Montag, 25. Dezember 2017

Selma Lagerlöf - Im Gerichtssaal


Selma Lagerlöf - Im Gerichtssaal

Aus dem Schwedischen von Marie Franzos
Illustriert von Max Liebert


s ist in einem Gerichtssaal weit draußen auf dem Lande. Am Richtertisch, hoch oben im Saal, sitzt der Richter, ein großer, stark gebauter Mann mit breitem, grobgeschnittenem Gesicht. Schon mehrere Stunden lang hat er einen Fall nach dem andern entschieden, und schließlich ist etwas wie Überdruß und Düsterkeit über ihn gekommen. Es ist schwer zu sagen, ob es die Hitze und Schwüle im Gerichtssaal ist, durch die Beschäftigung mit allen diesen kleinlichen Zwistigkeiten, die aus keinem anderen Grunde entstanden zu sein scheinen, als um die Streitlust und Unbarmherzigkeit und Gewinnsucht der Menschen zu zeigen.
Er hat gerade mit einer der letzten Verhandlungen begonnen, die an diesem Tage geführt werden sollen. Es handelt sich um die Forderung eines Erziehungsbeitrages.
Dieser Fall ist schon am vorigen Gerichtstag verhandelt worden, und das Protokoll des früheren Prozesses wird eben verlesen. Daraus erfährt man fürs erste, daß die Klägerin eine arme Dienstmagd ist und der Beklagte ein verheirateter Mann.
Weiter geht aus dem Protokoll hervor, daß der Beklagte erklärt hat, daß die Klägerin ihn mit Unrecht und nur aus Gewinnsucht hierher zitiert habe. Er gibt zu, daß die Klägerin eine Zeitlang auf seinem Hof in Dienst gestanden sei, aber er habe sich während dieser Zeit in keinerlei Liebeshandel mit ihr eingelassen, und sie habe kein Recht, irgendwelche Unterstützung von ihm zu begehren. Die Klägerin hat jedoch an ihrer Behauptung festgehalten, und nachdem man einige Zeugen vernommen hat, ist dem Beklagten aufgetragen worden, einen Schwur zu leisten, wenn er nicht verurteilt werden soll, der Klägerin die verlangte Unterstützung zu geben.
Beide Parteien haben sich eingefunden und stehen nebeneinander vor dem Gerichtstisch. Die Klägerin ist sehr jung und sieht ganz verschüchtert aus. Sie weint vor Scham und trocknet mühsam die Tränen mit einem zusammengeknüllten Taschentuch, und es scheint, als könne sie es nicht auseinanderfalten. Sie trägt schwarze Kleider, die ziemlich neu und ungetragen aussehen, aber sie sitzen so schlecht, daß man versucht ist, zu glauben, sie habe sie sich ausgeliehen, um anständig vor Gericht erscheinen zu können.
Was den Beklagten betrifft, so sieht man ihm gleich an, daß er ein wohlbestellter Mann ist. Er mag etwa vierzig Jahre alt sein und hat ein keckes und frisches Aussehen. Wie er da vor dem Richterstuhl steht, zeigt er eine sehr gute Haltung. Es sieht ja nicht aus, als fände er ein besonderes Vergnügen damit, da zu stehen, aber er macht auch durchaus keinen befangenen Eindruck.
Sobald das Protokoll verlesen ist, wendet sich der Richter an den Beklagten und fragt ihn, ob er an seinem Leugnen festhalte und ob er bereit sei, den Eid abzulegen.
Auf diese Fragen antwortet der Beklagte sogleich mit einem raschen Ja. Er fängt an, in der Westentasche zu graben, und holt ein Zeugnis des Pfarrers hervor, das bestätigt, daß er die Wichtigkeit und Bedeutung des Eides kennt und unbehindert ist, ihn abzulegen.
Während dieser ganzen Zeit hat die Klägerin nicht aufgehört, zu weinen. Sie scheint unüberwindlich scheu zu sein und hält die Augen hartnäckig zu Boden geschlagen. Sie hat den Blick noch nicht so weit erhoben, daß sie dem Beklagten ins Gesicht sehen konnte.
Als er nun sein Ja sagt, zuckt sie zusammen. Sie tritt ein paar Schritte näher an den Richterstuhl heran, so, als hätte sie etwas einzuwenden, aber dann bleibt sie stehen. Es ist wohl nicht möglich, scheint sie zu sich selbst zu sagen, er kann nicht ja gesagt haben. Ich habe nicht recht gehört.
Indessen nimmt der Richter das Zeugnis in die Hand und gibt zu gleicher Zeit dem Gerichtsdiener einen Wink. Dieser tritt an den Tisch heran, um die Bibel zu nehmen und sie vor den Beklagten hinzulegen.
Die Klägerin hört, daß jemand an ihr vorbeigeht, und wird unruhig. Sie zwingt sich, den Blick so weit zu heben, daß sie über den Tisch hinsehen kann, und da gewahrt sie, daß der Gerichtsdiener die Bibel zurechtschiebt.
