Dienstag, 13. Dezember 2016

E. Kotanyi - Laura Farina

E. Kotanyi (Else Jerusalem) - Laura Farina


Gilbert Holiday - Pferderennen in Goodwood

Das Unglaublichste geschah. Laura Farina errötete. Ihre bleiche, königliche Stirne überzog sich mit purpurner Glut, die Lippen wurden ernst und schweigsam, wie von Gottes Finger gezeichnet. Das ewige Leuchten des Triumphes erstarb in ihren Augen, und zum erstenmal zeigte sich in ihrem Gesicht, das gebrochen und hilflos aussah, der Schmerz. Um das zu begreifen, muß man Laura Farina kennen, wie ich sie kannte. Sie war das schönste Weib in Italien. Wo sie ging, schien die Sonne heißer, heller vom Himmel zu strahlen, wenn sie lachte, klang es wie der melodische Gesang dir Nachtigallen, und wer in ihr Gesicht blickte, verlor für Augenblicke seine Sehnsucht. Man drängte sich um ihren Wagen, warf Rosen und Epheu in ihren Schoß und jubelte ihr zu mit der ganzen, naiven Begeisterung eines im Schönheitskultus erzogenen Volkes. »La divina« riefen sie ihr freudig entgegen, wenn sie mit kleinen, flüchtigen Schritten durch die Gassen ging, und Männer und Frauen begrüßten sie und starrten ihr nach, bis das leuchtende, blonde Haupt ihren andächtigen Blicken entschwand.
»Sie hat kein Gefühl für den Schmerz,« sagten die Frauen und fügten neidlos hinzu, »sie ist aber zu schön, — sie kann es nicht.«
Niemand hat sie jemals anders als heiter, stolz und triumphierend gesehen, niemand — und doch — — —. Es war ein Nichts, eine kleine, unbedeutende Laune, die der Zufall sich einmal mit seinem verwöhntesten Liebling gestattete. Und dieses Nichts vollbrachte mit einem jähen Schlage das, was die verwegensten Huldigungen und die niedrigsten Schmähungen in dem schönen, hochmütigen Gesichte niemals vermocht hatten.« — Und das kam so:
Das erste Pferdrennen hatte ganz Rom vor die Thore gelockt. Ueber Lauras Haupte wölbte sich ein purpurner Baldachin, und sie saß in helle Frühlingfarben gekleidet in einem hochlehnigen, venezianischen Sessel, der mit Maiglöckchen förmlich übelschüttet war. Der Federhut wallte, die roten Locken wirbelten im Winde und sandten eine Wolke von Duft empor. Sie blickte lachenden Auges in die weiße, weite Rennbahn hinaus.
In diesem Augenblick glitt ein kleines, vierjähriges Mädchen geschickt und listig von dem mütterlichen Schoße herunter, — es machte einen Schritt vorwärts und starrte voll jähen Staunens in das schöne, strahlende Gesicht. Dann wandte sich die Kleine um und sah ihre Mutter an, die im schlichten, schwarzen Kleide freundlich verloren vor sich hinträumte. — Und jetzt wanderten die Blicke hin und her, prüfend, wägend, voll grenzenlosen, rätselhaften Staunens, die runden Blauaugen wurden größer, und etwas wie ein Fragen, Suchen und Nichtverstehen lag in den forschenden Kinderzügen.
Und auf einmal drehte sie sich um, trippelte mit kleinen, unsicheren Schritten zur Tribüne hin, wo Laura saß, blieb stehen und sah empor.
Ein kokettes Lächeln schürzte die roten Lippen, Laura wies hinab und sagte heiter: »Sieh doch, — wie putzig . . . Wie heißt du denn? fragte sie dann mit ihrer weichen, klingenden Stimme und beugte sich zu der Kleinen nieder, die noch immer in stummem Erstaunen emporstarrte.
Aber was Tausende entzückt und begeistert hätte, das ließ das Kinderherz ungerührt. Die Kleine trat einen Schritt zurück und fragte plötzlich kalt und mißtrauisch: »Du — bist Du denn auch eine — Mama?« — Und in diesem Augenblick geschah es. —
Laura Farina verstummte, sie sank einen kurzen Augenblick in sich zusammen, — dann schlug eine flammende Röte in ihr Gesicht, und zum erstenmal sah hinter der göttlichen Maske das menschliche Elend hervor.
Aber die kleine Richterin wandte sich um und trippelte eilig und ängstlich zur Mutter zurück.

Sonntag, 20. November 2016

Peter Altenberg - Ein wirklicher Brief an ein wirkliches zwölfjähriges Mädchen

Portrait Bertha-Peter Lecher mit ihrer Haarlocke


EIN WIRKLICHER BRIEF AN EIN WIRKLICHES ZWÖLFJÄHRIGES MÄDCHEN.
(Aus dem Cyklus »Das Leben selbst«.) Von PETER ALTENBERG (Wien).

Piroska, meine Liebe, Sie werden natürlich das durchaus nicht verstehen, was ich hiemit zu Ihnen sage und vielleicht wird es Ihnen auch niemals erklärlich werden.
Denn Sie beginnen den Weg, welchen ich bereits zu Ende gegangen zu sein das Vergnügen habe.
Jawohl, das Vergnügen!
Denn ich habe das Vergnügen, meine Seele, meinen Geist, auf ziemlich unwegsamen Pfaden bereits dorthin gebracht zu haben, wo dieselben ausruhen dürfen von den Strapazen und einen gewissen Überblick haben über das Land, das Land der Träume, der Realitäten und der überflüssigen Emotionen! Ich wiederhole Ihnen, Piroska, meine Liebe, dass Sie diese Dinge auch späterhin nicht erklärlich finden könnten, niemals; denn die Wege des Mädchens und der Frau pflegen dort gerade abzubrechen, wo eben die Pfade unserer Weisheiten beginnen!
Nun, Piri, mein Liebling, das möchte ich Dir mittheilen, dass alles Jugendliche, welches ich antraf auf meinen Lebenswegen, mir alt vorkam, greisenhaft, gebrechlich, leicht zu erschüttern und zu schwächen vor lauter mühseligen Hoffnungen und Tages-Träumen und sehnsüchtigen Emotionen und Unentschiedenheiten in dem und in jenem. Die jungen Mädchen, welche ich sah, besassen die Falten unruhiger Lebenssehnsuchten in ihrem milden Antlitz, ja sogar in ihren Augen. Die Jünglinge waren blass oder puterroth vor todtem, gleichsam gestocktem, durch Generationen mitgeschlepptem Ehrgeiz, welcher wie Blei in ihrem Nervensysteme lag.
Selbst die Natur, diese friedevolle, schien mir unruhevoll zu sein und sich zu sehnen, der Sommer nach dem Herbst, das baumelnde Blatt nach Fallen, Ruhen, das Wasser nach Verdunsten, die Wolke nach Concentration in Tropfen. Alles, alles war alt vor inneren Unruhen, vor überflüssigen Bewegungen, welche den Organismus schwächen und gleichsam die chemischen Verbindungen, Organisierungen auseinanderschütteln und verhindern.
Gebt Ruhe!
Siehe! Bismarcks und Goethes Geist waren von Anbeginn voll Ruhe. In unerschütterlichen Sicherheiten waren sie, Tag und Nacht, zu jeder Stunde, niemals bedrängt von sich selbst, so wenig wie die Lunge von ihrem Athmen, das Herz von seinem Klopfen bedrängt würde!
Sie wirkten, ruhevollst!
Aus diesem Frieden wuchs die Kraft, die Grösse!
So sei Dein Herz, o Mensch! So wachse, Frauenseele!
Alles also, wie gesagt, Piroska, Piri, mein schöner Liebling, war alt und kam mir alt vor vor lauter Jugendlichkeiten, weil es an sich selbst rüttelte, Thore vorzeitig aufzusprengen suchte und zu Erlösungen stürmisch zu kommen trachtete!
Da erblickte ich Dich — — —.
Da erblickte ich Dich und der heilige Friede der Unbedenklichkeiten, der inneren Harmonien, mit einem Worte der von ihrem Irrgange erlösten Welt, offenbarte sich mir in Dir!
Piroska, Piri — — —!?
In Deinen süssen Augen lag es, auf Deiner sanften Stirne lag es, auf Deinen schimmernden Haaren lag es, in Deiner zarten Gestalt lag es — — —.
Willenlos, vom Wollen erlöst, wunschlos, vom Wünschen los, ohne Anfang, ohne Ende, ein in sich gesichertes Sein, lebst Du, Piroska, wie der Stern auf seiner ihm selbst mysteriösen Bahn, wie das Genie, welches sich verlässt auf einen Gott in ihm!
Da sitzest Du, Piri, mein Liebling, in ewiger Jugend, nimmst meinen freundschaftlichen Blick an in Ruhe, meinen freundschaftlicheren Händedruck, meine sanfteste Berührung Deiner seidenen Haare — — — .
In Ruhe lächelst Du.
Eine Blume gibst Du mir, welche ich natürlich küsse. Du wirst nicht roth, nicht blass dabei — — —. Wie der See nicht erröthet oder erbleicht, wenn der Dichter denselben besingt oder sich sogar vor ihm verneigt im Abendfrieden.
Bleibe jung, Piri, indem Du niemals jugendlich wirst und einherstürmst innerlich. Bleibe jung, indem Du selber unbeweglich bleibst und die Schönheiten und Bitterkeiten dieser Welt in Dich einströmen lassest, und, gleich der Seelen-Constitution edler Griechinnen, Dir Wunden gerade so tief nur schlagen lassest, vom Leben, dass sie noch leicht und schön vernarben und eine neue Zierde Deiner Seele werden! Wie Schrammen von Helden, welche von Siegen kommen!
Bleibe ruhig — — —. Dem unbeweglichen Fischer kommt der Lachs an die Angel.
Bleibe ruhig, Piroska, lasse Dich nicht erschüttern von Dir selbst, von Träumen und Vergeblichkeiten!
Bleibe ruhig! Dann wird diese herrliche, bewegte, strömende Welt in Dich sich ergiessen, weil sie selbst, diese Rastloseste, einen Hafen der Ruhe sucht. In Deine ruhevolle Seele wird sie sich ergiessen, Piroska, und wird Dich ausfüllen und reich machen. Glücklich?! Nein, reich!!
Piroska, meine Liebe, ich vermuthe, Du wirst diese Dinge niemals ganz erklärlich finden. Weshalb?! Weil Eure Wege dort abzubrechen pflegen, wo die Pfade unserer Weisheit erst beginnen — — —.
                             Dein
Peter Altenberg.


