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Rudolf Blümner - Kleine kritische Fabeln

Kleine kritische Fabeln


            I
Gott zog den Vorhang hoch und zeigte zum ersten Male das Pferd. Da rief einer aus dem Publikum: Wo sind die Federn?
Herbert Jhering gewidmet


            II
In Arkadien wurden, wie man weiss, die Musikstücke nur auf Schalmeien geblasen. Einer spannte Saiten über Holzkästchen und strich mit einem Bogen über die Saiten, dass sie klangen. Auf diesem Instrument konnte er mehr Töne hervorbringen als auf der Schalmei. Aus Spass nannte er das Instrument Violine, gab ein Konzert und lud die Kritiker ein. Zufälligerweise schrieben alle das Gleiche: Nein — da gehen wir nicht mit, und einige fügten hinzu: Violine — ein recht abgeschmacktes Wort.
Franz Servaes gewidmet


            III
Es war einmal ein Kannibale. Er hatte schon viele Menschen gefressen. Als er merkte, dass es nicht mehr schick sei, Menschen zu fressen, gründete er das Menschenblatt, in dem er auf alle Kannibalen schimpfte. Gleichwohl frass er weiter Menschen, da er es doch so gewöhnt war. Als ihn der Menschenfreund darüber zur Rechenschaft zog, entgegnete der Kannibale: 1. lasse er sich nicht anrempeln, 2. habe er die gefressenen Menschen für Beefsteaks gehalten und 3. hätten schon viele Menschen aus dem Hinterhalt auf den Menschenfreund geschossen.
Paul Westheim gewidmet


            IV
Es war einmal ein grosser Ochse. Er hatte noch nie einen Menschen gesehen. Aber Gott wusste das nicht und beauftragte ihn, einen Artikel über die Eröffnung der Grossen Affenausstellung zu schreiben. Der Ochse ging hin und schrieb: Die Menschen hätten ihm garnicht gefallen.
. . . . . . gewidmet: — er weiss schon


            V
Ein Held nahm Abschied von seinem treusten Freund und zog in den Krieg. Dort wurde er von den Feinden erschlagen. Ein Journalist schrieb: Nun ist er dem Geschäftsbetrieb seines treuen Freundes entlaufen.
Paul Westheim gewidmet


            VI
Ein Mann pflegte und ernährte einen Hasen. Da kam ein andrer Mann des Wegs und setzte dem Hasen eine jährliche Rente aus. Dafür aber musste ihm der Hase sein Fell hingeben. Da sagte der Esel, der zufällig des Weges kam: Das ist nun der Fall Hase.
Paul Westheim gewidmet


            VII
In einem Rosengarten wuchsen viele prächtige und duftende Rosen. Ein Gelehrter, der zufällig in den Garten kam, schrieb in sein Notizbuch: »Sie wachsen alle nach dem gleichen Gesetz. Es ist nichts als Doctrinarismus.« Später ging der Gelehrte absichtlich in einen Gemüsegarten. In einer Ecke blühten drei wunderschöne Rosen. Da schrieb der Gelehrte: »Die Farben sind prächtig, der Duft berauschend. Aber die Rosen blühen falsch. Es ist ein Irrweg.« Am Ende seiner Tage begab sich der Gelehrte zu einem grossen Misthaufen, auf dem die Häupter des Staates sich gern dem Volke zeigten. Mitten auf dem Misthaufen spielten Kinder mit einer Rose. Und der Gelehrte schrieb: »Man sieht eine echte Rose in prächtiger Farbenglorie.«
Max Osborn gewidmet


            VIII
Vor grauen Zeiten, als die Kunst der Malerei noch in Blüte stand, gab es bekanntlich keine Malfarben. Die hochkulzibierten Maler muss­ten daher einzelne bunte Teile zusammentragen. So verfertigten sie Bilder aus Hölzchen, Muscheln, Steinen, Metallen, Knochen, Haaren und Häuten und vielem anderen. Dieses war die berühmte von allen Kunsthistorikern noch heute so hoch gepriesene Merzmalerei. Neuerdings tritt einer mit ganz eigenartigen Bildern an die Öffentlichkeit. Er hat entdeckt, dass man die Farben selbst zu einem Bild komponieren kann, wenn man sie — wer lacht da? — mit Öl anrührt! Und so müssen wir es schaudernd erleben, dass diese läppische Ölmalerei sogar Nachahmer findet!
Max Osborn gewidmet





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