauderten, es wäre gewiß Blödsinn. Und doch war’s bezaubernd, unglaublich reizvoll, es war — —
Ach, ja!!
— — Ich bin solide geworden; ich habe mich verlobt, Geheimratstochter, steif, nobel, gute Partie. Als ich ihr meinen Hund zeigte, wandte sie sich schaudernd ab. Sie sagte: ein Hund dürfe ihr nie in’s Haus kommen. In »ihr« Haus; es gehört ihr, Sie hat viel Geld. Ich habe keines.
Ich liebe keine Szenen, Ich wollte den Hund verkaufen, aber die Race war zu mangelhaft; der Händler nahm ihn nicht.
Ich hätte ihn auch nicht verkaufen können, das Vieh sah mich mit seinen Menschenaugen so verflucht an.
Was tun? — Aber natürlich, der einzige Ausweg! Daß ich darauf nicht früher kam? — Ein Brief an die Lise, dazu etwas Steuer und Unterhalt; das Halsband schmückte ich, ihm mit einer roten Schleife. Gleich darauf war der Dienstmann mit Hund und Brief an die Lise unterwegs.
Der Hund war versorgt; die Lise schrieb mir!

Sehr geehrter Herr!
Ich danke Ihnen vielmals für den Hund, den ich sehr liebe. Er ist so brav und sieht mich immer so sonderbar an. Es ist sehr gut einen Hund zu haben, wenn man so allein ist, wie ich. Nun habe ich doch eine Unterhaltung, wenn ich nach Hause komme. Ich bin nämlich jetzt in einem Geschäft. Ich danke Ihnen nochmals vielmals.
Mit hochachtungsvollem Gruß
Lise Sch.

Ich wartete immer, ob der Hund nicht ein-mal zu mir laufen würde, und die Lise müßte ihn dann holen Aber er kam nicht.
Und ich dachte sehr viel an die Lise — nein, an den Hund — — — nein, an die Lise — —