Aus: Wiener Rundschau.1897/8

Sonntag, 23. Oktober 2016

Des Perlenfischers Töchterlein


Des Perlenfischers Töchterlein.






In Bayern ist ein Ländlein, heißt die Steinpfalz. Nun ist aber kein Ding auf der Welt ohne Grund, und so mag denn auch Niemand diesem Ländlein den Vorwurf machen, daß es seinen Namen nicht mit Fug und Recht trage. Vom böhmischen und bayerischen Walde her streichen zwei Granitarme, längs der Donau einer, und der andere nördlicher gegen Untergang zu, und bilden in ihrem Schooße einen freundlichen Thalgrund, benetzt von den braunen, geruhigen Wellen des Regenflusses. Aber nicht nur im Gebirge thürmen sich die Felsblöcke zu wundersamen, eigenthümlichen Gestaltungen auf, daß der Wandersmann sie für zerfallene Burgen oder Kirchen, allenfalls selbst für versteinerte riesige Menschengestalten ansehen möchte; auch in der Ebene liegen allenthalben die Granittrümmer zerstreut, als wäre hier der Schauplatz gewesen, wo weiland die Giganten mit Felsblöcken die Himmelsburg erstürmen wollten. Seit Jahrtausenden arbeiten Sturm und Regen an diesen steinernen Wahrzeichen, ebnen und glätten ihnen die Kanten und Ecken. Als wären sie durch kunstgeübte Hände zugemeisselt, so liegen sie nun mitten auf Feldern und Aengern, oder ragen wie eine Warte über das Waldesgrün empor, d’rauf man einen Blick weit herum in’s pfälzische Land werfen kann. Der heilige Beda, welcher nach den Chronikbüchern Steine in Brod zu verwandeln wußte, hätte hier für seine Wunderthätigkeit einen feinen Spielraum gefunden, und wäre den Leuten hier zu Lande höchlich willkommen gewesen. Denn die Pfälzer — obwohl sonst ein wackeres, braves Völklein — wollen doch das Brod lieber schon gebacken auflesen, als daß sie im Schweiße ihres Angesichtes ihren undankbaren Boden umreißen. Der kalte Granitsand des Erdreichs lohnt auch ihren Fleiß gar wenig, so daß Reichthum und Ueberfluß im Lande selt’nere Erscheinungen sind als die Schalttage. Selbst die Gießbäche, die von den Bergen in die Niederungen strömen, fördern das Gedeihen wenig, da sie keinen befruchtenden Schlamm mit sich führen. Aber ein anderer Schatz ruhet in ihrer Tiefe. Auf ihrem Grunde finden sich Muschelthiere in großer Zahl, die nicht selten gar schöne, kostbare Perlen in ihren Schalen enthalten. Die reichen Mönche der Cistercienser-Abtei Walderbach hatten vor mehr denn hundert Jahren das Regale der Perlenfischerei um einen annehmbaren Schilling für längere Zeit gepachtet, und eigene Fischer bestallt, denen es oblag, die Muscheln aus den Perlenbächen zu sammeln. Manch edle Perle wanderte sofort in den Schatz der frommen Väter, und wurde entweder zu einem Marienkrönlein oder sonst einer Zierde der Klosterkirche verwendet, oder an die Goldschmiede und Geschmeidehändler in Regensburg um schweres Geld veräussert. —
Wo in den Gebieten von Frankenberg und Brennberg einer dieser Perlenbäche dem Regen entgegenfließt, stand vor geraumer Zeit die Hütte solch eines Perlenfischers, den man allgemein in der Umgegend den „langen Matheis“ nannte. Die kleinen Zellen des Waldhäusleins boten kärgliches Obdach für die zahlreiche Familie. Das ist in der Pfalz so daheim; je dürftiger der Imbiß, desto mehr hungrige Buben und Dirnen warten darauf. — Unseres Perlenfischers Ehebett hatte der Himmel bereits zum siebenten Male gesegnet, und es war ein Werk der Barmherzigkeit, als die frommen Väter zu Walderbach ihm auch die Jagd- und Waldhut anvertrauten gegen einen Malter Roggen jährlich, und die Halbscheid der Pfandgebühren bei Waldfreveln, welche öfter vorfielen, als man sich’s just denken sollte. Auch war die Gränze in der Nähe, welche die Wildbahn der Herren von Falkenstein von der Walderbacher Jagdrevier trennte, was schon des Wildstandes wegen eine Aufsicht nothwendig machte. Das waren nun aber zwei Aemter, welche selbst für den wackersten und gewissenhaftesten Mann Verführung genug darboten, um so mehr, wenn Einer wie der lange Matheis ein schlimmes Weib und ein hübsches Häuflein Kinder mit Atzung und Kleidung versehen mußte, und dabei eine so karge Löhnung hatte, wie sie in dem Falle die strengen Cistercienser geben. Was Wunder, wenn eben hie und da ein Häslein oder ein junges Reh, welches sich von der Falkensteiner Revier herüber vergangen hatte, und von Gott und Rechts wegen nicht als Klostergut angesehen werden konnte, statt zum Pater Küchenmeister in die Hände der ehrsamen Frau Barbara wanderte, und in aller Stille bestmöglichst zubereitet wurde. Der Jagdaufseher fand darin auch nichts weiter, als eine freisinnige Auslegung seines Rechtes an der Pfandgebührenhälfte, und nahm sofort jedes zweite Stück Wild für seinen eigenen Haushalt in Anspruch, das unbefugt in sein Revier herüberwechselte. Das hätte gerade noch hingehen mögen in Anbetracht der Noth, die unter dem Strohdach hauste und ob der Seltenheit der Fälle. Wo aber der böse Feind einmal einen Finger hat, geht bald die ganze Hand mit in den Kauf! Der lange Matheis hat es gar wohl erfahren, als ihm sein zanksüchtiges Eheweib die Wirthschaft oft zu toll trieb, und er mit dem Vorwurf im Herzen nichts zu entgegnen sich getraute. Es ist ein böses Ding, mit dem Hehler seiner eigenen Vergehen zu rechten. Fiel ihm nun die Zanksucht seines Weibes und der beständige Hader recht schwer auf’s Herze, so ging er hin, und vertrank seinen Aerger, und machte damit die Sache noch schlimmer. Nun wächst zwar in der Pfalz viel Hopfen; aber das Bier, welches man dort braut, ist just nicht das beste in Bayern. Nachgerade behagte es dem Perlenfischer nicht mehr, und er hielt sich dagegen wacker an Kirschbranntwein und Annis, vertrank den ganzen Rest seines Lohnes, dessen größere Hälfte ohnehin in die Tasche der Frau Barbara wandern mußte, oft an einem Tage, und konnte sich doch nicht d’rein fügen, die andern Tage Durst zu leiden. So gewann er es denn endlich über sich, hie und da eine gute Perle auf eigene Faust in den Handel zu bringen. Ein mitleidiger Jude aus dem benachbarten Städtlein Cham begünstigte seine Hantierung, und nahm ihm das veruntreute Gut um den dritten Theil des Werthes ab.
Wer vermag aber den Scharfblick eines Weibes zu täuschen? Frau Barbara merkte alsbald ihres Mannes geheime Handelschaft. Sei es nun, daß sie grollte ob des eigenmächtigen Uebergriffs über die verbrieften Ehepakten, welchen gemäß sich die angehenden Eheleute vollkommene Gütergemeinschaft ausbedungen hatten; oder sei es, daß sie wirklich um das Seelenheil ihres Gesponses besorgt war; kurz — das Schelten und Grollen nahm kein Ende, so lange der Mann daheim war, und sie nannte ihn einen Galgenvogel und Lotterbuben, und was dergleichen Betheuerungen mehr waren. Er ertrug’s eine Weile, ohne ein Wörtlein zu sprechen; alsdann ging er aber von hinnen, und vertrank seinen Ingrimm, um dann seinem Weibe neuen Anlaß zu Aergerniß zu geben.
So dauerte das Ding wohl mehrere Jahre, und der Gram und der Branntwein zehrten an dem langen Matheis, daß er schier zusehends länger und hagerer wurde. Zudem waren nun auch seine Kinder herangewachsen, mehreten die Last des Hauswesens, und er konnte es nicht dahin bringen, daß die Mutter sie in den Dienst schickte. Die Buben führten ein wahres Tagediebleben, nahmen an ihres Vaters Wildfreveln ein gut Exempel, und die Dirnen waren just auch nicht vom besten Schlag. Nur die blauäugige Margaretha, das jüngste Kind im Hause, war aus der Art gerathen, fromm und sittsam, die schönste Perle, so der Fischer aus trüber Quelle gefischt. Unangesteckt von der Rohheit ihrer Mutter und Brüder, und von der Sittenlosigkeit ihrer Schwestern, blühete sie auf wie ein Maiblümlein unter Giftpflanzen, und, obwohl die Versündigung ihres Vaters ahnend, hing sie doch an ihm mit treuer, kindlicher Liebe, da sie zu sehr fühlte, wie nur Gram und Kummer daheim ihn auswärts zum Bösen verleiteten. Zur selbigen Zeit ging es im deutschen Reichshaushalte wohl eben so d’runter und d’rüber, wie in dem kleinen Haushalte unseres Perlenfischers. Der unglückliche Churfürst Maximilian Emanuel von Bayern irrte umher — ein Flüchtling — und Bayern schmachtete unter dem Drucke österreichischer Truppen.
Obwohl dem Churfürsten Johann Wilhelm von der rheinischen Pfalz nebst der Reichsverweser-Würde auch das Fürstenthum der obern Pfalz und die Grafschaft Cham vom Kaiser war übertragen worden: so lasteten doch die Greuelthaten österreichischer Freibeuter, die sich von dem Regimente des Churfürsten nicht irre machen ließen, auf dem Ländlein, darinnen sie plünderten und marodirten nach ihrem Herzgelüste.
War nun der lange Matheis mit Leib und Seele dem unglücklichen Emanuel zugethan, so war andererseits seine Ehehälfte, welche die Pracht und den Jubel des Landtages auf dem Amberger Rathhause mit angesehen hatte, und vom kaiserlichen Statthalter eigens mit einem freundlichen Gruße war beglückt worden, gut kaiserlich gesinnt, und sollte es auch nur seyn, ihrem Manne Widerpart zu halten. Das mehrte den gegenseitigen Haß, und der Unfriede wucherte fort unter dem Dache, wie ein giftiges Schlinggewächse.
Da geschah es, daß der lange Matheis, als er eines Tages noch spät am Abende die Waldhut versah, ein leises Stöhnen die Fahrstraße entlang vernahm. Als er sich an Ort und Stelle begab, fand er einen jungen Mann, mit Blut bedeckt, das aus einer offenen Kopfwunde hervorquoll, rer schier halbtodt im Graben lag, und sich nicht fortzuhelfen vermochte. Mitleidig, wie er war, lud ihn der Perlenfischer auf seinen Rücken, und schleppte ihn, so gut es ging, in seine Hütte. Trotz des Gescheltes der Frau Barbaraüber die unzeitige Barmherzigkeit ihres Mannes, und die Last, die ihrem Hauswesen durch die Pflege eines zum Tode Verwundeten aufgebürdet wurde, nahm sich doch ihr frommes Töchterlein des Unglücklichen sorgsam an, wusch ihm die Wunden, und verband sie mit weißen Linnen. Ihr eigenes Bettlein trat sie ihm ab, und pflegte seiner gegen zwölf Tage. Der Fremde aber, da er seiner Sinne wieder mächtig geworden, erzählte dem Perlenfischer, daß er ein Kaufmann wäre aus Regensburg, daß ihn die kaiserlichen Strauchritter, da er mit seinen Waaren gen Cham auf den Markt fahren wollte, überfallen und ausgeplündert, Wagen und Rößlein davongeführt, und ihn in schwerer Noth im Graben liegen gelassen hätten. Er wolle es ihm, dem Perlenfischer, gedenken, der an einem Fremdlinge eines der sieben barmherzigen Werke verübt, wenn er selber halbwegs von seinen Wunden geheilt und wieder heimgekehrt wäre. — Manch Thränlein rann über Margarethens rothe Wangen, als der Kaufherr die schlimme Geschichte erzählte, und ihr Antheil an dem Verwundeten wuchs noch mehr, wenn sie ihm in das blasse, freundliche Angesicht sah, und ein dankender Blick seiner Augen auf ihr ruhte. Das war wohl gut; aber die Hausfrau und ihre übrigen Kinder betrachteten den landfremden Mann, der sich gegen ihren Willen unter ihrem Dache eingenistet, mit scheelen Augen, und Margarethe hatte um der sorgsamen Pflege willen, womit sie ihren kranken Gast auswartete, manches Scheltwort hinzunehmen und über manche unzüchtige Aeusserung zu erröthen. Es konnte nicht fehlen, daß der Kaufherr alsbald die Sinnesart seiner Wirthin errieth, und als er sich so weit fühlte, um den Heimweg wieder antreten zu können, ließ er ein Brieflein besorgen an den Abt zu Walderbach, den er wohl kannte. Ueber kurz, so ward ihm auch ein Fuhrwerk geschickt vom Kloster, das ihn wieder heimbringen sollte gen Regensburg. Dankbar drückte er beim Abschiede dem Perlenfischer die Hand, und versprach, seiner eingedenk zu seyn, und ihm den Liebesdienst zu vergelten so viel als möglich wäre.
Als er aber Margarethen Valet gab, zog er ein goldenes Reiflein vom Finger, das Einzige von Werth, was ihm die Strauchritter gelassen hatten, und reichte es ihr mit der Bitte, daß sie seiner gedenken möchte, wie auch er all seiner Lebtage nimmer der lieblichen Pflegerin vergessen wolle. Frau Barbara wieß trotzig jeden Dank zurück. Als nun das Wäglein die Waldstraße entlang fuhr, und bald im Gehölze aus den Augen der nachsehenden Dirne verschwunden war: da überkam es diese wie leise Sehnsucht, und sie steckte das Ringlein — das einzige, abgerissene Glied aus der Kette menschlicher Freuden, so ihr bisher zu Theil geworden — mit einer zerdrückten Thräne an den Finger. Von der Stunde an aber hörte sie kein Wörtlein mehr von dem Kaufherrn. Wie es sonst auch vorkommen mag im Leben, so hatte er der schlimmen Tage kein Gedächtniß mehr, als die guten wieder an die Reihe kamen, und damit war auch des Dankes vergessen, welchen er seinem Retter zugesagt hatte. Der Perlenfischer kümmerte sich nicht darob, Margarethen aber kränkte es in die Seele hinein, weil Mutter und Geschwisterte schlecht dachten und redeten von dem undankbaren Manne. —




