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Paul Leppin - Das Gespenst der Judenstadt


Das Gespenst der Judenstadt


Judenviertel in Prag

In der Mitte von Prag, wo sich jetzt hohe und luftige Zinshäuser zu breiten Straßen aneinanderschließen, stand noch vor zehn Jahren das Judenviertel. Ein schiefes und düsteres Gewinkel, aus der kein Wetter den Geruch nach Moder und feuchtem Gemäuer wegzublasen vermochte und wo im Sommer den geöffneten Türen ein giftiger Atem entströmte. Der Schmutz und die Armut stanken hier um die Wette und aus den Augen der Kinder, die hier aufwuchsen, blinzelte eine stumpfe und grausame Verderbtheit. Der Weg ging da manchmal in niedrigen und gewölbten Viadukten durch den Bauch eines Hauses hindurch oder er krümmte sich plötzlich zur Seite und fand vor einer blinden Mauer jählings ein Ende. Die Händler, die ihre Trödlerware vor den Geschäften auf dem unebenen Steinpflaster aufstapelten, riefen mit listigen Gesichtern die Vorübergehenden an. In den Haustüren lehnten die Frauenzimmer mit geschminkten Lippen, lachten gemein, zischelten den Männern in die Ohren und hoben die Röcke, um ihre gelben und zeisiggrünen Stümpfe zu zeigen. Greise Kupplerinnen mit weißen Haarsträhnen und lockeren Kiefern grüßten aus den Fenstern, klopften, winkten, gurgelten vor Eifer und Befriedigung, wenn einer ins Netz ging und näher kam.
Hier war die Unzucht zuhause und lockte am Abend mit roten Laternen zum Besuch. Es gab da Gassen, wo ein jedes Haus eine Schandherberge war, Spelunken, wo das Laster mit dem Hunger in einem Bette schlief, wo schwindsüchtige Weiber mit verwelkten Reizen eine kümmerliche Industrie betrieben, geheime Verließe, wo das Verbrechen flüsternd und augenzwinkernd schulpflichtige Mädchen schändete und ihre hilflos verwunderte Unschuld für schauerlichen Lohn verschacherte. Es gab vornehme und luxuriös möblierte Kneipen, wo der Fuß auf Teppiche trat und wo die satten und üppigen Dirnen in seidenen Schleppkleidern stolzierten.
Unweit der Synagoge neben den verwahrlosten Hütten des Zigeunergäßchens befand sich in einem zweistöckigen Gebäude der Salon Aaron. In der dürftigen Umgebung machte das Haus beinahe einen wohlgepflegten Eindruck, trotzdem der Mörtelbewurf der Mauer zum Teile losgebröckelt war und der Staub und der Regen auf die Scheiben der vermummten Fenster bunte Streifen malte. Bei Tag war es hier still; nur selten schlich ein Gast über die ausgetretenen Stufen in den dunklen Hausflur und kam mit aufgeschlagenem Rockkragen hastig und verlegen nach einer Stunde wieder ans Licht. Aber in der Nacht stieg hier aus verborgenen Brunnen ein lautes, helles und zitterndes Leben auf. Die Fenster glühten und das Gelächter flatterte drinnen wie ein gefangener Vogel im Käfig.
Auch das Lachen Johannas war mit dabei. Das war ein heißes, schmiegsames und brünstiges Gurren, das man deutlich neben den Stimmen der andern unterscheiden konnte und das manchmal schon in der Schweigsamkeit des Vormittags zu klingen begann wie eine frohe und verliebte Lerche. Johanna war fröhlich, weil die Männer zu ihr gingen. Sie war begehrter als ihre Gefährtinnen, weil sie einem jeden von der bangen, quälerischen und unruhevollen Süßigkeit gab, die sie erfüllte und die in den trägen Leibern der andern nicht wohnte. Sie war oft selbst verwundert darüber. Das Gewerbe, das den Frauen, mit denen sie beisammen war, als eine langweilige und verdrießliche Pflicht erschien, brachte eine verzückte und unentrinnbare Liebessehnsucht über sie, einen Stachel, den sie in ihrem Fleische spürte und der in ihren Augen einen mädchenhaften Schimmer entzündete. Mit