Sonntag, 9. November 2014

Georg Hirth - Das Gehirn unsrer lieben Schwestern




Unter allen höheren Regungen und Bewegungen un­serer Zeit erscheint mir, rein menschlich betrachtet, als die schönste und interessanteste der Kampf unserer Schwestern um Gleichstellung mit dem starken, dem herrschenden und unterdrückenden Geschlecht; ja ich halte es für möglich, dass nicht etwa die sozialen und wirtschaftlichen Dissidien der Männerwelt — zum Theil recht dumme Sachen — dem kom­menden Jahrhundert seinen eigenthümlichen Stempel auf­drücken werden, sondern dass dieses Jahrhundert seine Welt­signatur recht eigentlich von der Lösung der »Frauenfrage« erhalten wird.
Denn was wir bisher davon erlebt, das war und ist nur erst Vorpostengefecht. Man kann zwar nicht leugnen, dass unsere Schwestern schon manche Positionen errungen ha­ben, die früher uneinnehmbar schienen, und dass sie diese mit grossem Geschick vertheidigen und befestigen, aber die eigentlichen »Sperrforts« der Gleichberechtigung — denn sie wollen »uns« ja nicht verdrängen, sie begehren nur Einlass! — diese Sperrforts sind noch ausschliesslich in den Händen der Männer, und immer noch, wenn die muthige Schaar mit hellklingendem Kriegsgeschrei neuen Ansturm wagt, ertönt ihr im tiefsten Basse das »Zurück« der Thorwächter entgegen.
Im tiefsten Basse wissenschaftlicher Ueberzeugungstreue! Dies »Zurück« klingt so wahr und so bieder, und ist doch oft, ja zumeist nichts als geschlechtsegoistische Ueberhebung, mit der wir seit Adams Zeiten unsere ach! so lieben und ach! so unentbehrlichen Schwestern der Schlangenrolle zu verdächtigen und zur Strafe dafür auch noch zu terrorisiren, mit Eifersucht zu quälen, zu haremisiren und zu kemenatisiren gewohnt sind, immer unter dem heuchlerischen Vorwande der ritterlichen Fürsorge. Als ob sie was davon hätten, dass sie uns — wie wir so gerne singen himmlische Rosen in’s irdische Leben flechten!
Da ist denn das Sperrfort der Universität. Zum hundert­sten Male wird den wissensdurstigen Frauen von Einem im Talar gesagt: »Da habt Ihr nichts zu suchen!« Und um dem Worte den rechten zeitgemässen Nachdruck zu geben, wird mit wichtigthuendem Pathos hinzugefügt: »Wie solltet Ihr auch? Euer Gehirn ist zu klein, um unsere Wissen­schaft zu fassen, — was Männer erdachten, kann nur von Männern begriffen werden. Das ist göttliche Ordnung[i] mulier taceat in ecclesia.«
Das eben, liebe Schwestern, will ich heute zu Eurem Frommen an den Pranger stellen, auf die Gefahr hin, als Verräther am Geheimniss »männlicher Wissenschaft« be­trachtet zu werden: Die ganze Lehre von der Inferiorität des weiblichen Gehirns ist eine fromme Mär, ein wissenschaftliches Quiproquo, das eben nur beweist, wie lange und hartnäckig Männer zu irren im Stande sind. Diese Lehre beruht auf zwei falschen Voraussetzungen, nämlich erstens, dass das Gewicht des gesammten Gehirnes ganz direkt als Massstab für die Intelligenz zu nehmen sei, und zweitens, dass es statthaft sei, mit statistischen Durchschnitten aus Massenbeobachtungen einer Frage auf den Leib zu rücken, in welcher nur mit individuellen Begabungen gerechnet werden darf.
Beginnen wir mit dem zweiten Trugschluss, so ist es doch zunächst klar, dass auch unter Denen vom starken Ge­schlecht gewiss nur ein mässiger Prozentsatz zu wissenschaft­lichen Studien und Berufsübungen befähigt ist. Dieser Satz ist sogar ziemlich gering, er mag 5 bis 10 Prozent ausmachen, kaum mehr. Nehmen wir nun an, bei den Weiblein seien es nur 2 bis 3, ja nur 1 Prozent, mit welchem Rechte will man dieser Minderzahl die Betheiligung an den wissen­schaftlichen Studien, die der Staat ermöglicht, wehren? Lehrt nicht Jeden schon die persönliche Erfahrung, dass es viele Frauen gibt, die an Intelligenz ihre männliche Umgeb­ung weit überragen? Und ist nicht schon von vielen Frauen der Beweis geliefert, dass sie mit Erfolg der Erforschung und Verkündigung der Wahrheit zu dienen vermögen?