Nachgerade ging des Perlenfischers Hauswesen seinen alten, trübseligen Gang weiter, ja es verschlimmerte sich wo möglich, denn nach Jahr und Tag verfiel er in eine langdauernde Krankheit, die Folge seines ausschweifenden Trunkes, und der Gewissensangst, die auf ihm lastete. Da verließ Frau Barbara mit ihren ältern Töchtern das Haus in der Noth, und hängte sich an die Oesterreichischen, welche in der Umgegend in Quartier lagen. Dieses Vorkommniß wäre wohl dem langen Matheis zu jeder andern Zeit nicht gram gewesen; aber nun, da er krank und elend daniederlag, auch seine Söhne — weiß der Himmel, in welcher Herren Land herumschweiften — nun ging es ihm hart zu Gemüthe, und er wäre sicherlich vom Schragen nicht mehr aufgestanden, wenn nicht seine Margarethe bei ihm ausgehalten und seiner gepflegt hätte mit dem ganzen Reichthum ihrer Kindesliebe. Zugleich sah sie des Vaters Prest an als eine Fügung des Himmels, als eine Heimsuchung für die Sünden früherer Tage. Da legte sie Hand an’s Werk, ihn wieder umzulenken auf den rechten Weg, und verlobte sich zum Gnadenbilde der heiligen Jungfrau in Frauenzell, wenn ihr das fromme Vorhaben gelänge! —
Das war wohl gut, aber das Geschäft des Perlenfischers blieb liegen, die Waldhut ward versäumt, und der Abt von Walderbach merkte schon lange den Ausfall in den Einkünften des Stiftes, da seit langer Zeit wenige, und zuletzt gar keine Perlen mehr eingeliefert wurden.
Dazumal trug der ehrwürdige Herr Joannes Pichler die Insul im Kloster, ein frommer, gottesfürchtiger Prälat, dabei aber ernst und streng, und gewissenhaft in Ueberwachung und Mehrung des Stiftsgutes. — Als nun diesem zu Ohren kam, wie sich in den jüngsten Tagen die Holz- und Wildfrevel mehrten, und schier seit einem halben Jahre keine Perle mehr sei eingeliefert worden, schickte er einen Laienbruder ab nach des Perlenfischers Hütte, zu erforschen, wie es daselbst stünde. Da der Laienbruder den Mann krank danieder liegend fand, und merkte, wie er wohl für lange Zeit, vielleicht für immer untauglich wäre für sein Geschäft; nebstdem auch die schlechte Wirthschaft erfuhr, und wie die von Falkenstein bei der schlechten Aufsicht im Klosterbanne jageten nach Herzenslust: vermeldete er es dem Abte, und schilderte allenfalls die Sache noch um ein gut Theil schlimmer. — Der Prälat aber ließ alsobald dem Perlenfischer zu wissen machen, daß er sich um einen andern Dienst umsehen könne, wann er wolle. —



Das war der letzte, schwerste Schlag, der den kranken Mann treffen konnte, und er wußte mit seinem Töchterlein des Jammers kein Ende. In dieser Noth entschloß sich Margarethe, selbst nach Walderbach zu gehen, und den Abt fußfällig zu bitten, daß er nur kurze Zeit Nachsicht haben, und den siechen Vater nicht aus der Hütte werfen möge. Gedacht — gethan! Als nun die hübsche, blasse Dirne mit dem farbigen Tuch um den Kopf, drunter die dunkelbraunen Haare in reichen Flechten hervorquollen, mit dem Schmerzenszug im frommen Gesichte weinend und jammernd vor dem Prälaten stand, die Schürze nicht wegbrachte von den Augen, dabei vor Schluchzen kaum ihre Bitte zu stammeln vermochte: da ergriff diesen ein mitleidiges Gefühl, und er gestattete dem Vater um der Tochter willen noch eine Frist von zween Monden. Nach dieser Zeit aber müsse eine bestimmte Anzahl Perlen eingeliefert seyn, widrigenfalls dem Perlenfischer der Nachfolger in’s Haus gesetzt würde, und er dann sehen möge, wo er Unterschluf fände.




