Donnerstag, 24. Dezember 2015

Karl Frohme – Gib uns unser täglich Brot!

Karl Frohme – Gib uns unser täglich Brot!
Ein Weihnachtsbild.
1877

Georg Frederic Watts -  Death Innocence


Heil'ger Abend ist's zur Weihnacht. In den Landen weit und breit
Kündet es der Kirchenglocken eh'rner Ruf der Christenheit,
Daß sie nach der Engel Mahnung mög' vergessen all ihr Weh,
Daß sie fröhlich sei und juble: »Ehre sei Gott in der Höh'
Und der Friede allen Menschen, die da guten Willens sind,
Weil zu Bethlehem geboren das verheiß'ne Gotteskind;
Der Messias, der Erlösung von der Sünde Schulden bringt,
Der gebenedeite Heiland – jauchze Erde, Himmel singt!« –
Schöne Worte, fromme Mythe! Weiter nichts! Die Menschheit, ach,
Bangt und seufzet ja noch immer in der alten Not und Schmach!
Guten Willens sind wohl viele, aber eine Utopie
Ist trotzdem der holde Friede und der Herzen Harmonie.
Statt Erlösung neue Knechtschaft, wert des Fluches mehr noch fast,
Wie die vor zweitausend Jahren; neue, schwere Sündenlast.
Menschen, Christen – jauchzt ihr wirklich allesamt ohn' Unterschied?
Nein, o nein! für Millionen klingt kein Weihnachtssegenlied,
Von des Jammers schweren Lasten wird nicht ihre Seele frei,
Hört die Welt denn nicht erbebend ihres Elends Fluchgeschrei?
Könnt' zu einem Gott ich beten, und es schlüge an mein Ohr
Dieser Jammer, dieses Schreien, dieser grause Elendschor,
Ließ ich wohl die Hände sinken, schaut' nicht mehr zu Himmelshöh'n,
Und bemühte mich, den Teufel auf der Erde zu versteh'n,
Der gemeinen Selbstsucht Dämon, der da ohne Ruh' und Rast
Allgewärtig, ohn' Erbarmen, grausam seine Opfer faßt,
Um zu quälen, zu zerrütten ihren Körper, ihren Geist,
Und sie nimmer loszulassen, bis der Tod sie ihm entreißt.
Menschen, Ebenbilder Gottes, kommt, ich zeig' euch unverhüllt,
Wie an zweien euresgleichen sich das Elendslos erfüllt!


* * *


Abend ist's, doch welch' ein Abend! Rauher Wind vom Norden her
Häufet ob der bangen Erde Wolkenmassen, regenschwer,
Die verbergen alle Sterne, keiner winkt mit mildem Schein,
Gleich als müsse zu der Weihnacht die Natur in Trauer sein.
Auf entleg'nem öden Landweg eine Frau mit ihrem Kind
Schreitet langsam, wankend vorwärts gegen Regenflut und Wind.
Ihre hageren, siechen Leiber deckt kein festes wärmend Kleid,
Dürftig in des Elends Lumpen eingehüllet sind sie beid'!
»Mutter,« fleht das Knäblein zitternd, »Mutter, nimm mich auf den Arm!
Bin so kalt und habe Hunger, gib mir Brod und mach' mich warm.«
Seufzend hält die Mutter inne, hebt das Kind empor und spricht,
Es in ihre Arme schließend: »Komm', ja komm', doch weine nicht!
Bald geb' ich dir auch zu essen, halt nur noch ein wenig aus.«
D'rauf das Knäblein: »Aber kommen wir denn bald auch an ein Haus?«
»Ja, ich seh' schon eins dort hinten, dort am Wald, es ist ganz nah,
Nur noch wenige Minuten, liebes Kind, und wir sind da.«
Und das Kind schlingt seine Aermchen um der Mutter Hals; die preßt
Es an ihren kalten Busen, schmerzdurchschauert, krampfhaft fest,
Wanket mit der teuren Bürde ihrer Liebe wieder fort.
Doch nicht lang' und wieder fragt es: »Mutter, sind wir nicht bald dort?«
Dort, wo dort denn? Knäblein, wo denn? Ach, kein Haus am Walde ist
Und dahinter auch noch keines! Mutters Trost war eine List,
Deiner Tränen Lauf zu stillen, die wie Tropfen glühend Erz,
Unnennbare Qual bereitend, fielen auf ihr wundes Herz.
Doch die Hoffnung, dich zu bergen unter einem sichern Dach,
Dir zur Stärkung Brot zu reichen, die ist in ihr selbst noch wach.
Menschen, meint sie, wird sie finden, die um der Barmherzigkeit,
Um der Liebe Gottes willen ihr zu helfen sind bereit.
Weiter keucht sie, immer weiter, indes sie zusammenrafft,
Der Verzweiflung nah', die letzten Reste ihrer schwachen Kraft.
Aber öder wird die Gegend, ringsumher nur tote Flur,
Von der Menschen Wohnstatt nirgends, nirgends eine leise Spur.
Und beschwerlicher und enger wird der Weg, er windet sich
Hin durch Steingeröll und Schollen – Weib, ach, wohin führt er dich?
Da, horch auf! Hast du's vernommen? Raben krächzen durch den Sturm,
Und am Tann dort, sieh, ganz nahe, hebt sich's wie ein mächt'ger Turm
Aus dem Dunkel in die Lüfte. Vorwärts, dorten findest du
Wohl noch Menschen, die nicht weigern Brot und eine kurze Ruh.
Und die Arme mit dem Kinde wieder schneller weiterstrebt,
Achtend nicht des Wegs Beschwerde, Hoffnung hat sie neu belebt.
Bald erreicht sie das Gebäude, Raben kreisen da herum
Heiser krächzend, doch sonst bleibet alles tot und alles stumm.
Wie die Frau auch angstvoll lauschet, keiner Menschenstimme Laut
Trifft ihr Ohr; wie sie auch spähet, keinen Lichtstrahl sie erschaut;
Ihren Ruf verhöhnt das Echo aus dem finstern Mauernest,
Einer längst zerstörten Zwingburg fluchumwebter Ueberrest.
Ach, das heißt betrog'nes Hoffen, heißt Enttäuschung! Jammernd Weib,
Wohin willst du hier denn betten dein und deines Kindes Leib?
Woher willst du Brot hier nehmen? Höre, selbst der Rabenchor
Hat vor Hunger ja nicht Ruhe, krächzet »Hunger« dir ins Ohr.
Irr'nden Blicks erschaut die Mutter, lehnend an der Mauer Rand,
Gottes Sohn am Kreuz, den Heiland, der Erlösung Unterpfand.
Und sie wirft sich vor ihm nieder mit dem Kind zur Seit' und fleht:
»O, allgütiger Erlöser, dessen Fest man heut' begeht,
Heiland, der für uns gestorben, o, erbarm, erbarm dich mein,
Mein und des unschuld'gen Kindes, laß uns nicht verloren sein!
Der du Himmel, Erd' und Menschen durch dein Wort hervorgebracht,
Rette, rette, send' uns Hilfe, steh uns bei in dieser Nacht!«
– – – – – – – – – –


Steigt des Mutterherzens Beten nicht empor zum Himmelsthron?
Wird solch brünstig Fleh'n erhören Gottes eingeborner Sohn?
Wird er nicht hernieder steigen von dem Kruzifix am Turm?
Antwort krächzen grimm die Raben durch den immer wild'ren Sturm.
– – – – – – – – – –


»Mutter, Mutter, will auch beten,« seufzt das Kind, und faltet fromm
Seine eisigkalten Händchen: »Lieber Jesus Christus komm,
Komm und hilf uns, denn wir hungern, und es ist so bitter kalt,
Und wir sind so krank, so müde, komm, o komm und hilf uns bald.«
Fester schmiegt sich's an die Mutter, die beim »Vater unser« ist,
Wimmernd stammeln ihre Lippen: »der du in dem Himmel bist«,
Und so fort bis zu der Bitte: »Gib uns unser täglich Brot«,
Da fällt ein des Kindleins Jammern: »Lieber Gott, ja, gib uns Brot«.
Und die Mutter schluchzend endet: »Mach von unsrer Schuld uns rein,
Wie auch wir von ganzem Herzen unsern Schuldigern verzeihn.«
– – – – – – – – – –


Herr im Himmel, Allerbarmer, heiliger, gerechter Gott,
Rede du, du Macht der Wunder, wehr' des Rabenschreies Spott;
Hilf dem Weib und ihrem Kinde, die sich gläubig dir vertraun
In des Elends Furienhänden, lasse sie ein Wunder schau'n,
Neig dein Ohr der Mutter letztem himmelstürmendem Gebet:
»Großer Gott, erhör die Mutter, die fürs arme Kindlein fleht!
Der du einst durch einen Raben dem Elias sandtest Brot,
Dem Propheten in der Wüste, schütz auch uns vorm Hungertod;
Sende deiner Engel einen, der uns aus dem Wettergraus
Führt zu guten, milden Menschen, in ein gastlich warmes Haus!«
– – – – – – – – – –


Wieder das Gekrächz von oben. Und das Heilandsbildnis schwankt
In dem zähen Epheunetze, das es schützend hält umrankt.
Und des Kreuzes Aechzen mischt sich in der Armen Schmerzgestöhn,
Ihres Dulder-Schicksals Ende hat der nächste Tag gesehn.
– – – – – – – – – –


Ob ein Engel wohl gekommen? Ja, der Todesengel kam,
Der die Mutter mit dem Kinde in das Reich des Friedens nahm.
Engumschlossen, eiserstarrt, man am Kruzifix sie fand,
Als der Weihnachtsmorgen graute nach der Sturmnacht überm Land.
– – – – – – – – – –


Könnt' zu einem Gott ich beten, und es schlüge an mein Ohr
Der enterbten Millionen grausenhafter Schmerzenschor –
Ließ' ich wohl die Hände sinken, schaut' nicht mehr zu Himmelshöh'n,
Und bemühte mich, den Teufel auf der Erde zu versteh'n.

Dienstag, 22. Dezember 2015

Klabund – Bürgerliches Weihnachtsidyll

Klabund – Bürgerliches Weihnachtsidyll.

Corinth - Stehender Mädchenakt


Was bringt der Weihnachtsmann Emilien?
Ein Strauß von Rosmarin und Lilien.
Sie geht so fleißig auf den Strich.
O Tochter Zions, freue dich!

Doch sieh, was wird sie bleich wie Flieder?
Vom Himmel hoch, da komm ich nieder.
Die Mutter wandelt wie im Traum.
O Tannenbaum! O Tannenbaum!

O Kind, was hast du da gemacht?
Stille Nacht, heilige Nacht.
Leis hat sie ihr ins Ohr gesungen:
Mama, es ist ein Reis entsprungen!

Papa haut ihr die Fresse breit.
O du selige Weihnachtszeit!

Montag, 21. Dezember 2015

Gustav Meyrink – Blamol

Gustav Meyrink – Blamol

Hannelore Schwedes, Tanzende Kraken (mit freundlicher Genehmigung copyright 2011 Hannelore Schwedes)


»Wahrhaftiglich, ohne Betrug und gewiß,
ich sage dir: so wie es unten ist, ist es
auch oben.«

Tabula smaragdina.

Der alte Tintenfisch saß auf einem dicken blauen Buche, das man in einem gescheiterten Schiffe gefunden, und sog langsam die Druckerschwärze heraus.

Landbewohner haben gar keinen Begriff, wie beschäftigt so ein Tintenfisch den ganzen Tag über ist.

Dieser da hatte sich auf Medizin geworfen, und von Früh bis Abend mußten die beiden armen kleinen Seesterne, – weil sie ihm soviel Geld schuldig waren, – umblättern helfen.

Auf dem Leibe, – dort wo andere Leute eine Taille haben, trug er einen goldenen Zwicker – ein Beutestück. Die Gläser standen weit ab – links und rechts –, und wer zufällig durchsah, dem wurde gräßlich schwindelig.

– – – – Tiefer Friede lag ringsum. – –

Mit einem Male kam der Polyp angeschossen, – die sackförmige Schnauze vorgestreckt, die Fangarme lang nachschleppend wie ein Rutenbündel, und ließ sich neben dem Buche nieder. – Wartete, bis der Alte aufschaute, grüßte dann sehr tief und wickelte eine Zinnbüchse mit eingepreßten Buchstaben aus sich heraus. –

»Sie sind wohl der violette Pulp aus dem Steinbuttgäßchen,« nickte gnädig der Alte, – »richtig, richtig, habe ja Ihre Mutter gut gekannt, – geborene ›von Octopus‹. (Sie, Barsch, bringen Sie mir 'mal den Gothaschen Polypenalmanach her.) Nun, was kann ich für Sie tun, lieber Pulp?«

»Inschrift, – ehüm, ehüm – Inschrift – lesen,« hüstelte der verlegen (er hatte so eine schleimige Aussprache) und deutete auf die Blechbüchse. –

Der Tintenfisch stierte auf die Dose und machte gestielte Augen wie ein Staatsanwalt:

»Was sehe ich, – Blamol! – Das ist ja ein unschätzbarer Fund – gewiß aus dem gestrandeten Weihnachtsdampfer? – Blamol – das neue Heilmittel, – je mehr man davon nimmt, desto gesünder wird man!

»Wollen das Ding gleich öffnen lassen. Sie, Barsch, schießen Sie mal zu den zwei Hummern rüber, – Sie wissen doch, Korallenbank, Ast II, Brüder Scissors, – aber rasch.«

Kaum hatte die grüne Seerose, die in der Nähe saß, von der neuen Arznei gehört, huschte sie sogleich neben den Polypen: – – Ach, sie nahm sie so gerne ein; – ach, für ihr Leben gern! –

Und mit ihren vielen hundert Greifern führte sie ein entzückendes Gewimmel auf, daß man kein Auge von ihr abwenden konnte. –

Hai – fisch! – war sie schön! Der Mund war ein bißchen groß zwar, doch das ist gerade bei Damen so pikant.

Alle waren vergafft in ihre Reize und übersahen ganz, daß die beiden Hummern schon angekommen waren und emsig mit ihren Scheren an der Blechbüchse herumschnitten, wobei sie sich in ihrem tschnetschenden Dialekt unterhielten. –

Ein letzter Ruck, und die Dose fiel auseinander.

Wie ein Hagelschauer stoben die weißen Pillen heraus und – leichter als Kork – verschwanden sie blitzschnell in die Höhe.

