Carl Streckfuß – Christnacht

Carl Streckfuß – Christnacht

Albert Egger-Lienz - Christnacht


Es scheint der Mond im hellen Schimmer
Der kalten klaren Winternacht
Dem Küster in das niedre Zimmer –
Und der, vom Glanz gestört, erwacht.
Er glaubt es Zeit zur Weihnachtsmette,
Und springt erschrocken aus dem Bette.

Und eilt mit seinem Schlüsselbunde
Frisch nach der nahen Kirche hin.
Da tönt vom Thurm die zwölfte Stunde –
Der Küster denkt in seinem Sinn:
Ich Narr ließ mich vom Mond betrügen,
Kann noch drei Stunden ruhig liegen.

Doch war die Thür nun einmal offfen,
Ins Kirchlein sieht er noch hinein,
Und glaubt, er träum', und steht betroffen,
Denn flimmern sieht er Kerzenschein,
Und in den Stühlen sitzt hier Eine,
Und Einer dort aus der Gemeine.

Sie scheinen brünstig still zu flehen,
Es reget Keines Hand noch Fuß,
Und starr sie vor sich niedersehen –
Wohl sagt er Manchem: Gott zum Gruß!
Doch zeiget keines Spur von Leben –
Da fängt der Küster an zu beben.

Er glaubt vom Teufel sich geblendet,
Und stürzt zur Kirchenthür hinaus,
Und, Raths sich zu erholen, wendet
Er sich nach seines Pfarrherrn Haus;
Er weckt ihn, meldet die Geschichte
Ihm dann mit zitterndem Berichte.

Erst hegt der Pfarrherr große Zweifel,
Doch als der Küster eifrig schwört,
Spricht er: »Mein Freund, ihn hat kein Teufel,
Ihn hat ein leerer Traum bethört.
Doch wer auf seinen Jesum bauet,
Dem selbst nicht vor dem Satan grauet.

So komm' er denn nun ohne Grauen
Mit mir zum Gotteshause hin,
Dem Spuk ins Angesicht zu schauen.« –
Zwar ist's nicht nach des Küsters Sinn,
Doch weil Hochwürden es befohlen,
So folgt er still, und seufzt verstohlen.

Und in der Kirche sitzet Jene,
Die vorhin schon der Küster sah,
Bewegungslos und ohne Töne
Mit bleichem, starren Antlitz da.
Der Pfarrherr, bei der Kerzen Lichte,
Sieht selber, wahr sie die Geschichte.

Er staunt, doch ohne zu erschrecken,
Und redet den und jenen an,
Doch war kein Leben zu entdecken,
Und starr sie vor sich niedersahn,
Und Keins mit Hand noch Fuß sich reget,
Bis daß es Eins vom Thurme schläget.

Und wie der Hammer ausgehoben,
Da lischt der Schein der Kerzen aus,
Und alles ist in Dunst zerstoben,
Und dunkel ist das Gotteshaus.
Der Mond nur blicket hier und dorten
Durch Fenster und die offne Pforten.

Da geht der Pfarrherr still und düster,
Läßt den Gedanken freien Lauf,
Und spricht zu Hause zu dem Küster,
Schreib' er mir doch die Namen auf
Von allen, die wir dort gesehen,
Ob was mit ihnen mag geschehen.

Und als nur wenig Zeit verflossen,
Stirbt einer der Geseh'nen schon.
Bald folgen andre den Genossen,
Und eh das Jahr noch ganz entflohn,
War auch nicht Einer übrig blieben
Von allen, die sie aufgeschrieben.

So oft die Christnacht wiederkehret,
Sehn beide hin um Mitternacht,
Und werden jedes Mal belehret,
Wer künft'ges Jahr den Lauf vollbracht,
Denn immer ists um die geschehen,
Die sie dann in der Kirche sehen.

Einst finden sie zu ihrem Schrecken
Ganz angefüllt der Kirche Raum
Mit bleichem Volk in allen Ecken –
So voll ist's bei der Predigt kaum –
Da kam die Pest in diesem Jahre
Und streckte viele auf die Bahre.

Und endlich, wie sie wieder gehen,
Zu sehn, wer reif zum Tode sei,
Da sieht sich selbst der Küster stehen
Dort an der Thür der Sakristei.
Es sieht im festlichen Talare
Der Pfarr sich stehen am Altare.

Und dieser faltet seine Hände,
Und spricht getrost: mein Herr und Gott,
Bescheere mir ein sel'ges Ende,
Ich harre froh auf dein Gebot.
So bald du rufst, in Jesu Namen!
Und gläubig sagt der Küster: Amen.

Und froh gefügt in Gottes Willen
Weihn seinem Dienst sie Seel' und Leib,
Bestellen noch ihr Haus im Stillen,
Sind ernst, doch sanft mit Kind und Weib,
Und eh das Jahr noch ganz geschieden,
Da gehen Beide hin in Frieden.

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