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Jules Laforgue - Über die Frauen

Über die Frauen von Jules Laforgue


Im Grunde ist die Frau ein gewöhnliches Wesen.

Das Wunder. Modepuppen. Sie machen aus ihrem Körper was sie wollen, dem Körper, der die Seele künden sollte. Sie ändern sich im Handumdrehen mit der Haartracht. Ihr Wesen, ihre Augen nehmen den Ausdruck ihrer Frisur an. Diese ungeheure Sache, diese Revolution: nicht mehr Jungfrau sein, wissen! Ändert sie das? Nein. Man sehe sich auf den Straßen um. Welche sind die Intakten, welche die Blessierten? Augen, Wesen haben beide gleich. Alle haben sie das gleiche delikate Wesen der Heiligen Rühr-mich-nicht-an, akkumuliert durch eine Sklavenvergangenheit ohne andres Heil und Brotgewinn als dieses ungewollt verführerische Wesen, das seine Stunde erwartet.

Ein junges Mädchen. Ihre Brust macht sich bemerklich, aber man denkt nicht sie zu besitzen. Ihr feines blondes Haar öffnen, streicheln, mit einer zitternden Hand. Wär es möglich! Würde die Natur nicht erschauern? Die Physiologie sagt, daß alles eintrifft. Es scheint mir unmöglich — eher noch die Existenz Gottes zugeben — daß sie danach verlangt, besessen zu werden, daß sie davon träumt Sie, dieses junge Mädchen! Mit diesem diaphanen Kreolinenteint! Den Augen so frei, so rein strahlend. Der Gedanke, man könnte sie an den Brustwarzen kitzeln . . . Und doch wird sie schwächer werden! Sicher! Tagtäglich ist sie der Erniedrigung durch die kleine animalische Kreatur unterworfen (bekanntes Bild! bekanntes Bild!). Das ist sicher und sichtbar, wie zweimal zwei vier sind. Und trotzdem schaut sie dir ins Gesicht, lächelnd, leuchtend! Weil sie künstlich ist . . .

Das Vogelköpfchen. Sie ist delikat und zerbrechlich, wie ein Greenawaygeschöpfchen auf einer Teetasse, von feiner Kultur — aber was mehr? Sie ist leer, weder tragisch, noch mystisch, noch Canaille! Ach Elend! Sie hat eine Blume an Stelle des Herzens, eine hübsche Nelke in einer Sévresvase, pate tendre! Meine Tränen der Angst, meine nächtlichen Tränen der tragischen Leere bringen davon kein Blumenblatt zum Fallen, lassen die Farbe nicht trauern, und weder meine Geringschätzung, noch mein Fernsein sind dem Stiel ein Trost. O Weibkultur, Angelpunkt der Moderne! Aber schließlich: wir sind so ephemer!

Angriff und Verteidigung. Der Mann hat nur ein Ziel: belagern, erobern und den Rest. Die Frau: sich verteidigen, die Lust anfachen, hinter die Weiden flüchten. Unsere spleenigen Dilettanten von heute sind Frauen in der Liebe. Sie attackieren, aber wie sie merken, daß man nachgibt, verteidigen sie sich. So wie die Frau, erstaunt und interessiert, fortfährt zu ermutigen oder ihre Koketterien ein wenig zu dekomplizieren, gehen die Angreifer ein, dörren ab. Sie lieben und belagern und sind Männer nur, wenn man sie leiden läßt und der Pikador des weiblichen Stolzes sie mit Wunden spickt. In diesem Benehmen unserer Dilettanten ist viel literarisches Bedürfnis, eine Leidenschaft zu haben. Stendhal, Balzac, Musset.

Die Genossin. Die Frau ist ein tüchtiges Wesen, ein Arbeiter, ein Genosse usw. . . . Wir sollen zu ihr anders als zu Brüdern nur in gewissen Momenten sein, eine halbe Stande lang, nicht vorher, nicht nachher — Arbeit, Genossentum! So sagt man. Aber: nein! Da man die Frau in der Sklaverei und der Faulheit ließ, ohne andere Beschäftigung und Waffe als ihr Geschlecht, hat sie dieses hypertrophiert und ist das Weibchen geworden: Toiletten, Schmuck, falsche Popos und Reformkleider, Romane, Theater, Wohlbehagen, Nacht, Pakete parfümierter Briefe, Honigmond; und wir haben sie sich hypertrophieren lassen, sie ist für uns eine Welt für sich, wir sehen sie nur in der Liebe, und da es die Natur dieser Liebe ist, kaum eine halbe Stunde zu dauern, ist es nötig geworden, daß die Frau, um die Leeren dazwischen auszufüllen und die beiden Enden zu verbinden, sich ein Menschtum für sich macht, jedes Jahr, jede Saison eine neue Mode, eine neue Kunst der Verführung und neue Variationen von Liebe, Kopf, Herz, Fleisch usw. usw. . . .