Erregt stürzte alles durcheinander: »Aufhalten, aufhalten!«

Aber niemand hatte rasch genug zugreifen können. Nur der Seerose war es geglückt, noch eine Pille zu erwischen, die sie schnell in den Mund steckte.

Allgemeiner Unwillen; – am liebsten hätte man die Brüder Scissors geohrfeigt.

»Sie, Barsch, Sie haben wohl auch nicht aufpassen können? – Wozu sind Sie eigentlich Assistent bei mir?!

War das ein Schimpfen und Keifen! Bloß der Pulp konnte kein Wort herausbringen, hieb nur wütend mit den geballten Fangarmen auf eine Muschel, daß das Perlmutter krachte.

Plötzlich trat Totenstille ein: – Die Seerose!

Der Schlag mußte sie getroffen haben: sie konnte kein Glied rühren. Die Fühler weit von sich gestreckt, wimmerte sie leise.

Mit wichtiger Miene schwamm der Tintenfisch hinzu und begann eine geheimnisvolle Untersuchung. Mit einem Kieselstein schlug er gegen einen oder den andern Fühler oder stach hinein. (Hm, hm, Babynskisches Phänomen, Störung der Pyramidenbahnen.) Nachdem er schließlich mit der Schärfe eines Flossensaumes der Seerose einige Male kreuz und quer über den Bauch gefahren war, – wobei seine Augen einen durchdringenden Blick annahmen, – richtete er sich würdevoll auf und sagte: »Seitenstrangsklerose. – Die Dame ist gelähmt.«

»Ist noch Hilfe? Was glauben Sie? Helfen Sie, helfen Sie, – ich schieß rasch in die Apotheke,« rief da das gute Seepferd.

»Helfen?! – Herr, sind Sie verrückt? Glauben Sie vielleicht, ich habe Medizin studiert, um Krankheiten zu heilen?« – Der Tintenfisch wurde immer heftiger, – »mir scheint, Sie halten mich für einen Barbier, oder wollen Sie mich verhöhnen? Sie, Barsch, – Hut und Stock, – ja!«

Einer nach dem andern schwamm fort: »Was einen hier in diesem Leben doch alles treffen kann, schrecklich – nicht?«

Bald war der Platz leer, nur hin und wieder kam der Barsch mürrisch zurück, nach einigen verlorenen oder vergessenen Dingen zu suchen.

* * *

Auf dem Grunde des Meeres regte sich die Nacht. Die Strahlen, von denen niemand weiß, woher sie kommen und wohin sie entschwinden, schwebten wie Schleier in dem grünen Wasser und schimmerten so müde, als sollten sie nie mehr wiederkehren.

Die arme Seerose lag unbeweglich und sah ihnen nach in herbem Weh, wie sie langsam, langsam in die Höhe stiegen.

Gestern um diese Zeit schlief sie schon längst, zur Kugel geballt, in sicherem Versteck – und jetzt! – Auf offener Straße umkommen zu müssen, wie ein – Tier! – Luftperlen traten ihr auf die Stirne.

Und morgen ist Weihnachten!!

An ihren fernen Gatten mußte sie denken, der sich, weiß Gott wo, herumtrieb. – Drei Monate nun schon Tangwitwe! wahrhaftig, es wäre kein Wunder gewesen, wenn sie ihn hintergangen hätte.

Ach, wäre doch wenigstens das Seepferd bei ihr geblieben! –

Sie fürchtete sich so! –

Immer dunkler war es, daß man kaum mehr die eigenen Fühler unterscheiden konnte.

Breitschultrige Finsternis kroch hervor hinter Steinen und Algen und fraß die verschwommenen Schatten der Korallenbänke.

Gespenstisch glitten schwarze Körper vorüber – mit glühenden Augen und violett aufleuchtenden Flossen. – Nachtfische! – Scheußliche Rochen und Seeteufel, die in der Dunkelheit ihr Wesen treiben, – – – Mordsinnend hinter Schiffstrümmern lauern. –

Scheu und leise wie Diebe öffnen die Muscheln ihre Schalen und locken den späten Wanderer auf weichen Pfühl zu grausigem Laster.

In weiter Ferne bellte ein Hundsfisch.

– – – Da zuckt durch die Ulven heller Schein: Eine leuchtende Meduse führt trunkene Zecher heim; – Aalgigerln mit schlumpigen Muränendirnen an der Flosse.

Zwei silbergeschmückte junge Lachse sind stehen geblieben und blicken verächtlich auf die berauschte Schar. Wüster Gesang erschallt:

»In dem grünen Tange – –
hab' ich sie gefragt,
Ob sie nach mir verlange. – –
Ja, hat sie gesagt.
Drauf hat sie sich gebückt –
und ich hab's sie gezwickt.
Ach im grünen Tange …«

»No, no, aus dem Weg da, Sö, – Sö Frechlachs – Sö,« brüllt ein Aal plötzlich. –

Der Silberne fährt auf: »Schweigen Sie! Sie haben's nötig, »weanerisch« zu reden, – Glauben wohl, weil Sie das einzige Viech sind, das nicht im Donaugebiet vorkommt.

»Pst, pst,« beschwichtigte sie die Meduse, »schämen Sie sich doch, schauen Sie dorthin!« –

Alle verstummen und blicken voll Scheu auf einige schmächtige, farblose Gestalten, die sittsam ihres Weges ziehen.

»Lanzettfischchen,« flüsterte einer.

? ? ? ? ?

– – – O, das sind hohe Herren, – Hofräte, Diplomaten und so; – ja, die sind schon von Geburt dazu bestimmt, wahre Naturwunder: Haben weder Gehirn noch Rückgrat. –

Minuten stummer Bewunderung, dann schwimmen alle friedlich weiter.

Die Geräusche verhallen, – Totenstille senkt sich nieder.

Die Zeit rückt vor. – Mitternacht, die Stunde des Schreckens.

Waren das nicht Stimmen? – Crevetten können es doch nicht sein, – jetzt so spät?! –

Die Wache geht um: Polizeikrebse! –

Wie sie scharren mit gepanzerten Beinen; über den Sand knirschend ihren Raub in Sicherheit bringen.

Wehe, wer ihnen in die Hände fällt; – vor keinem Verbrechen scheuen sie zurück, – – und ihre Lügen gelten vor Gericht wie Eide.

Sogar der Zitterrochen erbleicht, wenn sie nahen.

Der Seerose stockt der Herzschlag vor Entsetzen, sie, eine Dame, wehrlos, – auf offenem Platze! – Wenn sie sie erblicken! Sie werden sie vor den Polizeirat, den schurkischen Meineidkrebs, schleppen, – den größten Verbrecher der Tiefsee – und dann – und dann – –

Sie nähern sich ihr, – – jetzt – –, ein Schritt noch, und Schande und Verderben werden die Fänge um ihren Leib schlagen.

Da erbebt das dunkle Wasser, die Korallenbäume ächzen und zittern wie Tang, ein fahles Licht scheint weit hin.

Krebse, Rochen, Seeteufel ducken sich nieder und schießen in wilder Flucht über den Sand, Felsen brechen und wirbeln in die Höhe.

Eine bläulich gleißende Wand, – so groß wie die Welt, fliegt durch das Meer.

Näher und näher jagt der Phosphorschein: die leuchtende Riesenflosse der Tintorera, des Dämons der Vernichtung, fegt einher und reißt abgrundtiefe glühende Trichter in das schäumende Wasser.

Alles dreht sich in rasender Hast, und die Seerose fliegt durch den Raum in brausende Weiten, hinauf und hinab, – über Länder von smaragdenem Gischt. –

Wo sind die Krebse, wo Schande und Angst! Das brüllende Verderben stürmt durch die Welt. – Ein Bacchanal des Todes, ein jauchzender Tanz für die Seele.

Die Sinne erlöschen, wie trübes Licht.

Ein furchtbarer Ruck. – Wirbel stehen, und schneller, schneller, immer schneller und schneller drehen sie sich zurück und schmettern auf den Grund, was sie ihm entrissen.

Mancher Panzer brach da.

Als die Seerose nach dem Sturze endlich aus tiefer Ohnmacht erwachte, fand sie sich auf weiche Algen gebettet.

Das gute Seepferd – es war heute gar nicht ins Amt gegangen – beugte sich über das Lager.

Kühles Morgenwasser umfächelte ihr Gesicht, sie blickte um sich. Schnattern von Entenmuscheln und das fröhliche Meckern einer Geisbrasse drang an ihr Ohr.

»Sie befinden sich in meinem Landhäuschen,« beantwortete das Seepferd ihren fragenden Blick und sah ihr tief in die Augen. »Wollen Sie nicht weiter schlafen, gnädige Frau, es würde Ihnen gut tun!«

Die Seerose konnte aber beim besten Willen nicht. Ein unbeschreibliches Ekelgefühl zog ihr die Mundwinkel herunter.

»War das ein Unwetter heute nacht, mir dreht sich noch alles vor den Augen von dem Gewirbel,« fuhr das Seepferd fort, – »darf ich Ihnen übrigens mit Speck – so einem recht fetten Stückchen Matrosenspeck aufwarten!!«

Beim bloßen Hören des Wortes Speck überkam die Seerose eine derartige Übelkeit, daß sie die Lippen zusammenpressen mußte. – Vergebens. Ein Würgen erfaßte sie (diskret blickte das Seepferd zur Seite), und sie mußte erbrechen. Unverdaut kam die Blamolpille zum Vorschein, stieg mit Luftblasen in die Höhe und verschwand.

Gott sei Dank, daß das Seepferd nichts bemerkt hatte. –

Die Kranke fühlte sich plötzlich wie neugeboren.

Behaglich ballte sie sich zusammen.

O Wunder, sie konnte sich wieder ballen, konnte ihre Glieder bewegen wie früher.

Entzücken über Entzücken!

Dem Seepferd traten vor Freude Luftbläschen in die Augen. »Weihnachten, heute ist wirklich Weihnachten,« jubelte es ununterbrochen, und das muß ich gleich dem Tintenfisch melden; Sie werden sich unterdessen recht, recht ausschlafen.

»Was finden Sie denn so wunderbares an der plötzlichen Genesung der Seerose, mein liebes Seepferd?« fragte der Tintenfisch und lächelte mild. »Sie sind ein Enthusiast, mein junger Freund!

»Ich rede zwar sonst prinzipiell mit Laien (Sie, Barsch, einen Stuhl für den Herrn) nicht über die medizinische Wissenschaft, will aber diesmal eine Ausnahme machen und trachten, meine Ausdrucksweise Ihrem Auffassungsvermögen möglichst anzupassen. Also, Sie halten Blamol für ein Gift und schieben seiner Wirkung die Lähmung zu. O, welcher Irrtum! Nebenbei bemerkt ist Blamol längst abgetan, es ist ein Mittel von gestern, heute wird allgemein Idiotinchlorür angewandt (die Medizin schreitet nämlich unaufhaltsam vorwärts). Daß die Erkrankung mit dem Schlucken der Pille zusammentraf, war bloßer Zufall, – alles ist bekanntlich Zufall – denn erstens hat Seitenstrangsklerose ganz andere Ursachen, die Diskretion verbietet mir, sie zu nennen, und zweitens wirkt Blamol wie alle diese Mittel gar nicht beim Einnehmen, sondern lediglich beim Ausspucken. Auch dann natürlich nur günstig.

Und was endlich die Heilung anbelangt? – Nun, da liegt ein deutlicher Fall von Autosuggestion vor. – In Wirklichkeit (Sie verstehen, was ich meine: ›Das Ding an sich‹ nach Kant) ist die Dame genau so krank wie gestern, wenn sie es auch nicht merkt. Gerade bei Personen mit minderwertiger Denkkraft setzen Autosuggestionen so häufig ein. – Natürlich will ich damit nichts gesagt haben, – Sie wissen wohl, wie hoch ich die Damen schätze: ›Ehret die Frauen, sie flechten und weben – – –‹ – Und jetzt, mein junger Freund, genug von diesem Thema, es würde Sie nur unnötig aufregen. –

»A propos, – Sie machen mir doch abends das Vergnügen? es ist Weihnacht und – meine Vermählung.«

»Wa –? – Vermä – – –,« platzte das Seepferd heraus, faßte sich aber noch rechtzeitig: »O, es wird mir eine Ehre sein, Herr Medizinalrat.«

»Wen heiratet er denn?« fragte er beim Hinausschwimmen den Barsch. – »Was Sie nicht sagen: die Miesmuschel?? – Warum nicht gar! – Schon wieder so eine Geldheirat.«

Als abends die Seerose, etwas spät, aber mit blühendem Teint an der Flosse des Seepferdes in den Saal schwamm, wollte der Jubel kein Ende nehmen. Jeder umarmte sie, selbst die Schleierschnecken und Herzmuscheln, die als Brautjungfern fungierten, legten ihre mädchenhafte Scheu ab.

Es war ein glänzendes Fest, wie es nur reiche Leute geben können; die Eltern der Miesmuschel waren eben Millionäre und hatten sogar ein Meerleuchten bestellt.

Vier lange Austernbänke waren gedeckt. – Eine volle Stunde wurde schon getafelt, und immer kamen noch neue Leckerbissen. Dazu kredenzte der Barsch unablässig aus einem schimmernden Pokal (natürlich die Öffnung nach unten) hundertjährige Luft, die aus der Kabine eines Wracks stammte.

Alles war bereits angeheitert. – Die Toaste auf die Miesmuschel und ihren Bräutigam gingen in dem Knallen der Korkpolypen und dem Klappern der Messermuscheln völlig unter.

Das Seepferd und die Seerose saßen am äußersten Ende der Tafel, ganz im Schatten, und achteten in ihrem Glück kaum der Umgebung.

Der junge Mann drückte ihr zuweilen verstohlen den einen oder anderen Fühler, und sie lohnte ihn dafür mit einem Glutblick.

Als gegen Ende des Mahles die Kapelle das schöne Lied spielte:

»Ja, küssen, – scherzen
mit jungen Herrn
ist selbst bei Frauen
sehr modern,«

und sich dabei die Tischnachbarn der beiden verschmitzt zublinzelten, da konnte man sich dem Eindruck nicht verschließen, daß die allgemeine Aufmerksamkeit hier allerlei zarte Beziehungen mutmaßte.

Sonntag, 20. Dezember 2015

Anton Wildgans - Einer Gesegneten im Advent

Anton Wildgans - Einer Gesegneten im Advent
(1907)

Carl Spitzweg - Der Stern von Bethlehem


Ihr jungen Frauen, habet acht,
Maria hat empfangen —!
Und mancher ist’s in dieser Nacht,
Die sie an liebster Brust durchwacht,
Vielleicht wie ihr ergangen.