Halb getröstet, halb an der Möglichkeit verzweifelnd, des Abtes Begehr je erfüllen zu können, wanderte Margarethe wieder heimwärts, und überdachte, was zu thun wäre. Der lange Matheis aber, als ihm feines Dienstherrn Wille kund ward, fühlte gar bald, wie beim gegenwärtigen Stand der Perlenbäche sich die Perlen wie Maden vermehren müßten, um binnen der gesetzten Frist seine Aufgabe lösen zu können, doch wollte er nichts unversucht lassen, und da er bei seinem Siechthum selber nicht im Stande war, das Bette zu verlassen so eröffnete er seiner Tochter die geheimen Vortheile seines langbetriebenen Geschäftes. Da mußte nun die arme Dirne sich bequemen, nachdem sie den ganzen Tag für den kranken Vater gesorgt und geschafft, in den kühlen Herbstabenden die Perlenbäche zu durchwaden, um dann — wenn sie matt und müde heim gekommen — noch die lange, trübe Nacht hindurch Krankenwache zu halten. Doch ging sie willig und hoffnungsvoll an’s Werk. Sei es aber, daß sie die Vortheile, deren eine jede Hantierung hat, nicht verstand, oder daß wirklich die Schaalthiere just dazumal wenig Perlen absetzten: unter der geringen Anzahl der aufgefundenen Muscheln fanden sich wenige, meist gar keine, welche den kostbaren Samen in ihrer Hülle verbargen. So waren mehr denn vier bange Wochen verstrichen; die Hoffnung schwand, und eine große Trostlosigkeit bemächtigte sich der beiden Leute. Der lange Matheis aber klagte sich Tag und Nacht als der Urheber dieses Unglückes an; denn er wußte schon vom Urahne her, daß jede veruntreute Perle den Samen von zehn wachsenden ersticke. So offenbarte sich der Fluch seines Vergehens! Doch sein frommes, trostspendendes Töchterlein ließ nicht ab, des Vaters reuiges Gemüth zu sänftigen, wenn sie auch selbst im Stillen sich die Augen roth weinte, und an der Möglichkeit aller Hilfe verzweifelte, soferne nicht ein Wunder geschehen würde.



Eines Abends nun ging sie die sumpfigen Bergthäler mit ihren bloßen Füßlein entlang, dem Rinnsal des Perlenbaches nach, und wußte ihrer Noth kein Ende! Die langverhaltenen Thränen rannen ihr einmal wieder ohn’ Ende über die abgehärmten Wangen, und wenn der Abt mit diesen Perlen hätte vorlieb genommen, die jedenfalls kostbarer waren, als die edelsten vom weißen Wasser, er hätte im ganzen deutschen Reiche der Geschmeidehändler nicht genug finden können, welche ihm den Schatz abgenommen und bezahlt hätten, und das arme Menschenpaar wäre gerettet gewesen! Wo aber fände sich der Juwelenkrämer, der die Thränen eines unverschuldet Unglücklichen mit gleichem Golde aufwäge, wie die Thräne eines verkrüppelten Muschelthieres?
Margaretha hatte lange vergebens gesucht. Sie war dem Gießbache schier bis an die Quelle auf den Bergen entgegengegangen, — alles umsonst! da überkam sie der Schlaf vor vieler Sorge und Müdigkeit, sie setzte sich auf eine mit Moos überwachsene Felsenplatte, lehnte ihr Häuptlein zurück auf den jungen Birkenstamm, der aus einer Spalte hervorgewuchert war, und entschlief.
Vom Westen herauf aber drangen die Strahlen der untergehenden Sonne, und das Abendroth legte sich wie ein schmerzstillendes Gewebe über die Berghalde, d’rauf sie ruhte. Die Heimchen zirpten ihr Abendlied, und auf dem thauigen Farrenkraute und den Herbstzeitlosen, die zu den Füßen der schlummernden Magd sproßten, wiegten sich stahlblaue und meergrüne Libellen, Traumesgeistern gleich. — Wie Tröstung umwehte sie die Abendluft, und als sie so da lag und schlief, da däuchte es ihr, als würde es plötzlich lebendig auf dem glänzenden Grunde des Baches, und zwischen den Steinchen, darüber die Wasser rieselten, tauchten winzig kleine Männlein empor, kaum spannlang, welche sich in den Wellen umhertummelten, als wäre dieß so recht ihr Element. Ihre knappen Höslein hatten eine Farbe, wie glänzende, roth gefleckte Forellen, und die kleinen Kahlköpfe bedeckten grüne Mützchen, umgestülpten Kelchen von Wasserlilien ähnlich. Vorne an der Brust aber schimmerte Jedem eine leuchtende, edle Perle. Wie sie nun so geschäftig auf- und abtauchten, da brachten sie eine glänzende Perlen-Muschel nach der andern aus der Tiefe hervor, von solcher Größe, daß sie dieselben nur mit Noth auf ihrem kleinen Rücken zu schleppen vermochten. Da gab es auch viel Jubels und Gelächter, wenn Ein oder der Andere, von der überschweren Last hinabgezogen, vom Gestade wieder zurück in die Wellen fiel, und seine Mühe wieder von vorne begann; was sich jedoch keiner verdrießen ließ. So dauerte das Spiel eine geraume Weile, und über kurz — so hatten sie längs des moosigen Gestades eine schöne Reihe bunter Muscheln aufgeschichtet. Endlich schien es als ob sie damit zu Ende wären. Da nahmen sie sich unter einander bei den Händlein, bildeten allzusammen einen Reigen, und begannen unter drolligen Geberden und Sprüngen einen Tanz um ihren reichen Fund. Alsdann trat der größte und schönste unter ihnen hervor, so der Einzige war, der ein Bärtchen hatte am Kinn, ohngefähr so lange als die Härchen an den Nachtfalterflügeln. Seine Mütze war aus Goldstoff, und um Hals und Arme trug er Spangen von winzig kleinen, blitzenden Perlen, so daß er wohl leichtlich als der König des kleinen Völkleins zu erkennen war, schon um der Ehrfurcht willen, damit ihm die Perlenmännlein gehorchten. Mit einem weißen Blüthenstengel berührte er nun die Muscheln der Reihe nach, und sie knackten alle auf, wie die Haselnüße, und offenbarten den geheimen Schatz in ihrer Tiefe, von so hellem, weißen Wasser, wie man dergleichen kaum im indischen Meere finden mochte.
So glaubte wenigstens Margaretha; denn sie hatte von den Perlen im Inderlande wohl schon gehört, aber noch keine gesehen. Die sie aber hier erblickte, waren schöner als die kostbarsten, welche ihr je zu Gesichte gekommen, und sie konnte sich nicht enthalten, beugte sich nieder, und besah sich den überschwänglichen Schatz näher, prüfend, ob er wohl hinreichen möge, ihre traurigen Tage zu enden. Mein Gott, das waren wohl dreimal so viel, als der Abt von ihr begehrt hatte, und sie hätte sich just auch mit dem dritten Theile begnügt.
Da kam es ihr mit einem Male vor, als drängten sich die spannenlangen Männlein alle freundlich um sie, und jeder nahm zwei, drei Perlen von der Reihe weg, und warf sie ihr in den Schooß. Die Dirne wußte vor Freuden nicht, wie ihr geschah, hätte gerne vor Glückseligkeit laut aufjauchzen mögen, aber die Stimme versagte ihr, und es dauerte auch nicht lange; denn unversehens glitschten ihr die Füße aus auf dem abhängigen, benetzten Grasboden des Ufers, sie bekam das Uebergewicht, und just hielt sie sich noch an einer Birkenwurzel fest sonst wäre sie kopfüber in den Bach gestürzt. Aber der ganze, reiche Schatz der Perlen entfiel der losgelassenen Schürze, und wie Quecksilbertropfen rollten sie unaufhaltsam wieder zurück in die heimischen Fluthen. Margarethathat einen leisen Schrei, darob sie erwachte! Noch däuchte es ihr, als vernehme sie das Geplätscher der Wellen, die zusammenschlugen über den Zwerglein, welche eilig dem versinkenden Horte nachhuschten; als sie aber näher trat an den Bach, da war Alles still und ruhig, und das Wasser rieselte — wie nie gestört — über den klaren Granitsand, und der Mond, der schon hoch am Himmel stand, spiegelte sich auf der dunklen Fläche. Es mochte wohl schon tief in der Nacht seyn. Da wadete das arme Mädchen wieder durch das nasse Moor heimwärts zu ihrem kranken Vater, und gedachte unter Weges mit leiser Wehmuth des tröstenden Traumgesichtes! —
Es ist ein wunderlich’ Geschick; aber gar Mancher, dem Erwas auf dem Herzen lastete, wird es erfahren haben, wie die Sorge dem müden Auge allmählig und unwillkührlich die Lieder zudrückt, und das belastete Herz in Schlummer wiegt, wie eine Mutter. ’S ist wohl auch die Sorge, welche bei uns armseligen Menschenkindern Ammenstelle vertritt, die uns groß zieht in ihren Armen, uns wecket am Morgen, und uns unter Thränen einschlafen macht am Abende! So war denn auch der lange Matheis eingeschlummert mitten in der Angst um sein Kind, das so lange ausblieb, und es mochte ihn wohl sein Kummer bis in den Traum verfolgt haben; denn gerade stöhnte er leise auf, als Margaretha behutsam in die Kammer schlich. Mit besorgter Miene beugte sie sich über den Kranken. Aber als ob der Hauch seines Schutzengels über sein Angesicht hinwehte, so glätteten sich die Falten auf dessen Stirne, und er schlief fort so fest und ruhig, wie seit langem nicht mehr! Da schob sich Grete den gepolsterten Lehnstuhl an des Vaters Bett, und nahm sich fest vor, nun getreulich bei ihm zu wachen, bis er ausgeschlummert. In dieser Absicht wollte sie das Nachtlicht anmachen, aber das letzte Tröpflein Oel im Hause war verbrannt, und der Kienspan verbreitete mehr Rauch, als für den schwerathmenden Vater gut war. So begnügte sie sich denn mit dem hellen, freundlichen Schein des Mondes, der gar heimlich durch die mit Papier geflickten Scheiben in das Kämmerlein hereinlugte. Die Nachklänge ihres Traumes am Perlenbache bewegten ihr Gemüth noch immer tiefinniglich. Aber — als ob es ihr Unrecht däuchte, sich derlei Gauckelbildern hinzugeben, so wandte sie sich nun mit brünstigem Gebete zu ihrem Herrgott, dem alleinigen Helfer aus aller Noth.
Da kündete der Kukuk an der schweren Wanduhr, welche in der Ecke des Zimmers hinter’m Ofen hing, die Mitternachtsstunde. Die Dirne rang mit dem Schlafe, der wie ein bleiern’ Gewicht auf ihren Aeuglein lag. Sie widerstand; aber es flimmerte ihr vor den Blicken, und es kam ihr vor, als schwämme Alles im Zimmer auf den zitternden, silbernen Wellen des Mondlichtes. Sie rieb sich die Augen aus — — still! — hatte sich nicht die Thüre der äußern Stube bewegt? — Es mochte ein Windhauch seyn; doch nein! das Geräusch dauerte fort; Margaretha horchte auf, die Hände auf die Brust gelegt, die ihr zitternd klopfte. Es ward ihr unheimlich zu Muthe! Da klang es. wie leises Trippeln, wie Mäuschentritte im Zimmer; die angelegte Kammerthüre drehte sich langsam in ihren Angeln. Ein banger Schreckensruf entschlüpfte den Lippen des Mädchens, und der Gedanke an die Mordgeschichten der vagirenden Freibeuter hatte ihr den Schlaf schneller, als alles Reiben, aus den Augenliedern weggebannt. Nichts desto weniger glaubte sie noch zu träumen, als die Thüre nun offen war, und die späten Gäste in’s Kämmerlein traten. Sie strengte ihre Aeuglein an, so scharf sie konnte; aber — bei der heiligen Jungfrau vom Kreuzberge! — es waren dieselben freundlichen Zwerglein, die sie im Traume am Perlenbache sah, wie sie leibten und lebten! Noch triefte ihnen das Wasser von den forellenfarbigen, rothqedupften Höslein, die Mützen aber hatten sie von den glattgeschornen Köpfchen abgenommen, und wie Rücksäcke über die Schulter geworfen. Wie sie nun näher kamen, da grüßten sie die Jungfer gar zuthunlich, nahmen die Mützen ab vom Rücken, drinn jedes Männlein drei große, schimmernde Perlen trug, welche noch naß waren von den Fluthen, woraus sie dieselben geholt. Und wie es Greten dazumal im Traume vorkam, so schichteten sie auch jetzt die glänzenden, thauigen Tropfen der Reihe nach auf, und machten dann wieder ihren lustigen Tanz um ihren Schatz. Dabei glitzerten und flimmerten die Perlen, und warfen Strahlen, als wären sie aus dem reinsten Lichte gegossen. Margaretha wußte nicht, wie ihr geschah! Es war ihr träumerisch zu Muthe, und dennoch fühlte sie sich vollkommen wach. Als nun aber aus einen Wink des Perlenkönigs seine kleinen Vasallen näher traten, und nun wieder eine Perle nach der andern dem Mädchen auf die Schürze flog, daß sie dieselben deutlich fühlte: da hielt sie das Tüchlein wohl zusammen, um ein neues Entwischen des kostbaren Schatzes zu verhüten. Dabei kamen ihr die Thränen in die Augen, über das unverhoffte Glück, und sie lachte und weinte zu gleicher Zeit, mochte wohl auch in der Rührung viel verkehrtes Zeug herausgeschwatzt haben, was den Perlenmännlein gar komisch dünkte. Denn diese lachten aus vollem Halse über des Mädchens Dankaddresse, und ehe diese noch damit zu Ende kommen konnte, huschten sie aus dem Kämmerlein und waren im Nu verschwunden. Grete aber, nachdem sie ihre Nothhelfer vorher in Sicherheit gebracht, fiel nieder auf die Kniee, und stammelte ihren Herzensdank zum Himmel empor. Und er drang durch die Sternendecke an ein liebendes Ohr, ob er auch in verkehrten Worten gelallt war. Zweien Menschen war die Noth weggehoben, die auf ihren Herzen lastete!
Gestärkt durch den erquickenden Schlaf, doppelt gelabt durch die trostreiche Mähre seines Töchterleins und den Anblick des Schmuckes, welcher ihm das Lösegeld war aus seinem Elende, fühlte sich der lange Matheis des andern Morgens wie neugeboren. Zwar waren die Perlen beim hellen Sonnenlichte betrachtet just nicht so schön, als es Margarethen in der Nacht dünkte; denn wie die Erze in den Händen der Berggnomen glänzender strahlen und flimmern, da sie durch magische Kraft berührt sind, so auch die Perlen in den Händen der Perlenmännlein. Doch waren sie immerhin als Pfälzerperlen nicht zu verachten. Margaretha hatte nicht sobald ihr kleines Hauswesen in Ordnung gebracht, und für des Vaters Bequemlichkeit gesorgt; als sie sich auch damit auf den Weg gen Walderbach machte.