Lippen, die vom Küssen wund und zersprungen waren, trank sie sich an dem Munde der Männer fest, immer wieder von der bräutlichen Wollust durchflutet, die ihre erste Umarmung begleitet hatte. In den Pausen, die ihr das Sündenhandwerk ließ und die ihr unerträglich lang und einsam dünkten, lauschte, sie auf die Schritte der Passanten draußen vor dem Haus und wenn die Türglocke ging, flog eine Flamme über ihr Gesicht und sie seufzte. Es gab oft Tage, an denen sie die Liebe bis zur Uebersättigung genoß; aber wenn sie dann mit dumpfem Kopfe und schmerzenden Gliedern im Bette lag, ging ihre Erinnerung von einem zum andern, kostete und schwelgte und sie lächelte in die Dunkelheit. Manchmal, besonders im Sommer, wenn sie in den letzten Stunden vor dem Morgen endlich ihr Lager aufsuchte, steigerte sich ihre Unruhe bis zur Pein. Dann kam sie im Hemd zum offenen Fenster und sah in das Ghetto hinunter. Sie streckte die nackten Arme hinaus und fühlte den warmen Regen wie Blutstropfen auf ihrer Haut. Das war ihre Heimat da unten. Die Stadt, in der die verschlafenen Lichter der Freudenhäuser blinkerten, wo in den verrufenen Gassen klobige Schatten kauerten und in der Ferne noch eine winselnde Geige oder das harte Geklimper der Spielkästen zur Lustbarkelt lud. Eine schwärmerische Melancholie badete ihr Antlitz in Tränen. Der Nachtwind griff zärtlich nach ihren Brüsten, sie legte den Kopf in den Nacken und ihre Lippen verzogen sich zum Kuß.
Am Abend, wenn der Salon festlich erleuchtet war, wenn die Weingläser auf den Marmortischen klirrten, tanzte sie zur Musik. Die Sinnlichkeit, unter der sie litt, machte ihre Glieder weich und lässig und trieb sie mit fliegenden Röcken in eine verlangende Wildheit hinein, die ihr starres Gesicht wundersam verschönte, die aufreizender und werbender wirkte, als die Künste der andern. Sie tanzte allein oder mit den Gästen. Ihr schlanker Körper bog sich unter den Händen der Tänzer, schmiegte und drängte sich, zitterte und fror; und wenn einer mit der blonden Johanna getanzt hatte, dann ging er auch gewiß mit ihr in ihre Kammer. Ihr Mund war gierig und fieberisch. Je mehr Männer den Weg zu ihr fanden, desto ungebärdiger fiel ihre Liebe sie an; ihre Lust erschütterte und betäubte; ihre Inbrunst war willfährig und entfachte sich zur Glückseligkeit
Dann kam der Tag, wo ihren Körper zur Buße die Krankheit nötigte. Aus den morschen Mauern der Judenstadt, aus den unzüchtigen Gassen kam sie herauf und vergiftete ihre Küsse. Sie verbrannte ihr Blut und machte ihre Adern trocken und rissig; sie erwürgte das Gelächter und das verliebte Stammeln in ihrem Halse; sie beschmutzte ihren Leib mit roten Flecken und schleifte sie durch den Schimpf der unflätigen Huren hindurch in die schlotternde Angst des Lazarets. Hier lag sie in dem heißen Bette und von der Zimmerdecke fielen die Gedanken wie schwere Tropfen auf ihre Stirn. Sie dachte an die Frauen, die jetzt im Salon Aaron saßen und den gelben Wein aus dünnen Gläsern tranken. Sie dachte an die Musik und an das scharlachfarbene Hemd, das sie beim Tanze getragen hatte. Sie beugte die Arme und warf den Kopf in die Kissen zurück; aber es war niemand da, der sie küßte. Eine schmachtende Traurigkeit weckte das Schluchzen in ihrer Kehle auf und ließ sie verzweifeln.