So haltet eure Seele still
Und hütet die Geberden!
Denn diese Zeit bedeutet viel,
Und jede, die das Wunder will,
Muß wieder Jungfrau werden

Und bannen aus der Seele fern
Unheiliges Begehren.
Zu Bethlehem geht auf ein Stern:
Da kann ein jedes Weib den Herrn,
Den Heiland sich gebären.

Samstag, 19. Dezember 2015

Ida Gräfin Hahn-Hahn – Am Weihnachtsabend

Ida Gräfin Hahn-Hahn – Am Weihnachtsabend

Byzantinische Ikone


Stehst du freundlich wieder offen,
Meiner Kindheit Paradies,
Das ich unter frohem Hoffen
In der Jugend Muth verließ? –

Haben Zauberlandes Räume
Hell sich wieder aufgethan,
Schaukeln meine alten Träume
Wieder mich in süßem Wahn? –

Gießt der Herzen muntrer Schimmer
Licht durch meine Lebensnacht,
In der schon seit Jahren nimmer
Ruhesterne mir gelacht? –

Wär' ich niemals doch geschieden
Aus dem engbeschränkten Reich;
Dann wär' meiner Seele Frieden
Noch wie damals ewig gleich.

Ach, nun scheinen Weihnachtskerzen
Wie der Fackeln düstrer Zug,
Wenn zum Grab gebrochne Herzen
Auf der Bahre hin man trug.

Oder wie die Morgenröthe
Noch den Horizont bemalt,
Wenn sich schon die Nacht erhöhte,
Längst nicht mehr die Sonne stralt.

Abglanz des verlornen Glückes
Find' ich, wo sonst Glückes Spur;
Nenne Gunst des Augenblickes
Diesen bleichen Schatten nur.

Matt versanken kleine Freuden
Vor der Liebe Sonnenglanz –
Nah der Liebe steht das Scheiden,
Es zerriß mir meinen Kranz.

Flattern auch noch kleine Blüten
Hier und dort mir freundlich zu,
Nehm' ich sie, wie sie sich bieten;
Doch sie geben keine Ruh'.

Einem Sterne zugewendet
Ewig bleibt mein Angesicht,
Und der Stral, den er mir sendet,
Ist des Daseins Lebenslicht.

Leuchtet nur, ihr Weihnachtskerzen,
Durch die Winternacht so mild;
Also stralt durch Gram und Schmerzen
Meiner einz'gen Liebe Bild.

Freitag, 18. Dezember 2015

Gertrud Storm - Weihnachten bei Theodor Storm

Gertrud Storm - Weihnachten bei Theodor Storm

Weihnachtsbaum von Königin Victoria und deren Gatten Albert


Unser Vater war ein echter, rechter Weihnachtsmann, er wusste jedes Fest erst recht zu einem Feste zu gestalten. Den ganzen Zauber der Weihnacht zu übertragen. Und so feiern auch wir, seine Kinder, unsere Weihnachtsfeste ganz im sinne unseres Vaters. Der Weihnachtsbaum wird genau so geschmückt, wie er einst ihm geschmückt wurde, die Kuchen nach den althergebrachten Familienrezepten gebacken, wie sie schon sein Kinderherz entzückten. Wenn das alte liebe Weihnachtsfest wieder naht und ich mich in eine rechte Weihnachtsstimmung versetzen will, setze ich mich in der Dämmerung in einen tiefen Lehnstuhl. Von draußen wirft die Laterne traulich ein mattes Licht durch die Fenster. Ich schließe die Augen, und bald bin ich daheim in unserm großen, alten Hause in Husum in der Wasserreihe. Meine Geschwister und ich, wir sind wieder Kinder. Es wird wieder einmal Weihnachten, und wir Kinder leben in goldenen Träumen, bis das im Leben so seltene Wunder eintritt, dass diese Träume in dem brennenden Weihnachtsbaum verkörpert vor uns stehen. Draußen auf den stillen Wegen des Gartens, den Sträuchern und alten Bäumen, liegt glitzernder Schnee. Im ganzen Hause duftet es nach Tannen und braunen Weihnachtskuchen. Feststimmung guckt schon aus allen Ecken, wie eine Ahnung von Weihnachtsabend.

Es weihnachtet sehr - die Heimlichkeiten wachsen mit jedem Tage. Vater schließt sich immer häufiger in seiner Studierstube ein, und wir Kinder, die wir um die Zeit der heiligen Weihnacht gerne an den Türen lauschen, hören ihn die Tür des Nussbaumschrankes öffnen und leise wieder schließen. Dieser Nussbaumschrank birgt in seinem Innern alle Geheimnisse und Wunder fürs Weihnachtsfest. In einem unbewachten Augenblick treten wir doch ins Zimmer. Vater schließt schnell den Schrank, dann nimmt er uns in seine Arme, macht ein geheimnisvolles Gesicht, sieht uns innig an und sagt mit leiser Stimme nur das eine Wort »Weihnachten«.

In der Essstube ist großes Kuchenbacken. Unsere Mutter und die Mädchen stehen mit aufgekrempelten Ärmeln. Sie rollen weißen und braunen Kuchenteig aus, der in großen Steintöpfen um den Ofen herum steht. Große schwarze Platten stehen bereit, die verschieden geformten Kuchen aufzunehmen, die dann von den Mädchen zum Bäcker getragen werden.

Auch wir Kinder haben unseren Teil bekommen. Wir stehen an unserem kleinen Kindertisch, ein weißes Nachthemd über unsere Kleider, ein gezipfeltes Taschentuch auf dem Kopfe. Jedes von uns hat ein Klümpchen weißen und braunen Kuchenteig vor sich, der bald unter unseren geschäftigen kleinen Händen in die wunderbarsten Dinge gewandelt wird. Die Tür öffnet sich, und unser Vater tritt mit dem freundlichsten Leuchten seiner blauen Poetenaugen ins Zimmer.

»Ihr seid ja alle gewaltig in der Fahrt«, neckt er und bewundert unsere herrlichen Schöpfungen, von denen man meistens nicht zu erkennen vermag, was sie vorstellen sollen. Es beginnt nun ein heimliches Geflüster zwischen Vater und uns, und es gelingt uns, Vater einige kleine Weihnachtsüberraschungen verraten zu lassen, die unsere Freude am Weihnachtsabend keineswegs verringert.

»Morgen wollen wir vergolden und Netze schneiden«, spricht der Vater verheißungsvoll.

Wenn wir in ein bestimmtes Alter gekommen waren, durften wir vergolden helfen und Netze schneiden. Die langen schmalen Streifen Rauschgold wurden freilich nur von unserm Vater geschnitten, mit seiner großen alten Papierschere, die ich so deutlich vor mir sehe. -

Morgen ist heute geworden, und Vater nimmt uns mit in seine Studierstube. Die dunkle Holztäfelung der Decke, die tiefrote behagliche Färbung der Wände, an denen ringsum die Bücherregale laufen, und über dem Tische die helle leuchtende Lampe schauen uns behaglich und gar verheißungsvoll an. Auf dem Tisch ausgebreitet liegen Nüsse, Tannenzapfen, Eier und Schaumgold. Wir setzen uns alle um den Tisch und beginnen nach Vaters Anordnung Watte in Eiweiß zu tauchen, mit der wir vorsichtig die Nüsse und Tannenzapfen betupfen. Dann wird ein Stück Schaumgold auf die befeuchtete Stelle gelegt und vorsichtig mit Watte angetupft. Nun werden zwölf Netze vom feinsten weißen Konzeptpapier geschnitten. Uns Kinder klopft das Herz dabei: »wenn wir nun die Spitzen abschneiden!« In die Netze kommen große, viereckige Bonbons, die wir alter Tradition gemäß in farbige Papiere wickeln, die durchaus die Farben: grün, gold und hausrot haben müssen.

Auf diese Netze in denen schon feine Kinderträume hingen, legte unser Vater besonderen Wert. Wer von uns zum erstenmal in seinem kleinen Leben ein solches wunderbares Netz tadellos ausgeführt hatte, kam sich vor, als sei er nun erst ein fertiger kleiner Mensch geworden. Die weißen Netze sind geschnitten und tadellos zu unseres Vaters innigster Befriedigung ausgefallen. Goldene Nüsse, Eier und Tannenzapfen heben sich leuchtend von der dunklen Tischplatte ab. Wir Kinder stehen ermüdet und wollen zu Bett gehen. Vater tritt ans Fenster, öffnet weit beide Flügel. - Der Mond scheint, und wir Kinder sehen deutlich zwischen Vaters ausgebreiteten Armen in den beschneiten Garten. Da spricht Vater mit leiser, wie von Musik getragener Stimme:

»Mondbeglänzte Zaubernacht, die den Sinn gefangenhält, wunderbare Märchenwelt, steig' auf in der alten Pracht.«

Wir gehen still und nehmen den Zauber dieser Stimmung mit in unsere Träume, aus denen wir mit dem seligen Bewusstsein erwachen: »Heute ist er, der Heilige Abend.« Nun beginnt ein buntes Treiben im Hause. Vater trägt alle seine Schätze selbst ins Weihnachtszimmer, in dem die zwölf Fuß hohe Tanne schon ihres Schmucks wartet. Wir Kinder schmücken in unserer Kinderstube ein kleines, bescheidenes Bäumchen für arme Kinder. Wir haben ihn von unserem eigenen Gelde erstanden. Vater und Mama schließen sich unten ins große Weihnachtszimmer ein, gleich wenn man in den Flur tritt links, und der Märchenbaum fängt an sich zu entfalten. Die Brüder Hans und Ernst kommen heim und Karl, unser stiller Musikant. Heute muss Vater alle seine Kinder um sich versammeln haben, um ein rechtes Weihnachtsgefühl zu empfinden. Die Fenster der Weihnachtsstube sind dicht verhangen, die vielen Türen, die ins Reich der Weihnachtswunder führen, verschlossen.

Wir schleichen an die Fenster und knien vor den Türen. Meine jüngste Schwester Dodo hat ein besonderes Talent, mit unserer Mutter, verborgen in den Falten ihres Kleides, in die Weihnachtsstube zu schlüpfen.

Vom frühen Morgen an kommen Scharen von Kindern, die von Haus zu Haus ziehen und im Flur ihre hellen Kinderstimmen ertönen lassen: »Vom Himmel hoch da komm' ich her.« Ein großer Korb mit Wasserkringel steht schon bereit, mit denen die kleinen Sänger belohnt werden. Mittags wird nach althergebrachter Sitte Kaffee getrunken und Butterbrote gegessen. Der Kaffeekanne entströmt an diesem Tage ein wundersamer Duft, so duftet er nur einmal im Jahr, und die Butterbrote schmecken uns wie der schönste Kuchen.

Am Nachmittag wandern wir Kinder, jedes ein Körbchen am Arm, ins Kloster St. Jürgen. wir wollen zwei alten Großtanten dort bescheren, »Tante Anna und Tante Christine«. Tante Anna wird von uns bevorzugt. In ihrem kleinen, behaglichen Altjungfernstübchen liegen wir schließlich auf der Erde vorm offenen Ofen und schauen in die rote Glut der verglimmenden Kohlen. Die liebe, alte Tante sitzt im alten Lehnstuhl neben uns, ihr feines altes Gesicht von einer weißen Spitzenhaube umrahmt. sie erzählt uns altmodische Kindergeschichten, an die sich immer eine Moral knüpft. Wir hören interessiert zu, knacken dabei Nüsse und werfen die Schalen in die rote Glut - das knistert so schön. - So vergeht die Zeit - vom Kirchturm drüben schlägt es halb fünf. Tante Anna hüllt uns sorgsam in unsere warmen Mäntel und Kapuzen, und fort geht es.

Auf den Straßen liegt tiefe Dämmerung, der Schnee knirscht unter unseren Füßen. Schwärme von Kindern begegnen uns, hier und dort dringt aus einer geöffneten Haustür Gesang zu uns heraus. Wir fassen uns an den Händen und laufen und kommen atemlos heim. Im Flur bleiben wir stehen und singen, als gehörten wir zu den Sängern. Die Köchin kommt aus der Küche gelaufen mit den üblichen Wasserkringeln. Sie jagt uns lachend und scheltend in die Kinderstube. Wir werden nun festlich geschmückt und gehen dann in die Studierstube unseres Vaters, wo wir schon unsere Großmutter mit ihrer getreuen Lebensgefährtin, von uns »Tante Tine« genannt, und zwei alte Freunde des Hauses in behaglichem Geplauder vorfinden.

Seit dem Tode unseres Großvaters schaut Großmutter unserer Bescherung zu. Großvater war zwar niemals bei der Bescherung zugegen, aber wir wussten doch, er saß währenddessen behaglich in seinem Kontor und freute sich über die kleinen Sendungen an Geld und Viktualien - meistens - meistens ein großes Stück Rauchfleisch - die er von dort aus an Kinder und Schwiegerkinder gespendet hatte.

Nun auch er in das Land der Vergangenheit gegangen ist, lässt die bunte Kinderfreude diesen Abend der Erinnerung sanft für unsere Großmutter vorübergehen.