Es war ein schöner, freundlicher Frühherbst-Morgen. Auf den Feldern und Wiesen war Alles rührig, den Gottessegen einzuärndten, und als das Mägdlein hinabkam in das Thal, wo die Felswände vom Regen zurücktreten, Föhren- und Tannenhügel die Niederung umgürten, und links an den Ufern des stillen, freundlichen Stromes auf terassenförmiger Anhöhe die schmucke Abtei über die fruchtbeladenen Obstbäume emporragte: als die tausend Fenster des Klosters im Morgenstrahle glitzerten und flimmerten, und das volle Geläute vom Kirchthurme herab wie Morgensegen klang über die Klostermarken; da ward es ihr wohl ganz anders zu Muthe, denn dazumal, als sie tiefbekümmerten Herzens zuletzt desselben Weges wanderte. Sie konnte nicht an der Klosterkirche vorüber zum Prälatenstock, ohne vorher mit ihrem Herrgott gesprochen und ihm ihren Dank zum Opfer gebracht zu haben.
Als der Pater Guardian des Perlenfischers Tochter zur Zelle des Abtes geführt, und dieser auf ihr zitterndes Klopfen sie hereinkommen hieß, öffnete Margaretha mit schüchterner Hand die Thüre, blieb aber plötzlich wie gebannt an der Schwelle stehen, und konnte kaum einen leisen Ausruf — sie wußte selbst nicht klar, des Schreckens oder der Freude — unterdrücken. Denn mitten unter seidenen, golddurchwirkten Meßgewändern, blüthenweißen Altartüchern und andern kostbaren Stoffen, stand an der Seite des Prälaten der Kaufherr von Regensburg, derselbe, dessen Wunden sie in ihres Vaters Hütte den Verband angelegt, den sie so freundlich-sorgsam gepflegt; — derselbe, der ihr zum Danke weiter nichts als ein goldenes Reiflein hinterlassen hatte, das sie unablässig gemahnte an einen tiefgeheimen, stillwuchernden Schmerz in ihrer Brust. Kaum ihres Gefühles Meister reichte sie dem hochwürdigen Abte mit hochklopfendem Herzen die Perlen hin.
Dieser aber konnte sich des Staunens nicht enthalten über den eingelieferten Schatz, und hielt dafür, daß in diesen Tagen der Segen des Himmels in die Perlenbäche müsse gekommen seyn, um deß’willen er dem Fischer gestatten wolle, in seiner Hütte fortzuhausen. Da senkte Margaretha die Wimpern, um die Thränen zu bergen, die ihr nun unaufhaltsam aus den Augen quollen; sie beugte sich nieder, und küßte das Gewand des Mannes, der mit einem einzigen Wörtlein des Bannes Siegel löste, der so schwer auf ihres Vaters Hütte lastete. Den wackeren Prälaten rührte der Dank des frommen Töchterleins, und er nahm aus einer Lade zwei blanke Silberstücke, die er mit freundlichen Worten der Dirne reichte. Um des anwesenden Gastes willen hätte sich diese beinahe des dargebotenen Almosens geschämt; aber sie gedachte ihres nothleidenden Vaters, nahm es an, und verbarg das aufsteigende Roth ihrer Wangen mit ihrem Tüchlein, das sie vor die Augen hielt, um die Thränen aufzutrocknen. Aber mehr noch als diese Gabe drängte ihr der Antrag des Kaufherrn das Blut in’s Gesicht, der sich mit dem Angebote an sie wendete, daß sie Platz nehmen sollte auf seinem Wäglein, da er ohnehin gerade nach Cham auf den Markt fahren wollte, und er ihr ein gutes Stück Weg das Geleit geben könnte. Hätte ihr nicht der geistliche Herr zugeredet, sie hätte es nicht über’s Herz bringen können, allein mit diesem Manne den einsamen Weg zurück zu legen, so sehr es auch ihr Herz im Geheimen wünschte. So aber — und der Kaufherr betrug sich auch so sittsam und ehrbar an ihrer Seite, getraute sich selbst schier keine Silbe zu sprechen, und es schien fast, als ob ihn das Gefühl drückte, seiner Wohlthäterin den Dank so lange schuldig geblieben zu seyn. Allmählich aber löste sich ihm doch die Zunge, und er erzählte ihr, daß er in Folge seiner Verwundung noch mehrere Monate daheim fortgesiecht habe, daß er erst diesen Sommer wieder zu Kräften gekommen, und dieses Mal fest Willens gewesen sei, ihren Vater heimzusuchen. Er wolle nun also gleich das Versäumte nachholen, und sie bis in ihre Hütte geleiten. Kaum vermochte Margaretha d’rob ihre Freude zu bergen, und nun gestand auch sie ihm ihrerseits all’ die traurigen Erlebnisse des verwichenen Jahres. Im Ergusse ihres frommen, kindlichen Herzens vermochte sie es nicht, ein Wörtlein zu verschweigen, und so erzählte sie ihm denn auch von ihren kleinen Rettern. Als auf diese Weise die sittsame Maid unbewußt den ganzen Reichthum ihres Gemüthes vor dem Manne entfaltete, an dem sie mit stiller, tiefer Neigung hing, seit sie ihn das erste Mal gesehen: da überkam auch diesem die Ahnung eines Gefühls, das er noch nicht kannte, und das wir Menschenkinder Liebe nennen. Er mochte sich dieß wohl zu Gemüthe gezogen haben; denn als er nach kurzer Rast in des Perlenfischers Hütte von diesem und seinem Töchterlein Abschied nahm, da versprach er auf der Rückkehr wieder zuzusprechen, und dem Kranken ein Heilmittel mitzubringen, das ihm, so Gott es wolle, zu baldiger Genesung verhelfen würde. Was er versprach, hielt er nun dieses Mal wie ein wackerer Mann; aber auch für Margaretha brachte er eine süße Herzensstärkung mit, da er ihr, der armen Dirne, seine Hand treuherzig bot, und ihr verschlug, mit ihm nach Regensburg zu ziehen, so es ihr recht wäre, und als liebende Hausfrau so treu und freundlich für ihn und sein Hauswesen zu sorgen, wie hier.




