Emma Müllenhoff - Ginsterblüten

Emma Müllenhoff - Ginsterblüten

Fritz von Wille - Ginsterblüte in der hohen Eifel


Drüben am Bahndamm waren sie aufgebrochen in einer einzigen Nacht. Es war, als wenn eine goldene Flamme am Hang emporzüngle, als wenn sie mit ihrer leuchtenden Pracht alle anderen Farben zurückdränge, als wenn sie in tausend und aber Tausend schimmernden Blüten sage vom Leben, vom glühenden, sprühenden, sich in Feuer verzehrenden Leben. Und doch wußten sie nichts vom Leben, die kleinen, sich aneinander drückenden, vom Winde leise bewegten, vom Nachttau noch glänzenden Blüten. Wenn sie es gekannt hätten, sie hätten die strahlenden Köpfe ein wenig demütiger getragen und nicht geflüstert und miteinander gelacht, als wenn auf der Welt nichts Ernstes und Nachdenkliches zu finden wäre. So wenigstens sagte der Schienenstrang, der dicht an ihnen vorüberlief; so sagten mit leisem Surren die Telegraphendrähte, und sie mußten es wissen; denn sie gingen mitten in das Leben hinein, ja gewissermaßen hatten sie dem Leben vorwärts zu helfen. Das behaupteten sie selbst, und wer hätte ihnen widersprechen wollen?
Drüben die Tanne, die mit ihren Zweigen das Weichenwärterhäuschen berührte, sah aus, als wenn sie vom Leben zu jagen wisse; aber sie gehörte zu den schweigsamen Naturen, und nur, wenn der Wind durch ihre Nadeln strich, daß sie etwas von sich gaben wie einen ziehenden, singenden Ton, wandte man zu ihr die Blütenköpfe. Und die Steine, die droben unter der Eiche wie zu einem unförmigen Tisch geschichtet lagen, hatten etwas so Feierliches und Gehaltenes, daß man nicht wagte, mit neugierigen Fragen an sie heranzutreten, wenigstens heute noch nicht.
Im Grunde wollte man sich ja auch nicht erzählen lassen. Man wollte sehen, erleben! Mit seinen Freuden, die ungezählt sein mußten, mit seinen Ueberraschungen, die man nicht auszudenken vermochte, mit seinen Geheimnissen, die für sie keine Geheimnisse bedeuten sollten, mußte das Leben mitten in die Blüten hineintreten, sich ins Herz blicken lassen, sich ihm geben, wie es war. Und mußte es nicht in einer wundervollen Vielgestaltigkeit etwas an sich tragen, das der brennenden Glut ihrer eigenen Farbenschönheit glich?
»Ihr hättet zu einer anderen Zeit auf die Erde kommen müssen, wenn Ihr nur von ihrem Schaum zu trinken begehrtet,« sagte mit einemmal die Tanne, und es ging ein so scharfes Flirren durch ihre Nadeln, daß es wie ein Tadel klang, »nicht heut, wo jeder Tag in einem blutroten Kleide schreitet, wo das Dunkel über der Welt liegt, das Leid, das im Gefolge eines Krieges geht. Sein Herz ist von Eisen wie der Schienstrang drüben, und wo ein Fuß tritt, erlischt das Leben, als sei es nie gewesen. Ja, schlimmer, als könne es nie wieder werden. Die Männer, die es auf ihren starken Schultern tragen, gehen in den Tod, und die, die Männer zu werden bestimmt sind, nach den Gesetzen der Natur, haben nicht Zeit, die Wurzeln in die Erde zu senken, und von ihrer nie versiegenden Fülle in sich aufzunehmen.«
Die Blüten ließen die feinen Köpfe hängen; warum ward ihnen gegeben, in das Licht des Tages zu blicken zu einer Zeit, da das Leben kein Leben war? Sie werden gehen müssen, ohne es gekannt zu haben. Die Fragen ihrer brennenden Seele werden keine Antwort finden. Und der Krieg, der so die Verneinung alles Lebens war, würde er den ehernen Fuß nicht auch auf diesen Boden setzen und alles Leuchtende in den Grund stampfen?
Das Licht lag flimmernd über dem gelben Sand des Bahndammes. Er blendete, daß man schon lieber die Augen nicht mehr öffnete. Wozu auch, wenn doch das Leben nicht kam, nicht kommen konnte! Und sie standen regungslos und hielten ihre goldenen Kronen unbewegt in die Lichtfülle hinein.
Da horch, ein Trappeln kleiner Füße! Ein Jauchzen wie von frohen Stimmen. Freilich, es waren nur ein paar Kinder. Sie kletterten droben auf die Steine; ein magerer Junge, hochaufgerichtet, stemmte die nackten Füße auf die granitnen Platten. »Hier ist einmal Gericht gehalten worden,« sagte er mit seiner hohen Kinderstimme, die sich im Schreien einmal überschlug; »ich habʼs gelesen in dem alten Buch, und hier wollen wir wieder Gericht halten: Steffen Wiemer hat meine Aufgabe abgeschrieben und sie dem Lehrer als seine eigene gezeigt. Das ist Diebstahl, und auf Diebstahl gehört Hängen oder was Aehnliches.« »Hängen ist gemein,« sagte ein Aelterer, die Hände in den Taschen seiner verwaschenen Hose. »Und ich mag den Kerl auch nicht bammeln sehen; aber eine Tracht Prügel mit dem Weißdornstock! Ehʼ Vater nach Rußland ging, hat er gesagt, ich solle aufpassen, daß hier nichts drüber und drunter geht. Und ich passʼ auf.« Und er blieb stehen, den Nacken gegen den Stamm des Baumes gelehnt, auch nachdem sich die anderen spielend in Haus und Garten verloren hatten.
