Donnerstag, 28. Januar 2016

Otto Weininger - Der Hund

Otto Weininger - Der Hund


Das Auge des Hundes ruft unwiderstehlich den Eindruck hervor, daß der Hund etwas verloren habe: es spricht aus ihm (wie übrigens aus dem ganzen Wesen des Hundes) eine gewisse rätselhafte Beziehung zur Vergangenheit. Was er verloren hat, ist das Ich, der Eigenwert, die Freiheit.
Der Hund hat eine merkwürdig tiefe Beziehung zum Tode. Monate bevor mir der Hund ein Problem geworden war, saß ich eines Nachmittags gegen fünf Uhr in einem Zimmer des Münchener Gasthofes, in welchem ich abgestiegen war, und dachte an Verschiedenes und über Verschiedenes. Plötzlich hörte ich einen Hund in einer ganz eigentümlichen, mir neuen, durchdringenden Weise bellen und hatte im gleichen Momente unwiderstehlich das Gefühl, daß gerade im Augenblick jemand sterbe. Monate nachher hörte ich, daß in der furchtbarsten Nacht meines Lebens, da ich, ohne krank zu sein, buchstäblich mit dem Tode rang, — denn es gibt für größere Menschen den seelischen Tod nicht ohne den physischen Tod, — weil bei ihnen Leben und Tod am gewaltigsten und intensivsten als Möglichkeiten sich gegenüberstehen — — — dreimal, gerade als ich zu unterliegen dachte, einen Hund in ähnlicher Weise bellen, wie damals in München; dieser Hund bellte die ganze Nacht; aber in diesen drei Malen anders. Ich bemerkte, daß ich in diesem Momente mit den Zähnen mich ins Leintuch festbiß eben wie ein Sterbender.
Aehnliche Erlebnisse müssen auch andere Menschen gehabt haben. In der letzten Strophe von Heines bedeutendstem und schönstem Gedichte »Die Wallfahrt nach Kevlaar« heißt es, wie die vom Leben erlösende Mutter Gottes dem Kranken sich naht:
»Die Hunde bellten so laut.«
Ich weiß nicht, ob der Zug bei Heine originell oder der Volkssage entnommen ist. Wenn ich nicht irre, spielt auch irgendwo bei Maeterlinck der Hund eine ähnliche Rolle.
Kurze Zeit vor dieser erwähnten Nacht hatte ich mehrfach dieselbe Vision, die Goethe nach dem Faust zu schließen gehabt haben muß, einige Male, wenn ich einen schwarzen Hund sah, schien mir ein Feuerschein ihn zu begleiten.
Ausschlaggebend aber ist das Bellen des Hundes: die absolut verneinende Ausdrucksbewegung. Sie beweist, daß der Hund ein Symbol des Verbrechers ist. Goethe hat dies, wenn es ihm auch vielleicht nicht ganz klar geworden ist, doch sehr deutlich empfunden. Der Teufel wählt bei ihm den Leib eines Hundes. Während Faust im Evangelium laut liest, bellt der Hund immer heftiger: der Haß gegen Christus, gegen das Gute und Wahre.
Ich bin, wie ich bemerke, gar nicht von Goethe beeinflußt. Die Heftigkeit jener Eindrücke, Erregungen und Gedanken war so groß, daß ich mich an den Faust erinnerte, jene Stellen hervorsuchte und nun zum ersten Male, vielleicht als erster überhaupt, ganz verstand.
Ich führe nun weiteres an:
Der Hund handelt, als ob er die eigene Wertlosigkeit fühlen würde; er läßt sich vom Menschen schlagen, an den er sich gleich wieder herandrängt, wie stets der böse Mensch an den guten. Diese Zudringlichkeit des Hundes, das Hinaufspringen am Menschen, ist der Funktionalismus der Sklaven. In der Tat haben Menschen, welche rasch für sich zu gewinnen suchen, und doch sogleich so sich schützen gegen Angriffe, Menschen, die man nicht abschütteln kann, Hundegesichter, Hundeaugen. Hier erwähne ich zum ersten Male jene große Bestätigung meines Gedankensystems. Es gibt wenige Menschen, die nicht ein oder mehrere Tiergesichter haben; und jene Tiere, denen sie ähneln, gleichen ihnen auch im Benehmen.
Die Furcht vor dem Hunde ist ein Problem; warum gibt es keine Furcht vor dem Pferde, vor der Taube? Sie ist Furcht vor dem Verbrecher. Der Feuerschein, der dem schwarzen Hunde (vielleicht dem bösartigsten) folgt, ist das Feuer, die Vernichtung, die Strafe, das Schicksal des Bösen.
Das Schweifwedeln des Hundes bedeutet, daß er jedes andere Ding als wertvoller anerkennt als sich selbst.
Die Treue des Hundes, welche so gerühmt wird, und die viele den Hund für ein moralisches Tier halten läßt, kann mit Recht nur als Symbol der Gemeinheit gefaßt werden: der Sklavensinn (das Zurückkehren nach den Schlägen ist kein Vorzug).
Interessant ist es, was der Hund anbellt; es sind im allgemeinen gute Menschen, die er anbellt, gemeine, hündische Naturen nicht. Ich habe an mir selbst beobachtet, daß ich von Hunden umsomehr angebellt wurde, je weniger Aehnlichkeit ich psychisch mit ihnen hatte. Merkwürdig ist nur, daß die Dienste des Haushundes gerade gegen den Verbrecher in Anspruch genommen werden.
Die Hundswut ist ein sehr merkwürdiges Phänomen, vielleicht der Epilepsie verwandt, in welcher dem Menschen ebenfalls Schaum aus dem Munde tritt. Beide werden von der Hitze begünstigt.
Wenn der Hund nicht wedelt, sondern den Schweif starr und gerade hält, dann ist Gefahr, daß er beißt: das ist die verbrecherische Tat, alles andere, auch das Bellen, nur Zeichen der bösen Gesinnung.
Hunde unter den Menschen in der Literatur sind der alte Ekdal in Ibsens »Wildente« und am großartigsten Minutte in Knut Hamsuns Roman »Mysterien«. Viele sogenannte »alte Magister« repräsentieren den Hundetypus unter den menschlichen Verbrechern.
Denn daß es noch andere Verbrecher gibt, das beweisen die Schlange, das Schwein.
Sehr bedeutend ist auch das Schnüffeln des Hundes. Hierin liegt nämlich Unfähigkeit zur Apperzeption. Ganz wie der Hund, so wird auch die Aufmerksamkeit des Verbrechers durch einzelne Sachen ganz passiv angezogen, ohne daß er weiß, warum er sich ihnen nähert oder sie berührt: er hat eben keine Freiheit mehr.
Daß er auf die Wahl überhaupt verzichtet hat, kommt auch in der Regellosigkeit der Kreuzung des Hundes mit irgend welcher Hündin zum Ausdruck. Diese wahllose Vermischung ist vor allem eminent plebejisch und der Hund ist der plebejische Verbrecher: der Sklave.
Ich wiederhole nochmals: es ist Blindheit, den Hund als ethisches Symbol zu betrachten; selbst R. Wagner soll einen Hund geliebt haben (Goethe scheint in diesem Punkt tiefer geblickt zu haben) Darwin erklärt das Wedeln des Hundes als »Ableitung der Erregung« (»Ausdruck der Gemütsbewegungen«). Es ist natürlich der Ausdruck der ärgsten Gemeinheit, der unterwürfigsten Devotion, die auf jeden Fußtritt gefaßt ist und um alles nur mehr bettelt.

Aus dem nachgelassenen Band von Otto Weininger: Ueber die letzten Dinge / Verlag Wilhelm Braumüller Wien. Geschlecht und Charakter/Eine prinzipielle Untersuchung, das Lebenswerk des Autors erschien soeben in zwölfter Auflage beim selben Verlag. 