Es wird wohl kaum der Worte viel bedürfen, um meines Mährleins Ausgang zu erzählen, Margaretha, das glückliche Mädchen, nahm das Angebot an, und binnen acht Tagen wollte der Kaufherr sie und ihren alten Vater nach Regensburg abholen zur Hochzeit. Am Abende des letzten Tages, den sie in ihrem heimischen Kämmerlein zubrachte, und sich bis in die Nacht hinein für den kommenden Tag vorbereitete, war just ein Monat seit jener Nacht verflossen, welche ihr Schicksal so glücklich wendete. Mit frommen Danke gedachte sie dessen. Der Mond aber lugte so freundlich wie dazumal durch die Fensterscheiben; ein leiser Nachtwind wehte über die schlummernde Welt hin, und das gelbe fallende Laub rauschte am Fenster vorüber. Da öffnete sich wieder leise die Thüre, und herein traten in langem Zuge die Perlenmännlein, ihren König an der Spitze. Margaretha war hocherfreut über den Besuch so lieber, bekannter Gäste, bewillkommte dieselben gar herzlich, und hätte ihnen gerne einen Stuhl angeboten, wenn just einer für sie getaugt hätte. Die Zwerglein aber begannen wieder auszupacken, denn sie hatten einen reichen Vorrath milchweißer Perlen in ihren Mützen. Nachdem sie dieselben aufgeschichtet und durch ihren Tanz gefeiet hatten, trat der König hervor mit einem glänzenden Seidenfaden, und wie er die Perlen mit seinem Stäbchen berührte, reiheten sie sich von selbst aneinander, und bildeten die köstlichste Schnur, welche er dem Mädchen zum Brautgeschenke darreichte. Als käme es dem Völklein hart an, sich von ihrem lieben Schützlinge zu trennen, so schieden sie dießmal traurig und still von hinnen. Das Bräutlein aber fühlte in tiefster Seele, wie dem gläubigen Gemüthe die Geisterwelt offen stünde. Sie nahm die Perlenschnur, und trug sie in dankender Erinnerung an die Helfer aus ihrer Noth.
So lange die silberreinen Tropfen an ihrem Halse hingen, wich der Segen nicht von ihrem Hause, und sie lebte ein glückliches, zufriedenes Leben. —

(von der deutschsprachigen Wikisource übernommen)

Wunderbarliche Historie von einer Mondfahrt

Wunderbarliche Historie von einer Mondfahrt.

Es war einmal ein Wundermann,
Der hat ’ne Fahrt zum Mond gethan;
Die Erd’, sie däucht ihm viel zu kahl,
Und was sie gibt, nur fahl und schal!
Flugs stellt er sich ’ne Leiter an,
Und steigt von Sproß zu Sproß hinan,
Und stürzt nach jedem letzten Tritt
Die Leiter um zum Weiterschritt.
Und so, nach Syllogismen-Art,
Fördert sich denn die kühne Fahrt;
Zuletzt legt er, in guter Ruh,
Sein Schifflein in dem Hafen zu. —
Doch auf den schwindelichten Höh’n,
Da mocht er weder geh’n noch steh’n,
Hielt er sich nicht am Mondeshorn,
Der arme Mensch, er wär’ verlor’n.
D’rum kehrt er gleich — mit gutem Glück —
Zur Leiter wiederum zurück,
Anknüpfend sie, von Stuß zu Stuß,
Am eignen End’, wie ’nen Kettenschluß. —
Ankommt er; und die Menschenschaar
Bringt laute Huldigung ihm dar,
Und horcht, was der beredte Mund
Von blauen Wundern thäte kund.
Und also spricht der Wundermann:
»Ihr guten Leute lobesan,
»Ihr, die ihr lebt im ird’schen Licht,
»Versuchet ja die Götter nicht!
»Denn droben dort ist’s fürchterlich;
»Man hört und sieht und fühlt nur – Sich;
»Allein das liebe Ich — mit Gunst! —
»Es ist ein Irrlicht nur, ein Dunst;
»Und, folgt wer seiner Nasen nach,
»Der fehlt des Stegs und fällt in ’n Bach.
»Drum laßt mich euch zur Warnung sein,
»Und meidet alle Schwindelein!
»Wohl denkt sich’s idealiter,
»Doch fühlt sich’s nur realiter;
»Ins leere Blaue trägt der Schein,
»Auf festem Grund nur steht das Sein.« —
Die Red' dünkt Vielen viel zu hart;
Sie wagen doch ’ne Mondenfahrt —
Das Stücklein, wie man sich entfernt,
Es war dem Meister abgelernt.
Und hurra! geht’s in vollem Saus,
Wie toller Wind- und Hexenbraus!
Auf klettern sie und klettern ab,
Und wer da fällt, der find’t sein Grab;
Wer wieder kommt, der sagt von Glück!
Doch jeder bringt so was zurück,
Man nennt’s ’nen Sparren hier zu Land,
Auch Naseweisheit, wohl bekannt. —
Wer aber droben sitzen bleibt,
Huy! welch ein arger Spuk ihn treibt!
Fest eingerammelt mit dem St—ß,
Dreht ihn der Mond mit allem Fleiß;
Er aber meint, die ganze Welt
Dreh’ sich um ihn, als Ar’, die hält;
Und von der Krankheit heilt er nie —
Ich glaub’: man nennt sie Phrenesie.

Dienstag, 18. Oktober 2016

Jules Laforgue - Über die Frauen

Über die Frauen von Jules Laforgue


Im Grunde ist die Frau ein gewöhnliches Wesen.

Das Wunder. Modepuppen. Sie machen aus ihrem Körper was sie wollen, dem Körper, der die Seele künden sollte. Sie ändern sich im Handumdrehen mit der Haartracht. Ihr Wesen, ihre Augen nehmen den Ausdruck ihrer Frisur an. Diese ungeheure Sache, diese Revolution: nicht mehr Jungfrau sein, wissen! Ändert sie das? Nein. Man sehe sich auf den Straßen um. Welche sind die Intakten, welche die Blessierten? Augen, Wesen haben beide gleich. Alle haben sie das gleiche delikate Wesen der Heiligen Rühr-mich-nicht-an, akkumuliert durch eine Sklavenvergangenheit ohne andres Heil und Brotgewinn als dieses ungewollt verführerische Wesen, das seine Stunde erwartet.

Ein junges Mädchen. Ihre Brust macht sich bemerklich, aber man denkt nicht sie zu besitzen. Ihr feines blondes Haar öffnen, streicheln, mit einer zitternden Hand. Wär es möglich! Würde die Natur nicht erschauern? Die Physiologie sagt, daß alles eintrifft. Es scheint mir unmöglich — eher noch die Existenz Gottes zugeben — daß sie danach verlangt, besessen zu werden, daß sie davon träumt Sie, dieses junge Mädchen! Mit diesem diaphanen Kreolinenteint! Den Augen so frei, so rein strahlend. Der Gedanke, man könnte sie an den Brustwarzen kitzeln . . . Und doch wird sie schwächer werden! Sicher! Tagtäglich ist sie der Erniedrigung durch die kleine animalische Kreatur unterworfen (bekanntes Bild! bekanntes Bild!). Das ist sicher und sichtbar, wie zweimal zwei vier sind. Und trotzdem schaut sie dir ins Gesicht, lächelnd, leuchtend! Weil sie künstlich ist . . .