Was aber das ominöse Gewicht des Gehirns anbelangt, so ist es ja richtig, dass im Grossen und Ganzen das weibliche um ein paar Hundert Gramm leichter ist als das männliche, was nicht ausschliesst, dass Millionen männ­licher Spatzengehirne von Millionen weiblichen Gehirnen auch an Gewicht weit übertroffen werden. Aber die Hauptsache ist, dass nach den neuesten Forschungen auf diesem Gebiete das Gesammtgewicht des Gehirns für die Beurtheilung der Intelligenz überhaupt keine nennenswerthe Bedeutung hat. Solche Bedeutung kommt nur verhältnissmässig kleinen Partien des Gehirns, vor Allem der »Grosshirnrinde« zu, und auch hier stehen die dem höheren Denken dienenden Nervenkörper neben solchen, welche ganz direkt die Sinnes­werkzeuge und die Muskulatur im Zentralorgan vertreten. Die genaue Unterscheidung aller dieser Elemente ist äusserst schwierig und erst im Werden begriffen. Das Gesammtgewicht des Gehirns aber steht normaler Weise viel eher zur Körpergrösse, zur leiblichen Entwicklung und Kraft, als zur Intelligenz im Verhältniss. Das Riesengehirn eines Bis­marck erklärt sich zum grössten Theile aus der ganzen wuch­tigen Persönlichkeit des ungewöhnlich grossen und starken Mannes; dass darin die Denkzentren einen verhältnissmässig grossen Raum einnehmen, ist zweifellos. Im Uebrigen kann auch ein grosser dummer Kerl ein sehr schweres und grosses, ein zartes und gescheidtes Männlein ein sehr kleines Gehirn besitzen, und genau so verhält es sich bei unseren Schwestern. Da die meisten unter diesen von kleinerer Statur und weniger raubthierartig beschaffen sind, als die Männer, so haben auch die meisten ein leichteres Gehirn, — nicht weil sie dümmer sind, als die Männer!
Jene Gehirnpartien aber, welche speziell der Intelligenz als Grundlage dienen, sind in ihrer Ausbreitung nicht blos das Produkt der Erbanlage, sondern auch der Uebung und der durch diese bedingten spezifischen Ernährung. Man ver­statte dem zu höherer geistiger Thätigkeit veranlagten Frauen­hirn die rechtzeitige Uebung und die stolzen Thorwächter der Sperrforts werden sich wundern, wie viele geschickte Kolleginnen sich ihnen an die Seite stellen werden.
Was der Mann trotzdem im Allgemeinen in fast allen geistigen Thätigkeiten vor der Frau voraus hat und wohl immer voraus haben wird, das beruht in der stärkeren An­griffsfähigkeit, welche ihrerseits wesentlich von geschlecht­lichen Verhältnissen abhängt, — von jenen Verhältnissen, aus denen sich u. a. auch unsere Stimme zum Bass ent­wickelt, und welche jenen Brustton der Ueberzeugung zeitigen, der so oft nur leerer Schall ist. Ueberall wo raubthierartige Energie, rohe Kraft, Leidenschaft, Brüllen etc. am Platze sind, da wird der Mann der Frau stets überlegen bleiben; er ist kühner und verwegener in allen Dingen, auch im Denken und Phantasiren. Dafür ist die Frau feiner, geduldiger, sorg­licher, mitleidsvoller. Wenn sie nicht alle physischen und die meisten moralischen Lasten der Fortpflanzung zu tragen hätte — wer weiss, ob sie nicht längst unsere gefährliche Rivalin auch im staatlichen Leben wäre!
Wer aber meint, dass das »hysteroïde Denken« (wie ich ganz allgemein das sprunghafte und durchlöcherte Denken nen­nen möchte) ein trauriges Vorrecht unserer lieben Schwestern sei, der ist gewaltig im Irrthum. Wir müssten denn, — wollten wir gewisse Unzulänglichkeiten in Bau, Ernährung und Ver­knüpfung der Denkzellen als »weibliches Prinzip« bezeichnen, uns zu dem ungeheuerlichen, aber tiefsinnigen Satze ver­steigen: »Es gibt unter den Männern mehr Weiber, als unter den Weibern Männer.« Ist doch die Geschichte menschlicher Grausamkeit und Zerstörungswuth, menschlichen Irrthums und Aberglaubens im Wesentlichen nur eine Geschichte männ­licher Geistesumnachtung!
Also, verehrte liebe Schwestern, vertrauen Sie getrost dem göttlichen Funken, mit dem auch Ihr Gehirn geladen ist; aber vergessen Sie nicht, dass die Lehre »von dem Rechte, das mit uns geboren», in der männlichen Rechts­philosophie niemals für die Frau gegolten hat. Was Sie in der Gleichberechtigung mit uns Männern auf den Gebieten geist­igen Schaffens erreichen werden, werden Sie uns abtrotzen müssen in heissem Kampfe und unter Anwendung aller er­denklichen Kriegslisten. Und darin sind Sie uns ja über­legen, — wenn Sie wollen.