Sonntag, 24. Januar 2016

Rudolf Blümner - Kleine kritische Fabeln

Kleine kritische Fabeln


            I
Gott zog den Vorhang hoch und zeigte zum ersten Male das Pferd. Da rief einer aus dem Publikum: Wo sind die Federn?
Herbert Jhering gewidmet


            II
In Arkadien wurden, wie man weiss, die Musikstücke nur auf Schalmeien geblasen. Einer spannte Saiten über Holzkästchen und strich mit einem Bogen über die Saiten, dass sie klangen. Auf diesem Instrument konnte er mehr Töne hervorbringen als auf der Schalmei. Aus Spass nannte er das Instrument Violine, gab ein Konzert und lud die Kritiker ein. Zufälligerweise schrieben alle das Gleiche: Nein — da gehen wir nicht mit, und einige fügten hinzu: Violine — ein recht abgeschmacktes Wort.
Franz Servaes gewidmet


            III
Es war einmal ein Kannibale. Er hatte schon viele Menschen gefressen. Als er merkte, dass es nicht mehr schick sei, Menschen zu fressen, gründete er das Menschenblatt, in dem er auf alle Kannibalen schimpfte. Gleichwohl frass er weiter Menschen, da er es doch so gewöhnt war. Als ihn der Menschenfreund darüber zur Rechenschaft zog, entgegnete der Kannibale: 1. lasse er sich nicht anrempeln, 2. habe er die gefressenen Menschen für Beefsteaks gehalten und 3. hätten schon viele Menschen aus dem Hinterhalt auf den Menschenfreund geschossen.
Paul Westheim gewidmet


            IV
Es war einmal ein grosser Ochse. Er hatte noch nie einen Menschen gesehen. Aber Gott wusste das nicht und beauftragte ihn, einen Artikel über die Eröffnung der Grossen Affenausstellung zu schreiben. Der Ochse ging hin und schrieb: Die Menschen hätten ihm garnicht gefallen.
. . . . . . gewidmet: — er weiss schon


            V
Ein Held nahm Abschied von seinem treusten Freund und zog in den Krieg. Dort wurde er von den Feinden erschlagen. Ein Journalist schrieb: Nun ist er dem Geschäftsbetrieb seines treuen Freundes entlaufen.
Paul Westheim gewidmet


            VI
Ein Mann pflegte und ernährte einen Hasen. Da kam ein andrer Mann des Wegs und setzte dem Hasen eine jährliche Rente aus. Dafür aber musste ihm der Hase sein Fell hingeben. Da sagte der Esel, der zufällig des Weges kam: Das ist nun der Fall Hase.
Paul Westheim gewidmet


            VII
In einem Rosengarten wuchsen viele prächtige und duftende Rosen. Ein Gelehrter, der zufällig in den Garten kam, schrieb in sein Notizbuch: »Sie wachsen alle nach dem gleichen Gesetz. Es ist nichts als Doctrinarismus.« Später ging der Gelehrte absichtlich in einen Gemüsegarten. In einer Ecke blühten drei wunderschöne Rosen. Da schrieb der Gelehrte: »Die Farben sind prächtig, der Duft berauschend. Aber die Rosen blühen falsch. Es ist ein Irrweg.« Am Ende seiner Tage begab sich der Gelehrte zu einem grossen Misthaufen, auf dem die Häupter des Staates sich gern dem Volke zeigten. Mitten auf dem Misthaufen spielten Kinder mit einer Rose. Und der Gelehrte schrieb: »Man sieht eine echte Rose in prächtiger Farbenglorie.«
Max Osborn gewidmet


            VIII
Vor grauen Zeiten, als die Kunst der Malerei noch in Blüte stand, gab es bekanntlich keine Malfarben. Die hochkulzibierten Maler muss­ten daher einzelne bunte Teile zusammentragen. So verfertigten sie Bilder aus Hölzchen, Muscheln, Steinen, Metallen, Knochen, Haaren und Häuten und vielem anderen. Dieses war die berühmte von allen Kunsthistorikern noch heute so hoch gepriesene Merzmalerei. Neuerdings tritt einer mit ganz eigenartigen Bildern an die Öffentlichkeit. Er hat entdeckt, dass man die Farben selbst zu einem Bild komponieren kann, wenn man sie — wer lacht da? — mit Öl anrührt! Und so müssen wir es schaudernd erleben, dass diese läppische Ölmalerei sogar Nachahmer findet!
Max Osborn gewidmet





Freitag, 22. Januar 2016

Else Lasker-Schüler - Tigerin, Affe und Kuckuck

Tigerin, Affe und Kuckuck
Tierfabel

Zirkus Busch ist in seinem Extrazug von Berlin abgereist. Ich bin zu seinem Abschied auf die Bahn gekommen, früh am Morgen; der Komet stand noch über der Sternwarte, aber die Zirkussterne, Schulreiterinnen, Jongleure, Auguste, der Riese mit dem Zwerg, der große Bär, die Elephantin, das Dromedar, der glitzernde Galawagen, alle waren sie im Lauf und bald im vollsten Zuge. Noch lange hörte ich das Brüllen der Tigerinnen, nie haßte ein Mann so wütend das Weib wie der Bändiger dieser gestreiften Katzenleiber. Der Puls des Zirkus blieb stehn, trat der unerschrockene Sultan in das Gittergemach seiner brüllenden Sklavinnen. Er mißbraucht sie nicht zu Kunststücken, läßt er auch die
Kunstreiterin seiner Tigerinnen durch einen Papierreifen springen. Wollust bereitet ihm, seine wut¬schäumenden Tigerweiber mit Stangen und Schüssen bis zur Wutekstase zu reizen und sie zu bezwingen. Schschschschschschsch — sch — die beiden eleganten Brüder Fillies und ihre graziöse Schwester werfen noch einen kurzen Blick auf den Perron, der Clown mit der genialen Ungeschicklichkeit verlangt auf idiotisch vom Zeitungsträger den »Ulk« — Sch . . . . Berlin hat sein größtes Kind eine Weile verloren, den Zirkus; wo geht man nun hin, um zuzugucken? Wie ein Mensch soll der Affe sich im Wintergarten benehmen. Herr Darwin, der Enkel des großen Zoologen, wird mich ins Variété begleiten. Es ergreift ihn, so einen gebildeten Vorfahren seiner Baumzeit zu sehen. Ich bin ebenfalls von dem fletschenden Erzurgroßvater entzückt. Ein Gourmet ist der greise Herr, keineswegs lebt er von Luft und Erkenntnis. Der verwandte Künstler da oben verzehrte ein Menu von Dressel und regalierte sich an Heidsieck-Monopol. Mit Verbindlichkeit raucht er die Zigarette, die ihm ein Bewunderer verehrte. »Es ist Zeit« noch prüft er die Zeiger auf seiner Uhr. — Ich möchte mich auch in ein solches Prachtbett legen — ich bin müde — die Nacht vorher brachte ich, mich verirrend, in der Kolonie Grunewald zu; im Rieselregen auf einer runden Sommerbühne, worauf die Gärtner Kiesel legen. Nasse Nacht, kein Komet mehr. Ich war trostlos. Plötzlich rief der Kuckuck — ich bezog es zu erst persönlich, aber so unhöflich sind nur die Kuckucksuhren. Dieser da zwischen jungem Grün zwischen April und Mai, ist ein vortragender Künstler, ein wundervoller Komiker. Also gibt es wirklich Kuckucke? Ich dachte immer, es sei eine Fabel.


Aus: Der Sturm, Halbmonatsschrift für Kultur und die Künste, Jahrgang 1911, 12. Mai 1911, Hannover

Sonntag, 17. Januar 2016

Else Lasker-Schüler - Ich tanze in der Moschee

Else Lasker-Schüler - Ich tanze in der Moschee



Du musst mich drei Tage nach der Regenzeit besuchen, dann ist der Nil zurückgetreten und grosse Blumen leuchten in meinen Gärten und auch ich steige aus der Erde und atme. Eine sternenjährige Mumie bin ich und tanze in der Zeit der Fluren. Feierlich steht mein Auge und prophetisch hebt sich mein Arm, und über die Stirne zieht der Tanz eine schmale Flamme und sie erblasst und rötet sich wieder von der Unterlippe bis zum Kinn. Und die vielen bunten Perlen klingen um meinen Hals . . . . . . o, machmêde macheï . . . . . . hier steht noch der Schein meines Fusses, meine Schultern zucken leise — machmêde macheï, immer wiegen meine Lenden meinen Leib, wie einen dunkelgoldenen Stern. Derwi, Derwisch, ein Stern ist mein Leib! . . . . Machmêde macheï meine Lippen schmerzen nicht mehr . . . rausche — süss tröpfelt mein Blut und meine Schultern beben Düfte und immer träumender hebt sich mein Finger — geheimnisvoll, wie der Stengel der Allahblume. Machmêde macheï fächelt mein Antlitz hin und her — streckt sich viperschnell und in den Steinring meines Ohres verfängt sich mein Tanz. Machmêde macheï, machmêde machmêde . . . . . . .