Noch einmal sieht es aus, als wollte sie einen Einwand machen. Aber sie hält sich wieder zurück. Es ist ja nicht möglich, daß er den Eid ablegt. Der Richter muß ihn doch daran hindern.
Der Richter ist ein kluger Mann, und er weiß gar wohl, was die Leute in seiner Heimat denken und fühlen. Er müsse doch wissen, wie streng alle die Menschen sind, sobald es sich um etwas handelt, was die Ehe betrifft. Sie kannten keine ärgere Sünde als die, die sie begangen hat. Würde sie je so etwas von sich selbst gestanden haben, wenn es nicht wahr gewesen wäre? Der Richter könnte wohl wissen, welche furchtbare Verachtung sie sich zugezogen hatte. Und nicht nur Verachtung allein, sondern auch alles mögliche Elend. Niemand wollte sie in Dienst nehmen. Niemand wollte ihre Arbeit haben. Ihre eigenen Eltern duldeten sie kaum in ihrer Hütte, sondern sprachen jeden Tag davon, sie hinauszuwerfen. Nein, der Richter müsse wohl begreifen, daß sie keine Unterstützung von einem verheirateten Mann verlangt haben würde, wenn sie nicht ein Recht darauf hätte.
Der Richter könnte doch nicht glauben, daß sie in einer solchen Sache lüge, daß sie so furchtbares Unglück auf sich herabbeschworen hätte, wenn sie einen anderen hätte anklagen können als einen verheirateten Mann. Und wenn er dies wußte, so müsse er doch den Eid verhindern.
Sie sieht, daß der Richter dasitzt und das Zeugnis des Pfarrers ein paarmal durchliest. Darum fängt sie an zu glauben, daß er eingreifen wird.
Es ist auch richtig, daß der Richter nachdenklich aussieht. Er heftet seine Blicke ein paarmal auf die Klägerin, aber dabei wird der Ausdruck des Ekels und des Überdrusses, der auf seinem Gesicht ruht, immer deutlicher. Es sieht aus, als wäre er ungünstig gegen sie gestimmt. Selbst wenn die Klägerin die Wahrheit spricht, so ist sie ja doch eine schlechte Person, und der Richter kann kein Interesse für sie empfinden.
Es kommt manchmal vor, daß der Richter in einen Prozeß eingreift, als ein guter und kluger Ratgeber, und die Parteien davor behütet, sich ganz und gar zugrunde zu richten. Aber diesmal ist er müde und überdrüssig, und er denkt an nichts anderes, als dem gesetzlichen Verfahren seinen Lauf zu lassen.
Er legt das Zeugnis hin und sagt dem Beklagten mit ein paar Worten, er hoffe, daß dieser die verhängnisvollen Folgen eines falschen Schwures genau bedacht habe. Der Beklagte hört ihn mit derselben Ruhe an, die er die ganze Zeit über an den Tag gelegt hat, und antwortet respektvoll und nicht ohne Würde.
Die Klägerin hört dies mit dem äußersten Schrecken. Sie macht ein paar heftige Bewegungen und preßt die Hände zusammen. Nun will sie vor dem Richtertisch sprechen. Sie kämpft einen furchtbaren Kampf mit ihrer Scheu und mit dem Schluchzen, das ihr die Kehle zusammenschnürt. Das Ende ist doch, daß sie kein hörbares Wort hervorbringen kann. Er wird ihn ablegen.
Der Eid soll also geleistet werden. Niemand wird ihn hindern, seine Seele zu verschwören.
Bis dahin hat sie nicht glauben können, daß es geschehen würde. Aber jetzt packt sie die Gewißheit, daß es unmittelbar bevorsteht, daß es im nächsten Augenblick eintreten wird. Ein Schrecken, der viel überwältigender ist als alles, was sie bisher gekannt hat, bemächtigt sich ihrer. Sie wird ganz versteinert, sie weint nicht einmal mehr. Die Augen stehen ihr im Kopfe still. Es ist also seine Absicht, die ewige Verdammnis auf sich herabzubeschwören.
Sie versteht wohl, daß er sich um seines Weibes willen freischwören will. Aber wenn er auch einen schweren Stand mit ihr haben sollte, so darf er doch deshalb nicht seiner Seele Seligkeit preisgeben.
Es gab nichts Furchtbareres als einen Meineid. Es war etwas Geheimnisvolles und Gräßliches um diese Sünde. Es gab keine Gnade oder Vergebung für sie. Die Tore des Abgrundes öffneten sich von selbst, wenn der Name des Meineidigen genannt wurde.