[i] Eigenste Worte eines berühmten Professors der Anatomie




Samstag, 3. Mai 2014

Ida Lublinski - Jacob und Esau

Hendrick ter Brugghen - Esau Selling His Birthright

Von Ida Lublinski


Die Bibel enthält in ihren Erzählungen Darstellungen von Lebens­verhältnissen, die in die schriftlosen Anfänge des jüdischen Volkes hinabreichen. Es ist bekannt, daß mit der Niederschrift der Bibel erst verhältnis­mäßig spät begonnen wurde, während die Entstehung der mündlich über­lieferten Erzählungen um viele Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende zurückliegt in der Dauer so langer Zeiträume wandeln sich aber Zeitanschauungen und Zeitverhältnisse entscheidend und manch eine alte Überlieferung, die aus ganz anderen Lebensverhältnissen entstanden ist, wird unverständlich. Weil sie aber zu den geheiligten Traditionen gehörte, suchten die Männer, die endlich an ihre Niederschrift gingen, das Tatsachenmaterial nach den Anschauungen ihrer Zeit umzudeuten, was nicht immer gut gelang und unter Umständen geradezu Entstellungen ergab.
Diesen Vorgang möchte ich an einem Beispiel aus der Bibel zeigen, der den Gegnern des Judentums irrtümlich Veranlassung gab, den angeblich betrügerischen Charakter der Juden schon aus ihren heiligen Erzählungen zu beweisen. Es ist dieses der Bericht von der angeblichen Überlistung Isaaks durch seine Frau und seinen jüngsten Sohn. Wir können heute mit unserem erweiterten ethnologischen Material den Vorgang richtiger deuten und dadurch erkennen, daß diese Handlung aus einem ganz anderen Vorstellungskreis hervor­gegangen ist.
Für die beiden letzten Jahrtausende wurde es eine selbstverständliche Vor­stellung, daß die Erstgeburt ein Vorrecht gibt und dabei wurde lange über­sehen, daß dies auch heute noch nicht überall der Fall ist. In den höheren sozialen Schichten hat sich diese Sitte wohl freilich überall durchgesetzt, aber im Bauerntum, das ja viel konservativer noch manche Vorstellung der Ver­gangenheit bewahrte, ist es noch jetzt zuweilen, und war es vor hundert Jahren noch oft Sitte, daß nicht der älteste Sohn den Hof und das Erbe erhielt, sondern daß dieser dem jüngsten Sohne zufiel. Diese Sitte läßt sich z. B. in England in den Gesetzbüchern um 1000 Jahre zurückverfolgen, und gelehrte Forscher bemühen sich diesen Brauch zu erklären. Einer dieser Forscher nimmt an, daß die älteren Söhne das Haus verlassen, um sich eine eigene Heim­stätte zu schaffen und daß deshalb der Jüngste den Hof, der oft nur ein Lehnshof war, erhält. Dabei wird aber übersehen, daß die älteren Söhne eben diesen Hof verlassen, weil der Jüngste der selbstverständliche Erbe ist, wie bei uns auf den Fideikommißgütern die jüngeren Brüder dazu gezwungen werden, weil sie erblos sind. In einzelnen Fällen nämlich, in denen das Erbe doch schon geteilt wird, bekommt der Jüngste immer Haus und Herd, er hatte also den Vorzug, der Weiterführer des Geschlechtes zu sein.
Neben dieser Sitte bestand und besteht noch heute vereinzelt die andere, daß nicht der jüngste Sohn, sondern die jüngste Tochter den Erbhof und das ganze Erbe bekam, daß sie es also war, welche das Geschlecht in die Zukunft weiter führte. War eine Tochter nicht vorhanden, so erbte die Tochter der Mutterschwester.
Diese Sitten waren nicht auf die britische Insel beschränkt; wir finden sie in Frankreich und Deutschland, worüber Bastian und Grimm berichten, in Dänemark, Norwegen, Schweden, Rußland, bei den Kelten, Ungarn und Balkanstämmen. Bei den letzten übergibt der Vater bereits seine Macht und damit wohl seine soziale Stellung schon dem ältesten Sohne, während der Hof noch immer dem jüngsten Sohne zufällt.
