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Es werden Posts vom Januar, 2016 angezeigt.

Otto Weininger - Der Hund

Otto Weininger - Der Hund


Das Auge des Hundes ruft unwiderstehlich den Eindruck hervor, daß der Hund etwas verloren habe: es spricht aus ihm (wie übrigens aus dem ganzen Wesen des Hundes) eine gewisse rätselhafte Beziehung zur Vergangenheit. Was er verloren hat, ist das Ich, der Eigenwert, die Freiheit.
Der Hund hat eine merkwürdig tiefe Beziehung zum Tode. Monate bevor mir der Hund ein Problem geworden war, saß ich eines Nachmittags gegen fünf Uhr in einem Zimmer des Münchener Gasthofes, in welchem ich abgestiegen war, und dachte an Verschiedenes und über Verschiedenes. Plötzlich hörte ich einen Hund in einer ganz eigentümlichen, mir neuen, durchdringenden Weise bellen und hatte im gleichen Momente unwiderstehlich das Gefühl, daß gerade im Augenblick jemand sterbe. Monate nachher hörte ich, daß in der furchtbarsten Nacht meines Lebens, da ich, ohne krank zu sein, buchstäblich mit dem Tode rang, — denn es gibt für größere Menschen den seelischen Tod nicht ohne den physischen Tod, — weil…

Rudolf Blümner - Kleine kritische Fabeln

Kleine kritische Fabeln


            I
Gott zog den Vorhang hoch und zeigte zum ersten Male das Pferd. Da rief einer aus dem Publikum: Wo sind die Federn?
Herbert Jhering gewidmet

            II
In Arkadien wurden, wie man weiss, die Musikstücke nur auf Schalmeien geblasen. Einer spannte Saiten über Holzkästchen und strich mit einem Bogen über die Saiten, dass sie klangen. Auf diesem Instrument konnte er mehr Töne hervorbringen als auf der Schalmei. Aus Spass nannte er das Instrument Violine, gab ein Konzert und lud die Kritiker ein. Zufälligerweise schrieben alle das Gleiche: Nein — da gehen wir nicht mit, und einige fügten hinzu: Violine — ein recht abgeschmacktes Wort.
Franz Servaes gewidmet

            III
Es war einmal ein Kannibale. Er hatte schon viele Menschen gefressen. Als er merkte, dass es nicht mehr schick sei, Menschen zu fressen, gründete er das Menschenblatt, in dem er auf alle Kannibalen schimpfte. Gleichwohl frass er weiter Menschen, da er es doch so gewöhnt war. Als ihn der …

Else Lasker-Schüler - Tigerin, Affe und Kuckuck

Tigerin, Affe und Kuckuck
Tierfabel

Zirkus Busch ist in seinem Extrazug von Berlin abgereist. Ich bin zu seinem Abschied auf die Bahn gekommen, früh am Morgen; der Komet stand noch über der Sternwarte, aber die Zirkussterne, Schulreiterinnen, Jongleure, Auguste, der Riese mit dem Zwerg, der große Bär, die Elephantin, das Dromedar, der glitzernde Galawagen, alle waren sie im Lauf und bald im vollsten Zuge. Noch lange hörte ich das Brüllen der Tigerinnen, nie haßte ein Mann so wütend das Weib wie der Bändiger dieser gestreiften Katzenleiber. Der Puls des Zirkus blieb stehn, trat der unerschrockene Sultan in das Gittergemach seiner brüllenden Sklavinnen. Er mißbraucht sie nicht zu Kunststücken, läßt er auch die
Kunstreiterin seiner Tigerinnen durch einen Papierreifen springen. Wollust bereitet ihm, seine wut¬schäumenden Tigerweiber mit Stangen und Schüssen bis zur Wutekstase zu reizen und sie zu bezwingen. Schschschschschschsch — sch — die beiden eleganten Brüder Fillies und ihre graziöse S…

Else Lasker-Schüler - Ich tanze in der Moschee

Else Lasker-Schüler - Ich tanze in der Moschee


Du musst mich drei Tage nach der Regenzeit besuchen, dann ist der Nil zurückgetreten und grosse Blumen leuchten in meinen Gärten und auch ich steige aus der Erde und atme. Eine sternenjährige Mumie bin ich und tanze in der Zeit der Fluren. Feierlich steht mein Auge und prophetisch hebt sich mein Arm, und über die Stirne zieht der Tanz eine schmale Flamme und sie erblasst und rötet sich wieder von der Unterlippe bis zum Kinn. Und die vielen bunten Perlen klingen um meinen Hals . . . . . . o, machmêde macheï . . . . . . hier steht noch der Schein meines Fusses, meine Schultern zucken leise — machmêde macheï, immer wiegen meine Lenden meinen Leib, wie einen dunkelgoldenen Stern. Derwi, Derwisch, ein Stern ist mein Leib! . . . . Machmêde macheï meine Lippen schmerzen nicht mehr . . . rausche — süss tröpfelt mein Blut und meine Schultern beben Düfte und immer träumender hebt sich mein Finger — geheimnisvoll, wie der Stengel der Allahblume. Mach…