Aus: Der Sturm, Halbmonatsschrift für Kultur und die Künste, Jahrgang 1911, 25. Februar 1911, Hannover

Donnerstag, 14. Januar 2016

Paul Leppin - Das Gespenst der Judenstadt


Das Gespenst der Judenstadt


Judenviertel in Prag

In der Mitte von Prag, wo sich jetzt hohe und luftige Zinshäuser zu breiten Straßen aneinanderschließen, stand noch vor zehn Jahren das Judenviertel. Ein schiefes und düsteres Gewinkel, aus der kein Wetter den Geruch nach Moder und feuchtem Gemäuer wegzublasen vermochte und wo im Sommer den geöffneten Türen ein giftiger Atem entströmte. Der Schmutz und die Armut stanken hier um die Wette und aus den Augen der Kinder, die hier aufwuchsen, blinzelte eine stumpfe und grausame Verderbtheit. Der Weg ging da manchmal in niedrigen und gewölbten Viadukten durch den Bauch eines Hauses hindurch oder er krümmte sich plötzlich zur Seite und fand vor einer blinden Mauer jählings ein Ende. Die Händler, die ihre Trödlerware vor den Geschäften auf dem unebenen Steinpflaster aufstapelten, riefen mit listigen Gesichtern die Vorübergehenden an. In den Haustüren lehnten die Frauenzimmer mit geschminkten Lippen, lachten gemein, zischelten den Männern in die Ohren und hoben die Röcke, um ihre gelben und zeisiggrünen Stümpfe zu zeigen. Greise Kupplerinnen mit weißen Haarsträhnen und lockeren Kiefern grüßten aus den Fenstern, klopften, winkten, gurgelten vor Eifer und Befriedigung, wenn einer ins Netz ging und näher kam.
Hier war die Unzucht zuhause und lockte am Abend mit roten Laternen zum Besuch. Es gab da Gassen, wo ein jedes Haus eine Schandherberge war, Spelunken, wo das Laster mit dem Hunger in einem Bette schlief, wo schwindsüchtige Weiber mit verwelkten Reizen eine kümmerliche Industrie betrieben, geheime Verließe, wo das Verbrechen flüsternd und augenzwinkernd schulpflichtige Mädchen schändete und ihre hilflos verwunderte Unschuld für schauerlichen Lohn verschacherte. Es gab vornehme und luxuriös möblierte Kneipen, wo der Fuß auf Teppiche trat und wo die satten und üppigen Dirnen in seidenen Schleppkleidern stolzierten.
Unweit der Synagoge neben den verwahrlosten Hütten des Zigeunergäßchens befand sich in einem zweistöckigen Gebäude der Salon Aaron. In der dürftigen Umgebung machte das Haus beinahe einen wohlgepflegten Eindruck, trotzdem der Mörtelbewurf der Mauer zum Teile losgebröckelt war und der Staub und der Regen auf die Scheiben der vermummten Fenster bunte Streifen malte. Bei Tag war es hier still; nur selten schlich ein Gast über die ausgetretenen Stufen in den dunklen Hausflur und kam mit aufgeschlagenem Rockkragen hastig und verlegen nach einer Stunde wieder ans Licht. Aber in der Nacht stieg hier aus verborgenen Brunnen ein lautes, helles und zitterndes Leben auf. Die Fenster glühten und das Gelächter flatterte drinnen wie ein gefangener Vogel im Käfig.
Auch das Lachen Johannas war mit dabei. Das war ein heißes, schmiegsames und brünstiges Gurren, das man deutlich neben den Stimmen der andern unterscheiden konnte und das manchmal schon in der Schweigsamkeit des Vormittags zu klingen begann wie eine frohe und verliebte Lerche. Johanna war fröhlich, weil die Männer zu ihr gingen. Sie war begehrter als ihre Gefährtinnen, weil sie einem jeden von der bangen, quälerischen und unruhevollen Süßigkeit gab, die sie erfüllte und die in den trägen Leibern der andern nicht wohnte. Sie war oft selbst verwundert darüber. Das Gewerbe, das den Frauen, mit denen sie beisammen war, als eine langweilige und verdrießliche Pflicht erschien, brachte eine verzückte und unentrinnbare Liebessehnsucht über sie, einen Stachel, den sie in ihrem Fleische spürte und der in ihren Augen einen mädchenhaften Schimmer entzündete. Mit Lippen, die vom Küssen wund und zersprungen waren, trank sie sich an dem Munde der Männer fest, immer wieder von der bräutlichen Wollust durchflutet, die ihre erste Umarmung begleitet hatte. In den Pausen, die ihr das Sündenhandwerk ließ und die ihr unerträglich lang und einsam dünkten, lauschte, sie auf die Schritte der Passanten draußen vor dem Haus und wenn die Türglocke ging, flog eine Flamme über ihr Gesicht und sie seufzte. Es gab oft Tage, an denen sie die Liebe bis zur Uebersättigung genoß; aber wenn sie dann mit dumpfem Kopfe und schmerzenden Gliedern im Bette lag, ging ihre Erinnerung von einem zum andern, kostete und schwelgte und sie lächelte in die Dunkelheit. Manchmal, besonders im Sommer, wenn sie in den letzten Stunden vor dem Morgen endlich ihr Lager aufsuchte, steigerte sich ihre Unruhe bis zur Pein. Dann kam sie im Hemd zum offenen Fenster und sah in das Ghetto hinunter. Sie streckte die nackten Arme hinaus und fühlte den warmen Regen wie Blutstropfen auf ihrer Haut. Das war ihre Heimat da unten. Die Stadt, in der die verschlafenen Lichter der Freudenhäuser blinkerten, wo in den verrufenen Gassen klobige Schatten kauerten und in der Ferne noch eine winselnde Geige oder das harte Geklimper der Spielkästen zur Lustbarkelt lud. Eine schwärmerische Melancholie badete ihr Antlitz in Tränen. Der Nachtwind griff zärtlich nach ihren Brüsten, sie legte den Kopf in den Nacken und ihre Lippen verzogen sich zum Kuß.
Am Abend, wenn der Salon festlich erleuchtet war, wenn die Weingläser auf den Marmortischen klirrten, tanzte sie zur Musik. Die Sinnlichkeit, unter der sie litt, machte ihre Glieder weich und lässig und trieb sie mit fliegenden Röcken in eine verlangende Wildheit hinein, die ihr starres Gesicht wundersam verschönte, die aufreizender und werbender wirkte, als die Künste der andern. Sie tanzte allein oder mit den Gästen. Ihr schlanker Körper bog sich unter den Händen der Tänzer, schmiegte und drängte sich, zitterte und fror; und wenn einer mit der blonden Johanna getanzt hatte, dann ging er auch gewiß mit ihr in ihre Kammer. Ihr Mund war gierig und fieberisch. Je mehr Männer den Weg zu ihr fanden, desto ungebärdiger fiel ihre Liebe sie an; ihre Lust erschütterte und betäubte; ihre Inbrunst war willfährig und entfachte sich zur Glückseligkeit
Dann kam der Tag, wo ihren Körper zur Buße die Krankheit nötigte. Aus den morschen Mauern der Judenstadt, aus den unzüchtigen Gassen kam sie herauf und vergiftete ihre Küsse. Sie verbrannte ihr Blut und machte ihre Adern trocken und rissig; sie erwürgte das Gelächter und das verliebte Stammeln in ihrem Halse; sie beschmutzte ihren Leib mit roten Flecken und schleifte sie durch den Schimpf der unflätigen Huren hindurch in die schlotternde Angst des Lazarets. Hier lag sie in dem heißen Bette und von der Zimmerdecke fielen die Gedanken wie schwere Tropfen auf ihre Stirn. Sie dachte an die Frauen, die jetzt im Salon Aaron saßen und den gelben Wein aus dünnen Gläsern tranken. Sie dachte an die Musik und an das scharlachfarbene Hemd, das sie beim Tanze getragen hatte. Sie beugte die Arme und warf den Kopf in die Kissen zurück; aber es war niemand da, der sie küßte. Eine schmachtende Traurigkeit weckte das Schluchzen in ihrer Kehle auf und ließ sie verzweifeln.
Heuchlerisch und zögernd, in einem feigen und boshaften Tempo vergingen die Wochen. Unerwartet heftig war die Krankheit Johannas zum Ausbruche gekommen. Das Gegengift, mit dem sie die Aerzte quälten, war machtlos gegen sie. Sie nistete in den Geweben, sie flackerte unter ihrer Haut, sie kratzte in den Winkeln und Gruben ihres Fleisches eitrige Wunden auf und wollte nicht weichen. Sie machte ihre Gedanken lahm und verunreinigte ihren Schlaf mit geilen Träumen, aus denen sie stöhnend in die Höhe fuhr und mit Haß und Grauen die Wirklichkeit erkannte. Johanna entbehrte die Männer. Ihr nervöser Leib bäumte sich unter der Folter der Entsagung. Jeder Tag, den sie glühend verbrachte, jede Stunde vermehrte ihre Not. Bis sie es nicht mehr ertragen konnte. In der Nacht entwich sie aus dem Krankenhause. Durch das Fenster sprang sie in den Garten und stieg bloßfüßig, nur mit dem Mantel über dem Hemd, über die Mauer auf die Gasse.
Brennend, in einer überirdischen und schwülen Erwartung lief sie durch die Stadt. Die aufgelösten Haare flatterten um ihr Gesicht und ihre Augen glänzten. Ein heiler und wunderbarer Gedanke trieb sie weiter und erfüllte sie mit Glück. Sie wollte zu den Männern! Ihre Füße flogen über die Steine und ihre Muskeln spannten sich. Die Schatten verspäteter Nachtschwärmer schwankten über den Weg und das grelle Licht plötzlicher Laternen erschreckte sie; eine köstliche und schwere, verführerische Süßigkeit machte sie betrunken. Die Türme der Theinkirche tauchten vor ihr auf und standen bleich zwischen den Sternen. Da war sie ja schon am Ziel! Da war schon die Gasse, wo die Musik hinter verhängte Türen lärmte und wo das Lachen der Frauen mit den Flügeln an die roten Fensterscheiben schlug — — —
Sie blieb stehn und sah geblendet in den Mond, der schielend am Himmel klebte und geborstene Balken und Geröll beschien. Der Salon Aaron war verschwunden. Die Hacke und der Spaten hatten Stück um Stück von dem alten Hause abgegraben und neben der Synagoge lagerten die Steine. Eine einzige Mauer stand noch mit zackigem Kamme aufrecht zwischen den Trümmern und Johanna erkannte die Wand ihres Zimmers. Ihre Augen gingen entsetzt und gelähmt weiter in die Gasse. Die bunten Lichter der Freudenhäuser waren verlöscht und der Staub stieg wie ein Rauch aus den zerbrochenen Dächern. Ueberall krochen Ruinen aus der Nacht. Während sie im Krankenhause in dem feuchten Bette mit der Seuche kämpfte, hatte man ihre Heimat zerstört —
Ein Schrei löste sich aus ihrer Kehle und zitterte gräßlich durch das vereinsamte Viertel. Ihre Haare flossen über ihren Mantel und die Nachtluft öffnete ihn und tastete lüstern unter das Hemd. Ein Trupp bezechter Soldaten kam vorüber. Haltlos verwirrte Liebesworte ächzend, fiel sie vor ihnen in die Knie. Und zwischen den Trümmern des eingerissenen Bordells gab sie sich den Männern hin, die der Zufall auf ihre Fährte geführt hatte. Sie gab sich einem nach dem andern, und ihr armer, von der Krankheit verwüsteter Leib wurde nicht müde und grub sich zuckend im Liebestaumel immer tiefer in den Schutt . . .
Von einem Sommer zum andern wurde das Ghetto niedergerissen. Neue Häuser erdrückten die finstern und ungesunden Schlupfwinkel, wo das Elend und das Laster jahrhundertelang gespenstert hatten. Die Unzucht flüchtete mit hohen Stöckelschuhen klappernd bis an den äußersten Rand der Vorstädte. Auf den alten Plätzen wuchs eine Stadt für die Reichen und Vornehmen empor. Aber noch niemals war in Prag die Lustseuche so furchtbar und verheerend gewesen wie in diesem Jahre. Sie brach in die Familie ein und lehrte die jungen Mütter das Grausen. Sie hing sich an das Lächeln der Liebe und machte ein bleiernes Grinsen daraus. Knaben gaben sich den Tod und Greise verfluchten das Leben.