Von den Römern ist uns diese Sitte nicht bekannt. Es darf dabei nicht vergessen werden, daß das neu aufgerichtete römische Recht, das jus civile, sehr oft in starkem Gegensatz zu dem jus naturale stand, das früher auf der italischen Halbinsel herrschte und aus dem diese uns befremdende Sitte hervorgegangen ist. Sie existiert heute noch bei vielen Naturvölkern Asiens und auch in Indien finden wir sie häufig, ja bei einzelnen Stämmen erbt auch hier nicht der jüngste Sohn, sondern die jüngste Tochter den Besitz. Diese Vor­zugsstellung wird damit begründet, daß sie das Geschlecht am weitesten in die Zukunft führt und dadurch den Ahnen auf längere Zeit hin die schuldigen Opfer zu bringen vermag. Hier erkennen wir deutlich, daß eine religiöse Anschauung diese Vorzugsstellung geschaffen hat. Ohne sie wäre es auch schwer verständlich, daß sich die älteren Geschwister der oder dem Jüngsten untergeordnet hätten. Da dieser Vorzug der Jüngstgeburt noch heute von vielen afrikanischen und australischen Stämmen berichtet wird, dürfen wir wohl schließen, daß er in einer Frühzeit des Menschengeschlechtes allgemein verbreitet war und auch bei den jüdischen Stämmen bestanden hat.
Die Erzählung der Bibel, von der ich ausging, schildert uns diese Stämme als nomadisierende Hirtenvölker, bei denen der Vorzug der jüngsten Tochter nicht mehr bestanden haben kann, da bei den tierzüchtenden Völkern der Mann die Frau sehr früh aus der mutterrechtlichen Stellung drängte, weil die Tier­zucht und damit die Schaffung eines wertvollen Besitzes sein unbestrittenes Vorrecht war.
Setzen wir, veranlaßt durch die vielen Beispiele, welche die Geschichte und die Ethnologie bei den allerverschiedensten Völkern der Erde zeigen, auch bei den Juden einmal das Vorrecht der Jüngstgeburt voraus, so leuchtet es ein, daß dieser durch religiöse Begründung geheiligte Vorzug nicht ohne heftigen Widerstand in sein Gegenteil umzuwandeln war, daß hierbei auch die Ansichten innerhalb der Familie nicht immer übereinstimmen konnten. Während der »moderner« gerichtete Teil die neue Wertung annahm, behielt der traditionstreuere die alte Überlieferung und suchte sie mit allen Mitteln zu erhalten. Von dieser Seite betrachtet gewinnt die Tat Rebekkas und ihres Sohnes ein ganz anderes Aussehen. Sie kämpfen gegen ein neues Recht, das ihrem religiösen Empfinden als Unrecht erscheinen mußte, sie fühlen sich dabei als die Bewahrer einer alten geheiligten Sitte. Daß sie diesen Kampf auch mit Hilfe der alten heiligen Riten führen, beweist die so mißverstandene und daher falsch gedeutete Handlung von der Bekleidung Jakobs mit dem Tierfell.
Bei einigen nomadisierenden Hirtenstämmen Afrikas, die nicht zu den Negern gehören, eine verhältnismäßig hohe, alte Kultur besitzen, in vor­geschichtlicher Zeit wahrscheinlich mit den jüdischen Nomadenstämmen in enger Verbindung standen und manche religiösen Gebräuche wie z. B. den der Beschneidung mit ihnen gemeinsam haben, sind Sitten erhalten, die ein neues Licht auf die Bibelerzählung werfen können. Sir James Frazer hat diese Sitten gesammelt und spricht bereits die Vermutung aus, daß hier ein Zu­sammenhang mit der Erzählung der Bibel bestehen könnte.
Diese Völker wenden bei der Adoption von Kindern und bei den Mann­barkeitsweihen der Jünglinge eigenartige Kulthandlungen an. Wenn bei den Gallas ein Kind adoptiert werden soll, müssen es die eigenen Eltern in den Wald führen und für tot erklären. Darauf übernehmen es die Adoptiv-Eltern mit folgender Zeremonie. Ein Ochse wird geschlachtet, sein Fell wird um den Hals des Kindes gehängt, Stücke seines Felles um die Handknöchel gelegt und mit dem Blute des getöteten Tieres die Stirne des Kindes bestrichen, sein Fleisch aber zu einem heiligen Festmahl zubereitet, das gemeinsam genossen wird.
