Lisbeth Lindemann - Mein Hund

Mein Hund
von Lindemann-Küßner



Mein Hund ist ein merkwürdiges Vieh. Ein sonderbarer Kerl, — ich glaube, es steckt eine gefangene Menschenseele in ihm. Er kann sogar lachen. Ich meine damit nicht das nervöse Zucken mit dem Maul, das manche Hunde an sich haben, nein, er kann wirklich lachen; vom hellen, freudigen Lachen, mit dem er mich bewillkommt, bis zum Verlegenheitslächeln, wenn er irgend etwas getan hat, was er nicht tun sollte, und noch nicht weiß, wie die Sache ausgehn wird.
Schwarz ist er. Rasse: Mops-Pudel-Pinscher-Dachs; vielleicht nicht ganz so schlimm, er sieht verhältnismäßig ganz anständig aus. Augen hat er wie ein Mensch, d. h. ein treuer Mensch. Große, schwarzbraune Augen, die er nachdenklich hin und her kugelt, während er seinen Kopf still hält.
Und Glück hat das Geschöpf bei Weibern — kolossal! Wenn ich in ein Restaurant gehe — ich bin nämlich Junggeselle — dann sind die Kellnerinnen um ihn her, wie die Fliegen um den Zucker. Das kennt er schon. Er sitzt ruhig mitten drin, rollt mit den Augen und läßt sich anbeten.
Da war vor Allem die Lise, ein herziges blutjunges Ding; zierlich und biegsam, von entzückender Figur. Unter dem krausen, lichtbraunen Haar guckten zwei Schelmenaugen von seelengutem Ausdruck.
Wenn die Lise den Hund sah, war sie selig. Sie kniete bei ihm nieder, und strich ihm ganz leise und sacht mit den beiden kleinen Händen über den Kopf. Und der Hund saß da und machte sentimentale Augen. Und ich saß da und machte auch sentimentale Augen; dabei kribbelte es mir den Rücken auf und ab, ganz sonderbar; ich wußte nicht, was es war.
Es war mir nicht klar, ob dem Hund das Fressen lieber war, oder dieses sanfte Gestreichel; und wiederum war mir nicht klar, ob ich in das Restaurant ging, weil das Essen dort besser war, als anderswo, oder nur, weil ich zusehn wollte, wie die Lise den Hund liebkoste.
Ueberhaupt die Lise! — So ein liebes, kleines Maul hatte sie, so ein süß geschwätziges, und schneeweiße Zähne.
Wenn Einer niederschreiben wollte, was die Lise und ich mit einander plauderten, es wäre gewiß Blödsinn. Und doch war’s bezaubernd, unglaublich reizvoll, es war — —
Ach, ja!!
— — Ich bin solide geworden; ich habe mich verlobt, Geheimratstochter, steif, nobel, gute Partie. Als ich ihr meinen Hund zeigte, wandte sie sich schaudernd ab. Sie sagte: ein Hund dürfe ihr nie in’s Haus kommen. In »ihr« Haus; es gehört ihr, Sie hat viel Geld. Ich habe keines.
Ich liebe keine Szenen, Ich wollte den Hund verkaufen, aber die Race war zu mangelhaft; der Händler nahm ihn nicht.
Ich hätte ihn auch nicht verkaufen können, das Vieh sah mich mit seinen Menschenaugen so verflucht an.
Was tun? — Aber natürlich, der einzige Ausweg! Daß ich darauf nicht früher kam? — Ein Brief an die Lise, dazu etwas Steuer und Unterhalt; das Halsband schmückte ich, ihm mit einer roten Schleife. Gleich darauf war der Dienstmann mit Hund und Brief an die Lise unterwegs.
Der Hund war versorgt; die Lise schrieb mir!

Sehr geehrter Herr!
Ich danke Ihnen vielmals für den Hund, den ich sehr liebe. Er ist so brav und sieht mich immer so sonderbar an. Es ist sehr gut einen Hund zu haben, wenn man so allein ist, wie ich. Nun habe ich doch eine Unterhaltung, wenn ich nach Hause komme. Ich bin nämlich jetzt in einem Geschäft. Ich danke Ihnen nochmals vielmals.
Mit hochachtungsvollem Gruß
Lise Sch.

Ich wartete immer, ob der Hund nicht ein-mal zu mir laufen würde, und die Lise müßte ihn dann holen Aber er kam nicht.
Und ich dachte sehr viel an die Lise — nein, an den Hund — — — nein, an die Lise — —

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