Aus: Der Sturm, Halbmonatsschrift für Kultur und die Künste, Fünfter Jahrgang 1914, Zweites Aprilheft, Nummer 2, Verlag F. Harnisch, Berlin






Montag, 4. Januar 2016

Bruno Frank - Das Böse

Bruno Frank - Das Böse



Herr Antonio hatte den schönen, goldfarbenen Abend zu einer Spazierfahrt in den Cascine benutzt, dreimal war er die große Allee hinauf und hinuntergefahren, sanft gewiegt vom langsamen Trab der Pferde, allein, und zu so vorgerückter Stunde nicht mehr genötigt, viel zu grüßen. Schließlich hatte er seinen Wagen fortgeschickt, war zuerst am Fluß entlang und dann durch die Via Tornabuoni spaziert und tauchte nun, nicht weit vom Dom, in das Gewirr der kleinen Gassen, die schon beinahe finster waren.
»Guten Abend, schöner Herr,« sagte ein altes Weib, das irgendwo auf einer Türschwelle saß; im Schein der Laterne sah Herr Antonio, daß ihre Haare schmutzig waren, und daß ihr graubraunes Kleid von der Schulter bis gegen die Brust hin einen großen Riß hatte.
»Guten Abend, Mama,« sagte Herr Antonio, hob sein elegantes graues Hütchen vom Kopfe und verbeugte sich höflich. »Ist's erlaubt?« fügte er noch hinzu, indem er ihr einige Münzen übergab, verbeugte sich aufs Neue und ging fröhlichen Schrittes weiter.
Ach, es war ihm gut zumute. Und das ohne einen besonderen Grund, nur einfach weil er jung war, sich ansehnlich und kräftig fühlte und, von keiner einzigen Sorge bedrückt, gänzlich freien Gemütes durch einen warmen Florentiner Abend ziellos hinschlendern durfte.
Er begrüßte noch andere Personen auf seinem zufälligen Wege. Ein junges Mädchen zuerst, die, reizend wie alle Frauen in solcher Umrahmung, aus ihrem Fenster herabsah, — froh und verlegen zog sie sich hinter den Vorhang zurück, um im nächsten Augenblick wieder zu erscheinen und dem sich Entfernenden angestrengt durch die dunkelnde Gasse nachzuspähen . . . Dann einen kleinen, ziemlich verkommen aussehenden Infanteriesoldaten, — ja ihn hielt er sogar an, bot ihm auf das liebenswürdigste sein Zigarrenetui hin und ärgerte sich nicht einmal, als der schmierige Mensch lange zwischen den Importen umhertastete, schließlich gleich zwei von ihnen nahm und ohne viel zu danken seines Weges weitertrottete.
»Ein Sozialist, ohne Zweifel,« dachte Herr Antonio; »bei Gott, diese Leute haben recht.«
Und nachdem er einen Blick auf seine Uhr geworfen hatte, bog er mit rascherer Gangart in eine Seitengasse ein, die nach der Richtung der belebten Straßen zurückführen mußte. Es war eine lange, ganz schmale Gasse, und matt erhellt lag sie vor Herrn Antonio da. Die Häuser zu beiden Seiten hatten ein besonders ärmliches Aussehen, manchen fehlte die Tür, viele Fensterscheiben waren zerbrochen, — und da auch nirgends Menschen umhersaßen oder  gingen, sagte er sich, daß er eines der verfallenden und halb verlassenen Quartiere durchkreuze, die es in seiner Vaterstadt so gut gibt wie überall in italienischen Städten. Der Gedanke machte ihm keineswegs zu schaffen, er schwang sein Spazierstöckchen im Takt einer Melodie, die er innerlich sang, ohne die Lippen zu bewegen, und eilte fröhlich dahin.
Tritte hallten ihm entgegen, rasche, ungleichmäßige Tritte, und als sie näherkamen, mischten sich quiekende Laute hinein, wie sie ein trotziges oder gequältes Tier von sich gibt.
An Herrn Antonio lief ein Mensch vorüber, irgendein Kerl ohne Hut und ohne Kragen und schlurfend bei jedem Schritt. Das Gesicht hätte Herr Antonio kaum zu erkennen vermocht, auch wenn er es versucht hätte, doch seine Blicke wurden von etwas Anderem angezogen.
In der rechten Hand trug der Mensch ein lebendiges Wesen, ein zappelndes Geschöpf, einen kleinen Hund dem Anschein nach. Er hielt ihn am Fell gepackt und ließ ihn, nach taktmäßigen Pausen, mit großer Heftigkeit gegen die Mauer anschlagen. Das Quieken des Tierchens war ein Schmerzgeheul, und es mußte auch wirklich ein schlimmes Gefühl sein, immer von neuem gegen die scharfen Kanten und Vorsprünge geschleudert zu werden.
»Geht das mich etwas an?« versuchte Herr Antonio zu denken und trat im Weiterschreiten stark auf, um die Klagelaute nicht mehr zu hören.
»Der Stimme nach war es ein ganz junger Hund, ein kleiner . . .« sagte er dann zu sich, blieb stehen und horchte auf das ersterbende Geräusch, während die Ahnung von etwas Schlimmem verfinsternd durch sein Gemüt zog. Es war an der Stelle, wo die lange Gasse ein Ende hat und der Weg zur linken Hand sich im scharfen Knie fortsetzt.
Aus der Ferne ließ sich nun nichts mehr vernehmen. Herr Antonio starrte auf das Bildnis eines Apostels in seiner Nische, von dem nur der nackte Hals durch die unten brennende rote Lampe geheimnisvoll und schrecklich beleuchtet war . . . Seine Augen irrten ab, sprangen von einer dunkeln Stelle des Gemäuers zu einer hellen und wieder zu dem roten Halse zurück . . . Plötzlich überfiel ihn ein Zittern, durch seinen ganzen Körper machte sich ein Kältegefühl bemerkbar, er sagte zu sich selbst: nun werden meine Lippen weiß. Und mit einem so heftigen Ruck, daß sein graues Hütchen weit nach hinten glitt, wandte er sich um und lief — lief den Weg zurück, den er gekommen war.
»Ein ganz junges Tier,« dachte er immerfort, »ganz jung . . . Offenbar hat es seinen Herrn verloren und ist nun dem nächsten Besten nachgelaufen, voll Vertrauen, weil es die Menschen bisher immer gut behandelt haben. Der aber packt es beim Fell und schlägt es im Laufen gegen die Mauer . . . Er wird das Ärgste mit ihm tun, Gott im Himmel . . .«
Herr Antonio spähte, vorbeihastend, in alle geöffneten Tore . . . Wenn der Mensch dort oben nach rechts oder nach links gelaufen war, dann entrann er! Aber das durfte nicht sein. Das wollte auch Gott nicht, der diese Ahnung, diese Gewißheit von etwas Entsetzlichem hatte entstehen lassen. Und wie überhaupt konnte ein Verbrechen begangen werden an einem solchen Abend — alle Sterne standen am Himmel, und die Luft war weich . . .
Er nahm den Hut in die linke Hand; mit der rechten bewegte er in kurzen Rucken sein Stöckchen heftig auf und ab, als sei er bereit und begierig, eine Züchtigung zu erteilen.
Wahrhaftig, er wollte den Burschen züchtigen, die gemeine Freude sollte dem vergehen. »Ich bin nicht umsonst jeden Morgen zwei Stunden auf dem Fechtboden,« fügte er bei sich hinzu und straffte, im Hinstürmen, die Muskeln seines rechten Arms.
Das Hündchen aber, — ja, er würde es auf den Arm heben, es nach Hause tragen, ihm ein schönes Bett zurechtmachen. Er würde von der Chaiselongue die seidene Decke für das Bettchen nehmen . . . So ein armes Geschöpf! Und er glaubte, es wieder schreien zu hören vor Schmerzen und vor Angst . . .
Er hörte es wirklich. Aus einem Torweg drangen seine wilden, hohen Schreie heraus zugleich mit einem schwach flackernden, rötlichen Lichtschein . . . Herr Antonio sprang vor, er gelangte in einen kleinen, gepflasterten Hof, blickte um sich und sah . . .