Der ursprüngliche Sinn dieser Riten tritt nicht mehr hervor, er ist wohl auch bereits vergessen, obwohl der Vorgang selbst zur Adoption unerläßlich ist. Bei einem kleinen, abgelegener wohnenden Stamme der gleichen Volks­familie hat sich aber der ursprüngliche Sinn dieses Vorgangs noch ganz klar erhalten. Er scheint eine Art Pubertätsfeier zu sein, weil der Knabe erst danach berechtigt ist, an bestimmten religiösen Festen der Erwachsenen teil­zunehmen. Er wird die »Geburt aus der Ziege« genannt, soll also wohl eine Neugeburt bedeuten. Eine Ziege wird geschlachtet, von dem Ziegenfell wird ein rundes Stück auf die linke Schulter des Kindes gelegt und unter dem rechten Arm befestigt. Der Magen der Ziege kommt auf die rechte Schulter und wird unter dem linken Arm befestigt. Die Mutter setzt sich auf das Ziegenfell, nimmt das Kind zwischen die Beine, um Beide werden die Ziegen­därme gewickelt. Die Mutter muß nun stöhnen, als ob sie in den Wehen wäre, Frauen durchschneiden die Ziegendärme und das Kind muß den Schrei eines Neugeborenen nachmachen. Es wird also ein richtiger Geburtsakt gemimt bei dem nur Frauen zugegen sein dürfen. Weshalb nun die Geburt gerade aus einer Ziege sein soll, hat besondere Gründe, die hier nicht erläutert werden können.
Auch bei anderen Stämmen dieser Volksfamilie besteht bei den Mann­barkeitsfeiern der Jünglinge die geheiligte Sitte, eine Ziege zu schlachten, ihr Fleisch zu einer Festmahlzeit zuzubereiten, Stücke ihres Felles um die Hand­gelenke, gelegentlich auch um Schulter und Hals des jungen Mannes zu befestigen.
Diese Gebräuche zusammen mit dem alten Vorrecht der Jüngstgeburt, lassen uns die Erzählung von Jacob und Esau in ihrer früheren Bedeutung besser verstehen. Die darin geschilderten Vorgänge spielen sich in der Zeit der Umwertung einer alten geheiligten Tradition ab, in der das Vorrecht der Jüngstgeburt, nach dem Tode des Vaters, Stammhalter des Geschlechts zu werden, langsam auf den Erstgeborenen überging, wo es sich bis heute er­halten hat. Daß aber die Umbildung dieser Tradition starken Widerstand zu überwinden hatte, zeigt die Erzählung der Bibel. Die Mutter ist die Bewahrerin des alten Glaubens, während sich der Vater der neuen Anschauung angeschlossen hat und sie durch seinen Segen zur Wirksamkeit bringen will. So wird auch die sonderbare Übereinkunft zwischen den beiden Brüdern ver­ständlicher, der Verkauf des Erstgeburtsrechts um ein Linsengericht. Wenn diese bereits ein altes, geheiligtes Recht gewesen wäre, dürfte ein solcher Vor­gang kaum möglich gewesen sein.
Wir kennen die ursprüngliche Form der Überlieferung nicht mehr, wissen aber, daß sie durch Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende nur mündlich weitergegeben wurde. Es ist verständlich, daß in so langen Zeiträumen sich nicht nur die Lebensverhältnisse sondern auch die Anschauungen ändern können, ja durch neu gewonnene Erkenntnis ändern müssen. Davon wird aber der Inhalt religiöser Überlieferungen nicht berührt, weil die Beharrungskraft des Gemütes sich mit großem Konservativismus gegen jede Änderung wehrt. Die im religiösen Glauben fest verwurzelte Tradition bleibt heilig, wenn auch ihr Sinn nicht mehr verständlich ist und wird daher durch alle Zeiträume un­verändert beibehalten. Auch die Erzählung von Jacob und Esau blieb die alte, obwohl im Laufe der Jahrhunderte die nomadisierenden Hirtenstämme sich in ein seßhaftes, ackerbautreibendes Volk mit festen Wohnsitzen umgewandelt hatten, das mannigfache, oft recht schwere historische Schicksale durch­kämpfen mußte. Diese veranlaßten verantwortungsvolle Führer, die religiösen