Paul Leppin - Das Gespenst der Judenstadt

Das Gespenst der Judenstadt



In der Mitte von Prag, wo sich jetzt hohe und luftige Zinshäuser zu breiten Straßen aneinanderschließen, stand noch vor zehn Jahren das Judenviertel. Ein schiefes und düsteres Gewinkel, aus der kein Wetter den Geruch nach Moder und feuchtem Gemäuer wegzublasen vermochte und wo im Sommer den geöffneten Türen ein giftiger Atem entströmte. Der Schmutz und die Armut stanken hier um die Wette und aus den Augen der Kinder, die hier aufwuchsen, blinzelte eine stumpfe und grausame Verderbtheit. Der Weg ging da manchmal in niedrigen und gewölbten Viadukten durch den Bauch eines Hauses hindurch oder er krümmte sich plötzlich zur Seite und fand vor einer blinden Mauer jählings ein Ende. Die Händler, die ihre Trödlerware vor den Geschäften auf dem unebenen Steinpflaster aufstapelten, riefen mit listigen Gesichtern die Vorübergehenden an. In den Haustüren lehnten die Frauenzimmer mit geschminkten Lippen, lachten gemein, zischelten den Männern in die Ohren und hoben die R…

Bruno Frank - Das Böse

Bruno Frank - Das Böse



Herr Antonio hatte den schönen, goldfarbenen Abend zu einer Spazierfahrt in den Cascine benutzt, dreimal war er die große Allee hinauf und hinuntergefahren, sanft gewiegt vom langsamen Trab der Pferde, allein, und zu so vorgerückter Stunde nicht mehr genötigt, viel zu grüßen. Schließlich hatte er seinen Wagen fortgeschickt, war zuerst am Fluß entlang und dann durch die Via Tornabuoni spaziert und tauchte nun, nicht weit vom Dom, in das Gewirr der kleinen Gassen, die schon beinahe finster waren.
»Guten Abend, schöner Herr,« sagte ein altes Weib, das irgendwo auf einer Türschwelle saß; im Schein der Laterne sah Herr Antonio, daß ihre Haare schmutzig waren, und daß ihr graubraunes Kleid von der Schulter bis gegen die Brust hin einen großen Riß hatte.
»Guten Abend, Mama,« sagte Herr Antonio, hob sein elegantes graues Hütchen vom Kopfe und verbeugte sich höflich. »Ist's erlaubt?« fügte er noch hinzu, indem er ihr einige Münzen übergab, verbeugte sich aufs Neue und g…

Else Lasker-Schüler - Wenn mein Herz gesund wär

Else Lasker-Schüler - Wenn mein Herz gesund wär


Kinematographisches

Wenn mein Herz gesund wär, spräng ich zuerst aus dem Fenster; dann ging ich in den Kientopp und käm nie wieder heraus. Es ist mir genau so, als ob ich das große Los gewonnen hab’ und noch nicht ausbezahlt bin, oder auf einer Pferdelotterie einen Gaul gewonnen hab’ und keinen Stall „umsonst“ auftreiben kann. Das Leben ist doch eigentlich ein Wendeltreppendrama, immer so rund herauf und wieder hinunter, immer um sich selbst wie bei den Sternen. Ich bin in freudiger Verzweiflung, in verzweifelter Freudigkeit; am liebsten machte ich einen Todessprung oder einen Jux. Meine Freundin Laurentia zecht wie ein Fuchs, sie studiert die Sprache der alten Herren, ich meine Griechisch und Lateinisch, und macht gute Fortschritte. Aber was geht mich das alles an; ich will nichts wissen, nichts. Wenn es nur nicht klopfen würde!
Das Gehirn wird rein aufgewühlt, es klopft nicht allein unten jeden Freitag und Sonnabend, jedes Stäubchen wird …

Anna Schieber - Hilde im Schnee

Hilde im Schnee.



»So spät ist der Ernst noch gar nie gekommen, wie heute.« Hilde sah sehnsüchtig durchs Fenster in das lustige Getreibe, das Schneeflocken und Schulkinder da draußen aufführten. Die Schneeflocken tanzten eine Weile in der Luft herum, bis sie sich leicht und leise auf den Boden legten, eine zur andern, ein weißes, reines Tischtuch webend für das Christkindlein. Und die Kinder rannten jauchzend in dem Gewirbel umher, warfen einander Schneeballen zu, und da und dort zog auch schon eins den Schlitten hervor, um die frische Bahn zu probieren. Es war am Nachmittag des 24. Dezember. »Rechtes Christtagswetter gibt’s,« sagte Mine, die alte Magd, als sie das geputzte Besteck ins Eßzimmer trug. Hilde war von ihrem Fensterbänkchen herabgesprungen. Nun hatte sie doch eine teilnehmende Seele, mit der sie ein Wort reden konnte. Denn Vater und Mutter hatten heute keinen Augenblick für sie. Und Ernst kam so lang nicht. Ernst war Hildes großer Bruder. Er ging in die Stadtschule und kam n…