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Anna Schieber - Hilde im Schnee

Hilde im Schnee.

Scherenschnitt Weihnachten um 1930


»So spät ist der Ernst noch gar nie gekommen, wie heute.« Hilde sah sehnsüchtig durchs Fenster in das lustige Getreibe, das Schneeflocken und Schulkinder da draußen aufführten. Die Schneeflocken tanzten eine Weile in der Luft herum, bis sie sich leicht und leise auf den Boden legten, eine zur andern, ein weißes, reines Tischtuch webend für das Christkindlein. Und die Kinder rannten jauchzend in dem Gewirbel umher, warfen einander Schneeballen zu, und da und dort zog auch schon eins den Schlitten hervor, um die frische Bahn zu probieren. Es war am Nachmittag des 24. Dezember. »Rechtes Christtagswetter gibt’s,« sagte Mine, die alte Magd, als sie das geputzte Besteck ins Eßzimmer trug. Hilde war von ihrem Fensterbänkchen herabgesprungen. Nun hatte sie doch eine teilnehmende Seele, mit der sie ein Wort reden konnte. Denn Vater und Mutter hatten heute keinen Augenblick für sie. Und Ernst kam so lang nicht. Ernst war Hildes großer Bruder. Er ging in die Stadtschule und kam nur über die Sonntage und in die Ferien heim. Er trug schon eine rote Mütze und war wenigstens zwei Köpfe größer als Hilde. Mine sollte nun sagen, daß es allerhöchste Zeit sei, daß Ernst eintreffe, und daß der heutige Tag so langsam vergehe, wie noch nie einer.
»Du meine Güte,« rief Mine. »Ich weiß nicht, wo anfangen vor Arbeit und möchte, daß der Tag noch einmal so lang wäre. Und der Ernst kann auch noch nicht kommen, keine Rede davon. Der ist jetzt kaum aus der Stadt draußen und da hat er noch einen weiten Weg.« Mine schloß den Schrank, an dem sie hantiert hatte, und ging der Türe zu. »Du bist ein unruhiges, kleines Ding, Hilde,« sagte sie im Hinausgehen. »Andere Kinder sind doch auch vergnügt und haben nicht immerfort jemand, der mit ihnen spielt.«
Ja, Mine hatte gut reden. Kuchen backen und Böden fegen und die Messingdrücker an allen Türen glänzend putzen, das hätte Hilde auch sehr gern getan. Das kam ihr als eine sehr nette Beschäftigung vor. Aber dazu konnte man sie ja nicht brauchen. Auf die Straße gehen sollte sie ja auch nicht, weil sie in der Nacht gehustet hatte. Und Bilderbücher ansehen, die man längst auswendig kannte, das war so langweilig, daß es Hilde gar nicht probieren wollte. 
Jetzt kam der Vater aus der Sprechstunde. Er war ein Doktor und heute waren so viele kranke Leute dagewesen, die alle noch vor den Feiertagen gesund werden wollten. Hilde schoß auf ihn zu. »Bleibst du jetzt bei mir, Papa?« rief sie. »Ernst muß jetzt jeden Augenblick kommen und dann mußt du doch da sein, weil er ja doch nicht in die schöne Stube hinein darf, eh’ es dann vollends Abend ist.«
»Nein, nein, was denkst du denn nur auch,« sagte der Vater. »Heut hat kein Mensch Zeit, zu so kleinen Mädchen hinzusitzen, die können wohl auch einmal ein bißchen allein sein. Und ob der Ernst bald kommt, das ist noch gar nicht so sicher. Wenn’s in der Stadt so schneit wie hier, so sind die Leute hoffentlich so gescheit und lassen ihn nicht fort. Er könnte ja unterwegs stecken bleiben im Schnee.« »O, o, Papa, « schrie Hilde entsetzt. »Wenn Ernst nicht käme, dann wäre ja gar kein Fest und kein Christbaum und gar nichts.« Hilde sah ganz verstört aus, so, als wäre alle Freude ausgelöscht. »Dann wäre alles morgen noch,« sagte der Vater tröstend. »Denn dann kommt Ernst mit der späten Post, und wenn du morgen früh aufwachst, ist er da, und dann kann das Feiern gleich angehen.«
Damit ging er in die Feststube hinein, wo die Mutter schon lang geheimnisvoll schaffte. 