Wenn sie jetzt die Blicke zu seinem Gesicht erhoben hätte, würde sie gefürchtet haben, es schon mit irgendeinem Zeichen der Verdammnis gestempelt zu sehen, von Gottes Zorn ihm ausgeprägt.
Während sie so dasteht und immer größere Angst sich ihrer bemächtigt, hat der Richter dem Beklagten gezeigt, wie er die Finger auf die Bibel zu legen hat. Dann schlägt der Richter im Gesetzbuch nach, um die Eidesformel zu finden.
Als sie ihn die Finger auf das Buch legen sieht, macht sie noch einen Schritt zum Richterstuhl hin, und es sieht aus, als wollte sie sich über den Tisch beugen und seine Hand fortziehen.
Aber noch wird sie von einer letzten Hoffnung zurückgehalten. Sie glaubt, daß er jetzt im letzten Augenblick noch davon abstehen wird.
Der Richter hat die Seite im Gesetzbuch gefunden, nach der er gesucht hat; und jetzt beginnt er, den Eid laut und deutlich vorzusagen. Dann macht er eine Pause, damit der Beklagte seine Worte nachsprechen kann. Und der Beklagte fängt wirklich an, sie nachzusprechen, aber er macht einen kleinen Fehler, so daß der Richter von vorn anfangen muß.
Jetzt kann sie keinen Schimmer von Hoffnung mehr haben. Jetzt weiß sie, daß er falsch schwören, daß er Gottes Zorn für das ganze zukünftige Leben auf sich herabschwören will.
Sie steht da und ringt die Hände in ihrer Hilflosigkeit. Und es ist alles ihre Schuld, weil sie ihn angeklagt hat.
Aber sie war ja ohne Arbeit, sie hungerte und fror. Das Kind lag im Sterben. An wen hätte sie sich sonst wenden sollen, um Hilfe zu finden?
Nie hätte sie auch geglaubt, daß er eine so schreckliche Sünde würde begehen können.
Jetzt hat der Richter den Eid abermals vorgesagt. In einigen Augenblicken wird die Tat vollbracht sein. Jene Tat, von der es keine Umkehr gibt, die niemals gutgemacht, niemals ausgelöscht werden kann.
Gerade als der Beklagte anfängt, den Eid nachzusagen, stürzt sie vor, schleudert seine ausgestreckte Hand beiseite und reißt die Bibel an sich.
Ein furchtbares Entsetzen hat ihr endlich den Mut gegeben. Er darf seine Seele nicht verschwören. Er darf nicht.
Der Gerichtsdiener eilt sogleich herbei, um ihr die Bibel abzunehmen und sie zur Ordnung zurückzurufen. Sie hat ungeheure Angst vor allem, was mit dem Gericht zusammenhängt, und sie glaubt, daß das, was sie jetzt getan hat, sie auf die Festung bringen wird. Aber sie gibt die Bibel nicht her. Was es auch kosten mag, er darf den Eid nicht ablegen. Er, der schwören will, läuft auch herbei, um das Buch zu ergreifen, aber sie leistet auch ihm Widerstand.
»Du darfst den Eid nicht ablegen!« ruft sie. »Du darfst nicht!«
Was jetzt vorgeht, erweckt natürlich das größte Staunen. Die Versammelten drängen sich zum Richtertisch, die Geschworenen erheben sich, der Protokollführer springt auf, mit dem Tintenfaß in der Hand, damit es nicht umgestürzt würde.
Da ruft der Richter mit lauter, zorniger Stimme: »Still!« Und alle die Menschen bleiben regungslos stehen.
»Was fällt dir bei? Was hast du mit der Bibel zu schaffen?« fragt der Richter die Klägerin mit harter und strenger Stimme.
Nachdem sie ihrer Angst in einer Tat der Verzweiflung Luft gemacht hat, ist ihre Beklemmung gewichen, so daß sie antworten kann: »Er darf den Eid nicht ablegen!«
»Sei still und gib das Buch zurück!« ruft der Richter.
Aber sie gehorcht nicht, sondern umklammert das Buch mit beiden Händen.
»Er darf den Eid nicht ablegen!« ruft sie mit ungezügelter Heftigkeit.
»Ist es dir so sehr darum zu tun, den Prozeß zu gewinnen?« fragt der Richter mit immer schärferer Stimme.
»Ich will die Klage zurückziehen!« ruft sie mit lauter, schneidender Stimme. »Ich will ihn nicht zwingen, zu schwören!«
»Was schreist du da?« fragt der Richter. »Hast du den Verstand verloren?«
Sie ringt heftig nach Atem und versucht sich zu beruhigen. Sie hört selbst, wie sie schreit. Der Richter muß wohl glauben, daß sie toll geworden ist, weil sie das, was sie will, nicht in ruhigen Worten sagen kann. Noch einmal kämpft sie mit sich selbst, um Macht über die Stimme zu erlangen, und diesmal gelingt es ihr. Sie sagt langsam, ernst, laut, während sie dem Richter gerade ins Gesicht sieht:



»Ich will die Klage zurückziehen. Er ist der Vater des Kindes. Aber ich habe ihn noch lieb. Ich will nicht, daß er falsch schwört!«
Sie steht aufrecht und entschlossen vor dem Richtertisch und sieht dem Richter gerade in sein strenges Gesicht. Er sitzt da, beide Hände auf den Tisch gestützt, und lange, lange wendet er den Blick nicht von ihr. Während der Richter sie betrachtet, geht eine große Veränderung mit ihm vor. All das Schlaffe und Mißvergnügte, das in  
seinen Zügen lag, verschwindet, und das große, grobe Gesicht, wird durch die Rührung geradezu schön. Sieh da, denkt der Richter, sieh da, so ist mein Volk. Ich will mich nicht darüber beklagen, wo doch bei einer der Geringsten so viel Liebe und Gottesfurcht zu finden ist.
Plötzlich aber spürt der Richter, daß seine Augen sich mit Tränen füllen, und da zuckt er beinahe beschämt zusammen und wirft einen raschen Blick um sich. Da sieht er, daß die Schreiber und Gerichtsdiener und die ganze lange Reihe der Beisitzer sich vorgebeugt haben, um das Mädchen anzusehen, das vor dem Richtertisch steht, die Bibel an sich gedrückt. Und er sieht einen Schimmer auf ihren Gesichtern, so, als hätten sie etwas richtig Schönes gesehen, das sie bis in das tiefste Herz erfreut hat.
Hierauf sieht der Richter auch über das versammelte Volk hin, und es ist ihm, als säßen alle diese Menschen stumm und atemlos da, als hätten sie gerade jetzt das gehört, wonach sie sich am meisten gesehnt.
Zuallerletzt sieht der Richter den Beklagten an. Jetzt ist er es, der mit gesenktem Kopf dasteht und zu Boden blickt.
Der Richter wendet sich abermals an das arme Mädchen. »Es soll so sein, wie du es haben willst,« sagt er. »Die Klage wird zurückgezogen,« diktiert er dem Protokollführer.
Der Beklagte macht eine Bewegung, als wollte er einen Einwand vorbringen. »Was denn? Was denn?« schreit ihn der Richter an. »Hast du vielleicht etwas dagegen?« Der Beklagte läßt den Kopf noch tiefer sinken und sagt kaum hörbar: »Ach nein, es ist wohl am besten so.«
Der Richter sitzt noch einen Augenblick still, dann schiebt er den schweren Stuhl zurück, erhebt sich und geht rings um den Tisch zur Klägerin hin.
»Ich danke dir,« sagt er und reicht ihr die Hand.
Sie hat die Bibel jetzt fortgelegt und steht da und weint und trocknet die Tränen mit dem zusammengerollten Taschentuch.
»Ich danke dir!« sagt der Richter noch einmal und ergreift ihre Hand so leicht und behutsam, als wäre sie etwas gar Feines und Kostbares.