Endlich ertönt der Klang der silbernen Glocke. Wir stürzen die Treppe herunter, die Flügeltüren fliegen auf, wir treten ein, jung und alt. Ein starker Duft von Tannen, brennenden Lichtern und braunen Weihnachtskuchen schlägt uns entgegen - und da steht er, der brennende Baum, im vollen Lichterglanz. Ich will ihn mit meines Vaters eigenen Worten schildern:

»Mit seinen Flittergoldfähnchen, seinen weißen Netzen und goldenen Eiern, die wie Kinderträume in den dunklen Zweigen hängen.« - Oder wie er in einem Brief an Freund Keller geschildert wird: »Der goldene Märchenzweig, dito die Traubenbüschel des Erlensamens und große Fichtenzapfen, an denen lebensgroße Kreuzschnäbel von Papiermache sich anklammern. Rotkehlchen sitzen und fliegen in dem Tannengrün, und eines sitzt und singt bei seinem Nest mit Eiern. Feine weiße Netze, deren Inhalt sorgsam in Gold- und andere in Lichtfarben gewählte Papiere gewickelt ist.«

Der Märchenzweig ist eine Erfindung meines Bruders Ernst. Ein großer Lärchenzweig wird ganz vergoldet und so in der Mitte des Baumes befestigt, dass er seine schlanken feinen Zweige nach allen Seiten ausbreitet. Ein Freund unseres Hauses, Regierungsrat Petersen, der derzeit in Schleswig lebte, taufte den so vergoldeten Zweig »Märchenzweig«. Freund Petersen und Vater tauschten alle Jahre kleine Weihnachtsüberraschungen aus. In einem Jahr brachte er Vater kurz vor Weihnachten das erste Paket »Lametta«. Vater schreibt darüber:

»Unser Tannenbaum hat in diesem Jahr besonderes Aufsehen erregt. Freund Petersen brachte am Sonntag vor Weihnachten eine Tüte märchenhafter Silberfäden. Mit diesen feinen Silberfädchen wurde der Baum umsponnen, dass er aussah wie fliegender Sommer.« -

Unser Karl setzt sich ans Klavier und stimmt leise an: »Stille Nacht, heilige Nacht.« Wir alle stimmen ein. Das Weihnachtslied ist verklungen, wir umstehen den Baum und lassen die Wunder der Weihnacht still auf uns wirken. Vater nickt uns bewegt zu, legt den Arm um unsere Mutter und führt wie immer sie zuerst zu ihren Gaben, die geheimnisvoll umhüllt sind. Mitten auf dem Tisch steht zu Mamas grenzenloser Verwunderung Vaters Pelzmütze. Mama erfasst sie zögernd, ihr Blick hängt fragend an dem unseres Vaters - und hervor rollt eine große Papierkugel. Ein Papier nach dem andern wird abgewickelt, bis sich schließlich in einem kleinen Kästchen verborgen ein feiner, goldener Ring dem erstaunten Blick zeigt. Eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt, ein solcher Ring war ein langgehegter Wunsch meiner Mutter. Vater erwartete leuchtenden Auges die Wirkung seiner Überraschung. Mein Schwester Ebbe sagte einmal bei solcher Gelegenheit: »Vater hat ein Weihnachtslicht in den Augen.« Nun führt Vater jedes seiner Kinder zu seinen Gaben, uns kleine zuerst. Puppen - wohin wir sehen, kleine und große - und Bücher, die durften niemals auf unserm Weihnachtstisch fehlen. Wir haben uns müde gespielt - wir nehmen unsere Weihnachtsbücher und setzen uns im trauten Schein des Lichterbaumes und lesen. Gar verführerisch ist es, heimlich ein Stückchen Zuckerwerk abzuzupfen und es ebenso heimlich zu verzehren. Vater tritt leise zu uns unter den Tannenbaum, streicht uns sanft mit seiner schönen, schlanken Hand übers Haar uns fragt: »Hab' ich's getroffen?« Nachdem sich das erste Entzücken gelegt hat, bringt die Köchin das messingene Kohlenkomfort, auf dem gar bald der blitzblank geputzte Teekessel ein melodisches Lied anstimmt, und der Duft feinsten Tees vermischt sich mit dem der Tanne und der braunen Weihnachtskuchen. Die beiden Mädchen in den gleichen maiengrünen Festgewändern, mit Häubchen und blendend weißen Schürzen angetan, präsentieren den Tee, wir Kinder den knusprigen Weihnachtskuchen. So sitzen wir recht traut beisammen. Da erklingt von draußen, vom Vorplatz, der Gesang einer tiefen melodischen Altstimme zu uns herein:

»O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit.«

Ein helles Leuchten verklärt das liebe Angesicht unseres Vaters, er steht leise auf, öffnet die Tür und zieht ein gar liebliches kleines Bettelmädchen herein.

Das Kind, mit von der Kälte geröteten Wangen, strahlenden Kinderaugen, das Gesichtchen von blonden Locken umrahmt, bleibt stumm und wie verzaubert im Türrahmen stehen.

Wir alle umstehen sie, sie muss noch einmal ihre glockenreine Stimme hören lassen. Dann erfasst Vater eines ihrer schmutzigen kleinen Händchen und fragt sie liebreich: »Was willst du nun haben, etwas zu essen oder Kuchen?«

»Danke, ich habe schon gegessen«, spricht das Kind zu unserer grenzenlosen Freude. Da heißt mein Vater sie ihr Schürzchen auftun, Mama nimmt vom Tisch einen vollen Teller Weihnachtskuchen und schüttet ihn in die ausgebreitete Schürze.

Voll leuchtenden Dankes schaut das Kind zu Mama auf, wirft noch einen scheuen Blick auf all den Lichterglanz und die strahlenden Gesichter, und fort ist sie, die kleine Lichtgestalt, denn so erscheint sie uns trotz ihrer Lumpen.

Die Lichter sind erloschen, die glitzernde Pracht des Baumes leuchtet nur noch im matten Dämmerlicht der Lampen. Unsere Mutter ruft zum Festessen. - Wir Kinder trennen uns schweren Herzens vom Tannenbaum, unseren Puppen und Büchern. Sauerbraten und ein großer Apfelkuchen - Tante Moritz genannt - bilden das Festessen, Punsch, nach Vaters kurzweg »Landvogt« genannt, ist das Festgetränk.

Wir alle sitzen an unseren Plätzen, der Punsch ist in die Gläser geschenkt, Vater erhebt sein Glas, er nickt uns allen voll innigster Befriedigung zu und sendet dann in einem kleinen Trinkspruch »einen vollen Gruß seiner Liebe« allen denen, die seinem reichen, liebevollen Herzen nah', an diesem Abend aber ferne von ihm sind. Der Apfelkuchen wird aufgetragen, nach dem unsere begehrlichen Kinderaugen schon lange ausschauen.

Einer der alten lieben Weihnachtsgäste wirft an jedem Weihnachtsabend zu unserer heimlichen Freude die Frage auf: »Ist das nicht Tante Moritz?« Und jedes Mal folgt die prompte Antwort: »Ja, das ist Tante Moritz.«

Von Tante Moritz ist nach einer Weile keine Spur mehr, und nun geht es noch einmal zurück ins Weihnachtszimmer. Jeder von uns folgt seinen besonderen Neigungen. Meine Brüder ergreifen mit einem wahren Festtagsausdruck ihrer blauen Augen die neuen Bücher und ziehen sich mit ihnen in irgendeinen Schmunzelwinkel zurück. wir Kinder nehmen unsere Puppen auf den Schoß und lauschen, denn Karl, unser Musikus, singt uns ein neueinstudiertes Lied von Robert Franz: 

Einen schlimmen Weg ging gestern ich, einen Weg, den ich nicht wieder geh, zwei süße Augen trafen mich, zwei süße Augen, lieb und blau.«

Karl hat einen wunderbaren Bariton und singt einfach, mit tief zu Herzen gehendem Vortrag. Zum Schluss spielen Karl und meine Schwester Lisbeth »Nussknacker und Mausekönig« von Carl Reinecke. Vater liest den Text dazu. So ist es immer bei uns.

Lautlos lauschen wir alle, eine träumerisch - selige Stimmung umfängt uns. Der letzte Ton, das letzte Wort ist verklungen. Unsere Mutter mahnt leise zum Schlafengehen. Draußen vor dem Fenster stäubt der Schnee, aber während wir Kinder bald in einen tiefen Schlaf fallen, machen die Eltern und großen Geschwister noch einen Besuch im brüderlichen Hause in der Süderstraße.

Jahre kommen und gehen. Es ist unserm lieben Vater nicht mehr vergönnt, alle seine Kinder um den heimatlichen Weihnachtsbaum zu versammeln. Stattdessen werden Kisten gepackt und Pakete gemacht und Weihnachtsbriefe geschrieben. An Hans nach Wörth in Bayern, wo er als Arzt lebt, an Ernst nach Toftlund und Lisbeth nach Heiligenhafen. Sie haben sich inzwischen selbst ein Heim gegründet und schmücken dort ihren Kindern den Baum. Und Vater klagt in einem Brief an seine Tochter Lisbeth: »So haben wir denn das Weihnachtsfest gehabt, und ich fühle es recht schmerzlich, dass wir gar so getrennt sind. Es ist sehr schön, der Mittelpunkt einer großen Familie zu sein, aber recht schwer, wenn so ein alter Mensch sich in so viele Teile spalten soll. Für mich fehlen zu viele von Euch, als dass das Weihnachtsfestgefühl so recht hätte aufkommen können.«

Noch einmal, ein letztes Mal, wird es für unsern lieben Vater »Weihnachten«. Zum ersten Male fehlt eines seiner Kinder ganz, auch seine liebevollsten Gedanken vermögen es nicht mehr zu erreichen. Unser ältester Bruder Hans ist von uns gegangen. Der Baum steht noch einmal in vollem Lichterglanz, die Flügeltüren öffnen sich weit. - Vater legt den Arm um Mama, wir, die wir keine Kinder mehr sind, umstehen das Klavier, und Karl stimmt leise an. »Stille Nacht, heilige Nacht.« Wie wir an die Stelle kommen »Schlaf in himmlischer Ruh« - da breitet Vater weit die Arme aus, Tränen stürzen aus seinen lieben Augen, und leise hören wir ihn die Worte sprechen: »Unten in Bayern, da ist ein einsames Grab, darüber weht der Wind, und der Schnee fällt in dichten Flocken drauf.«

Wir singen nicht weiter, wir gehen zu ihm und nehmen sanft seine lieben Hände, und eine schmerzliche Ahnung, dass wir wohl so zum letzten Male mit unserem lieben kleinen Vater unter dem brennenden Lichterbaum stehen, durchzittert unsere Herzen. So endet das letzte Weihnachtsfest mit unserem Vater.

Donnerstag, 17. Dezember 2015

Marcella Sanden - Meinem Verführer

Marcella Sanden - Meinem Verführer

Aksel Waldemar Johannessen - Der Morgen danach


I

»Liebe Kleine, komm und nippe
von der Blume meines Kelches,
ehe ich – weiss nicht mehr welches
Mal – ihn rasch hinunterkippe!
Feueraugen, schwarze Flechten –
juch! Du wirst Dich bald bekobern!
Bist mir eine von den Echten,
die im Sturm die Welt erobern.
Ganz junonisch schön gewachsen
und entwickelt bist Du, Kerlchen!
viel zu schad für solche Faxen
wie das Basteln Perl an Perlchen!


Gott der Herr schuf Dich zur Wonne
aller Sterblichen, Marcella.
Mußt Dich zeigen in der Sonne,
doch versteht sich: a capella!«
Also sprach vor sieben Jahren
der Assessor, der im Hause
unsrer väterlichen Laren
nie gefehlt bei Tanz und Schmause;
der in unsrer Lindenlaube
sommers oft in Schlaf gesunken
und den Saft so mancher Traube
lächelnd auf mein Wohl getrunken.
Weihnacht war's, das Fest der Liebe
für die Großen und die Kleinen –
Ungekannte Sinnentriebe
wachten auf: ich musste weinen.


Alles sang, die Mutter spielte,
Urgrossmutter sass und strickte,
der Assessor aber schielte
mich bedeutsam an und nickte.
Seine Flüsterworte drangen
mir ins Herz wie Flammenstifte –
ach, er nahm mich schlau gefangen,
reichte mir das Gift der Gifte!


II

Du hast als Erster mich erkannt,
hast meines Leichtsinns schwachen Bord
mit Deiner Geilheit Fluch bemannt;
der Gluthauch pfiff – wir flogen fort.
Mit vollen Segeln fuhr das Schiff,
lustjauchzend knirschten Mast und Kiel;
mit einemmal: ein Ruck – ein Riff!
Da sprangst Du ab – ich war am Ziel.
Auf öder Klippe saß ich fest,
ins Leere drang mein Hilfeschrei.
Dein war der Trumpf, ich nahm den Rest
und spielte lächelnd Lorelei.
Viel andre kamen hinter Dir,
mir war es recht – nur zu, nur zu!
Sie stillten sämtlich schmutz'ge Gier,
doch keiner so infam wie Du!

