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Francis Jammes - Geschichten (Weltschmerz/Die beiden grossen Künstlerinnen)

Edgar Degas - The Tub


Der Weltschmerz.

Ein Dichter, der sich Laurent Laurini nannte, litt an Weltschmerz. Der an diesem schrecklichen Uebel leidet kann nicht Menschen, noch Tiere, noch sonst etwas sehen ohne schreckliche Schmerzen. Und dann sind es auch noch arge Gewissensängste, die das Herz vergiften.
Der Dichter verliess die Stadt, die er bewohnte und ging aufs Land, die Bäume zu sehen und das Getreide und die Wasser; die Wachteln, die wie Quellen singen, zu hören und die Arbeit der Weber und die summenden Telegraphendrähte. Diese Dinge und diese Geräusche machten ihn traurig. Und die süssesten Gedanken waren ihm voll Bitterkeit. Und wenn er, um seiner schlimmen Krankheit zu entfliehen, eine schöne Blume gepflückt hatte, weinte er, dass er sie gepflückt hatte.
Er kam in ein Dorf, an einem süssen Abend, der nach Birnen duftete. Es war ein Dorf, schön, wie er es oft in seinen Büchern beschrieben hatte. Es gab da einen Hauptplatz, eine Kirche, einen Friedhof, Gärten, einen Schmied und eine schwarze Herberge, aus der ein blauer Rauch aufstieg und deren Fenster glänzten. Es gab auch einen Bach, der sich an wilden Haselnussstauden hinschlängelte. — Der kranke Dichter hatte sich traurig auf einen Felsen niedergelassen. Er dachte an seine Seelenqual, an seine Mutter, die über sein Fortgehen weinte, an die Frauen, die ihn betrogen hatten und sehnte sich nach der Zeit seiner ersten Kommunion.
— Mein Herz, dachte er, mein trauriges Herz kann nicht anders werden.
Da sah er ein Bauernmädchen ganz nah bei sich, das trieb unter dem Sternhimmel Gänse zusammen. Und sagte:
— Warum weinst du?
— Meine Seele hat sich weh gethan, als sie auf die Erde fiel. Ich kann nicht gesund werden, denn mein Herz drückt mich zu sehr.
— Willst du das meine? frag sie. Es ist leicht. Ich nehme das deine und will nicht schwer daran tragen. Bin ich nicht Lasten gewohnt?
Er gab ihr sein Herz und nahm das ihre. Und da lächelten sie beide und gingen Hand in Hand den Pfad entlang. Und die Gänse gingen vor ihnen her wie Stückchen Mond.

* * *

Sie sprach zu ihm: — Ich weiss, dass du gelehrt bist und dass ich nicht wissen kann was du weisst. Aber ich weiss, dass ich dich liebe. Du kommst von wo anders her und du musst in einer schönen Wiege geboren sein, wie ich einmal eine auf einem Wägelchen sah.
Deine Mutter versteht gut zu sprechen. Ich liebe dich. Du musst mit Frauen geschlafen haben, deren Haut sehr weiss war, und du musst mich hässlich und schwarz finden. Ich bin nicht in einer schönen Wiege zur Welt gekommen. Ich bin auf den Feldern geboren, im Korn, gerade bei der Ernte. Man hat mir das erzählt und dass man mich und meine Mutter und ein kleines Lamm, das ein Schaf am selben Tage geworfen, auf einen Esel setzte und so nach Hause brachte. Die Reichen haben Pferde. Er sprach zu ihr: — Ich weiss, dass du einfach bist und dass ich nicht sein kann wie du. Aber ich weiss, dass ich dich liebe. Du bist von hier und man hat dich in einem Korb gewiegt, den man auf einen schwarzen Stuhl stellte, wie ich einen auf einem Bilde sah. Ich liebe dich. Deine Mutter webt das Leinen. Du tanztest unter den Bäumen mit den hübschen und starken Burschen, die lachten. Du musst mich krank und traurig finden. Ich bin nicht auf den Feldern geboren da man erntete. Wir kamen in einem schönen Zimmer zur Welt, ich und eine kleine Zwillingsschwester, die bald starb. Meine Mutter war krank. Die Armen haben die Gesundheit.
Und dann, in dem Bett, in dem sie zusammen lagen, umarmten sie sich noch stärker.
Sie sagte zu ihm: — Ich habe dein Herz.
Er sagte zu ihr: — Ich habe dein Herz.

* * *

Sie bekamen einen hübschen kleinen Buben.
Und der Dichter, der fühlte, dass sein grosser Schmerz von ihm gewichen war, sagte zu seinem Weibe:
— Meine Mutter weiss nicht, was aus mir geworden ist. Mein Herz wird weit, wenn ich daran denke. Lass mich, meine Freundin, in die Stadt gehen, ihr zu sagen, dass ich glücklich bin und dass ich einen Sohn habe.
Sie lächelte — denn sie wusste, dass sie sein Herz hatte — und sagte: — Geh.
Und er ging den Weg, den er gekommen war. Er kam vor die Thore der Stadt und vor ein stattliches Gebäude, aus dem man lachen und reden hörte, denn es gab ein Fest, zu dem die Armen nicht geladen waren. Der Dichter erkannte das Haus als das eines seiner alten Freunde, eines reichen und berühmten Künstlers. Er blieb, um zu hören, vor dem Parkgitter stehen, durch das man Springbrunnen und Statuen sah.
Eine Frau, deren Stimme er erkannte, die schön war und einst sein junges Herz gepeinigt hatte, sagte:
— Erinnern Sie sich des grossen Dichters Laurent Laurini?. . . Man spricht von einer Mesalliance, er soll eine Kuhmagd geheiratet haben . . .