Überlieferungen ihres Volkes zu sammeln und in einem heiligen Buche schriftlich festzuhalten. Dabei mußte es sich zeigen, daß manche Überlieferung nicht mehr richtig verstanden werden konnte. Das Vorrecht der Jüngstgeburt war bei dem seßhaften Volke lange dem Recht der Erstgeburt gewichen, nichts erinnerte an diese uralte Sitte und vergessen waren die früheren Zeremonien der Jünglingsfeiern nomadisierender Hirtenvölker. Man konnte daher den Sinn der heiligen Überlieferung nicht mehr richtig verstehen und mußte aus der eigenen Vorstellungswelt heraus eine Erklärung versuchen. Dadurch wurde eine Umdeutung unvermeidlich, die wohl manchen neuen, feinen mensch­lichen Zug in die Erzählung brachte, aber leider durch die Unkenntnis der lange verschwundenen Vorstellungswelt in der Hauptsache doch zu einer Entstellung führte. Erst die moderne ethnologische Forschung ermöglicht uns, die alte Bedeutung wieder zu erkennen. Zusammenfassend möchte ich daher die Erzählung von Jacob und Esau in folgender Weise deuten.
Sie führt uns in eine vorgeschichtliche Vergangenheit der jüdischen Stämme, in welcher sich auch bei diesen nomadisierenden Hirten in Gefühl und Denken eine sehr wichtige Wandlung vollzog, die schließlich zu dem Kampfe um das Recht der Erstgeburt führte. Dieser Kampf, diese Umwertung einer alt-eingebürgerten, religiös begründeten Tradition ergab natürlich Kon­flikte, die oft genug auch innerhalb der Familie zum Ausbruch kommen mußten, wenn die Ansichten der Familienmitglieder sich hier teilten. Auch hier stehen sich zwei religiös anders eingestellte Parteien gegenüber. Frauen pflegen in religiösen Dingen konservativer zu sein, so erscheint auch Rebekka als eifrige, tief überzeugte Bewahrerin des Althergebrachten, während es andererseits begreiflich ist, daß in einer solchen Zeit der Umwertung der Vater geneigt ist, seinen ältesten Sohn zum Stammhalter des Geschlechts und Haupt der Familie zu machen. Der älteste Sohn, der eigentliche Nutznießer dieser Umwertung, steht ihr jedoch ziemlich indifferent gegenüber, oder die alten Anschauungen sind noch so mächtig in ihm, daß ihre Nichtachtung trotz des väterlichen Wunsches sein Gewissen beunruhigt. Seine Gleichgültigkeit oder der innere Zwiespalt lassen ihn daher um ein Linsengericht auf die ihn erwartenden Vorteile verzichten.
Nachdem der jüngere Bruder auf diese Weise seine Einwilligung erlangt hat, führt die Mutter, die sich als Bewahrerin der geheiligten Tradition fühlt, mit ihm die alten Riten aus, deren Eindruck sich auch der Vater nicht zu entziehen vermag. Sie veranlassen ihn, das Vorrecht der Jüngstgeburt anzu­erkennen und Jacob den Segen zu erteilen, der ihn zum Stammhalter und Haupt des Geschlechtes macht. Die Erzählung der Bibel zeigt uns deutlich, daß der Segen Jacob nur diesen ideellen Vorteil brachte, denn es wird aus­drücklich vermerkt, daß er arm die Heimat verließ, während Esau im Be­sitze des ganzen Erbes blieb.
Die weiteren biblischen Erzählungen zeigen uns, daß der Kampf um die Jüngstgeburt noch nicht abgeschlossen und das Recht der Erstgeburt ein halbes Jahrhundert später noch nicht selbstverständlich geworden war. Als Jacob auf dem Totenbette liegt, bringt Joseph seine beiden Knaben zu ihm, damit er sie segne und stellt den Ältesten zur rechten, den Jüngsten aber zur linken Hand des Vaters auf. Jacob legt aber seine rechte Hand nicht auf das Haupt des ältesten Knaben, sondern kreuzt seine Hände, damit die Rechte auf das Haupt des jüngsten Kindes kommt. Da dieses besonders bedeutungsvoll ver­merkt ist, muß sich auch mit dieser Handlung noch eine Bevorzugung ver­bunden haben, die auf das ursprüngliche Recht der Jüngstgeburt zurückging.