Aus: Das Buch der seltsamen Geschichten von Norbert Falk von Projekt Gutenberg übernommen

Sonntag, 19. November 2017

Franz Kafka - Die Abweisung

Franz Kafka - Die Abweisung

Wenn ich einem schönen Mädchen begegne und sie bitte: »Sei so gut, komm mit mir« und sie stumm vorübergeht, so meint sie damit:

»Du bist kein Herzog mit fliegendem Namen, kein breiter Amerikaner mit indianischem Wuchs, mit wagrecht ruhenden Augen, mit einer von der Luft der Rasenplätze und der sie durchströmenden Flüsse massierten Haut, Du hast keine Reisen gemacht zu den großen Seen und auf ihnen, die ich weiß nicht wo zu finden sind. Also ich bitte, warum soll ich, ein schönes Mädchen, mit Dir gehn?«

»Du vergißt, Dich trägt kein Automobil in langen Stößen schaukelnd durch die Gasse; ich sehe nicht die in ihre Kleider gepreßten Herren Deines Gefolges, die Segensprüche für Dich murmelnd in genauem Halbkreis hinter Dir gehn; Deine Brüste sind im Mieder gut geordnet, aber Deine Schenkel und Hüften entschädigen sich für jene Enthaltsamkeit; Du trägst ein Taffetkleid mit plissierten Falten, wie es im vorigen Herbste uns durchaus allen Freude machte, und doch lächelst Du – diese Lebensgefahr auf dem Leibe – bisweilen.«

»Ja, wir haben beide recht und, um uns dessen nicht unwiderleglich bewußt zu werden, wollen wir, nicht wahr, lieber jeder allein nach Hause gehn.«