Wie seltsam sich die Stille vertiefte und wieder belebte: ein Dröhnen und Stampfen, ein Pusten und Klappern. Ein Rollen wie von lang anhaltendem Donner. Ein Zug kam über den Schienenstrang. Ach, wenn es nur nicht so schnell gegangen wäre! Man konnte in der fließenden Minute so wenig in sich aufnehmen: ein paar Frauen mit Körben und Taschen, da, bei herabgelassenem Fenster, Männer, viele Männer, unabsehbar viele Männer. Grau der eine wie der andere. Wie sie grüßten und winkten! Wie es um ihre bärtigen Lippen zuckte! Man konnte nicht unterscheiden, ob sie einen Wunsch murmelten oder einen Gruß oder — — — Der Junge war mit einem Satz vom Stein gesprungen. Die beiden Arme hoch über den Kopf erhoben, rannte er den Hang hinunter, mitten in die Blüten hinein. Er trat sie unter die Füße. »Ich komm auch mal,« schrie er mit gellender Stimme, »sagt es dem Vater, ich komm auch mal.« Und er warf sich zu Boden und vergrub den Kopf in die goldenen Kelche der Blumen. Die neigten sich über ihn, strichen mit ihren feinen Blütenblättern über seine wirren Locken und sahen mit Antwort suchenden Blicken zur Tanne hinüber; war es nicht doch, als habe mit leisem Flügel das Leben sie gestreift? Aber die Tanne sah geradeaus, dahin, wo im Garten die Frau die Kinderhemden über den Zaun hängte. Sie sagte nichts.
Ein paar Mädchen mit Schulmappen zogen drüben an der Straße vorüber. Die vordere im schwarzen Kleidchen hielt sich ein wenig gesondert und so, als sei sie mehr als die übrigen. Zwei Arbeiter, eine Karre vor sich herschiebend, mit Gerät beladen,  kamen an dem Bahnkörper entlang. Es mochte irgendwo ein Schade ausgebessert sein. Der eine, dem der Schweiß auf dem braunen Gesicht stand, hielt plötzlich inne und sagte, während sein Blick sich ins Weite verlor: »In zehn Tagen komm ich auch raus, weiß nicht, obʼs noch so was gibt wie ein Heimwärtsfahren. Und wenn nicht, und du denkst über Margreth noch wie früher; freilich, die zwei Kinder sind nun da.« Der andere ergriff die Karre, die der erste hatte stehen lassen, er nickte nur. Schweigend, Seite an Seite, gingen sie an dem schimmernden Gleise entlang.
Schwalben kamen über die Felder geschossen und wiegten sich in der klaren Luft. Dann setzten sie sich zum Ruhen auf die Telegraphendrähte. »Das Leben ist schön,« sangen sie. »Keiner kennt eine Süße wie wir. Die Lüfte sind unser Reich. Die Sonne ist unsere Mutter. Sie küßt uns mit ihren Strahlen von Gold. Die Wolken, die im Blau an uns vorüberziehen, sind gleich Träumen der Seligen. Wir kennen die Träume, auch die, die über klare Kinderstirnen fahren, auch die, die über stille Kissen streichen, die am Morgen feucht sind von Tränen. Wir sehen ihnen ins Herz. Wir küssen ihnen die Sehnsucht aus der Seele und tragen sie auf unseren Flügeln dahin, wo es kein Sehnen mehr gibt.« Und fort flogen sie, der Sonne, ihrer leuchtenden Mutter entgegen.
Und die Sonne sank tiefer. Wie eine glühende Scheibe lag sie auf dem Dach des kleinen Stationsgebäudes, und aus ihrer Lichtwelle heraus kletterten zwei Jungen die Böschung herauf. Sie mochten aus der Stadt herübergekommen sein, deren Dunstkreis sich am Horizont abhob. »Wir haben noch eine halbe Stunde Zeit, und hier ist es schöner als im Wartezimmer,« sagte der eine und warf sich in das Meer wogender Blüten, »hier ist lauter Duft. Als wir zuletzt hier waren, weißt du noch, hast du mir aus deinem Heft vorgelesen; ob du das Heft auch heut mit hast?« Der andere nickte. »Es ist nichts Gescheidtes hineingekommen. So nachsagen was andere erleben oder erleben wollen, ist nichts. Und was erlebe ich groß?« Und er blickt auf einen einen Fuß nieder, den er im Gehen ein wenig ziehen muß. »Pah, was man so mit Armen und Beinen erlebt! Lies nun!« Da las er:

Und weißt du, wie ich kämpfe in den Nächten,
Da heiß die Dämmʼrung an den Fenstern liegt,
Und weißt du, wie ich ringe mit den Mächten,
Von denen jede doch im Dunklen siegt,
Und weißt du, wie das Blut der Millionen
In meinen jungen Adern wogend kreist,
Und weißt du, wie der Donner der Kanonen,
Der nie vernommʼne, mir das Herz zerreißt?

Er hatte sich jäh emporgerichtet: »Es taugt nicht, das zu lesen,« sagte er hart, »und unser Zug muß auch gleich da sein.« Die Blumen waren leise zusammengeschauert. Sie hatten sich dicht auf die Blätter des Buches geneigt gehabt. Jetzt zogen sie sich wie in keuscher Scheu zurück. Sie blickten sich nicht mehr nach der Tanne um. Wenn dies Tod war und nicht Leben, wie mochte dann jenes ausschauen, und würde man einen Anblick, seine strahlende Helle ertragen? Vielleicht hatte die Sonne recht getan, sie an diesem Tage zum Dasein zu erwecken; vielleicht war der Regen der vorangehenden Nächte deshalb auf ihre Knospen niedergeströmt, um sie diese Stunde nicht versäumen zu lassen. Und war der Krieg wirklich die Vernichtung, wie die Tanne meinte, und sollten nicht unter einem stählernen Visier am Ende die Züge des Lebens, fester, tiefer — — ach, nein, es waren gewiß nicht ihre Gedanken, die so zu halbem Bewußtsein erwachten. Es mußte der sanfte Hauch der Abendwolken sein, der mit seinem Schimmer das Furchtbare wie mit einem milden Duft umkleidete. Es mußte die klare Sichel des Mondes sein, die mit ihren silbernen Fäden Hohes und Tiefes verband und die weiche Fülle ihrer traumhaften Schöne wie eine Gloriole legte um Niederes und Erdgebundenes.
Und nun kam die Nacht und setzte jedem Erleben ein Ziel, und führte in das Land des Vergessens und breitete ihre stillen Schleier über Leben und Tod, über Sein und Nichtsein. Wie rasch die Mondschale höher stieg. Es schien von ihr herabzufließen wie lauter Tropfen des Ueberflusses. Es schien über ihren Rand zu rinnen wie silberner Tau. Die feinen Gräser am Rande der Böschung trugen auf ihrem Haupte etwas wie ein schimmerndes Leuchten. Die Steine droben unter dem Baum strahlten wie eherne Gesetzestafeln, und nur, wo sich der Weg unter den Bäumen hinzog, verlor er sich wie in ein geheimnisvolles Dämmern. Und die Blumen hatten ihre Augen auf diese Dämmerung gerichtet, als sie sich teilte und zwei Gestalten hervortreten ließ, die dicht nebeneinander schritten; aber ohne sich zu berühren. »Ich habe dir unrecht getan, Gott weiß es, und seit die andere mein Weib geworden, sehe ich keinen Weg, es zu bessern.« Und er hatte die graue Mütze vom Kopf genommen und sah zu der Sichel des Mondes auf, die sein Gesicht mit den festen Zügen weiß erscheinen ließ. »Das Kind ist tot,« sagte die Frau, und es brach wie ein Schluchzen aus ihrer Stimme. »Es wird dir keine Ungelegenheiten mehr machen.« Er griff nach ihrer Hand. »Das war es nicht, was ich meinte, auch nicht, daß meine Schuld weniger schwer wiege, weil ich dir die Ehe nicht versprochen hatte, — — meine Liebe —«; er hielt inne und blickte wie verloren auf den Weg, auf dem jetzt jedes Blättchen, jeder Kiesel von dem höher steigenden Licht wie mit einem goldenen Krönchen geschmückt war. »Es war eine Nacht wie die heutige, Maria.« Sie nickte. Eine unerklärliche Weichheit lag um ihren Mund; aber sie sprach nicht. Das Schweigen stand zwischen ihnen wie der Duft dieser lichterfüllten Stunde, wie etwas, das sie verband, nicht trennte.