* * *

Die Thränen kamen in seine Augen und er ging weiter durch die Strassen der Stadt bis an sein Geburtshaus. Das Pflaster antwortete leise dem Wort seiner müden Schritte. Er öffnete die Thüre und trat ein. Und seine treue alte Hündin lief hinkend auf ihn zu, kläffte vor Freude und leckte ihm die Hand. Er sah, dass das arme Tier an den Hinterbeinen gelähmt war, denn die Sorgen und die Zeit verschonen auch die Körper der Tiere nicht.
Laurent Laurini ging die Treppe hinauf. Da sah er die alte Katze, die einen Buckel machte und um seine Beine strich. Auf dem Estrich schlug die Uhr im Erkennen.
Leise trat er in sein Zimmer. Da lag seine Mutter auf den Knieen:
— Mein Gott, gieb, dass mein Sohn lebt . . Mein Gott, er litt so sehr . . Wo ist er? Verzeih mir, dass ich ihn gebar. Verzeih ihm, dass er mich sterben macht.
Aber schon kniete er neben ihr und drückte seine jungen Lippen auf ihre grauen Haare:
— Komm mit mir. Ich bin geheilt. Ich kenne einen Ort, da giebt es Bäume, Getreide, Wasser; da singen die Wachteln, surren die Weberschiffchen und summen die Telegraphendrähte. Da hat eine Arme mein Herz und spielt dein Enkelkind.



Die beiden grossen Künstlerinnen.

Neue Worte möchte ich finden, um die Lieblichkeit einer kleinen Prostituierten zu malen, die ich eines Abends auf einem grossen fast leeren Platz traf. Diese kleine Prostituierte trug armselige zu grosse Schuhe, die Wasser schluckten, einen Sonnenschirm, der wie ein Regenschirm zusammengedreht war und ein Matrosenhütchen aus Stroh, in dem sicher stand: »Letzte Neuheit«.
Sie hatte eine kleine leidende Stimme und war intelligent. Sie war gerade, wie sie sagte, von einer Brustfellentzündung aufgestanden. Uebrigens war sie sauber, moralisch und physisch. Ich traf sie öfters, nach zehn, müde vom oft vergeblichen Suchen des Erstbesten. Sie liess sich im Schatten auf einer Bank neben mir nieder und bettete ihr armes bleiches Gesicht auf meine Knie. Ich fühlte, dass sie auf diese Weise den kleinen Trost eines armen Tieres erlebte, das sich nicht mehr schlecht behandelt weiss. Ich fühlte, dass sie ihr Handwerk als eine bedeutende, aber unverdiente Schande betrachtete. So wartete sie lange auf den Zug nach einem Vorort, wo sie wohnte.
Eines Abends, da sie noch unglücklicher war als sonst, bat sie, die arme Kleine, ihr zu erlauben, dass sie mich ein Wegstück begleite.
Wir kamen auf einen grossen hellerleuchteten Platz, wo ein grosses Theater war. An einem der Pfeiler des Gebäudes war ein goldglänzendes Plakat. Es stellte die Sarah Bernhardt im Kostüme der Tosca glaube ich dar, in einem weiten reichen Kleide und mit einer Palme in der Hand. Und ich dachte an das, was man mir über diese berühmte Frau erzählt hatte, ihre Launen, ihre Ausgaben, ihr weisses Marmorgrab, ihren Stolz. Und ich fühlte, wie dies arme kleine Elend an meiner Seite zitterte. Sie sah, wie dieses barbarische Idol sich aufrichtete und ohnwissentlich sie mit dem Kot ihrer goldenen Geschmeide bewarf.
Mir war als müsste ich vor Schmerz schreien über diese Gegenüberstellung der beiden Frauen. Und ich sagte mir:
— Beide sind aus dem Weibe geboren. Die eine hält ein Palmenblatt, die andere einen alten Regenschirm, der so elend ist, dass sie ihn vor mir nicht zu öffnen wagt. Die Eine schleppt an ihren Füssen eine bewundernde Menge, die Andere Fetzen zerrissenen Schuhleders. Die Eine verkauft ihren Schmerz um Pfunde Goldes und kein Seufzer entflieht ihrem Munde, der nicht als ein Vermögen zurückhallt. Kein Seufzer der andern ist je gehört.
Und etwas schrie in mir:
— Diese ist eine Künstlerin der Menschheit. Man ruft ihr Beifall zu, weil sie dem Masse derer gleich ist, die sie hören. Und diese haben die Lüge nötig, auf die man die schönste der Rollen baut . . .
Aber die Andere, die Andere ist eine Künstlerin Gottes. Sie spielt eine Rolle, so gross und so schmerzlich, dass sie noch keinen Menschen gefunden hat, der sie verstand und reich genug war, sie zu bezahlen.
Und nie und nicht in der schönsten ihrer Darstellungen hat die grosse vergoldete Komödiantin dieses wahrhaftige Genie des Schmerzes erreicht, das die Stirne der kleinen Prostituierten sich zu mir neigen macht.

GESCHICHTEN/ VON/ FRANCIS JAMMES/ AUS DEM FRANZOESISCHEN/ VON/ F[RANZ] B[LEI]

Aus: DIE INSEL, Aesthetisch-belletristische Monatschrift mit Bilderbeilagen, Herausgegeben von Julius Bierbaum, Viertes Quartal (Juli-September 1902), Insel-Verlag, Leipzig, 1902

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