Sonntag, 19. April 2015

Rosa Mayreder - Die Umwertung des Krieges



Die Umwertung des Krieges.
Von Rosa Mayreder.

Mitten im Kriege, während noch das Heldentum jener Ungezählten, die mit Leben und Gesundheit den furchtbaren Kampfpreis bezahlen, alle verdiente Huldigung und Bewunderung finden, mitten im Kriege hat sich dennoch unvermerkt eine Umwertung des Krieges auch bei den kriegsbeteiligten Völkern vollzogen. Verfolgt man die Reden der Machthaber nach dieser Richtung, so tritt diese geänderte Auffassung deutlich, wenn auch nicht durchwegs eingestanden, hervor. Nicht mehr als Ehre und Auszeichnung, wie in früheren Zeiten, wird der Krieg betrachtet, nicht mehr als ein Ereignis, das zum Glanz und Ruhm eines Staates unerlässlich ist, sondern als ein Unheil so verhängnisvoller Art, dass jeder der kriegführenden Staaten die Verantwortung dafür von sich abzuwälzen trachten muss. Wenn die Machthaber immer von Neuem beteuern, dieser Krieg werde nur geführt, um künftige Kriege zu verhüten, so ist das freilich nur ein Irrtum oder eine Lüge; denn Krieg erzeugt wieder Krieg, wie die Weltgeschichte beweist, und nur durch eine bewusste, planmässige Friedensarbeit im Frieden könnte der Krieg verhütet werden. Aber die symptomatische Bedeutung dieser Auffassung wiegt für die Umwertung des Krieges sehr schwer. Krieg ist nicht mehr Ehre und Ruhm — Krieg ist Schuld und Unheil ohne Mass; mit dieser Auffassung des Krieges durch die Machthaber hat der Pazifismus mitten im Kriege seinen grössten Sieg errungen.
Wir geben uns keiner Täuschung darüber hin, dass die Gründe, die eine solche Umwertung des Krieges und ihre tendenziöse Verwendung durch die Machthaber bestimmen, nur politisch-diplomatischer Natur sind und nicht einer tatsächlichen Verurteilung des Krieges aus ethischen Motiven entspringen; dennoch bilden sie für alle jene, deren tiefste Überzeugung damit ausgesprochen wird, eine neue wirksame Grundlage der Friedenspropaganda. Es gilt aber, die Konsequenzen dieser Auffassung mit Entschlossenheit zu ziehen, es gilt, eine unermüdliche Tätigkeit auszurüsten, um die letzten Ursachen zu entblössen, die Krieg bewirken, um den Kampf gegen sie zu organisieren. Können die grauenvollen Erlebnisse dieses Krieges das Gewissen der Kulturmenschheit so stark im Sinne einer Umwertung des Krieges beeinflussen, dass sie, was heute nur eine Waffe im diplomatischen Kampfe ist, künftig unerbittlich als Bekenntnis fordert, um über die Unterschiede der Nation und Klasse hinaus eine kriegsgegnerische Gemeinschaft zu stiften, dann wird der erste Schritt zu einer wirklichen Bekämpfung des Krieges geschehen sein. Dazu rufen wir auf: entschlossen, die Umwertung des Krieges als Grundlage der künftigen Kultur zu fordern, suchen wir schon heute die Gleichgesinnten in allen Ländern, um ihnen die Hand zur internationalen Verständigung zu bieten.

Aus den »Friedensheften« des Allg. österr. Frauenvereins

Stefan Zweig - Die vergeblichen Opfer



Die vergeblichen Opfer. 

Ein Wort steht heute in der Welt, in allen Ländern, bei allen Völkern und steht wider den Frieden, das Wort: »Sollen unsere Opfer vergeblich gewesen sein, sollen unsere Brüder umsonst gefallen sein?« Dies Wort steht in der Welt, steht überall gegen den Frieden des Ausgleiches und der Versöhnung, und darum müssen wir, die wir nicht den Worten verfallen wollen, aufstehen gegen dieses Wort. Die Toten, sie haben ihr Leben gegeben in einem Sinne der Aufopferung und Liebe, sollen ihre Leichen nun Waffen sein des Hasses, ihre Knochen, die auf allen Gefilden Europas bleichen, Argumente erneuten Krieges? Sind Tote etwas, das gemünzt werden kann mit Acker und Erde, Blut ein Element, das Gold wiederkaufen kann? Ich entsinne mich einer wunderbaren Zeile in dem Aufrufe meines Freundes Bazalgette »Europa«, der prophetisch und warnend zwei Jahre vor dem Kriege in Paris erschien: »In der Brust jedes einzelnen Menschen sind mehr Provinzen als ganz Elsass und Lothringen.« Unendliche solcher Provinzen hat die Welt, hat die Zukunft, hat Europa verloren, wollen wir mehr noch opfern, um ein paar Grenzsteine zu verschieben? Nein! Lasset die Toten die Toten begraben, die Lebendigen die Lebendigen retten, verschütten wir die Vergangenheit und mit ihr den un-ermesslichen Blutstrom, der aus Europas Herzen quillt. Fordern wir nicht neue Tote für die Toten, nicht noch strömendes Blut für das verströmte — töten wir das Wort vom »vergeblichen Opfer«! Denn nur dann war es vergeblich, wenn es nicht das letzte war, nur dann können sie ruhen, die Toten in ihrer Tiefe, wenn nicht neue und neue sich ihnen beigesellen, wenn über ihre Gräber eine vereinte, brüderliche und dem (Zensurlücke) Mord für ewig entwundene Menschheit hinschreitet.

Stefan Zweig.


Aus den »Friedensheften« des Allg. österr. Frauenvereins.

Walter Serner - Inferno

Walter Serner - Inferno Inferno Ein Schreien, das widersetzlich beginnt, wenn es am laute­sten wird, vor Wut sich überschlägt und ...