Mittwoch, 16. Dezember 2015

Agnes Günther - Waldweihnacht

Agnes Günther - Waldweihnacht

Robert Weise - Weihnachtszauber


Ein dichter Nebel lag drei Tage über dem Waldland, dann kam die scharfe Kälte, und nun hat der Wald sein schönstes Weihnachtskleid angezogen. Wie feierliche Kandelaber sind die alten Schirmtannen, die oben auf der freien Höhe stehen, nur daß sie ihren Kerzenschmuck nach unten hängen. Tief bis auf den Boden senken sich ihre Äste unter der schweren Last, die nun ein heimliches Nest bilden, von dem man sich denken möchte, daß darunter irgend ein frierendes Häslein oder Reh ein Obdach fände. Die Birken sind mit tausend und aber tausend Kristallperlen behangen, und an ihr feines Gefieder hat sich der Rauhreif angesetzt, wo ein Blattknöspchen auf den kommenden Frühling wartet, daß es läßt, als wollte der Baum mitten im Winter seinen Mai haben, aber einen silbernen. Jedes Möslein am Weg, der Dornstrauch dort, aus dessen kristallenem Gezweig noch die roten Beeren hervorleuchten, alle haben sich in köstliche Festgewänder geworfen. Wie zierlich und fein steht der Distel ihr Silberkrönlein, wie ist aus dem geduckten Schlehenstrauche das Meisterstück eines Elfensilberschmieds geworden! Ganz still ist's, und nur zuweilen geht ein feines Klingen durch den Wald, und ein Seufzen, wenn ein Zweig einen Teil seiner Last, die ihm zu schwer geworden ist, abschüttelt. Die Buchen sind ganz dicht geworden, und auf den Weg, über dem sie wieder, wie im Sommer, doch nun aus edlem Weiß, Silber und Kristall, den gotischen Dom bilden, fällt ein wunderbares gedämpftes Licht von dem fünften nebelgrauen Himmel, der doch ein mattes Sonnengold ahnen läßt. Der Haselbusch hat sich mit breiten silbernen Bändern behängt, die in seltsamen Bogen und Windungen seine Zweige verbinden. Spinnfäden sind's, und wie würde sich die emsige Spinnerin, die nun längst wie ein totes welkes Blättlein über ihren noch schlafenden Kindlein hängt, verwundern, wenn sie sehen könnte, was aus ihrem Gespinst geworden. Fliegt ein Vogel auf, so stiebt ein Wölkchen von silbernen Sternen, und wie sie fallen, so liegen sie auf dem Weg und schmücken auch ihn, der sonst so nackt und braun ist.
Zwischen den Schirmtannen hervor, welche die Höhe umstehen, kommt auf den weißen Buchendom zu ein großer Mann geschritten, in waldmäßigem Lodenwams, einen verschabten grünen Filzhut auf dem krausen braunen Haar. Unter dem alten Hut leuchten in die Pracht hinein ein Paar graublaue Augen, und wenn an dem Mann einem zuerst nichts als seine ungewöhnliche Länge und mächtige Breite auffallen mag, so tut's ein Blick in diese Augen, denn es sind die Augen derer, die sehen. Als saugten sie es in sich, dieses Bild des Waldwegs, mit den silberangehauchten Säulenreihen der Buchenstämme, ferne durchleuchtet von dem matten Opal des Himmels. »Augen, meine lieben Fensterlein... Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, von dem goldnen Überfluß der Welt!« Diesmal ist's ein silberner Überfluß. Dort steht er an der mächtigen Buche, und es umschließt ihn das Schweigen und die feierliche Stille, und es ist, als hielten die Bäume und Sträucher den Atem an; als müßte etwas werden, etwas Wunderbares, etwas Geheimnisvolles, etwas, das den gewöhnlichen Lauf des Geschehens unterbricht. Und das feine Klingen von fern und nah und das Seufzen geht durch die Stille, als hörte man das Herz des Waldes schlagen.
Könnte es nicht doch sein, daß der Schleier zerriß nur für einen Augenblick, der Schleier, der uns Menschen von der Welt, die uns umgibt, scheidet, die wir doch fühlen, wenn wir einmal still geworden sind? Von der Stille, die am liebsten von den nächtlichen Sternen herabsteigt oder im Walde auf uns niedersinkt, der unsern Vätern ein heiliger Ort war, wo die Götter wohnten. Waren sie denn so töricht, diese Alten? – Ach warum bist du so scheu geworden, du feines braunes Reh dort? Wie sind die Kinder der Welt von einander getrennt und fern, wie einsam, wie sterneneinsam das Herz darin; nicht Tier, nicht Pflanze kennen dich, sie scheuen sich vor dir, und doch treibt der gleiche rote, sanfte Strom seine Wellen durch dein Herz wie durch das des Tieres dort. Und den Eichbaum, den vielhundertjährigen, der seine vom Blitz in wilden Sturmesnächten gestreiften Arme wie Riesenschlangen windet, den liebst du! Wie ein Freund ist er dir, den du von Kindheit gekannt und mit scheuer Verwunderung an dunkeln Herbstabenden betrachtet hast, wenn du hinter dem Vater drein gingst. Wenn er eines Morgens geborsten am Boden läge, würdest du um ihn trauern wie um einen guten alten Freund. Aber was weiß er von dir? Einsam geht der Mensch dahin zwischen dem, was um ihn lebt und stirbt, sich freut im Mai und im Winter seine silbernen Träume träumt.
Der Mann starrt auf den Weg und sein Ende, wo er sich in dem duftigen Schleier der Birken wendet, als müßte etwas von dort kommen, gerufen von der brennenden Sehnsucht, die die Einsamkeit gebiert; aber nur ein kleines Dirnlein hastet dort vorbei, in einen alten braunen Schal eingewickelt, dessen Ende hinten nachschleppt und allerlei Waldanhängsel, Dornen, gefrorene Moosfetzen, nach sich zieht. Sehr eilig hat es die Kleine, und nun verschwindet sie hinter den Haselsträuchern. Dort geht's aber auf eine dachgähe Halde, und der einzige Pfad hinunter ist eine Eisbahn. Mit ein paar langen Schritten ist er zwischen den Sträuchern.
»Halt! da kannst du nicht hinunter.«
Ein Knacken, ein leiser Kinderschrei, der seltsam die Stille durchschneidet.
»Halt dich! Halt dich an einem Zweig, ich hole dich schon.«
Halb schleifend, halb rutschend kommt er hinunter, und da auf einem Blätterhaufen in einer Mulde zusammengeweht liegt ein braunes Häufchen. Und wie er mit einer Hand an einem Zweige hängend nach ihr greift, hebt sie ein kalkweißes, erschrockenes Gesicht.
»Da faß die Hand, ich tu dir doch nichts zuleid! Fürchte dich doch nicht. Hast du dir weh getan?«
»Nein;« sehr kläglich, sehr erschrocken kommt's heraus.
»Nun, so gib die Hand!« Sie schüttelt.
»Wohin willst du?« Sie deutet mit dem eingewickelten Köpfchen nach der andern Bergseite hin, wo der Wald steil in starrender Pracht wieder ansteigt.
»Dort geht kein Weg. Woher kommst du?« Keine Antwort. »Gehörst du nach Berklingen?«
»Nein.«
»Nicht? Und die Landessprache kennst du auch nicht, sonst würdest du ›Na‹ sagen.«
Ein fremdes Kind also. Und verlaufen muß es sich haben. Denn im ganzen Wald sind jetzt keine Holzfäller mehr; die haben heut schon Feierabend gemacht und sind zu den kleinen spitzgiebeligen Häusern gegangen, wo die Kinder schon warten, bis der Vater den Tannenbaum in das grüne »Gärtlein« setzt. –
»Hast du zu deinem Vater gewollt?« Das Schütteln ist nun sehr energische Abwehr. »Also gewiß nicht zu dem,« brummt er. Nun läßt er den Zweig los, und mit einigem Straucheln und Gleiten kommt er zu dem Nestchen, wo sich das Kind duckt, als sähe es sich nach einer Fluchtgelegenheit um, und nicht los kann, weil das eisige Dorngeranke der Brombeeren es festhält. Und nun macht sich's mit einem Ruck los, daß die ganze Schleppe mit dem Waldanhängsel abreißt. Aber da hat er sie auch schon erfaßt, und so sehr sie sich sträubt und flattert wie ein Vöglein, das man in der Hand hält, so bringt er sie doch mit vieler Mühe herauf, und nun steht sie zitternd und schneeblaß auf dem Weg. Da greift er in seine Tasche und zieht einen großen rotbackigen Apfel heraus und reicht den als Friedenspfand mit einem guten Lachen hin.
»Da nimm und sage, wohin du willst, so zeig ich dir den Weg, du wunderliches kleines Fetzenmadämchen.« Denn der braune Schal ist ziemlich übel aus den Dornen gekommen. Aber sie will den Apfel nicht, und der wandert wieder in die Tasche zurück. Aber der Apfel, oder vielleicht ein Blick in die blauen Augen mußten doch eine Brücke geschlagen haben.
»Ei woher hast du den feinen Nasenrücken? Und was hat dein linkes Beinchen getan, daß es frieren muß und nur das rechte eine Gamasche hat?«
»Sie gingen nicht zu. Und es ist auch gar nicht kalt.«
Es ist das erste Wort, und sie spricht allerdings nicht die Landessprache.
»Und wohin gehst du?«
»Nirgends hin!«
»So, nirgendshin. Da geh ich nämlich auch hin, dann haben wir einen Weg.«
Und er nickt ihr ermunternd zu, steckt die Hände in die Hosentaschen und schlendert neben ihr her, behält sie aber vorsichtig im Auge, daß sie nicht mehr entwischen kann. Und zögernd folgt sie ihm, als wäre es doch gut, auf dem Weg zum Nirgendwohin-Land einen Gefährten zu haben, eine kleine wunderliche Gestalt in dem zerfetzten Tuch; die Stiefel tragen bis oben hinauf Spuren eisiger und lehmiger Wege; am rechten Bein eine falsch zugeknöpfte Gamasche, am linken keine, dafür aber ein großes Loch im Strumpf, durch das ein weißes Knie schimmert. Und wie er so neben ihr hergeht, steigt ein deutlicher Armeleutegeruch aus dem Schal auf, ein Geruch nach selten gelüfteten Stuben, auf dem Zimmerofen gekochtem Sauerkraut und hundert andern unbestimmbaren Dingen. Aber der Nasenrücken ist sehr fein geformt und fast stolz, die Augen lang mit breiten Lidern, die so zart sind, daß, wenn sie die senkt, die Augensterne durchschimmern.
»Also durchgegangen bist du!«
Sie schreckt zusammen, und ja! steht so deutlich auf dem erhobenen Gesichtchen. Da lacht er wieder sein gutes Lachen.
»Wenn die Leute ins Nirgendsland wollen, sind sie meistens von irgendwoher gekommen, wo es ihnen nicht gefallen hat.« »Und ich geh auch nicht mehr zurück.«
»So arg haben sie dir's gemacht?«
»Nein, nicht arg. Weißt du, das kann man nicht sagen.«
So zutraulich ist sie nun schon geworden. Und eine Weile wandern sie miteinander in dem verzauberten Wald, und er wartet mit dem feinen Gefühl für Kinderseelen, das manche Menschen haben, die wissen, daß man durch Fragen das Kind von seinem Gedankenpfädlein oft nur abirren macht, und daß das Vertrauen am ehesten durch ein freundliches Zuwarten gewonnen wird. Doch ihre Schritte werden immer zögernder und schleppender, und als da am Weg ein Reisighaufen liegt, freilich auch in einem Eiskleid, so setzt sie sich darauf und sagt sehr artig und mit der Feinheit eines gut erzogenen Mägdleins:
»Ich danke sehr, ich bleibe hier.«
»Müde?«
Er setzt sich ihr gegenüber auf einen Steinhaufen und schlägt die langen Beine übereinander: »Ist vielleicht nun der Apfel gefällig, kleines Fräulein?«
In den Augen leuchtet's auf, und eine kleine Hand streckt sich zögernd aus dem Fransengewirr nach dem Apfel aus, und ein feines Freudenrot steigt in ihre Wangen. »Gut ist er.«
Und nun erzählt sie. »Mir hat das Nähröschen einmal auch einen geschenkt und ich habe ihn in mein Bett gesteckt und nachts gegessen, wie alle fort waren. War das nicht lieb von dem Nähröschen? Es hat rote Haare und wohnt in dem kleinen Haus, vor dem im Sommer die hohen roten Blumensäulen stehen, und hat neun Geschwister, und wenn sie abends heimkommt, macht sie denen noch alle Kleider.«
»Ein treffliches Nähröschen! Und wo ist das Häuschen, vor dem im Sommer die Blumensäulen – das sind wohl Malven – stehen?«
»Zuerst kommt ein grünes Feld, darauf sind weiße Sterne und gelbe Krönchen, wenn die Sonne freundlich ist, und dann kommt man an die steilen Bäume, die hinaufstarren und die seufzen.« »So wär's am besten, wir machten uns jetzt auf die Beine und gingen zu dem Nähröschen. Die hat gewiß noch einen Apfel, denn ich habe keinen mehr. Und das ist ein kalter Sitz und das Stiefbein friert.«
Aber sie schüttelt wieder. »Ich will hier bleiben. Ich bin ja sonst den ganzen weiten Weg umsonst gegangen.«
Und nun strahlt das volle süße Kindervertrauen aus den erhobenen, sanften Augen. »Ich will auch nicht mehr zurück und will warten, bis die Nacht kommt, und Hunger habe ich keinen mehr, weil du mir den Apfel gegeben hast.«
»Die Nacht willst du da bleiben und fürchtest dich nicht! Du hast etwas Gutes vor. Weißt du denn nicht, daß die Leute, wenn die große Kälte kommt, einschlafen und nicht mehr aufwachen?«
»Ich werd schon nicht einschlafen. Ich warte ja! Sieh doch die Bäume da am Weg und die weißen Schwertchen und die Krönchen und die silbernen Fransen, und die Perlenschnüre und die Bänder! Warum haben die sich so angezogen? Die warten alle, und daß etwas kommt, das wissen die ganz gut. Und vorher ging ein Reh vorbei, das sah mich an und wußte es auch.«
»Das fühlst du auch, du? Du kleines Seelchen! Wie heißt du denn?«
»Ich habe viele Namen, aber keiner ist der rechte. Und bei Nacht kommt mir, ich wisse den rechten, und am Morgen habe ich ihn wieder vergessen! ›Arme Kleine,‹ sagt mein Vater zu mir. Aber so will ich nicht heißen. Und ich bin fortgegangen: daß es aber der rechte Weihnachtswald ist, habe ich erst gesehen, wie ich drin war.«
Da beugt er sich vor und hebt das Geschöpflein trotz dem strengen Duft des Tuchs auf seine Knie und schlägt seine Lodenjacke um das eine kalte Bein mit dem großen Loch im Strumpf. Nun fürchtet sie sich gar nicht mehr und nestelt an seinen braunen Hirschhornknöpfen herum.