Das Vogelköpfchen. Sie ist delikat und zerbrechlich, wie ein Greenawaygeschöpfchen auf einer Teetasse, von feiner Kultur — aber was mehr? Sie ist leer, weder tragisch, noch mystisch, noch Canaille! Ach Elend! Sie hat eine Blume an Stelle des Herzens, eine hübsche Nelke in einer Sévresvase, pate tendre! Meine Tränen der Angst, meine nächtlichen Tränen der tragischen Leere bringen davon kein Blumenblatt zum Fallen, lassen die Farbe nicht trauern, und weder meine Geringschätzung, noch mein Fernsein sind dem Stiel ein Trost. O Weibkultur, Angelpunkt der Moderne! Aber schließlich: wir sind so ephemer!

Angriff und Verteidigung. Der Mann hat nur ein Ziel: belagern, erobern und den Rest. Die Frau: sich verteidigen, die Lust anfachen, hinter die Weiden flüchten. Unsere spleenigen Dilettanten von heute sind Frauen in der Liebe. Sie attackieren, aber wie sie merken, daß man nachgibt, verteidigen sie sich. So wie die Frau, erstaunt und interessiert, fortfährt zu ermutigen oder ihre Koketterien ein wenig zu dekomplizieren, gehen die Angreifer ein, dörren ab. Sie lieben und belagern und sind Männer nur, wenn man sie leiden läßt und der Pikador des weiblichen Stolzes sie mit Wunden spickt. In diesem Benehmen unserer Dilettanten ist viel literarisches Bedürfnis, eine Leidenschaft zu haben. Stendhal, Balzac, Musset.

Die Genossin. Die Frau ist ein tüchtiges Wesen, ein Arbeiter, ein Genosse usw. . . . Wir sollen zu ihr anders als zu Brüdern nur in gewissen Momenten sein, eine halbe Stande lang, nicht vorher, nicht nachher — Arbeit, Genossentum! So sagt man. Aber: nein! Da man die Frau in der Sklaverei und der Faulheit ließ, ohne andere Beschäftigung und Waffe als ihr Geschlecht, hat sie dieses hypertrophiert und ist das Weibchen geworden: Toiletten, Schmuck, falsche Popos und Reformkleider, Romane, Theater, Wohlbehagen, Nacht, Pakete parfümierter Briefe, Honigmond; und wir haben sie sich hypertrophieren lassen, sie ist für uns eine Welt für sich, wir sehen sie nur in der Liebe, und da es die Natur dieser Liebe ist, kaum eine halbe Stunde zu dauern, ist es nötig geworden, daß die Frau, um die Leeren dazwischen auszufüllen und die beiden Enden zu verbinden, sich ein Menschtum für sich macht, jedes Jahr, jede Saison eine neue Mode, eine neue Kunst der Verführung und neue Variationen von Liebe, Kopf, Herz, Fleisch usw. usw. . . .

Ewige Komödie. Als er sie am Morgen umarmte, hatte sie ihn an ihrer Seite schon einige Zeit sich bewegen gefühlt; 1. tat sie dann, als ob sie schliefe (mit dem Vorteil, die geschlossenen Wimpern besser zurechtlegen, und an Stelle des wenn wir schlafen etwas blöden Mundausdrucks zu lächeln); 2. nahm er sie also ganz leise, und ohne Augen und Lippen zu öffnen bot sie sich dar, streckte sie sich, als ob dieses der erste und natürlichste Gedanke ihres Tages wäre, und als ob — ganz ohne Reflexion — es ihr Körper, ihre Natur wäre, die da agierte, da noch kein volles Bewußtsein ist. 3. Sie benutzt einen Moment stärkeren Drückens ihrerseits, um Augen und Mund folgendermaßen zu öffnen: bestürzter Blick, bestürzter Mund: hierauf (wie als ob sie ihn nun erkannt hätte) ein Lächeln, lieb und sklavisch, das sagt; »Das ist nicht nett, einen so zu überrumpeln.« Und der Rest. — Und damit bringt man sein Leben hin.

Das Haar. Eine geliebte Frau, die den Trost und die Zerstreuung hat, ein wundervolles Haar zu pflegen, ist dadurch viel weniger in unserem Leben hinderlich, — und das noch dazu mit dem Ruf, im Gegenteil ganz monströs hinderlich zu sein, wenn man sie im Haus umhergehen sieht.

Die Brüste. Sie werden bemerken, daß die meisten Frauen mit starkem Busen sehr unerschütterlich und selbst arrogant sind. Aber schließlich: setzen Sie sich einmal an ihre Stelle, ich bitte. Nicht die Augen niederschlagen, können (aus Furchtsamkeit oder Trägheit), ohne unfehlbar auf diese Ausladung unserer Person zu fallen, diese Ausladung, die jedem auffallen muß, diesen Vorbau und Wohnung unseres Herzens und unserer Lungen, unseres Lebens und unseres Charakters. Fortwährend diesen Vorbau vor Augen zu haben, endet damit, daß es der Verschämtesten den Kopf verdreht. Ohne anzumerken, daß diese natürlichen Bastionen jeden, mit dem man spricht, in Distanz halten, und daß der Betreffende von vornherein eingeschüchtert ist allein von der Furcht, er könnte zeigen, daß er diese exzentrische Üppigkeit zu sehr bemerkt, die zudem das Auge ganz dämonisch anzieht.

Die Liebe und die Toilette. Bei einem ersten Tête-à-tête der Erklärung nimmt die Schwäche oder der Widerstand der Frau Rücksicht darauf, ob die Toilette, die sie anhat, »vorige Mode« oder »letzte Mode« ist. Ja! Kommt sie dir in der letzten Mode, so hast du vor dir nichts als eine Rüstung weiblicher Süffisance, verjüngt und famos aufgelegt, und du wirst schwer herauskriegen, wo diese Rüstung ihre Hafteln hat. Hat sie aber, o Süßigkeiten! bewußt etwas an, was unbestreitbar außer Mode ist, so wird sie fühlen: »Vorwärts, machen wir’s uns drauf bequem.«

Erste Begegnung der Wünsche. Nachdem man sich gesagt und erklärt hat »ich liebe dich«, ist ein fast kaltes Schweigen. Hierauf beginnt der von den beiden, der bestimmt ist, später zu gehen (das ist fatal), seine unnützen retrospektiven Litaneien: »Ach, schon lange . . . Sie haben wirklich nichts gewußt ? . . . Gleich das erstemal als ich. Sie sah . . . usw.« (Und er verschönert die Sache, wo er schon am liebsten der gegenwärtigen Wirklichkeit zuschreien möchte: »Mach was du willst, nie erreichst du doch die Höhe meines Traumes!«) Und sie antwortet genau so und überbietet, um nicht zurückzubleiben. Schon fühlen sie die Leere unter ihren Füßen und sammeln die Stunden einer verlorenen Vergangenheit, die sie noch idealisieren, um sie noch uneinbringlicher zu machen — lauter Erdschollen auf den Sarg des gemeinsamen Traumes.

Die Ruinen. Die Frau, wunderbare Helferin des Fortschritts, hat absolut nichts übrig für die Melancholie historischer Ruinen. Sie hat ja nicht, es ist wahr, unsere alte und noble klassische Bildung und wird sie nie haben, weil ihre sinnliche und soziale Frühreife ihr dazu keine Zeit läßt. Verlaß dich drauf: Trotz der lobenswerten Träumerei ihrer Posen wird ihr jede Ruine, die du mit ihr auf der Hochzeitsreise besuchst, mehr oder weniger unmittelbar den Ankauf irgend eines neuen Artikels moderner Installation suggerieren.


Das beste Mittel. Um totsicher auf eine Frau Eindruck zu machen, antworte auf das erste Lächeln, das sie dir schenkt, von weitem, in einem Salon, in der Menge, in der Kirche (je schärfer der Kontrast, desto besser), antworte auf das Lächeln mit einer wilden Grimasse des primitiven Urmenschen, so daß sie kaum dein Gesicht wiedererkennt und sich erschreckt— aber so geschmeichelt! — in dir — und durch ein Lächeln! — den unzivilisierten und an Überraschungen der Leidenschaft so reichen Urstand der Menschheit beeindruckt zu haben.

Aus: Jules Laforgue, Pierrot, der Spassvogel. Übertragen von Franz Blei, Axel Juncker Verlag, Berlin, Stuttgart, Leipzig, o. J.

Sonntag, 11. September 2016

Francis Jammes - Geschichten (Weltschmerz/Die beiden grossen Künstlerinnen)

Edgar Degas - The Tub


Der Weltschmerz.

Ein Dichter, der sich Laurent Laurini nannte, litt an Weltschmerz. Der an diesem schrecklichen Uebel leidet kann nicht Menschen, noch Tiere, noch sonst etwas sehen ohne schreckliche Schmerzen. Und dann sind es auch noch arge Gewissensängste, die das Herz vergiften.
Der Dichter verliess die Stadt, die er bewohnte und ging aufs Land, die Bäume zu sehen und das Getreide und die Wasser; die Wachteln, die wie Quellen singen, zu hören und die Arbeit der Weber und die summenden Telegraphendrähte. Diese Dinge und diese Geräusche machten ihn traurig. Und die süssesten Gedanken waren ihm voll Bitterkeit. Und wenn er, um seiner schlimmen Krankheit zu entfliehen, eine schöne Blume gepflückt hatte, weinte er, dass er sie gepflückt hatte.
Er kam in ein Dorf, an einem süssen Abend, der nach Birnen duftete. Es war ein Dorf, schön, wie er es oft in seinen Büchern beschrieben hatte. Es gab da einen Hauptplatz, eine Kirche, einen Friedhof, Gärten, einen Schmied und eine schwarze Herberge, aus der ein blauer Rauch aufstieg und deren Fenster glänzten. Es gab auch einen Bach, der sich an wilden Haselnussstauden hinschlängelte. — Der kranke Dichter hatte sich traurig auf einen Felsen niedergelassen. Er dachte an seine Seelenqual, an seine Mutter, die über sein Fortgehen weinte, an die Frauen, die ihn betrogen hatten und sehnte sich nach der Zeit seiner ersten Kommunion.
— Mein Herz, dachte er, mein trauriges Herz kann nicht anders werden.
Da sah er ein Bauernmädchen ganz nah bei sich, das trieb unter dem Sternhimmel Gänse zusammen. Und sagte:
— Warum weinst du?
— Meine Seele hat sich weh gethan, als sie auf die Erde fiel. Ich kann nicht gesund werden, denn mein Herz drückt mich zu sehr.
— Willst du das meine? frag sie. Es ist leicht. Ich nehme das deine und will nicht schwer daran tragen. Bin ich nicht Lasten gewohnt?
Er gab ihr sein Herz und nahm das ihre. Und da lächelten sie beide und gingen Hand in Hand den Pfad entlang. Und die Gänse gingen vor ihnen her wie Stückchen Mond.