In der Ecke zur Linken saßen zwei Männer bei einem eisernen Gestell, einer Art Dreifuß, einem metallenen Behältnis, darin es von Kohlen flammte.
Zwei haarige Hände, vom Feuer hell beleuchtet, hielten gewaltsam den braunen Kopf eines kleinen Hundes fest, zwei andere Hände, mehr im Schatten, bewegten eine dünne eiserne Stange, deren Spitze glühte. Die glühende Spitze war dem Tier in das eine Auge gebohrt und drehte sich langsam . . . Dies war es, was Antonio sah.
Er sank gegen die Mauer, aller Speichel vertrocknete in seinem Mund, und es war ihm, als entzündeten sich seine Augen. Die Beiden waren beschäftigt, sie bemerkten ihn nicht; so blieb er, gelähmt, einige Sekunden im Schatten der Einfahrt.
In diesen Sekunden, — während das Feuer einmal die vor Lust zitternden Kinnladen des Peinigers erhellte, einmal ganz stark wiederum die Fäuste des Handlangers, und einmal, bei einer heftigen Zuckung, des Opfers arme Augenhöhle, darin das Eisen stak, — in diesen Sekunden durchlebte Antonio mehr als in den letzten zehn Jahren seines amüsant verbrachten Lebens. Er stürzte, haltlos preisgegeben, von Wesensstufe zu Wesensstufe: vom Rächer zum Richter, vom Richter zum Heiligen und wieder zum Rächer. Ja —rächen!
Er riß seinen Revolver aus der Hosentasche und tat einen einzigen Sprung.
Der Helfershelfer schrie auf, und das Tier entfiel seinen Händen, — jammernd suchte es zu entlaufen, stieß gegen den Ofen und blieb, die Spitze noch im Auge, heulend liegen.
Der Quäler selbst hielt sein Instrument mechanisch fest; ihm floß Geifer vom Mund, vielleicht von der genossenen Lust her, vielleicht schon ein Geifer der Angst vor der erhobenen Waffe. Eingekeilt zwischen Mauer und Feuergestell hockte er da . . .
Antonio hielt seinen Blick starr in diese Ecke gerichtet, — aufschreckend aber vernahm er das Winseln des Hündchens zu seinen Füßen und, ohne das Gesicht des Andern auch nur für einen Moment mit den Augen loszulassen, raffte er das Tier, das halbbetäubt sich wand, am Nackenfell herauf, setzte ihm den Revolver an das Ohr und schoß.
Die Leiche fiel schwer nieder; sie kam unmittelbar vor Antonio zu liegen. Sein Blut tropfte auf ihren Schädel, — denn von der Kugel, die, erlösend, den Kopf des kleinen Hundes durchbohrt hatte, war auch Antonios linke Hand getroffen worden, und das oberste Glied des kleinen Fingers war fortgerissen. Er bemerkte das nicht, das Glühen und Wühlen des Wundschmerzes war verloren an seinem Körper, den ein ungeheuerer Affekt steifte. All sein Leben war in den Augen gesammelt, die den Blick des Verbrechers festzuhalten suchten, und in einer Stelle des Gehirns, wo der Gedanke an das Abscheuliche schwerfällig sich bewegte.
Der Helfershelfer war im Knall und leichten Dampf des Revolverschusses entsprungen.
Ein schwächerer Schein drang von dem nicht angefachten Feuer durch das kleine Gelatinefenster heraus. Und Antonio ahnte es vielleicht mehr, als daß er es sah, welch mächtige gelbe Zähne der Mensch hinter dem Ofen besaß, welch roten, rauhhäutigen nackten Hals und, über all dem, welch armselig schweißige Stirn von Zweifingerbreite . . .
»Was soll ich mit ihm tun, Madonna, was soll ich mit diesem Menschen tun?« dachte Antonio, — und bald dachte er es voll Verzweifelung. Er hielt den Revolver in der erhobenen rechten Hand; sein Arm würde müde werden . . .
Eine Glutwelle stieg ihm plötzlich ins Gehirn, — vielleicht kam sie von der Wunde, — hinter seinen Schläfen, unter seinen Augen brannte wütende Hitze, und ein so maßloses Rachegelüst erfüllte ihn, daß er, mitten in der Erregung, zu sich selber sagte, hier müsse mehr in Aufruhr sein als ein persönliches Gefühl . . .
»Alle muß ich rächen,« dachte er, »alle wollen, daß ich sie räche . . .« Doch er war keineswegs imstande, sich über diesen Gedanken klar zu werden.
In ihm wechselte jetzt das Begehren, furchtbar zu strafen, mit Stößen eines nie gekannten schwächenden Mitleids . . .«
»Die Augen ausbrennen, die Augen ausbrennen! Einem so guten Tier, einem jungen Tier mit weichem Maul . . .«
Denn aus irgend einem Grunde erfüllte ihn gerade der Gedanke an ein weiches, nasses Tiermaul mit einer völlig unerträglichen Rührung.
»Scheusal!« schrie er, vom nächsten Augenblick zur Wut zurückgerissen, »Scheusal!«
Er zitterte heftig, und mit der ganzen Kraft seiner Lippen spie er dem Andern ins Gesicht.
Doch er stand noch immer von ihm entfernt . . . Und das Feuer brannte sehr dunkel, und war es erloschen, so beherrschte er ihn nicht mehr mit der Waffe . . .
»Auf die Polizei denn mit ihm!«
Aber dort hatte man keine Strafe.
»Einen Schuß also, einen Revolverschuß durch den Schädel dort, der sich eben noch unterscheiden läßt!«
Aber das war nichts, das war keine Strafe, das war lächerlich. Der Tod? Hier taugte nur Eines . . .
»Ihn quälen . . . ihn quälen . . . Das Feuer anfachen, die Stange glühen und sie ihm, ihm selber in sein Auge bohren, damit er’s fühlte . . .«
Und Antonio, geschüttelt von seiner Wunde und von übermäßigem Racheentzücken, spürte schon den Buben zwischen seinen Knieen. Ah, er hatte Riesenkräfte jetzt . . .
Aber das war unmöglich, das hieß mit dem Verbrechen selber strafen . . . Groß erhob sich in Antonio der Heilige, der er zuvor, gelähmt unter dem Torweg, für den Bruchteil einer Minute gewesen war.
»Ich selbst bin verworfen, wenn ich das will.«
So konnte denn nichts geschehen? Und das Feuer war am Verlöschen . . .
Antonio betete, halb von Sinnen. Er rief, in so drangvoller Eile, Gott selber an und keinen Mittler . . .
»Vater im Himmel,« dachte er flehend, während unerkannt der Schmerz an ihm riß, »Vater im Himmel hilf mir! rate mir! was soll ich tun? Vater, so mächtig kann das Abscheuliche auf Deiner — Deiner Welt ja nicht sein, daß es ganz ohne Kampf siegt . . . Vater erleuchte mich . . . es wird dunkel, ich kann ihn ja kaum mehr sehen . . .«
Ein letzter oder vorletzter Strahl zuckte über den roten Hals. Vor Antonios Ohren erhob sich ein lautes Summen. Nicht Luft mehr war um ihn, sondern ein zähes, graues Gewoge, das sich nicht atmen ließ. Der ganze weite Luftraum war verpestet durch die Ausdünstung dieses Niedrigsten, — in ihrer Entrücktheit erzitterten die Sterne vor seinem unentrinnbar ekelhaften Anhauch. Alles erstickte . . .
Und im Ansturm des Entsetzens, den Kopf in Glut, fliegende Raserei den ganzen Leib entlang, setzte Antonio sich selbst den Revolver an die Schläfe und drückte ab. Er fiel tot in sich zusammen, und sein Kopf kam auf den weichen Rücken des Hundes zu liegen.
Der Bursche schlich sich aus seinem Winkel heraus. Er stieß, im eiligen Tasten, hart gegen den Vorsprung einer Mauer am Torweg, gab einen Wehlaut von sich, blieb stehen und rieb sich das schmerzende Knie. Dann hinkte er auf die Gasse hinaus und, immer hinkend, ohne sich umzuschauen, lief er davon.