»Als ich da draußen lag,« sagte er endlich, und es war, als ob er jedes Wort mühsam hervorsuche, »als ich da draußen lag zwischen aufschlagenden Granaten, war es nicht der Tod, vor dem mir bangte; was hätte er mir bedeuten sollen; aber daß ich da drüben den Augen des Kindes begegnen müßte, das ich nie gesehen, und daß in diesen Augen etwas stehen würde —« »Nein, nein,« fiel sie ein; »das Kind wußte es besser. Wenn ich es auf meinen Armen emporhielt, daß die Blätter des Nußbaumes sein Gesicht streiften, und es vor Lust jauchzte, habe ich leise an einem Ohr, nur ihm und mir vernehmbar, gesagt: Vater. Wenn ich es an die Brust hob und ihm gab, was nur ich ihm zu geben vermochte, wenn ich ihm die Sonnenstrahlen wies, die an unseren Wänden tanzten, habʼ ich in seine Seele hineingesprochen das Wort, das ihm das teuerste werden sollte. Nachher, dann kam es ihm selbst, daß es bei allem, das gut, das zur Freude gemacht schien, den Kopf an meine Schulter legte und leise und mit einem halben Lächeln sagte — — —«
»Und du sollst auch nicht sterben,« fuhr sie fort, da sie sah, daß seine Schultern zuckten, wie unter einer Anklage, »denke daran, daß du ein anderes Kind hast, das deinen Namen trägt, das den Vater jetzt nötig hat, mehr als das meine.« Sie war ein wenig von ihm zurückgetreten, den Arm um einen Zweig des Baumes geschlungen, stand sie unbeweglich, die Wellen des Lichtes drängten sich um ihren Nacken, um die feinen Linien, die sich vom Mund zum Kinn zogen. »Wenn diese Nacht gewesen ist, werden wir uns nicht mehr sehen«, sprach sie, und jedes ihrer Worte war wie ein Tropfen fallenden Taues, »nie mehr; aber etwas wird zwischen uns hin und her gehen, wie der Geist des Kindes, wie eine leise Mahnung an — —«. Er hatte sich erhoben und war neben sie getreten, jeder seiner Züge bebte vor Erregung. »Was du mir in dieser Nacht gegeben, war mehr als damals, Maria, unendlich viel mehr; weißt du, wieviel?« Sie lächelte. In diesem Lächeln lag ein kleiner Schmerz und eine große Hoheit: »Lebewohl!« sagte sie nur, und ohne die Hand nach ihm auszustrecken, ohne den Kopf zu wenden, ging sie den schmalen Steig entlang, der sich in wenig Minuten hinter der Böschung des Weges verlor.
Einen Augenblick hatte es ausgesehen, als wenn er ihr folgen wolle; dann sich besinnend, hatte er die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen. Als er den Hang mit den goldenen Blüten des Ginsters überschritt, bückte er sich wie einem plötzlichen Trieb gehorchend, brach ein paar der Stengel und barg sie in dem Beutel, der auf einer Brust hing.
Ein Schauer rieselte über den zarten Körper der Pflanzen, und als sie noch einmal die Köpfe wandten, um der entschwindenden Gestalt des Mannes nachzuschauen, stand auf den silbernen Steinen das Leben selbst und hatte über Tod und Schuld hin die Augen, die tiefen, unergründlichen Augen zum Licht erhoben.

Emma Müllenhoff, Ginsterblüten, In: Die Hilfe, Zeitschrift für Politik, Wirtschaft und geistige Bewegung, Nr. 23 (1917), S.348f.

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