Ludolf Weidemann - Weihnacht

Ludolf Weidemann - Weihnacht

Harald Reiter - Abendrot im Winterpark - copyright 2011 Harald Reiter


»Mütterchen, Mütterchen, bist du erwacht?
Hörtst du den Sturm nicht der letzten Nacht?
Schieb doch eilends auf den Riegel!
Bring die Milch dir in den Tiegel.
Bin ja das kleine Waisenkind.
Mach doch auf! – mich friert – geschwind!«
Und die Alte schürt die Kohlen,
Schlürft herbei auf filzger Sohlen.
Und herein mit lachendem Sinn
Tritt die kleine Schaffnerin.
»Hu, wie kalt – nur schnell zum Herd
Und die lechzende Flamme genährt.
Mütterchen, weißt du, was heute ist?
Heute kommt ja der heilge Christ.
Hinter des Krämers kleinen Blenden
Hingen Puppen an den Wänden,
Nüsse sah ich und goldigen Schaum
Und einen brennenden Tannenbaum.
Schafe und Lämmer im wolligen Vließ
Und den Knecht Ruprecht vom Paradies.
Ob er sich wohl auch zu uns verirrt,
Herberge bei uns nehmen wird?
Ach wer denkt an das Waisenkind,
Wenns nicht die lieben Engel sind.«
Horch! Da klingt es vom Gebälke.
Lebendig wird das Holz, das welke,
Und über der Hütte morsche Schwelle
Flutet der Glocke lebendige Welle.
Aus vollen Registern jauchzt der Ton
Von einem himmlischen Gottessohn,
Der den Elenden sich zugesellt.
Des Leides dunkelste Kammer hellt
Und in des Todes Winternacht
Den ewigen Frühling hat gebracht.
Wie die Nacht abstreift ihr Schattengewand,
Mit Gold umsäumt ihren Purpurrand,
So verklärt der Weihnachtsglocken Geläute
Zum ewigen Morgen das flüchtige Heute.
Die beiden haben sich angefaßt.
Der heilige Christ war bei ihnen zugast,
Und des Himmels ganze Seligkeit
Breitet sich über Weh und Leid.
Denn über Sturm und Erdenschmerz
Siegt ein gläubig frohes Herz.

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