Ewige Komödie. Als er sie am Morgen umarmte, hatte sie ihn an ihrer Seite schon einige Zeit sich bewegen gefühlt; 1. tat sie dann, als ob sie schliefe (mit dem Vorteil, die geschlossenen Wimpern besser zurechtlegen, und an Stelle des wenn wir schlafen etwas blöden Mundausdrucks zu lächeln); 2. nahm er sie also ganz leise, und ohne Augen und Lippen zu öffnen bot sie sich dar, streckte sie sich, als ob dieses der erste und natürlichste Gedanke ihres Tages wäre, und als ob — ganz ohne Reflexion — es ihr Körper, ihre Natur wäre, die da agierte, da noch kein volles Bewußtsein ist. 3. Sie benutzt einen Moment stärkeren Drückens ihrerseits, um Augen und Mund folgendermaßen zu öffnen: bestürzter Blick, bestürzter Mund: hierauf (wie als ob sie ihn nun erkannt hätte) ein Lächeln, lieb und sklavisch, das sagt; »Das ist nicht nett, einen so zu überrumpeln.« Und der Rest. — Und damit bringt man sein Leben hin.

Das Haar. Eine geliebte Frau, die den Trost und die Zerstreuung hat, ein wundervolles Haar zu pflegen, ist dadurch viel weniger in unserem Leben hinderlich, — und das noch dazu mit dem Ruf, im Gegenteil ganz monströs hinderlich zu sein, wenn man sie im Haus umhergehen sieht.

Die Brüste. Sie werden bemerken, daß die meisten Frauen mit starkem Busen sehr unerschütterlich und selbst arrogant sind. Aber schließlich: setzen Sie sich einmal an ihre Stelle, ich bitte. Nicht die Augen niederschlagen, können (aus Furchtsamkeit oder Trägheit), ohne unfehlbar auf diese Ausladung unserer Person zu fallen, diese Ausladung, die jedem auffallen muß, diesen Vorbau und Wohnung unseres Herzens und unserer Lungen, unseres Lebens und unseres Charakters. Fortwährend diesen Vorbau vor Augen zu haben, endet damit, daß es der Verschämtesten den Kopf verdreht. Ohne anzumerken, daß diese natürlichen Bastionen jeden, mit dem man spricht, in Distanz halten, und daß der Betreffende von vornherein eingeschüchtert ist allein von der Furcht, er könnte zeigen, daß er diese exzentrische Üppigkeit zu sehr bemerkt, die zudem das Auge ganz dämonisch anzieht.

Die Liebe und die Toilette. Bei einem ersten Tête-à-tête der Erklärung nimmt die Schwäche oder der Widerstand der Frau Rücksicht darauf, ob die Toilette, die sie anhat, »vorige Mode« oder »letzte Mode« ist. Ja! Kommt sie dir in der letzten Mode, so hast du vor dir nichts als eine Rüstung weiblicher Süffisance, verjüngt und famos aufgelegt, und du wirst schwer herauskriegen, wo diese Rüstung ihre Hafteln hat. Hat sie aber, o Süßigkeiten! bewußt etwas an, was unbestreitbar außer Mode ist, so wird sie fühlen: »Vorwärts, machen wir’s uns drauf bequem.«

Erste Begegnung der Wünsche. Nachdem man sich gesagt und erklärt hat »ich liebe dich«, ist ein fast kaltes Schweigen. Hierauf beginnt der von den beiden, der bestimmt ist, später zu gehen (das ist fatal), seine unnützen retrospektiven Litaneien: »Ach, schon lange . . . Sie haben wirklich nichts gewußt ? . . . Gleich das erstemal als ich. Sie sah . . . usw.« (Und er verschönert die Sache, wo er schon am liebsten der gegenwärtigen Wirklichkeit zuschreien möchte: »Mach was du willst, nie erreichst du doch die Höhe meines Traumes!«) Und sie antwortet genau so und überbietet, um nicht zurückzubleiben. Schon fühlen sie die Leere unter ihren Füßen und sammeln die Stunden einer verlorenen Vergangenheit, die sie noch idealisieren, um sie noch uneinbringlicher zu machen — lauter Erdschollen auf den Sarg des gemeinsamen Traumes.

Die Ruinen. Die Frau, wunderbare Helferin des Fortschritts, hat absolut nichts übrig für die Melancholie historischer Ruinen. Sie hat ja nicht, es ist wahr, unsere alte und noble klassische Bildung und wird sie nie haben, weil ihre sinnliche und soziale Frühreife ihr dazu keine Zeit läßt. Verlaß dich drauf: Trotz der lobenswerten Träumerei ihrer Posen wird ihr jede Ruine, die du mit ihr auf der Hochzeitsreise besuchst, mehr oder weniger unmittelbar den Ankauf irgend eines neuen Artikels moderner Installation suggerieren.


Das beste Mittel. Um totsicher auf eine Frau Eindruck zu machen, antworte auf das erste Lächeln, das sie dir schenkt, von weitem, in einem Salon, in der Menge, in der Kirche (je schärfer der Kontrast, desto besser), antworte auf das Lächeln mit einer wilden Grimasse des primitiven Urmenschen, so daß sie kaum dein Gesicht wiedererkennt und sich erschreckt— aber so geschmeichelt! — in dir — und durch ein Lächeln! — den unzivilisierten und an Überraschungen der Leidenschaft so reichen Urstand der Menschheit beeindruckt zu haben.

Aus: Jules Laforgue, Pierrot, der Spassvogel. Übertragen von Franz Blei, Axel Juncker Verlag, Berlin, Stuttgart, Leipzig, o. J.

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