Else Lasker-Schüler - Wenn mein Herz gesund wär

Else Lasker-Schüler - Wenn mein Herz gesund wär


Kinematographisches

Wenn mein Herz gesund wär, spräng ich zuerst aus dem Fenster; dann ging ich in den Kientopp und käm nie wieder heraus. Es ist mir genau so, als ob ich das große Los gewonnen hab’ und noch nicht ausbezahlt bin, oder auf einer Pferdelotterie einen Gaul gewonnen hab’ und keinen Stall „umsonst“ auftreiben kann. Das Leben ist doch eigentlich ein Wendeltreppendrama, immer so rund herauf und wieder hinunter, immer um sich selbst wie bei den Sternen. Ich bin in freudiger Verzweiflung, in verzweifelter Freudigkeit; am liebsten machte ich einen Todessprung oder einen Jux. Meine Freundin Laurentia zecht wie ein Fuchs, sie studiert die Sprache der alten Herren, ich meine Griechisch und Lateinisch, und macht gute Fortschritte. Aber was geht mich das alles an; ich will nichts wissen, nichts. Wenn es nur nicht klopfen würde!
Das Gehirn wird rein aufgewühlt, es klopft nicht allein unten jeden Freitag und Sonnabend, jedes Stäubchen wird aufgewirbelt, es klopft auch an den anderen Wochentagen, denn ich wohne zwischen Haus und Haus und muß die Brutalität aller Höfe ertragen. Ich sitze immer bei geschlossenen Fenstern und werde gar nichts von dem Sommer haben; ausgehen kann ich nicht, ich schreibe Geistergeschichten; ich habe Schulden. Dabei zieht’s, wenn ich die Türen rechts und links und hinter mir auflasse. Ich trage seit dieser Wohnung ein Katzenfell; wenn ich abends wo eingeladen bin, überkommt mich eine furchtbare Angst, ich könnte anfangen zu miauen. Ich hab’ gar keine Lust zum Leben mehr, wenn noch die Menschen gerne meine Lyrik lesen wollten; wer sie gern liest, der soll mir doch mal einen netten Brief schreiben. Ich muß nämlich wegen meiner Krankheit in Kleesalz baden, damit man nicht über mich ausrutscht. Ich habe dann immer so eine Langeweile in der Badewanne, und lese gerne schmeichelhafte Briefe an mich. Was einen schlechte Kritiken ärgern! Man hat doch sofort jemand gern, der einem schöne Worte schreibt. Es gibt wirklich sympathische Geschöpfe auf der Welt. Ich kann nur Weißgesichter nicht leiden, ich habe einen Argwohn gegen Licht. Darum nehme ich mir auch nur schwarze Mägde und Diener. Ich habe zwei Neger und zwei Indianerinnen; Tecofis Vaterhäuptling kommt manchmal nach Berlin und tritt dort mit seiner Truppe im Chât noir auf. Tecofi fragt mich, wenn sein Vater nach Berlin kommt, ob er bei mir auf dem Balkon wohnen könne. Ich hab’ nichts dagegen. Mein Somalineger ist königlicherer Abstammung, sein Vater besitzt bei Teneriffa Hammelherden. Manchmal schickt er mir ein paar abgezogene Hammel, die kommen als Hautgoutragout hier an. Osmann, mein jüngerer Neger, sieht aus wie ein sinnender Gorilla im Pflanzenkübel. Böse Spezies, herrlich zu schauen, aber man muß ihn in Ruhe lassen; seit kurzem pfeif ich auch nicht mehr, wenn er jemandem den Kopf abbeißen soll, er ist zu schade, zu wertvoll, um zu gehorchen, selbst mir. Meine beiden Indianerinnen sind emsige Mädchen, sie sind angestellt von mir, die Fäden meiner Logik zu suchen, die Logik meiner Unterhaltung zu finden. Manchmal suchen sie die ganze Nacht, ich fürchte, sie werden sich einmal in einem Augenblick an meinem Leitfaden aufhängen. Das muß man in Kauf nehmen, dunkle Leute sind schlechte Spürhunde, sie können nichts finden in der Nacht ihrer Haut. Halloh, was tät’ ich, wenn mein Herz gesund wär’? Habe ich denn ein Herz oder wenigstens sowas Ähnliches? Bei dieser Einlage im Programm muß ich weinen — gut, daß es Nußstangen gibt, die trösten, auch die Pfefferminz in Holzschächtelchen. Ich glaube nicht, daß mein Herz aus Fleisch und Blut ist, rissig sind seine Wände; es hat weniger Augenblickswert als Ewigkeitswert, darum bin ich vollständig unbrauchbar für den Vorbeipassierenden, ich bin nur interessant für den Forscher. Immer klingelt es in den effektvollsten Stellen. „Hier 35, 24 wer dort?“ „Doktor Nikito Ambrosia, sind Sie Else Lasker-Schüler?“ „Leider.“ „Frohlocken Sie nicht, meine Dame, ich frage Sie an, ganz ergebenst, würden Sie ein Engagement am Wintergarten annehmen, monatlich mit einer Gage von 10 000 Mark? das macht im Jahr rund 100 000 Mark?“ „Sie spaßen wohl, Herr, es ist doch nicht üblich, am Varieté länger, als einen Monat die Artisten zu beschäftigen.“ „Aber, uns liegt daran, meine Gnädigste, Sie an unser Varieté zu fesseln.“ „Es handelt sich wohl um meine arabische Szene, Herr Doktor Ambrosius?“ „Ganz recht! Da Sie hoch zu Kamel über Theben sitzen.“ „Herr, ich kenne Sie, so einen ungeschminkten Baß gibt es nicht am Varieté. Sie sind Professor Gellert, der letzte Hohenzollerndämmer.“ Schluß! Mein Brief: Herzallerliebster in Adrianopel! Er fragte mich nämlich an, ob ich ihn noch liebe, bittet mich, ihn nicht zu belügen. Ich werde ihm doch keinen Stoff zur Lyrik geben, (er ist Dichter), „ich liebe ihn also! Basta!“ Könnte ich doch auch ein bißchen nach der Türkei, zumal meine Vorfahren alle in Sänften getragen wurden. Das Gehen wird mir darum schwer. Wo bei Euch die Sohlen schon erkaltet sind, sind sie bei mir noch Glut. Wenn mein Herz gesund wär, was tät’ ich dann? Einen Augenblick bitte! Ich würde mich pudelnackt ausziehen und mich in ein Süßwasser werfen, wo die sanften Fische leben, aber Schuppen kann ich nicht leiden. Oder ich ging nach dem Südpol und wärmte mich mal ganz tüchtig ein, oder ich ließ jedenfalls in der Eiszone einen Anthrazitofen setzen. Was soll ich noch machen? Ich blieb gerade am Wendekreis stehen zum Trotz. Den Sternbildern würde ich Schnurrbärte malen. Ist es nicht himmelschade, daß mein Herz nicht gesund ist? Vom Mond kommen die Herzkrankheiten, namentlich die Neurosen. Alle Krankheiten kommen von oben. Hier unten ist es ganz nett. Darum stürzen auch so viele Aviatiker vom Himmel herab; das Fahrzeug platzt ja gar nicht, die Fallsucht kriegen sie alle, je höher sie die Bazillen der Gestirne einsaugen. Wie die Aviatiker aussehn: Wie die Vögel, ihre Nasen sind Schnäbel, und die Köpfe strecken sie in die Höhe. Ein neues Menschengeschlecht. Einmal aß mit mir ein Luftsegler zu Mittag, der hackte wie ein Habicht am Fleisch herum, riß am Schnitzel wie ein Aasgeier. Karl Vollmöllers herrliche Katharine von Armagnac ist die erste Aviatikerin der Welt. Im Uniontheater der Luftschiffahrtausstellung am Zoo fliegen sie alle. Ich kann umsonst zusehen, ich versprach über alles zu schreiben. Ich hab’ kein Geld, aber darum kann ich mich doch nicht von der Welt abschließen. Und soll sogar die Regierung in Theben übernehmen, ich regiere sogar schon pro forma. Die Leute in Berlin sagen, ich habe eine fixe Idee. Fixe Idee ist was Natürliches: Natur, die das Gesetz zum Sklaven macht. Ich bin der Prinz von Theben. Nur Kaiser Wilhelm kann mir in Deutschland nachfühlen, was Regieren heißt. Ich habe dabei ein bunt’ Volk. Nachts liege ich auf dem Dach, und bei Tage sitze ich unter meiner Palme und regiere. Ich bin für alles verantwortlich; mein Volk schielt noch vor Ungewißheit, es meint, ich mache Ulk, aber auch der Ulk ist mir bitterer Ernst. Ich bevorzuge nichts — nur Menschen. Bin ungerecht, weil ich Geschmack habe, künstlerischen Sinn habe; meine Rede ans Volk bedient sich nicht des Punktes, weil ich mich nicht binden will. Ich bin am tolerantesten gegen mich, ich bin gnädig gegen mich, ich bin einig mit mir, aus Diplomatie, weil sich mein Volk an mich halten muß. Ich denke nur viel, sehr arg, unmittelbar, ich lasse alle meine Gedanken ganz nah an mich herankommen, damit sie das Fürchten verlernen. Wenn ich nur nicht schon in der Frühe von so vielen muselmännischen Barbieren gestört würde, die mich tätowieren wollen, von abendländischen Malern, die mich porträtieren wollen. Nachts werde ich immer im Schlummer auf meinem Dach gestört von meinen Paschas, die vor Begeisterung meines Regierungsantritts nicht ruhen können. Sie haben immer in der Audienz, die ich ihnen erteilte, eine Frage unaufgeworfen vergessen, die sie treibt. Seitdem ich als regierender Prinz in Theben gewählt bin, bewegen sich viele Ehrgeizige in derselben Tracht und Gebärde in den Straßen der Stadt, die mir zu gleichen trachten. Meine Epigonen! Denn regieren ist auch eine Kunst, eine Eigenschaft, wie die Malerei, die Dichtkunst und die Musik. Die Epigonie aber ist eine Tätigkeit, darum bringt die Epigonie was ein, wie die Arbeit. Ich arbeite nie, ich hasse den Schreibtisch — zwar hab’ ich selbst einen — aber er ist nie ganz gewesen. Heute Nacht, da meine Neger schliefen, erbrachen die Paschas gewaltsam die Pforte, die zu meinem Dache führt, wegen der Freimarken. Ich wurde in der Nacht noch im Profil (Seite steht mir besser wie en face), im Turban und Regierungsmantel photographiert in allen Farben; auf allen Posten meiner Stadt verbreitet man Mich Allerhöchst.