Hilde faß auf ihrem Bänkchen und war ganz still. Ein schwerer Gedanke lastete auf ihr. Bis heute abend zu warten auf die Gaben des Christkindleins, das hätte sie mit Müh und Not noch fertig gebracht, besonders wenn jetzt dann Ernst gekommen wäre und hätte ihr geholfen. Aber bis morgen? Das konnte man ja gar nicht ausdenken, wie lang das noch war. Im Zimmer wurde es nach und nach düster. Draußen schneite es unaufhörlich weiter. Die Kinder gingen nach Hause, ein Häuflein ums andere. Und nun fing die Betglocke an zu läuten. Nicht nur die Betglocke, die andern auch. Sie läuteten das Christfest ein, jetzt sollte die Freude anfangen und konnte nicht, weil Ernst nicht da war. Es wurde immer dunkler. Die Mutter steckte einen Augenblick den Kopf zur Türspalte heraus. »Bist du da, Hilde, und im Dunkeln? Wart nur, jetzt komme ich bald zu dir, geh’ inzwischen ein Weilchen zu Mine in die Küche. Du kannst ihr gewiß etwas helfen. Und da hast du auch etwas Gutes.« Ein Springerlein fiel heraus, gerade in Hildes Schoß. Dann ging die Tür wieder zu. Hilde stand auf und ging hinaus. Nein, der Mine helfen wollte sie nicht. Und überhaupt gar nichts. Wenn doch alles anders war, als sie gern wollte. Ein kalter Wind blies an das kleine Mädchen hin, als es zögernd auf der Treppe stand. Mine hatte die Haustür offen gelassen, als sie vorhin mit einem schweren Holzkorb hereingekommen war. Hilde schlich die wenigen Stufen hinunter. Ein wenig die Straße hinunterzusehen, das würde sie doch dürfen, nur nicht hinausgehen sollte sie. Da stand sie nun auf der verschneiten Steinstaffel vor der Haustür und sah hinauf und hinunter. Wenn nun Ernst um die Ecke käme und alles Warten hätte ein Ende! Das war so schön, nur daran zu denken, daß es Hilde ganz lebendig im Herzen spürte. Nein, sie konnte nicht widerstehen. Nur ein ganz kleines Stückchen wollte sie die Straße hinuntergehen, nur bis an die Ecke, wo man dann weithin sehen konnte. Hilde sah noch einen Augenblick fragend nach dem erleuchteten Fenster der Feststube und dann auf ihre schönen, nagelneuen Schuhe von rotem Samt, die mit den weichen Sohlen und den seidenen Schleifen vorne drauf nur fürs Haus und gar nicht für eine Schneewanderung waren. Aber dann wollte sie sich nicht mehr besinnen. »Ich komme ja gleich wieder und ich habe auch heut gar nicht mehr gehustet, « tröstete sie sich selbst. Auf die schönen Schuhe wollte sie schon aufpassen. Ein wenig bänglich war es ihr doch, als sie so leise in dem weichen Schnee durch die ganz stille Straße ging. Das machte wohl das schlechte Gewissen. Denn bei Tag war Hilde kein Hasenfuß. Jetzt war sie an der Ecke. Sehr weit sah man nicht, es war zu dunkel, und die einzige Öllaterne weit droben im Dorf gab kaum noch einen Schimmer bis dahin, wo Hilde stand und »Ernst« rief, so laut sie konnte. Aber jetzt kam etwas hinter ihr, die untere Dorfgasse herauf. Es bellte mit einem dünnen, hohen Stimmchen. Hilde gab es einen Ruck, daß ihr fast der Atem ausblieb. Das war der einzige Hund im ganzen Dorf, vor dem sie sich fürchtete. Ein kleiner, bissiger, dürrer Spitzer, der dem alten Mühlbauern gehörte und der schon einmal einen kleinen Buben gebissen hatte. Er kam immer näher. Hilde konnte sich nicht mehr besinnen, wohin der Weg führe. Nur vor dem Hund fliehen, nur die Straße hinauf, so schnell als möglich. Sie verlor im Lauf einen Schuh, aber nur weiter, denn der Spitzer bellte so nah bei ihr. Da kam der Straßengraben, der ganz voll Schnee lag, und darin blieb der andere Schuh stecken. »Wäff, wäff, wäff.« Es kam Hilde vor, als ob sie schon die scharfen Zähne in ihrem Fuß spüre. Nur die Füße in Sicherheit, die armen Füße ohne Schuh, nur in Strümpfen! Da war ein Eckstein, Hilde hielt sich an einem Fensterladen und kletterte hinauf. Das war doch ein augenblicklicher Zufluchtsort. Aber der Spitzer stand nun unten und kläffte hinauf. Es kam ihm scheint’s gar nicht in der Ordnung vor, daß das kleine Mädchen vor ihm davongesprungen war und nun da oben stand. »Wäff, wäff, wäff. « Da schlug Hilde die Hände vor das Gesicht, um nur den Hund nicht mehr zu sehen. Ach, wie gern wäre sie jetzt in der dunkeln Wohnstube am Fenster gestanden. Noch lang, die ganze Nacht, wenn’s sein mußte. Denn hier mußte sie nun auch bleiben und konnte nicht mehr heim, und niemand kam und jagte den Spitzer fort. »Wäff, wäff, wäff. « Er hüpfte förmlich in die Höhe. Da fing Hilde an, ihr Nachtgebet zu sagen. So angst war ihr noch nie gewesen. Laut und zitternd sagte sie’s, in ihrer Angst immer lauter:

»Breit aus die Flügel beide,
O Jesu, meine Freude,
Und nimm dein Küchlein ein!
Will mich der Feind verschlingen.
So laß die Engel singen:
Dies Kind soll unverletzet sein.«

»Ja, was ist denn das?« sagte auf einmal eine Stimme, so eine liebe, bekannte Stimme. »Gehst fort, Spitzer! Wart ich will dir Kinder erschrecken.« Der Spitzer entfloh mit einem heulenden Laut, er hatte einen tüchtigen Klaps bekommen. Und Hilde hatte die Hände vom Gesicht genommen und sah selig in Bruder Ernsts Gesicht. Er war dick verschneit, der reine Schneemann. Aber nun schüttelte er sich, daß es stob. »Sag mir nur, was du da tust, Maus? Am heiligen Abend und im Schneewetter, allein im Oberdorf und auf einem Eckstein? Und gar ohne Schuh?« Hilde konnte es nicht recht erzählen, das kam alles untereinander heraus, halb weinend, halb lachend. Da packte Bruder Ernst die ganze kleine Person auf den Rücken und trabte mit ihr durch Nacht und Schnee nach Hause. Die Schuhe konnten sie freilich nicht finden, die waren schon zugeweht. Aber nun waren sie doch sicher und geborgen daheim. Man hatte Hilde erst vor einer kleinen Weile vermißt und rief eben im Haus oben und unten nach ihr. »Da sind wir,« antwortete Ernst statt ihrer. »Alle beide. Eins von uns ist ein Ausreißer und wäre beinah vom Mühlbauern-Spitzer gefressen worden.« »Ja,« sagte Hilde kleinlaut und reumütig, »ich will’s gewiß nicht mehr tun. Und ich habe auch meine neuen Schuhe verloren.« Eigentlich wäre Hilde ja strafbar gewesen. Aber da der Spitzer ihr schon den Text gelesen hatte und es doch fröhlicher, heiliger Abend war, so sollte es vergeben und vergessen sein. Und jetzt gab es nichts mehr zu warten und sich zu gedulden, jetzt brannten die Lichter am Christbaum und hie Gaben lagen darunter ausgebreitet, und alles Harren und Hoffen war fröhliche, reiche Erfüllung geworden. So gut geht’s nicht allen Ausreißern. Mancher ist schon in die Nacht hinausgelaufen und kein lieber, großer Bruder ist gekommen und hat ihn unter den strahlenden Christbaum heimgetragen. Hilde durfte wohl froh sein. Und das war sie auch.

* * *

Es war am andern Morgen. Der Schnee war festgefroren und zur schönsten, blanken Schlittenbahn geworden. Hilde saß mit Eltern und Bruder im Schlitten, wohlverpackt bis ans Näschen. Sie durfte mit in die Kirche ins Nachbardorf fahren, wo der Onkel Pfarrer war und wo es nachher Vettern und Bäschen in allen Größen zu begrüßen gab. Es konnte ein schöner Tag werden. Als der Schlitten ins Oberdorf kam, als der wohlbekannte Eckstein in Sicht kam, sahen Ernst und Hilde einander an und lachten. Denn so ganz ausführlich hatten sie die Geschichte von gestern abend noch nicht erzählt. Ein kleines Mädchen faß auf einem zusammengewehten Schneehügel. Es hatte an einem Fuß einen neuen roten Samtschuh und mühte sich eben mit hochrotem Gesicht, den andern anzuziehen. Seine zerrissenen Lederstiefel standen daneben. »Du,« rief Hilde und ward fast noch röter, »das sind meine Schuhe, ich hab’ sie verloren.« Die Mutter sah das Töchterlein so eigentümlich an, aber sie sagte nichts. »Aber du darfst sie behalten,« setzte Hilde noch hinzu. Sie hatte den Blick verstanden. Und fort war der Schlitten. 


Aus: Anna Schieber, Allerlei Kraut und Unkraut, Gesammelte Bilder und Geschichten für große und kleine Leute, Verlag D. Gundert, Stuttgart, 1910

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