»Weißt du, das mit dem Christkind, das die schönen Sachen bringt, das ist alles erlogen. Es steht alles im Katalog. Puppen und Wagen und Soldaten und alles. Und wenn ein rechtes Christkind wäre, so wüßt es, daß ich keine neuen Puppen will, die gar nichts von mir wissen und mich nicht kennen.«
»Die alten kennen dich wohl?«
»Wenn ich sie doch abends immer ins Bett lege und nie auf einem Stuhl lasse! Aber vor Weihnachten gehen immer die alten Puppen fort, und es bekommen sie die bösen Kinder, und seh ich sie dann wieder, dann haben sie schmutzige Kleider, und die Lilla, die mit den schönen Locken, die hatte nur noch ein Auge und der Arm hing ihr herunter. Und nun spiel ich nicht mehr mit Puppen.«
»So verekelt haben sie dir's, armes Seelchen!«
Aber sie muß weiter an ihrem Faden spinnen. »Und das rechte Christkind, das weiß, was einen freut, das kommt doch nicht zu mir. Deshalb bin ich herausgekommen. Hör, wie der Baum seufzt. Und wenn's ein Christkind gibt, so muß es hierher kommen. Und wenn man einschläft und muß nie mehr zurück und sich auslachen lassen, weil man so ein Dummes ist und die rechten Worte immer nicht sagen kann, die alle andern Kinder gleich wissen, und es käme das Christkind vorbei, und läutete so fein mit seinen Glöckchen... Hörst du's nicht? Seit ich im Wald bin, hör ich's und bin ihm nachgegangen, so weit, so weit, daß ich gar nicht mehr zurück kann, weil es viel zu weit ist. Und wenn ich einschliefe, so käme meine Mutter heraus und holte mich, die liegt in einem silbernen Sarg und hat mein kleines Brüderlein im Arm. Und das darf immer bei ihr liegen, wenn ich lernen muß und wenn ich ganz allein in meinem Bett liege und nur leise weinen darf, daß es keiner hört. Und vielleicht nähme sie mich dann in den andern Arm. Und ich wollt schon bei ihr in dem silbernen Sarg bleiben. Da könnten die lachen; ich hörte nichts mehr, denn es ist eine dicke eiserne Tür über dem silbernen Sarg und ein Siegel darauf, und kein Mensch darf herein.« »Und das Lachen, das tut dem armen Seelchen so weh, wenn es die rechten Worte nicht findet?«
»Weißt du das denn nicht? Dich lachen sie doch auch alle aus!«
»Mich! Ja kennst du mich denn?«
»Du bist der Ruinengraf. Und warum gibst du den Mäusen, den netten kleinen, die sich hinsetzen können wie rechte Leute, und aus den Händchen essen, warum gibst du denen nichts? Mir hast du doch gleich den Apfel gegeben?«
»So – den Ruinengrafen nennen sie mich! Nicht übel, es ist immer gut, wenn man seinen Namen weiß,« brummt er. »Den Ruinengrafen! Und was für wunderbare Dinge du weißt! In einem silbernen Sarg liegt deine Mutter, du Armes! Und wohin gehörst du nun? Und warum geb ich den Mäusen nichts?«
»Ich höre manchmal, was sie in der Nähstube reden, die geht in den Lindenbaum, und da hab ich eine Treppe hinauf. Und die Margarete, die dick ist und wie ein Herr ein kleines Bärtchen hat, sagt, es wäre eine Schande, daß du in dem Geklüft wohntest, und du wärest so arm, daß die Mäuse mit verweinten Augen einem entgegenliefen, wenn man an deine Mauer käme.«
Nun lacht er laut auf, erschütternd und gewaltig dröhnt es aus der mächtigen Brust auf, ein urgermanischer Ton ist das in der verzauberten Waldstille. Das Seelchen erschrickt fast; dann läutet plötzlich ihr feines klingendes Lachen, wie wenn ein Vogel mit seinem Flügel eine Harfensaite berührte, daß die ein weniges klänge.
»Nein, die haben's zu arg gemacht – und auf die Mäuse will ich achten, daß sie ihr anständiges Futter kriegen.«
»Ich hab dich dann gesehen, wie du mit deinem Knecht gegangen bist, der aussieht wie der Kaliban in dem roten Buch, und du hast mir so leid getan, weil du so arm bist und so groß wie kein anderer, und nicht einmal die kleinen Mäuse bei dir satt kriegen. Aber nun ist's nicht wahr! Die lügen oft.« Wohin mag doch das vermummte Kind gehören, dessen Mutter in dem silbernen Sarg liegt? Nicht in das kleine Städtchen, so weit her kann sie nicht gekommen sein. Ihr Deutsch klingt fremdartig und zuweilen ein wenig stockend, als ob es nicht die Sprache sei, die sie immer spreche. Welch eine Woge des Schicksals mochte das arme Seelchen in das Waldland verschlagen haben? Die Waldleute sind ein wanderlustiges Volk. Kein Haus in dem uralten, noch umwallten Städtchen oder in den heimeligen Dörfern, das nicht ein Glied über See hätte. Sie haben dann allerhand Schicksale, diese Waldleute, kommen zu Geld und Ehre und verlieren auch beides wieder. Aber sie sieht nicht nach dem Menschenschlag aus. Er könnte es jetzt wohl aus ihr herauspressen, wohin sie gehört, aber es ist gar zu schön, in dem verzauberten Wald auf das feine Märchenstimmchen zu hören. Und er sollte doch die feinen Linien kennen, diese langen Lider, es ist wie ein Rätsel, das sich ihm jeden Augenblick lösen kann. Und er wird sie ja sicher nach Hause bringen. Vielleicht tut's den Ihrigen, die so wenig das arme Herz kennen, gut, wenn sie sich ein kleines absorgen. Und über dem keimt in seinem Herzen eine ferne, schwache Hoffnung auf. Vielleicht ist's ein armes Verlassenes unter Fremden, denen nichts an dem Seelchen liegt. Aber gleich schilt er sich einen Träumer. Kinder, die unter allen Umständen an Weihnachten einen neuen Puppensegen – »aus dem Katalog« – über sich ergehen lassen müssen, gehören nicht armen Leuten. Da legt sie ihr eingewickeltes Köpfchen an seine Brust: müde ist sie und so froh, als ob ihr das Reden von ihrem Leid schon einen Stein vom Herzen genommen hätte. So geborgen, als schließe der weiße Ring der Bäume in ihrem feierlichen Schweigen sie ein und beschlösse sie für immer und immer, und vielleicht kommt das Christkind doch.
Und es fängt der zartgraue Himmel an, sich hinter dem zierlichen Gegitter der Zweige, die so dicht und heimlich stehen, und von denen ein so weiches Licht herabkommt, sacht zu färben. Ein blasses Rosa zuerst. Und wie stehen sie nun gegen den Rosenteppich da, die Äste und Zweige, und das ganze Netzwerk von Kristall und weißem Flaum! Und immer röter und herrlicher wird die Purpurwand, und wunderbare blaue, violette und graue Töne steigen aus dem Weiß auf. Lautlos sehen die beiden in die himmlische Herrlichkeit. Und das Seelchen hält fast den Atem an, denn nun muß es kommen. Woher, weiß es auch. Dort, wo der Weg sich wendet, gerade in die Glut hinein, da hat die schwere Silberlast ein Buchenstämmchen herabgezogen, daß es im Bogen über den Weg hängt. Da durch muß es kommen. O wie der unauslöschliche Kinderglaube aus den grauen Augen leuchtet! Kommt nicht auch das Klingen immer näher? Das braune Tuch ist bedeckt mit Silbersternchen, daß es wohl Aschenbrödels Kleid von der Mutter Grab her sein könnte. Ihre Pupillen weiten sich, daß die graue Iris nur einen schmalen Streifen um die Schwarze bildet, sie gleitet herunter, sie faßt ihn an der Hand und zieht ihn mit sich fort. Da unter den herabhängenden Tannen tief unten ein goldenes Feuer, ein Bogen, wie ein ungeheures, loderndes Flammentor. Die Himmelstür! Weit offen steht sie und gerade auf sie zu führt die gotische Silberhalle, die herrlichste Prachtstraße der Welt. Nun ist's offenbar, darauf haben sie gewartet, die Bäume, die Kräutlein im Silberkranz, das Reh, der Vogel, der immer vorausflog mit dem roten Käpplein. Fest aneinander geschmiegt stehen sie, das Kind legt seine Ärmchen um den herabhängenden Arm des Mannes. Und ein feines goldenes Band schlingt sich von dem einen der zwei Herzen zum andern, ein Band, gewoben aus jenem Gold des Himmelstors. Und über seine Hand, an die sich das Kinderköpfchen schmiegt, fällt plötzlich ein weiches, sanftes Gewoge. Er wendet seine halbgeblendeten Augen, die noch in feurigen Ringen überall das Bild des goldenen Tores hinwerfen, nach ihr. Das Tuch ist abgefallen und um das erhobene, von seliger Erwartung und scheuem Entzücken erleuchtete Angesicht wallt eine Flut von blaßgoldenen Haaren. Und einer der feurigen Ringe legt sich um das Köpfchen, daß es davon umgeben wird und sein Herz ein leiser Schauer trifft, als berühre es der Himmlischen einer. Dann versinkt das Tor, noch ein letztes Gluten am Himmel, das den Wald mit tausend und tausend Rosen behängt – und nun steigen graue Schatten auf; wie Gespenster werden die Bäume; der Eichbaum dort, windet er nicht seine Schlangenarme? Die Stunde, die einzige, ist vorüber.
Und doch nicht vorüber, denn das Mägdlein, das mit seiner blaßgoldenen Mähne aussieht wie ein aus seiner braunen Hülle geschlüpfter Schmetterling, sagt mit seinem hohen feierlichen Silberstimmchen: »O, bist du nicht froh, daß doch alles wahr ist! Und daß wir das Christkind gesehen haben!«
»Hast du's gesehen?« fragt er fast scheu.
»Sein Tor hab ich gesehen und seinen Himmel, und nachher hingen überall rote Kränze. Die haben die Engel heruntergeworfen. Hast du die Rosenkränze, die so brannten und so schön waren, nicht gesehen? Sie hingen doch auf den Bäumen, und der Strauch dort hat sieben goldene Kronen gehabt.«
»Ich sah sie, und du hattest auch ein Krönlein, Seelchen.«
»Ich hatte auch eins! Hab ich's immer noch?«
»Nun ist's vergangen.«
»Sieh, wie die Bäume nun grau werden und sich einwickeln in lauter Schleier, weil sie nun schlafen wollen. Und ich bin so müd. Ich muß weinen, ich bin ganz müd. Du, ich hab mich überfreut!«
»Überfreut hast du dich?«
»Weißt du, wenn man so starke Freude hat, das tut doch weh.«
»Seelchen, komm, wir müssen eilen, ich trage dich.«
Er reißt sich das Lodenwams herunter, daß er in seinen weißen Hemdärmeln dasteht, und wickelt sie darin ein und nimmt sie auf seine starken Arme.
»Kannst du denn kein kleines Mädchen in deiner Ruine brauchen, ich esse nicht viel. Du mußt aber niemand herein lassen, daß man mich nicht sieht. Denn sonst holen sie mich. Weil die mich haben müssen, wenn ich auch nur ein Mädchen bin und es ein Jammer ist, daß die Mutter nicht mich mitgenommen hat und das Brüderlein leben geblieben ist.« »Die müssen dich haben!« Er schaut auf das weiße Gesichtchen, das in seinem Goldgewoge auf seiner Schulter liegt. – Die seinen Linien der Nase, die ein wenig zu großen Augen: das Rassegesicht – – der Braunecker. – –
»Prinzessin! Ja, um Gotteswillen! Wie lang sind Sie schon fort! Ja, sucht denn kein Mensch nach Ihnen?«
»Ja, warum sagst du denn nun Sie. – Dann muß ich's auch sagen. Ich hab kein Du, kein einziges Du, wenn Vater fort ist.«
Armes Prinzeßchen, armes einsames Seelchen, das er nun in seinen Käfig zurückbringen muß. So vertrauensvoll schlingt sich das Ärmchen um seinen Hals, während er mit langen Schritten dahineilt. Wohl wußte er, daß in dem alten Schloß, das mit seinen dicken Türmen in das lieblichste Tal hinabsieht, das einzige Töchterlein des Fürsten wohnt, der nur zu den hohen Festen und den Jagden nach seinem alten Stammsitz zurückkehrt. Aber es war von dem Kinde immer nur mit einem gewissen Achselzucken die Rede gewesen, so daß er sich ein vielleicht schwachsinniges Geschöpf vorgestellt hatte, das in seinem armen Dasein die bitterste Enttäuschung des alten Hauses sei. Die Fürstin und zwei Söhnlein, ein dreijähriges und ein wenige Tage altes, waren vor zehn Jahren innerhalb einer Woche an einer schweren Diphtherie gestorben. Geheiratet hatte der Fürst bis jetzt nicht wieder, und doch würde es sein müssen, denn der alte Stamm stand nur auf seinen zwei Augen. Aber warum wimmelt jetzt der Wald nicht von Jägern und Hunden, warum ertönen die Sturmglocken aus den Dorfkirchen nicht, wie man es immer tut, wenn irgendein Kind, das vielleicht seinem Vater das Essen in den Schlag gebracht hat, nicht zurückgekehrt ist. Seelchen, warum suchen sie denn nicht! Drei Stunden weit ist sie freilich gegangen, und das mochte ihr niemand zugetraut haben. Und mit Schrecken dachte er, wie es wohl gekommen wäre, wenn es ihn nicht in den Wald gezogen hätte heute, ob nicht sein einsames Herz von der Herrlichkeit da draußen so erfüllt werden könne, daß es den bitteren Hunger nach einer einzigen menschlichen Seele vergäße.
»Schläfst du, Seelchen?«
»Nein, es ist so schön, weil du mich trägst, und du bringst mich doch zu deiner Ruine! Wie das Schneewittchen über den sieben Bergen. Du bist freilich kein Zwerg, sondern schier ein Riese, und du kannst auf alle heruntergucken, und so lang will ich auch wachsen. Und stark bist du und brauchst dich im Dunkeln nicht zu fürchten.«
»Vielleicht fürcht ich mich doch.«
»Jetzt?«
»Nein, jetzt nicht. Aber soll dein Vater kein Kind mehr haben?«
»Du hast auch keins.«
»Jedes Kind bleibt bei seinem Vater.«
»So muß ich zurück! O sag's nicht. Ich will nicht. Ich bleibe da, und wenn auch die Bäume noch so schrecklich sind in ihren weißen Tüchern. So sind gewiß tote Leute, so steif und mit weißen Tüchern. O das träumt mir, das träumt mir. Aber ich bleibe hier. Nun haben sie alle einen Zorn und alle reden zugleich, und ihre Stimmen sägen und ich darf meine Ohren nicht zuhalten. Und das Tuch hab ich ganz zerfetzt.«
»Wie du reden kannst, Seelchen, und du meinst, du habest die rechten Worte nicht! Warum sagst du das nicht deinem Vater, deinem lieben Vater!«
»Wann denn? Ich muß immer so artig sein, wenn er da ist. Und das mußt du doch wissen, daß es nicht artig ist, wenn man sich über Miß Whart verjammert.«