Heuchlerisch und zögernd, in einem feigen und boshaften Tempo vergingen die Wochen. Unerwartet heftig war die Krankheit Johannas zum Ausbruche gekommen. Das Gegengift, mit dem sie die Aerzte quälten, war machtlos gegen sie. Sie nistete in den Geweben, sie flackerte unter ihrer Haut, sie kratzte in den Winkeln und Gruben ihres Fleisches eitrige Wunden auf und wollte nicht weichen. Sie machte ihre Gedanken lahm und verunreinigte ihren Schlaf mit geilen Träumen, aus denen sie stöhnend in die Höhe fuhr und mit Haß und Grauen die Wirklichkeit erkannte. Johanna entbehrte die Männer. Ihr nervöser Leib bäumte sich unter der Folter der Entsagung. Jeder Tag, den sie glühend verbrachte, jede Stunde vermehrte ihre Not. Bis sie es nicht mehr ertragen konnte. In der Nacht entwich sie aus dem Krankenhause. Durch das Fenster sprang sie in den Garten und stieg bloßfüßig, nur mit dem Mantel über dem Hemd, über die Mauer auf die Gasse.
Brennend, in einer überirdischen und schwülen Erwartung lief sie durch die Stadt. Die aufgelösten Haare flatterten um ihr Gesicht und ihre Augen glänzten. Ein heiler und wunderbarer Gedanke trieb sie weiter und erfüllte sie mit Glück. Sie wollte zu den Männern! Ihre Füße flogen über die Steine und ihre Muskeln spannten sich. Die Schatten verspäteter Nachtschwärmer schwankten über den Weg und das grelle Licht plötzlicher Laternen erschreckte sie; eine köstliche und schwere, verführerische Süßigkeit machte sie betrunken. Die Türme der Theinkirche tauchten vor ihr auf und standen bleich zwischen den Sternen. Da war sie ja schon am Ziel! Da war schon die Gasse, wo die Musik hinter verhängte Türen lärmte und wo das Lachen der Frauen mit den Flügeln an die roten Fensterscheiben schlug — — —
Sie blieb stehn und sah geblendet in den Mond, der schielend am Himmel klebte und geborstene Balken und Geröll beschien. Der Salon Aaron war verschwunden. Die Hacke und der Spaten hatten Stück um Stück von dem alten Hause abgegraben und neben der Synagoge lagerten die Steine. Eine einzige Mauer stand noch mit zackigem Kamme aufrecht zwischen den Trümmern und Johanna erkannte die Wand ihres Zimmers. Ihre Augen gingen entsetzt und gelähmt weiter in die Gasse. Die bunten Lichter der Freudenhäuser waren verlöscht und der Staub stieg wie ein Rauch aus den zerbrochenen Dächern. Ueberall krochen Ruinen aus der Nacht. Während sie im Krankenhause in dem feuchten Bette mit der Seuche kämpfte, hatte man ihre Heimat zerstört —
Ein Schrei löste sich aus ihrer Kehle und zitterte gräßlich durch das vereinsamte Viertel. Ihre Haare flossen über ihren Mantel und die Nachtluft öffnete ihn und tastete lüstern unter das Hemd. Ein Trupp bezechter Soldaten kam vorüber. Haltlos verwirrte Liebesworte ächzend, fiel sie vor ihnen in die Knie. Und zwischen den Trümmern des eingerissenen Bordells gab sie sich den Männern hin, die der Zufall auf ihre Fährte geführt hatte. Sie gab sich einem nach dem andern, und ihr armer, von der Krankheit verwüsteter Leib wurde nicht müde und grub sich zuckend im Liebestaumel immer tiefer in den Schutt . . .
Von einem Sommer zum andern wurde das Ghetto niedergerissen. Neue Häuser erdrückten die finstern und ungesunden Schlupfwinkel, wo das Elend und das Laster jahrhundertelang gespenstert hatten. Die Unzucht flüchtete mit hohen Stöckelschuhen klappernd bis an den äußersten Rand der Vorstädte. Auf den alten Plätzen wuchs eine Stadt für die Reichen und Vornehmen empor. Aber noch niemals war in Prag die Lustseuche so furchtbar und verheerend gewesen wie in diesem Jahre. Sie brach in die Familie ein und lehrte die jungen Mütter das Grausen. Sie hing sich an das Lächeln der Liebe und machte ein bleiernes Grinsen daraus. Knaben gaben sich den Tod und Greise verfluchten das Leben.

Aus: Der Sturm, Halbmonatsschrift für Kultur und die Künste, Fünfter Jahrgang 1914, Zweites Aprilheft, Nummer 2, Verlag F. Harnisch, Berlin






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