Quelle: Die Entfaltung, Max Krell (Ed.), Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1921, S. 21ff. (von Project Gutenberg).

Freitag, 1. Januar 2016

Anna Schieber - Hilde im Schnee

Hilde im Schnee.

Scherenschnitt Weihnachten um 1930


»So spät ist der Ernst noch gar nie gekommen, wie heute.« Hilde sah sehnsüchtig durchs Fenster in das lustige Getreibe, das Schneeflocken und Schulkinder da draußen aufführten. Die Schneeflocken tanzten eine Weile in der Luft herum, bis sie sich leicht und leise auf den Boden legten, eine zur andern, ein weißes, reines Tischtuch webend für das Christkindlein. Und die Kinder rannten jauchzend in dem Gewirbel umher, warfen einander Schneeballen zu, und da und dort zog auch schon eins den Schlitten hervor, um die frische Bahn zu probieren. Es war am Nachmittag des 24. Dezember. »Rechtes Christtagswetter gibt’s,« sagte Mine, die alte Magd, als sie das geputzte Besteck ins Eßzimmer trug. Hilde war von ihrem Fensterbänkchen herabgesprungen. Nun hatte sie doch eine teilnehmende Seele, mit der sie ein Wort reden konnte. Denn Vater und Mutter hatten heute keinen Augenblick für sie. Und Ernst kam so lang nicht. Ernst war Hildes großer Bruder. Er ging in die Stadtschule und kam nur über die Sonntage und in die Ferien heim. Er trug schon eine rote Mütze und war wenigstens zwei Köpfe größer als Hilde. Mine sollte nun sagen, daß es allerhöchste Zeit sei, daß Ernst eintreffe, und daß der heutige Tag so langsam vergehe, wie noch nie einer.
»Du meine Güte,« rief Mine. »Ich weiß nicht, wo anfangen vor Arbeit und möchte, daß der Tag noch einmal so lang wäre. Und der Ernst kann auch noch nicht kommen, keine Rede davon. Der ist jetzt kaum aus der Stadt draußen und da hat er noch einen weiten Weg.« Mine schloß den Schrank, an dem sie hantiert hatte, und ging der Türe zu. »Du bist ein unruhiges, kleines Ding, Hilde,« sagte sie im Hinausgehen. »Andere Kinder sind doch auch vergnügt und haben nicht immerfort jemand, der mit ihnen spielt.«
Ja, Mine hatte gut reden. Kuchen backen und Böden fegen und die Messingdrücker an allen Türen glänzend putzen, das hätte Hilde auch sehr gern getan. Das kam ihr als eine sehr nette Beschäftigung vor. Aber dazu konnte man sie ja nicht brauchen. Auf die Straße gehen sollte sie ja auch nicht, weil sie in der Nacht gehustet hatte. Und Bilderbücher ansehen, die man längst auswendig kannte, das war so langweilig, daß es Hilde gar nicht probieren wollte. 
Jetzt kam der Vater aus der Sprechstunde. Er war ein Doktor und heute waren so viele kranke Leute dagewesen, die alle noch vor den Feiertagen gesund werden wollten. Hilde schoß auf ihn zu. »Bleibst du jetzt bei mir, Papa?« rief sie. »Ernst muß jetzt jeden Augenblick kommen und dann mußt du doch da sein, weil er ja doch nicht in die schöne Stube hinein darf, eh’ es dann vollends Abend ist.«
»Nein, nein, was denkst du denn nur auch,« sagte der Vater. »Heut hat kein Mensch Zeit, zu so kleinen Mädchen hinzusitzen, die können wohl auch einmal ein bißchen allein sein. Und ob der Ernst bald kommt, das ist noch gar nicht so sicher. Wenn’s in der Stadt so schneit wie hier, so sind die Leute hoffentlich so gescheit und lassen ihn nicht fort. Er könnte ja unterwegs stecken bleiben im Schnee.« »O, o, Papa, « schrie Hilde entsetzt. »Wenn Ernst nicht käme, dann wäre ja gar kein Fest und kein Christbaum und gar nichts.« Hilde sah ganz verstört aus, so, als wäre alle Freude ausgelöscht. »Dann wäre alles morgen noch,« sagte der Vater tröstend. »Denn dann kommt Ernst mit der späten Post, und wenn du morgen früh aufwachst, ist er da, und dann kann das Feiern gleich angehen.«
Damit ging er in die Feststube hinein, wo die Mutter schon lang geheimnisvoll schaffte. 
Hilde faß auf ihrem Bänkchen und war ganz still. Ein schwerer Gedanke lastete auf ihr. Bis heute abend zu warten auf die Gaben des Christkindleins, das hätte sie mit Müh und Not noch fertig gebracht, besonders wenn jetzt dann Ernst gekommen wäre und hätte ihr geholfen. Aber bis morgen? Das konnte man ja gar nicht ausdenken, wie lang das noch war. Im Zimmer wurde es nach und nach düster. Draußen schneite es unaufhörlich weiter. Die Kinder gingen nach Hause, ein Häuflein ums andere. Und nun fing die Betglocke an zu läuten. Nicht nur die Betglocke, die andern auch. Sie läuteten das Christfest ein, jetzt sollte die Freude anfangen und konnte nicht, weil Ernst nicht da war. Es wurde immer dunkler. Die Mutter steckte einen Augenblick den Kopf zur Türspalte heraus. »Bist du da, Hilde, und im Dunkeln? Wart nur, jetzt komme ich bald zu dir, geh’ inzwischen ein Weilchen zu Mine in die Küche. Du kannst ihr gewiß etwas helfen. Und da hast du auch etwas Gutes.« Ein Springerlein fiel heraus, gerade in Hildes Schoß. Dann ging die Tür wieder zu. Hilde stand auf und ging hinaus. Nein, der Mine helfen wollte sie nicht. Und überhaupt gar nichts. Wenn doch alles anders war, als sie gern wollte. Ein kalter Wind blies an das kleine Mädchen hin, als es zögernd auf der Treppe stand. Mine hatte die Haustür offen gelassen, als sie vorhin mit einem schweren Holzkorb hereingekommen war. Hilde schlich die wenigen Stufen hinunter. Ein wenig die Straße hinunterzusehen, das würde sie doch dürfen, nur nicht hinausgehen sollte sie. Da stand sie nun auf der verschneiten Steinstaffel vor der Haustür und sah hinauf und hinunter. Wenn nun Ernst um die Ecke käme und alles Warten hätte ein Ende! Das war so schön, nur daran zu denken, daß es Hilde ganz lebendig im Herzen spürte. Nein, sie konnte nicht widerstehen. Nur ein ganz kleines Stückchen wollte sie die Straße hinuntergehen, nur bis an die Ecke, wo man dann weithin sehen konnte. Hilde sah noch einen Augenblick fragend nach dem erleuchteten Fenster der Feststube und dann auf ihre schönen, nagelneuen Schuhe von rotem Samt, die mit den weichen Sohlen und den seidenen Schleifen vorne drauf nur fürs Haus und gar nicht für eine Schneewanderung waren. Aber dann wollte sie sich nicht mehr besinnen. »Ich komme ja gleich wieder und ich habe auch heut gar nicht mehr gehustet, « tröstete sie sich selbst. Auf die schönen Schuhe wollte sie schon aufpassen. Ein wenig bänglich war es ihr doch, als sie so leise in dem weichen Schnee durch die ganz stille Straße ging. Das machte wohl das schlechte Gewissen. Denn bei Tag war Hilde kein Hasenfuß. Jetzt war sie an der Ecke. Sehr weit sah man nicht, es war zu dunkel, und die einzige Öllaterne weit droben im Dorf gab kaum noch einen Schimmer bis dahin, wo Hilde stand und »Ernst« rief, so laut sie konnte. Aber jetzt kam etwas hinter ihr, die untere Dorfgasse herauf. Es bellte mit einem dünnen, hohen Stimmchen. Hilde gab es einen Ruck, daß ihr fast der Atem ausblieb. Das war der einzige Hund im ganzen Dorf, vor dem sie sich fürchtete. Ein kleiner, bissiger, dürrer Spitzer, der dem alten Mühlbauern gehörte und der schon einmal einen kleinen Buben gebissen hatte. Er kam immer näher. Hilde konnte sich nicht mehr besinnen, wohin der Weg führe. Nur vor dem Hund fliehen, nur die Straße hinauf, so schnell als möglich. Sie verlor im Lauf einen Schuh, aber nur weiter, denn der Spitzer bellte so nah bei ihr. Da kam der Straßengraben, der ganz voll Schnee lag, und darin blieb der andere Schuh stecken. »Wäff, wäff, wäff.« Es kam Hilde vor, als ob sie schon die scharfen Zähne in ihrem Fuß spüre. Nur die Füße in Sicherheit, die armen Füße ohne Schuh, nur in Strümpfen! Da war ein Eckstein, Hilde hielt sich an einem Fensterladen und kletterte hinauf. Das war doch ein augenblicklicher Zufluchtsort. Aber der Spitzer stand nun unten und kläffte hinauf. Es kam ihm scheint’s gar nicht in der Ordnung vor, daß das kleine Mädchen vor ihm davongesprungen war und nun da oben stand. »Wäff, wäff, wäff. « Da schlug Hilde die Hände vor das Gesicht, um nur den Hund nicht mehr zu sehen. Ach, wie gern wäre sie jetzt in der dunkeln Wohnstube am Fenster gestanden. Noch lang, die ganze Nacht, wenn’s sein mußte. Denn hier mußte sie nun auch bleiben und konnte nicht mehr heim, und niemand kam und jagte den Spitzer fort. »Wäff, wäff, wäff. « Er hüpfte förmlich in die Höhe. Da fing Hilde an, ihr Nachtgebet zu sagen. So angst war ihr noch nie gewesen. Laut und zitternd sagte sie’s, in ihrer Angst immer lauter:

»Breit aus die Flügel beide,
O Jesu, meine Freude,
Und nimm dein Küchlein ein!
Will mich der Feind verschlingen.
So laß die Engel singen:
Dies Kind soll unverletzet sein.«

»Ja, was ist denn das?« sagte auf einmal eine Stimme, so eine liebe, bekannte Stimme. »Gehst fort, Spitzer! Wart ich will dir Kinder erschrecken.« Der Spitzer entfloh mit einem heulenden Laut, er hatte einen tüchtigen Klaps bekommen. Und Hilde hatte die Hände vom Gesicht genommen und sah selig in Bruder Ernsts Gesicht. Er war dick verschneit, der reine Schneemann. Aber nun schüttelte er sich, daß es stob. »Sag mir nur, was du da tust, Maus? Am heiligen Abend und im Schneewetter, allein im Oberdorf und auf einem Eckstein? Und gar ohne Schuh?« Hilde konnte es nicht recht erzählen, das kam alles untereinander heraus, halb weinend, halb lachend. Da packte Bruder Ernst die ganze kleine Person auf den Rücken und trabte mit ihr durch Nacht und Schnee nach Hause. Die Schuhe konnten sie freilich nicht finden, die waren schon zugeweht. Aber nun waren sie doch sicher und geborgen daheim. Man hatte Hilde erst vor einer kleinen Weile vermißt und rief eben im Haus oben und unten nach ihr. »Da sind wir,« antwortete Ernst statt ihrer. »Alle beide. Eins von uns ist ein Ausreißer und wäre beinah vom Mühlbauern-Spitzer gefressen worden.« »Ja,« sagte Hilde kleinlaut und reumütig, »ich will’s gewiß nicht mehr tun. Und ich habe auch meine neuen Schuhe verloren.« Eigentlich wäre Hilde ja strafbar gewesen. Aber da der Spitzer ihr schon den Text gelesen hatte und es doch fröhlicher, heiliger Abend war, so sollte es vergeben und vergessen sein. Und jetzt gab es nichts mehr zu warten und sich zu gedulden, jetzt brannten die Lichter am Christbaum und hie Gaben lagen darunter ausgebreitet, und alles Harren und Hoffen war fröhliche, reiche Erfüllung geworden. So gut geht’s nicht allen Ausreißern. Mancher ist schon in die Nacht hinausgelaufen und kein lieber, großer Bruder ist gekommen und hat ihn unter den strahlenden Christbaum heimgetragen. Hilde durfte wohl froh sein. Und das war sie auch.

* * *

Es war am andern Morgen. Der Schnee war festgefroren und zur schönsten, blanken Schlittenbahn geworden. Hilde saß mit Eltern und Bruder im Schlitten, wohlverpackt bis ans Näschen. Sie durfte mit in die Kirche ins Nachbardorf fahren, wo der Onkel Pfarrer war und wo es nachher Vettern und Bäschen in allen Größen zu begrüßen gab. Es konnte ein schöner Tag werden. Als der Schlitten ins Oberdorf kam, als der wohlbekannte Eckstein in Sicht kam, sahen Ernst und Hilde einander an und lachten. Denn so ganz ausführlich hatten sie die Geschichte von gestern abend noch nicht erzählt. Ein kleines Mädchen faß auf einem zusammengewehten Schneehügel. Es hatte an einem Fuß einen neuen roten Samtschuh und mühte sich eben mit hochrotem Gesicht, den andern anzuziehen. Seine zerrissenen Lederstiefel standen daneben. »Du,« rief Hilde und ward fast noch röter, »das sind meine Schuhe, ich hab’ sie verloren.« Die Mutter sah das Töchterlein so eigentümlich an, aber sie sagte nichts. »Aber du darfst sie behalten,« setzte Hilde noch hinzu. Sie hatte den Blick verstanden. Und fort war der Schlitten. 


Aus: Anna Schieber, Allerlei Kraut und Unkraut, Gesammelte Bilder und Geschichten für große und kleine Leute, Verlag D. Gundert, Stuttgart, 1910

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