»Seelchen, dein Deutsch ist wunderbar, ganz dein eigen. Und du sprichst wohl englisch mit der einen und französisch mit der anderen?«
»Mademoiselle ist nach Anvers in die Ferien, und Miß Whart hat Migräne, und Fräulein Braun – aber das ist ein großes Geheimnis, ich sag dir's nur, weil du's nicht weitertratschest, – sie ist zu Karl gegangen.« »So, zu Karl.«
»Der heiratet sie gewiß einmal, und dann kauft sie sich ein Plüschsofa. Daß sie sich nicht schämen muß, wenn die andern Frauen bei ihr Visite machen. Und das muß jeder anständige Mensch haben.«
Aber sie erschrickt in tiefster Seele, denn er hat gewiß kein Plüschsofa. Und es könnte ihm weh getan haben. Und sie küßt ihn schnell auf sein Ohr, das ist am nächsten und ist auch nicht so bärtig. »Ich meine nur Frauen, weißt du.«
»Laß das, Seelchen,« sagt er fast streng, »und sag, wie du fortgekommen bist: sie wird dich doch nicht zu dem Karl genommen haben.«
Ach, nun hat er es doch übel genommen und er hat sicher kein Plüschsofa.
»Nein,« erzählt sie gang verschüchtert weiter, »die Babett sollte mit mir spielen, aber zu der kam ihre Mutter, die wohnt weit weg, und die weinte und erzählte viel, es kam eine Kuh und ein Jude darin vor. Wie die Leute reden, das versteh ich nicht so recht. Und darf's auch nicht lernen, sagt Fräulein Braun: Es ist gemein.«
Es klingt, wie wenn er etwas brummte, – wie ›dumme Gans!‹ klingt's.
»Nun weiter!«
»Da ging die Babett und wollte der Mutter etwas bringen, das in einem Buche ist, wo man Geld dafür bekommt, und es war eine große Freude dabei. Für die Mutter, nicht für die Babett. Und die Mutter ging und ihr Tuch ließ sie da. Und da war's, wie wenn mich etwas packte und nach dem Tuch hinzöge. Und da wickelte ich mich darin ein, wie's die Waschfrauen machen, wenn sie im Regen kommen. Eine Gamasche hab ich nur angebracht, dann hab ich Angst bekommen und bin schnell die Dienertreppe hinunter. Und es begegnete mir niemand. Dann bin ich durch den Park gegangen, und ein Gärtner hat mir ›Vogelscheuche‹ nachgerufen, dann kam ich ans Wach. Es war aber keine Brücke da, so bin ich übers Eis gegangen.« »über das Wach gegangen!«
»Es war ganz schön. Das Wasser lief unten, und es gluckste, und es lachte einer heimlich da unten, und ein Fisch schoß vorbei, und ein großes Loch war auch da, um das ging ich herum ...«
So, nun weiß er, warum niemand hier suchen geht. Das Wach ist nur ganz dünn gefroren und hat Stellen, an denen unterirdische Quellen aus dem Boden kommen, wo auch im härtesten Winter das Eis nicht tragt. Und er möchte an einen Engel glauben können, der das Kind auf dem Todespfad geleitet hat. Und er sieht im Geist das Flüßchen zwischen seinem Wald und den Wiesenufern, unter der trügerischen Eisdecke, und die vielen Männer, die jetzt mit Fackeln und Stangen nach einem kleinen, halb erstarrten Körper suchen. Und der Fürst muß heute abend kommen. Mit dem Achtuhrzug. Und die müssen ihn mit der schrecklichen Nachricht empfangen. Und der Mann, der schon so viel verloren hat, was muß er leiden an diesem fürchterlichen heiligen Abend. Mit seinen längsten Schritten eilt er dahin. Aber es ist eine Stunde in der Nebelnacht bis zu seiner Ruine, von der aus er erst Nachricht geben kann. Das zarte Kind muß bald unter ein Obdach kommen. Und dem Fürsten wird es auch so lieber sein, als wenn er seine Tochter aus einer Bauernstube abholen muß. Der Pfarrherr ist unbeweibt, wunderlich und menschenscheu, studiert jetzt seine Predigt, wird gar nicht wissen, was er mit dem hereingeschneiten Gast tun soll. Und der Nebel schließt sie immer dichter ein. Kennte er nicht jeden Tritt hier, so wäre es schlimm bestellt ums Heimkommen. Und er macht sich bittere Vorwürfe, daß er nicht gleich geeilt hatte.
Aber das Kind will jetzt von ihm wissen, so viel, so viel. Mit dem sicheren Instinkt der Kinder hat sie herausgefühlt, daß sie einen Freund gefunden hat.
»Warum wohnst du in einer Ruine, warum bist du so arm? Bist du auch das Christkind suchen gegangen?«
Und im Weiterschreiten erzählt er ihr von sich. Erst zögernd, denn er ist es fast ungewohnt, von sich zu reden, dann mehr für sich selbst, wie es sehr einsame Menschen tun, wenn sie einmal ihr Herz öffnen. Von dem großen Brande, der in einer Nacht das alte Schloß, welches sein Vater an einen reichen, jagdlustigen Herrn vermietet hatte, zerstört hat.
Wie sein Vater und er Offiziere waren; beide in demselben Regiment. Und wie der alte Oberst es nie verwinden konnte und sich schwere Vorwürfe machte, daß er das Schloß vermietet, um seinem Sohn das Dienen in Berlin möglich zu machen. Und wie sie beide es nicht übers Herz bringen konnten, die Trümmerstätte, die die Heimat so vieler ihres Blutes gewesen war, wiederzusehen. Und wie der Vater starb und er so allein war und in kleinen nordischen Grenzstädten stand, wo die Wolken tief herabhängen und die Walnüsse bereits Südfrüchte geworden sind. Und wie er malte. Zuerst die grauen Wolkenzüge über den nordischen Ebenen und dann, aus der Erinnerung, das Bild des verlorenen Vaterhauses. Und wie alles, was nicht Farben und Malleinwand war, immer mehr ein bitteres Elend wurde und Verbannung und ein nagendes Heimweh nach dem Waldland. Das Heimweh, das die Seele mit grauen Fäden bespinnt und zusammendrückt und von dem nur reden kann, wer es einmal gekannt. Das Heimweh, das nach jedem Stein der Heimat schreit, das nach den fremden Wänden schlagen möchte. Das immer wieder dem Herzen die trauten Bilder vorhält. Wie es war, als die Halde im bittersüßen Duft der Schlehen lag, am ersten heißen Apriltag. Wie der Schloßbrunnen rauschte, in dem sich zuweilen Vogelgetön und die Sonntagsmundharmonika des Stallburschen verfing, daß es an seiner Steinschale ein wunderliches Echo fand, daß es gewiß auf der ganzen Welt keinen solchen singenden Brunnen mehr gab. Wie die Abendsonne auf dem alten Gemäuer lag und aus den Fenstern so viel goldene Augen machte, die ins Waldland hinausblickten. Bis das Bild aus Ton und Farbe und Duft gewoben vor dem Auge steht, daß Kasernenhofmauern und die grauen Ebenen und die Sturmwolken, oder die mitleidlose Sonne an den klarkalten Tagen, die alle Linien starr macht und so unbarmherzig die bittere Kahlheit zeigt, nicht mehr zu ertragen sind. Und wie er plötzlich dort Schluß gemacht. Weil – nein, das sagt er dem Kinde nicht, daß da ein kleiner Revolver lag und nur die Hand eines treuen Burschen den Punkt unter der Geschichte verhinderte. Und wie er nach Berlin auf die Akademie ging und malte.
Von was er lebte, konnte er schier selbst nicht sagen. Von dem Ertrag seiner Jagd, die er an den Fürsten verpachtet hatte; von dem, was sein Wald zuweilen abwarf, und (wenn das sein Vater noch hätte wissen können!) vom Tapetenzeichnen. Und wie ihm keine Bitterkeit des Deklassierten erspart war. Und wie seine Länge, »der Herr Graf«, der »Leutnant a. D.« und die Härten seiner so ganz allein erworbenen Malweise alle schlechten Witze der langhaarigen Kunstgenossen entfesselten. Wie die nicht Ruhe gaben, bis er einen der windigsten und frechsten Gesellen am Kragen packte und mit ausgerecktem Arm zum Fenster hinaushielt in den Regen, wie der sich auch wand und krümmte. Und das Wohnen in billigen, entlegenen Quartieren, und die ungeheure fürchterliche Einsamkeit, die nirgends qualvoller und entsetzlicher sich aufs Herz legt als in einer Millionenstadt...
Schon längst hat er vergessen, daß ihm jemand zuhört. Das Kind ist wohl eingeschlafen, es rührt sich nicht mehr. Aber das ist ein Irrtum. Das Kind ist hellwach und nimmt jedes Wort in sein feines Herz auf, wo alles unvergessen liegen und, wenn die Stunde kommt, wieder heraufsteigen wird zu jedermanns Verwunderung. Und das phantastische Köpfchen dichtet Bilder dazu, himmelweit entfernt von der Wirklichkeit, aber doch wahrhaftig, mit der innern Wahrheit der Dinge.
Und die Kunst ist eine strenge Herrin, und nur selten noch wird ihm die Seligkeit des Gelingens geschenkt. Und wie an einem stickigen Sommerabend, als aus dem Hinterhof die Luft wie ein glüher Brodem voll unguter Düfte heraufstieg, keifende Weiberstimmen, gröhlender Gesang, das jämmerliche Weinen eines verlassenen Kindes die Musik dazu gemacht, und es über ihn kam mit Riesengewalt. Nur noch einmal den Duft des Heus einatmen, wie es der Abendwind auf weichen Schwingen aus dem Tal heraufbringt, nach dem Schloßberg. »Ja, bin ich denn hier angeschmiedet, ist das noch Menschentum oder ist's ein Höllenkäfig, in den wir da zusammengesperrt sind?« In der Nacht noch, nur mit dem, was er gerade hatte, ist er davongegangen. Von Würzburg an reist er wie ein Handwerksbursche. Und wie er davon spricht, ist's nicht viel anders, als es wohl seine Vorfahren, die mit Kaiser Friedrich in der Wüstenglut hungerten und brieten, oder mit den Niederländern in den spanischen Befreiungskriegen im überschwemmten Land halb wie die Frösche lebten, den aufhorchenden Frauen und Kindern am heimatlichen Herde erzählt haben mochten.
»Und nun das Glück. An einem Regentag komm ich heim; es tropft mir von den Bäumen auf den Kopf und es rauscht und gluckst, und die alten Wolkenfrauen ziehen ihre Schleppen über das Wiesental. Und wie die Linden duften! Es war mir lieb, daß ein Regenschleier die leere Stelle ein wenig verhüllte, wo ehemals das steile dunkle Dach zwischen den Bäumen stand. Es war Abend geworden, und ich dachte: jetzt steigst du noch ein wenig auf dem Schutt herum, daß es dir am Morgen nicht mehr so schrecklich ist. Ich hole mir die Schlüssel beim Förster, denn die Tore stehen ja noch. Der hat eine große Freude und tut mächtig geheimnisvoll. Es knarrt das alte Tor mit dem Ton, den ich so oft im Traum gehört, es ist ganz wie ehemals. Einen Augenblick muß ich noch die Augen zumachen und die Zähne zusammenbeißen vor dem, was kommt, denn jetzt müßte dort die Palaswand aufsteigen, die beiden Hunde hervorstürzen, ich müßte des Vaters Stock hören. Aber wie ich aufschaue, ist's doch wieder ganz anders als ich gedacht. Der Wald hat schon wieder ein wenig Besitz genommen, dort an der Mauerwand rauscht noch unversehrt der Brunnen, ein später Amselschlag hat sich darin verfangen, und er klingt und klingt. Ein wilder Rosenstrauch hängt über dem Brunnen, und eine der Linden lebt auch noch, ohne Krone zwar, an einer Seite kahl, aber die andere hat die treue, gute mit tausend gelben Büschlein behängt. Und es riecht nach Heimat. Der Förster führt mich durch einen Steinwall, den er selbst geschichtet hat, zu einer Stelle, wo herabgestürzte, halb verkohlte Balken ein Dach gebildet haben. Eine rohe Bretterwand, dahinter eine Tür. Die Hofstube tut sich auf. Dort saßen in früheren Zeiten die Knechte, und der ganze große und hohe Raum mit seinen vier tiefen Fensternischen ist unversehrt. Die Fenster verdeckt freilich der Schuttberg. Damals, jetzt nicht mehr. Der grüne Kachelofen steht noch da, der Tisch, die langen Bänke, altes Zinnwerk. Daneben ist noch eine Kammer, wo in früheren Zeiten der Knecht, der die Feuerwache hatte, sich aufhielt. Und da stand noch ein uraltes Bett und ein grünglasiertes Waschbecken. Davon habe ich zuerst Besitz ergriffen, habe mir das am singenden Brunnen gefüllt und mit seinem Wasser mir viel, sehr viel vom Herzen gespült. Und obgleich der Förster, der dies alles im letzten Winter, als er einer Fuchsspur nachging, entdeckt und geheim gehalten hatte, es nicht dulden will, so bin ich die Nacht dageblieben.«
»O, ich will den singenden Brunnen hören. Nimm mich mit zu dir.«
»Ja, hast du denn das alles gehört, Seelchen, nun, dann hör auch auf mein Geheimnis. Ich dachte, du schliefest. Wenn es die Leute hörten, wie würden sie über den verrückten Ruinengrafen lachen. In der ersten Nacht schon, wie ich da auf dem alten Knechtsbett lag, habe ich's gewußt. Wer eine solche Heimat hat wie ich, die so vielen lebendigen Herzen einst das Höchste war, um die sie geblutet haben in vielen Schlachten, in deren Frieden ihre Kindlein spielten, in deren Schatten sie sich zur letzten Ruhe legten, der darf sie nicht verlassen, ihr nicht untreu werden, muß an seinem Teil und so gut er es kann, sorgen, daß die, die nach ihm kommen, das köstliche Gut bekommen, das ihm die Alten hinterlassen. Der Thorsteiner, der vor achthundert Jahren mit seinen Bauern die Steine zu dem festen Haus zusammentrug, hat es auch hart gehabt. Vielleicht nicht so hart wie der letzte, der da auf dem Knechtsschragen liegt. Vielleicht. Und wenn er jetzt da hereinschritte, durch die Türe, mit seinem harten braunen Gesicht unter der eisernen Sturmhaube, möcht ich mich nicht unter seinem Blick winden müssen. Und darum ist mir nicht eine Stunde wohl geworden in meiner Haut, von da an, wo ich wußte, daß die Dohlen und Turmkrähen über ihren zerstörten Nestern herumflattern. Sie haben nach mir verlangt, die Väter, und mir keine Ruhe gelassen, und sind hinter mir drein auf der Ebene geritten, wo die Wolken so tief herabhängen. Und wenn ich zwischen den Vorortbahnen und ihren hundert Lichtern und dem Menschengewühl der armen Heimatlosen im Berliner Norden herumstieg, haben sie an mein Herz gestoßen, daß es mir klar wurde, warum die so ruhelos sind, so verbittert, so unstät, so pflichtlos oft. Weil das deutsche Herz nach einer Heimat schreit. Hat es keine mehr, an der noch die Sitten, die Taten, die Leiden der Alten hängen, so muß es suchen gehen und wird unruhig und füllt sich mit allerhand, was es hin und her reißt und nimmer satt werden läßt.