Aus: Der Morgen, Monatsschrift der Juden in Deutschland (1925 - 1938), Philo-Verlag, Berlin, 1935, Heft 4, S 396ff.

Mittwoch, 30. April 2014

Martha Wertheimer - Die Rowina

Hanna Rovina als besessene Lea in einer Dibbuk-Aufführung
in Moskau um 1920



Martha Wertheimer
Die Rowina

Die erste Begegnung zwischen den jüdischen Menschen in Deutschland und der theatralischen Sendung der »Habima« liegt jetzt über acht Jahre zurück. Sie ist unvergessen. Zu der Begegnung mit dem Hebräischen als lebendiger, kunsttragender Sprache kam die Erkenntnis von der unsterblichen Kraft des jüdischen Geistes, kam die Überzeugung von seinem sieghaften Optimismus und der Unüberwindlichkeit jeder Idee unter uns, solange sie sich nicht von den nährenden Wurzeln unserer Tradition und Bestimmung gelöst hat. Es sind acht Jahre — und heute noch bedeutet diese Begegnung Erneuerung von Kräften und von Hoffnung.
Ein glühender Wille hat zwanzig Persönlichkeiten zusammengeschmolzen, zurück ins Urelement der Verwirklichung: Sinnlichmachen des Sinns hinter den Dingen. In der Leibesblüte, in der starren Maske, in der unerhörtesten Tänzerschaft aller Glieder, in den sagenden und singenden Stimmen, in der Renaissance des pathosbedingenden, dröhnenden, gesanglichen Iwrith, in der Vergewaltigung der Form, die kein Selbstzweck ist, nur Knecht und Werkzeug immer ist darin diese Leidenschaft, mit der jeder einzelne dieser Schauspieler sich darbringt. Was sie auch spielen, sie spielen die Geschichte des jüdischen Menschen. Es ist Israels Kampf mit Gott, der ihm alles ist: das Gute und das vermeintlich Böse, je nachdem, wer ihn sieht, wer etwas tut. Die hebräische Sprache aber liegt für unser schwankendes Verständnis als ein schwerer, wunderbarer Schleier über den Handlungen, — als ein tönender Schleier. Denn die sie sprechen, sind fromme Diener einer inbrünstig dargebrachten Idee. Das ist das Wunderbarste: die »Habima« hat keine Stars und keine Chargen. Namen, die gestern Herrlichkeit und Heldentum tragen, tragen heute eine Bagatellrolle (wenn es so etwas in dienender Kunst überhaupt gibt). Dennoch sagen alle, die jemals die »Habima« sahen, hinter dem Namen der Gemeinschaft her: die Rowina. Denn, was von der Kunst der »Habima« gesagt werden darf, ist in der Rowina gleichsam verdichtet.
Wer ist die Rowina? Diese Frage geht niemals in die Vergangenheit. Das russische Mädchen aus irgend einem bürgerlichen Beruf ist längst nicht mehr. Die blühende Mutter schöner Kinder ist uns fern. Aber mitten unter uns ist die Künstlerin lebendig, die der natürliche Gipfel der »Habima« ist und der individuelle Ausdruck eines Stils. Wir wissen von der Stimme der Rowina, dieser dunkelhellen, liedhaften Stimme, in der das Schluchzen aus den Schmerzensgründen Israels steigt, in der der Jubel der Cherubim aufschmettert, — und ihr Liebesflüstern ist wie Morgenwind, bevor die Sonne da ist. Wir wissen von der hohen Schlankheit ihres Leibes und der Sprache ihrer langen Hände, die unwirklich sind, kaum noch Schleier eines Körperlichen über der Unmittelbarkeit des Geistes. Wir wissen von den heißen Augen, die blicklos weit unter der adeligen Stirne flammen Wir sahen das alles, hörten sie — —
In »Keter Dawid« (Calderon): keusche Linie des jungfräulichen Stolzes das weiße Gesicht zwischen kupfernen Zöpfen gebändigt, die langen Hände an der Harfe, gotisch übersteigert, mit einer Stimme aus einer anderen Welt. Dieselbe Rowina — umflammt von ihren roten Locken, lockend, verderblich, unheilig, hinreißend, Tänzerin aller Leidenschaften, deren Bewegungen so selbstverständlich fließen, daß man erst Tage später weiß, wie groß ihre Kunst hier das Selbst-Verständliche schuf.
Dann geht sie im »Golem« (Leiwik) in den Knäuel der Elenden und und Verfolgten hinein, die im verfallenen Turm vor der Blutlüge zittern, und steht in ihrem schluchzenden Lied, vergeistigte Hoheit des erflehten Messias, ewig erwartet und ewig verkannt. Da wehrt sie sich als »Mutter des Messias« gegen das kommende Leid und trägt Haß und Entsetzen vor sich her, die ihr selber am wehsten tun. Aber keiner vergißt sie im weißen Brautkleid mit den schwarzen Zöpfen, die gefangene Dybuk-Seele, die ringende und gebietende, die wider den magischen Kreis des Gebotenen und Gesollten die hohe Sehnsucht ihrer verlangenden Liebe in das Unbekannte hinauswirft und das Menschliche endlich durchbricht wir nennen’s Tod.
Es sei uns nicht Vermessenheit, daß ein Erschütterter in der Erscheinung dieser Frau ein Himmlisches zu spüren meinte. Jüdischen Herzen sagt der Name nichts anderes als dies: eine Kraft wurde gegeben, eine Kraft strahlt aus, Botschaft an die Zweifelnden, Irrenden, Zerrissenen, an die Weinenden, die Trostsuchenden und die stolz Bestätigten. Solche Kraft wird als Verpflichtung zum höchsten Dienst gegeben.
Die Rowina dient.

Aus: Der Morgen, Monatsschrift der Juden in Deutschland (1925 - 1938), Philo-Verlag, Berlin, 1935, Heft 3, S 131f.



Walter Serner - Inferno

Walter Serner - Inferno Inferno Ein Schreien, das widersetzlich beginnt, wenn es am laute­sten wird, vor Wut sich überschlägt und ...