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Stefan Zweig - Die vergeblichen Opfer



Die vergeblichen Opfer. 

Ein Wort steht heute in der Welt, in allen Ländern, bei allen Völkern und steht wider den Frieden, das Wort: »Sollen unsere Opfer vergeblich gewesen sein, sollen unsere Brüder umsonst gefallen sein?« Dies Wort steht in der Welt, steht überall gegen den Frieden des Ausgleiches und der Versöhnung, und darum müssen wir, die wir nicht den Worten verfallen wollen, aufstehen gegen dieses Wort. Die Toten, sie haben ihr Leben gegeben in einem Sinne der Aufopferung und Liebe, sollen ihre Leichen nun Waffen sein des Hasses, ihre Knochen, die auf allen Gefilden Europas bleichen, Argumente erneuten Krieges? Sind Tote etwas, das gemünzt werden kann mit Acker und Erde, Blut ein Element, das Gold wiederkaufen kann? Ich entsinne mich einer wunderbaren Zeile in dem Aufrufe meines Freundes Bazalgette »Europa«, der prophetisch und warnend zwei Jahre vor dem Kriege in Paris erschien: »In der Brust jedes einzelnen Menschen sind mehr Provinzen als ganz Elsass und Lothringen.« Unendliche solcher Provinzen hat die Welt, hat die Zukunft, hat Europa verloren, wollen wir mehr noch opfern, um ein paar Grenzsteine zu verschieben? Nein! Lasset die Toten die Toten begraben, die Lebendigen die Lebendigen retten, verschütten wir die Vergangenheit und mit ihr den un-ermesslichen Blutstrom, der aus Europas Herzen quillt. Fordern wir nicht neue Tote für die Toten, nicht noch strömendes Blut für das verströmte — töten wir das Wort vom »vergeblichen Opfer«! Denn nur dann war es vergeblich, wenn es nicht das letzte war, nur dann können sie ruhen, die Toten in ihrer Tiefe, wenn nicht neue und neue sich ihnen beigesellen, wenn über ihre Gräber eine vereinte, brüderliche und dem (Zensurlücke) Mord für ewig entwundene Menschheit hinschreitet.

Stefan Zweig.


Aus den »Friedensheften« des Allg. österr. Frauenvereins.

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