Und ich baue sie wieder auf, meine Heimat. Manchen Kampf darob habe ich mit dem alten Herrn gehabt. Denn zuerst da sollte es wieder werden, wie es gewesen ist mit seinem Turm und Wall und Ecken und Winkeln. Aber der alte Herr unter seinem eisernen Sturmdach lacht mich grimmig aus. Von der Million, die ich dazu brauchte, und ob ich die mit Tapetenzeichnen zu verdienen gedenke, redet er nicht. Brauchst du denn eine Festung? Bilde dir nicht ein, daß du könntest mit allen Rissen und Plänen, die du machen magst, – was wir konnten. Wir bauten, weil wir nicht anders konnten. Und gegen wen willst du in deinen Wällen Geschütz auffahren? Gegen die Hollacher? Da versank der schöne Traum, und ich habe ihm auf meinem Schragen wie ein Bub nachheulen müssen. So wird's nun eben ein festes gutes Haus. Und wenn ich mich darum mein Lebtag nicht besser betten kann als auf dem Knechtsschragen. Und zuerst habe ich mit meinen zwei Händen angefangen und dabei das Berliner Elend hinausgeschwitzt. Der erste Herr von Thorstein wird auch seine Schultern angestemmt haben, wenn ein gar zu schwerer Stein das letzte Eck am Schloßberg heraufkam. Woher wären denn die meinen so breit? Und heutzutage, wo die Kinder schon mit dem Rundreisebillett im Steckkissen ankommen, muß es auch noch Leute geben, die wissen, wo sie hingehören und für was sie leben und vielleicht sterben müssen.«
»Aber du baust dein Dach wieder dorthin, wo der Himmel so leer ist zwischen den Bäumen, daß du wieder hinsehen magst,« flüstert ein halbträumendes Stimmchen.
Er erschrickt fast, so gut hat sie aufgemerkt. Nun, bis morgen wird sie alles vergessen haben.
Und jetzt blinkt plötzlich ein goldenes Licht durch das weiße Gegitter eines Holunders. Der lange Thorsteiner klopft an einen Fensterladen, ein Frauenkopf fährt heraus. Von ihrer ungeheuren Nachricht ist die Gute so bedrängt, daß sie es sofort, eh sie noch weiß, was er will, weitergeben muß.
»Wissen Sie's schon, Herr Graf, drüben die Prinzessin, das Arme, das nicht so recht im Kopf ist, ist ertrunken im Wach. Seit vier Uhr suchen sie's mit Stangen und Fackeln.«
»Unsinn, Frau Scheiterlein, schnell packe Sie Peterles Strümpfe und Sonntagsschuhe in einen Korb und komme Sie zu mir, aber schnell.«
Und schon ist er mit seinen langen Schritten weiter. Wieder eine Reihe hoher Bäume, dann eine Mauer. Und nun kommt's. Dem Kinde, das sich vor der Stimme der Frau ganz in seine Hüllen verkrochen hat, klopft das Herz. Denn nun kracht und brummt und stöhnt das Tor.
»Der singende Brunnen, du!«
Aber der schläft. Durch graues Gestein, ein Lichtlein schimmert, ein hoher großer Raum tut sich auf, aus dem eine wohlige Wärme und ein köstlicher Duft ihnen entgegenschlägt. Ein herrlicher, großer Tannenbaum auf einem Aufbau von Moos und Steinen, und darunter etwas Wunderbares, das das Kinderherz höher schlagen macht.
Nun läßt er sie heruntergleiten. Ein langer Kaliban steht vor seinem Herrn, den er ansieht wie ein treuer Hund, der jede Bewegung vorauszuberechnen scheint. Zwei Schriftstücke bedeckt der Haus- und Schloßherr mit langen, eiligen Zügen.
»Wenn du's gewinnen kannst, vor acht Uhr, Märt!«
Und mit eiligen Schritten verschwindet der Bursche und läßt gerade noch die Frau Scheiterlein mit Peterles Strümpfen ein.
»Nun, Frau Scheiterlein, wie fühlt Sie sich als dame d'honneur?«
Die Frau macht eine wilde Armbewegung, und mit einem Schwall von ihm unverständlichen Worten wird das Kind in den Salon geleitet, der in einer der vier Fensternischen bequem Platz hat, wo sie mit vielem Protest zwar – weil sie voll Stacheln seien – Peterles Strümpfe anziehen muß, während er im Nebenraum seine Toilette macht. Sie wird nicht eleganter dadurch. Peterles Schuhe erweisen sich als zu drückend und werden unnötig erfunden, Peterles Strümpfe stehen von selbst.
Und nun erhebt sich die schwierige Frage: »Frau Scheiterlein, was kann Sie kochen?«
Ein Zündhölzchen flammt und unter einer Teemaschine hüpft ein blaues Flämmchen. Frau Scheiterlein kann vielerlei kochen, Pfannkuchen, Eierschmarren; aber sie empfiehlt einen guten, festen Kindlesbrei als in allen schwierigen Lebenslagen das beste für hoch und nieder. Bei hoch macht sie einen kleinen Knix. Dann geht sie ab, und man hört bald draußen ein Feuer knistern.
Aus dem braunen Tuch, das zum Verlüften hinausbefördert wird, hat sich ein sehr, sehr schmächtiges Mägdlein in einem blausamtenen Hänger mit altem Spitzenwerk am feinen Hälschen geschält. Aber es könnte anhaben, was es wollte, man sieht nur die wallende Mähne vom blassesten Gold, die zu beiden Seiten des Gesichts herabfällt. »Wenn du so dick sein wirst wie die Haare, Seelchen, so ist's recht. Nun gibt's bald eine Schale Tee.«
Aber sie will gar nichts. Auf den blassen Wangen brennen rote Flecken und die Augen leuchten vor Verlangen. Ach sie ist in des rechten Christkinds Reich gekommen, da unter dem Baum ist etwas so unglaublich Schönes! sie hüpft auf ihren grauen dicken Strümpfen dorthin. Aber er hält sie zurück. »Einen Augenblick, Seelchen, mach fest die Augen zu.«
Da steht sie, vielleicht zum ersten Male in ihrem armen, kleinen Leben ein erwartungsvoll seliges Kind. Und es hat sich doch von jeher der ganze Segen der so hoch entwickelten deutschen Spielwarenindustrie über sie ergossen. Und nun klingen alle Weihnachtsglocken zugleich in ihrem Herzen zum erstenmal, und sie macht krampfhaft die Augen zu, so fest, daß sie noch die feinen Händchen ballen muß. Ein Streichhölzchen knistert und ein feiner köstlicher Wachsduft erfüllt den Raum. Augen auf! Da steht der Baum im Glanz seiner zehn Kerzen, denn einen andern Schmuck trägt er nicht. Und darunter erglänzt im sanften rötlichen Schein das Wunderwerk. Eine Krippe, aber nicht ein Stall, sondern aus grauem Steinwerk erbaut, eine Ruine, eine Steinplatte als Dach, die Ritzen mit Moos gefüllt. Und durch eine Rubinglasscherbe, die zwischen die Steine eingelassen ist, von oben in sanftes Rosenlicht getaucht, die heiligen Gestalten. Aus farbigem Wachs modelliert von den glücklichsten Künstlerhänden. Ein tiefer Atemzug des Entzückens!
»Das Christkind! Liegt so mein Brüderchen in meiner Mutter Arm im silbernen Sarg?«
Denn unter dem Rosenlicht liegt so sanft und lieblich ausgestreckt auf einem Bettchen von seidenweichen Disteldaunen Maria, ihr Kind im Arm. Sie schläft, das rundliche rosa Köpfchen ist an ihre Brust geschmiegt, und mit der einen Hand hält sie, wie den köstlichsten Wiegenvorhang, ihr weiches gelbes Haar um das schlummernde Kind. Über die beiden beugt sich, mit dem schönsten Ausdruck beglückter Liebe und treuer Sorglichkeit, Joseph. Auf dem Pfädlein, das durch Moos und graue Flechten hinaufführt zu der Öffnung, wandern ein Knabe und ein zerlumptes Mägdlein. Ein graues Wachseselein und eine biedere breite rotbraune Kuh sehen aus einem Verschlägchen heraus.
Das Kind kniet vor den Herrlichkeiten auf dem Boden und schaut und schaut. Und der lange Thorsteiner hinter ihr sieht mit der gleichen Kinderfreude auf sein Werk.
»Ein Engelreigen gehörte wohl auch noch dazu, aber ich bin nicht zurecht gekommen mit dem Federvolk. Wo denen wohl die Flügel herauswachsen?«
»Hast du das gemacht?«
»Siehst du, es war freilich eine große Zeitverschwendung. Aber etwas muß der Mensch zu Weihnachten bekommen. Die letzten Jahre gab's nichts, und es war ein Weihnachtselend, wie es nicht an die größte Wand zu malen ist. Aber jetzt bin ich Hausherr und werde mich doch nicht mir gegenüber lumpen lassen. Und siehst du, das hat mir wohlgetan, es ist wie bei Dürer, das Kind der Welt liegt auch in einer Ruine.«
Nun singt die Teemaschine. »O laß mich da, ich muß immer nach der Maria sehen,« flüstert sie, und auf einem alten Wollteppich kauernd, feiert sie die wonnigsten Weihnachten. Der Hausherr hat sich in seiner ganzen gewaltigen Länge auf den Boden ausgestreckt, eine dampfende Teeschale neben sich, ein Urbild des Behagens. Wie das Kind so zusammengekauert sitzt, fallen seine glänzenden Haare fast auf den Boden, die Ellenbogen stützt sie auf die Knie, und schaut und schaut, kaum daß die Teetasse dazwischen zu Ehren kommt.
So ist in ihrem immergleichen Dasein noch kein Tag gewesen, so wundervoll und so lang, als könnt er nie enden. In Wirklichkeit ist's kaum sieben, und mit einem Blick auf seine Uhr berechnet er, ob es noch gelingen kann, mit der guten Nachricht vor der schlimmen zu kommen. Wohl kaum.
»Du, Harro! Für wen hast du das gemacht?«
»Nun, für mich und meine Kinder.«
»Du hast doch keine und du brauchst keine.« »So, brauch ich keine?«
»Sieh die schöne Maria; wenn die Kinder kommen, dann lärmen sie und fassen an; und gehen sie fort, so hat gewiß die liebe Kuh nur noch drei Beine.«
»Meinst du, ich könnte nicht Ordnung halten in der Bande?« und er reckt einen langen, Respekt gebietenden Arm aus.
»Du brauchst keine Kinder, du hast ja mich.« Halb ängstlich, halb trotzig sagt sie's.
»Dich hab ich nur noch eine Stunde, Seelchen.«
Es ist ein Schatten über die Weihnachtsfreude gekommen.
»Eine Stunde noch, dann hoff ich, daß dein Vater da sein wird, dein lieber Vater.«
Sie zuckt zusammen, und eine feine finstere Falte steht auf ihrer Stirn: »Du hast nach ihm geschickt.«
»Sie sind in Angst um dich.«
»O, nun wird er böse sein, wie im Leben nicht! Und dann sagt er, was er immer sagt: ›Sie hat mir immer nur Kummer und Sorge gemacht, die arme Kleine.‹«
»Nein, das wird er nicht mehr sagen. Du machst ihm jetzt Freude. Seelchen! nun hast du ja die rechten Worte gefunden.«
»Hab ich?«
»Die richtigen Worte, mit denen man alles sagen kann, was man lebt!«
»Ist das, weil du mir den rechten Namen gegeben hast? O sag ihm, daß ich Seelchen heiße; aber wenn ich nicht dabei bin, mußt du's tun. Oh, du bist klüger als alle anderen: sag mir schnell, weiß Maria schon, wenn sie das Kindlein hält in ihrem lieben Arm und es zudeckt mit ihrem Haar, – wenn ich ein Kindlein habe, mache ich es auch so, daß die bösen Leute nicht einmal hereinsehen können, – weiß sie, was mit dem Kindlein wird?«
»Nein, das weiß keine Mutter.«
»Meine auch nicht, sonst hätte sie mich mitgenommen. Und dann wird er groß, und die Menschen tun ihm Leids an. Und ist es wahr, daß sie hat dabei stehen müssen und sehen, wie sie ihn tot machen?«
»Seelchen, komm, nicht weinen! Du hast zu viel erlebt heute.«
Sie sieht ihn mit ihren sanften Augen verwundert an, über ihre schmalen Wangen rinnen noch die Tränen.
»Ja, mußt du denn nie weinen, wenn du daran denkst?«
Es ist ganz still in der großen Stube, nur in den Tannen knistert's, es fällt ein Wachs herunter und die Wachslichter, die so schnell vergehen, neigen sich schon. Das Kind wartet nicht auf Antwort. Es sieht hinein in den Rosenschein, auf die schlafende Maria und das so süß geborgene Kindlein. Es ist jene Stille, die so selten ist in unserer hastenden und jagenden Welt voll guter und voll schlimmer Werke. Jene Stille, in der unsere Seele zur Harfe wird, worin sich die Töne der Ewigkeit verfangen. Und es webt sich fester und fester, das goldene Band aus der Himmelspforte im kristallenen Wald. Und weil er eine Künstlerseele in sich trägt, die in Bildern und Tönen denkt, so sieht er im Geiste wieder die Prachtstraße, die nach der Himmelstüre führt, und das Seelchen, das Sonnenkränzlein auf dem Haupt, geht ihm voran, und dort steht im goldenen Glanz das himmlische Vaterhaus, das für ihn die Gestalt der eigenen für immer verlorenen Heimat trägt. Und davor in dem allerherrlichsten Bilde, das uns der Sohn von der Gottesliebe gemalt, der Vater, der ausschaut nach dem wegemüden, dem sündenbestaubten und heimwehkranken, dem verlorenen Sohn. Ein tiefer Seufzer hebt die breite Brust, und indem er sich löst, hat seine Seele den ersten Pfeil ihrer Sehnsucht nach dem ewigen Ziele gesandt.
Und nun kommt die Scheiterlein herein, den dampfenden Brei in buntglasierter Schüssel; das Seelchen bekommt nur ein paar Löffel hinunter. Zuviel ist heute auf sein kleines Herz eingestürmt.
»Nimm mich in deine Arme, ich will noch in die Krippe hineinsehen.« Eine kurze Weile sehen die großen grauen Augen in die erlöschende Glut, dann schließen sie sich, ein Traum wirft seinen bunten Mantel um das Seelchen.
Ganz von ferne klingt in seine farbigen Bilder hinein die wohlbekannte Stimme: »Meine Kleine, meine arme Kleine, wer hätte ihr das zugetraut!«
»Papa,« flüstert sie... und dann schießt das Traumboot wieder mit dem Seelchen an vielen seltsamen Gestaden vorbei, bis es Halt macht an einem grauen Morgenufer.

Walter Serner - Inferno

Walter Serner - Inferno Inferno Ein Schreien, das widersetzlich beginnt, wenn es am laute­sten wird, vor Wut sich überschlägt und ...