* * *

Sie sprach zu ihm: — Ich weiss, dass du gelehrt bist und dass ich nicht wissen kann was du weisst. Aber ich weiss, dass ich dich liebe. Du kommst von wo anders her und du musst in einer schönen Wiege geboren sein, wie ich einmal eine auf einem Wägelchen sah.
Deine Mutter versteht gut zu sprechen. Ich liebe dich. Du musst mit Frauen geschlafen haben, deren Haut sehr weiss war, und du musst mich hässlich und schwarz finden. Ich bin nicht in einer schönen Wiege zur Welt gekommen. Ich bin auf den Feldern geboren, im Korn, gerade bei der Ernte. Man hat mir das erzählt und dass man mich und meine Mutter und ein kleines Lamm, das ein Schaf am selben Tage geworfen, auf einen Esel setzte und so nach Hause brachte. Die Reichen haben Pferde. Er sprach zu ihr: — Ich weiss, dass du einfach bist und dass ich nicht sein kann wie du. Aber ich weiss, dass ich dich liebe. Du bist von hier und man hat dich in einem Korb gewiegt, den man auf einen schwarzen Stuhl stellte, wie ich einen auf einem Bilde sah. Ich liebe dich. Deine Mutter webt das Leinen. Du tanztest unter den Bäumen mit den hübschen und starken Burschen, die lachten. Du musst mich krank und traurig finden. Ich bin nicht auf den Feldern geboren da man erntete. Wir kamen in einem schönen Zimmer zur Welt, ich und eine kleine Zwillingsschwester, die bald starb. Meine Mutter war krank. Die Armen haben die Gesundheit.
Und dann, in dem Bett, in dem sie zusammen lagen, umarmten sie sich noch stärker.
Sie sagte zu ihm: — Ich habe dein Herz.
Er sagte zu ihr: — Ich habe dein Herz.

* * *

Sie bekamen einen hübschen kleinen Buben.
Und der Dichter, der fühlte, dass sein grosser Schmerz von ihm gewichen war, sagte zu seinem Weibe:
— Meine Mutter weiss nicht, was aus mir geworden ist. Mein Herz wird weit, wenn ich daran denke. Lass mich, meine Freundin, in die Stadt gehen, ihr zu sagen, dass ich glücklich bin und dass ich einen Sohn habe.
Sie lächelte — denn sie wusste, dass sie sein Herz hatte — und sagte: — Geh.
Und er ging den Weg, den er gekommen war. Er kam vor die Thore der Stadt und vor ein stattliches Gebäude, aus dem man lachen und reden hörte, denn es gab ein Fest, zu dem die Armen nicht geladen waren. Der Dichter erkannte das Haus als das eines seiner alten Freunde, eines reichen und berühmten Künstlers. Er blieb, um zu hören, vor dem Parkgitter stehen, durch das man Springbrunnen und Statuen sah.
Eine Frau, deren Stimme er erkannte, die schön war und einst sein junges Herz gepeinigt hatte, sagte:
— Erinnern Sie sich des grossen Dichters Laurent Laurini?. . . Man spricht von einer Mesalliance, er soll eine Kuhmagd geheiratet haben . . .

* * *

Die Thränen kamen in seine Augen und er ging weiter durch die Strassen der Stadt bis an sein Geburtshaus. Das Pflaster antwortete leise dem Wort seiner müden Schritte. Er öffnete die Thüre und trat ein. Und seine treue alte Hündin lief hinkend auf ihn zu, kläffte vor Freude und leckte ihm die Hand. Er sah, dass das arme Tier an den Hinterbeinen gelähmt war, denn die Sorgen und die Zeit verschonen auch die Körper der Tiere nicht.
Laurent Laurini ging die Treppe hinauf. Da sah er die alte Katze, die einen Buckel machte und um seine Beine strich. Auf dem Estrich schlug die Uhr im Erkennen.
Leise trat er in sein Zimmer. Da lag seine Mutter auf den Knieen:
— Mein Gott, gieb, dass mein Sohn lebt . . Mein Gott, er litt so sehr . . Wo ist er? Verzeih mir, dass ich ihn gebar. Verzeih ihm, dass er mich sterben macht.
Aber schon kniete er neben ihr und drückte seine jungen Lippen auf ihre grauen Haare:
— Komm mit mir. Ich bin geheilt. Ich kenne einen Ort, da giebt es Bäume, Getreide, Wasser; da singen die Wachteln, surren die Weberschiffchen und summen die Telegraphendrähte. Da hat eine Arme mein Herz und spielt dein Enkelkind.



Die beiden grossen Künstlerinnen.

Neue Worte möchte ich finden, um die Lieblichkeit einer kleinen Prostituierten zu malen, die ich eines Abends auf einem grossen fast leeren Platz traf. Diese kleine Prostituierte trug armselige zu grosse Schuhe, die Wasser schluckten, einen Sonnenschirm, der wie ein Regenschirm zusammengedreht war und ein Matrosenhütchen aus Stroh, in dem sicher stand: »Letzte Neuheit«.
Sie hatte eine kleine leidende Stimme und war intelligent. Sie war gerade, wie sie sagte, von einer Brustfellentzündung aufgestanden. Uebrigens war sie sauber, moralisch und physisch. Ich traf sie öfters, nach zehn, müde vom oft vergeblichen Suchen des Erstbesten. Sie liess sich im Schatten auf einer Bank neben mir nieder und bettete ihr armes bleiches Gesicht auf meine Knie. Ich fühlte, dass sie auf diese Weise den kleinen Trost eines armen Tieres erlebte, das sich nicht mehr schlecht behandelt weiss. Ich fühlte, dass sie ihr Handwerk als eine bedeutende, aber unverdiente Schande betrachtete. So wartete sie lange auf den Zug nach einem Vorort, wo sie wohnte.
Eines Abends, da sie noch unglücklicher war als sonst, bat sie, die arme Kleine, ihr zu erlauben, dass sie mich ein Wegstück begleite.
Wir kamen auf einen grossen hellerleuchteten Platz, wo ein grosses Theater war. An einem der Pfeiler des Gebäudes war ein goldglänzendes Plakat. Es stellte die Sarah Bernhardt im Kostüme der Tosca glaube ich dar, in einem weiten reichen Kleide und mit einer Palme in der Hand. Und ich dachte an das, was man mir über diese berühmte Frau erzählt hatte, ihre Launen, ihre Ausgaben, ihr weisses Marmorgrab, ihren Stolz. Und ich fühlte, wie dies arme kleine Elend an meiner Seite zitterte. Sie sah, wie dieses barbarische Idol sich aufrichtete und ohnwissentlich sie mit dem Kot ihrer goldenen Geschmeide bewarf.
Mir war als müsste ich vor Schmerz schreien über diese Gegenüberstellung der beiden Frauen. Und ich sagte mir:
— Beide sind aus dem Weibe geboren. Die eine hält ein Palmenblatt, die andere einen alten Regenschirm, der so elend ist, dass sie ihn vor mir nicht zu öffnen wagt. Die Eine schleppt an ihren Füssen eine bewundernde Menge, die Andere Fetzen zerrissenen Schuhleders. Die Eine verkauft ihren Schmerz um Pfunde Goldes und kein Seufzer entflieht ihrem Munde, der nicht als ein Vermögen zurückhallt. Kein Seufzer der andern ist je gehört.
Und etwas schrie in mir:
— Diese ist eine Künstlerin der Menschheit. Man ruft ihr Beifall zu, weil sie dem Masse derer gleich ist, die sie hören. Und diese haben die Lüge nötig, auf die man die schönste der Rollen baut . . .
Aber die Andere, die Andere ist eine Künstlerin Gottes. Sie spielt eine Rolle, so gross und so schmerzlich, dass sie noch keinen Menschen gefunden hat, der sie verstand und reich genug war, sie zu bezahlen.
Und nie und nicht in der schönsten ihrer Darstellungen hat die grosse vergoldete Komödiantin dieses wahrhaftige Genie des Schmerzes erreicht, das die Stirne der kleinen Prostituierten sich zu mir neigen macht.

GESCHICHTEN/ VON/ FRANCIS JAMMES/ AUS DEM FRANZOESISCHEN/ VON/ F[RANZ] B[LEI]

Aus: DIE INSEL, Aesthetisch-belletristische Monatschrift mit Bilderbeilagen, Herausgegeben von Julius Bierbaum, Viertes Quartal (Juli-September 1902), Insel-Verlag, Leipzig, 1902

Walter Serner - Inferno

Walter Serner - Inferno Inferno Ein Schreien, das widersetzlich beginnt, wenn es am laute­sten wird, vor Wut sich überschlägt und ...