Dienstag, 17. Oktober 2017

Franz Kafka - Der Kübelreiter

Franz Kafka - Der Kübelreiter

Verbraucht alle Kohle; leer der Kübel; sinnlos die Schaufel; Kälte atmend der Ofen; das Zimmer vollgeblasen von Frost; vor dem Fenster Bäume starr im Reif; der Himmel, ein silberner Schild gegen den, der von ihm Hilfe will. Ich muß Kohle haben; ich darf doch nicht erfrieren; hinter mir der erbarmungslose Ofen, vor mir der Himmel ebenso; infolgedessen muß ich scharf zwischendurch reiten und in der Mitte beim Kohlenhändler Hilfe suchen. Gegen meine gewöhnlichen Bitten aber ist er schon abgestumpft; ich muß ihm ganz genau nachweisen, daß ich kein einziges Kohlenstäubchen mehr habe und daß er daher für mich geradezu die Sonne am Firmament bedeutet. Ich muß kommen, wie der Bettler, der röchelnd vor Hunger an der Türschwelle verenden will und dem deshalb die Herrschaftsköchin den Bodensatz des letzten Kaffees einzuflößen sich entscheidet; ebenso muß mir der Händler, wütend, aber unter dem Strahl des Gebotes »Du sollst nicht töten!« eine Schaufel voll in den Kübel schleudern.
Meine Auffahrt schon muß es entscheiden; ich reite deshalb auf dem Kübel hin. Als Kübelreiter, die Hand oben am Griff, dem einfachsten Zaumzeug, drehe ich mich beschwerlich die Treppe hinab; unten aber steigt mein Kübel auf, prächtig, prächtig; Kameele, niedrig am Boden hingelagert, steigen, sich schüttelnd unter dem Stock des Führers, nicht schöner auf. Durch die fest gefrorene Gasse geht es in ebenmäßigem Trab; oft werde ich bis zur Höhe der ersten Stockwerke gehoben; niemals sinke ich bis zur Haustüre hinab. Und außergewöhnlich hoch schwebe ich vor dem Kellergewölbe des Händlers, in dem er tief unten an seinem Tischchen kauert und schreibt; um die übergroße Hitze abzulassen, hat er die Tür geöffnet.
»Kohlenhändler!« rufe ich mit vor Kälte hohl gebrannter Stimme, in Rauchwolken des Atems gehüllt, »bitte Kohlenhändler, gib mir ein wenig Kohle. Mein Kübel ist schon so leer, daß ich auf ihm reiten kann. Sei so gut. Bis ich kann, bezahl ichs.«
Der Händler legt die Hand ans Ohr. »Hör ich recht?« fragt er über die Schulter weg seine Frau, die auf der Ofenbank strickt, »hör ich recht? Eine Kundschaft.«
»Ich höre gar nichts«, sagt die Frau, ruhig aus- und einatmend über den Stricknadeln, wohlig im Rücken gewärmt.
»O ja«, rufe ich, »ich bin es; eine alte Kundschaft; treu ergeben; nur augenblicklich mittellos.«
»Frau«, sagt der Händler, »es ist, es ist jemand; so sehr kann ich mich doch nicht täuschen; eine alte, eine sehr alte Kundschaft muß es sein, die mir so zum Herzen zu sprechen weiß.«
»Was hast du, Mann?« sagt die Frau und drückt, einen Augenblick ausruhend, die Handarbeit an die Brust, »niemand ist es; die Gasse ist leer; alle unsere Kundschaft ist versorgt; wir könnten für Tage das Geschäft sperren und ausruhn.«
»Aber ich sitze doch hier auf dem Kübel«, rufe ich und gefühllose Tränen der Kälte verschleiern mir die Augen, »bitte seht doch herauf; Ihr werdet mich gleich entdecken; um eine Schaufel voll bitte ich; und gebt Ihr zwei, macht Ihr mich überglücklich. Es ist doch schon alle übrige Kundschaft versorgt. Ach, hörte ich es doch schon in dem Kübel klappern!«
»Ich komme«, sagt der Händler und kurzbeinig will er die Kellertreppe emporsteigen, aber die Frau ist schon bei ihm, hält ihn beim Arm fest und sagt: »Du bleibst. Läßt du von deinem Eigensinn nicht ab, so gehe ich hinauf. Erinnere dich an deinen schweren Husten heute nachts. Aber für ein Geschäft und sei es auch ein eingebildetes, vergißt du Frau und Kind und opferst deine Lungen. Ich gehe.« »Dann nenn ihm aber alle Sorten, die wir auf Lager haben; die Preise rufe ich dir nach.« »Gut«, sagt die Frau und steigt zur Gasse auf. Natürlich sieht sie mich gleich.
»Frau Kohlenhändlerin«, rufe ich, »ergebenen Gruß; nur eine Schaufel Kohle; gleich hier in den Kübel; ich führe sie selbst nach Hause; eine Schaufel von der schlechtesten. Ich bezahle sie natürlich voll, aber nicht gleich, nicht gleich.« Was für ein Glockenklang sind die zwei Worte »nicht gleich« und wie sinnverwirrend mischen sie sich mit dem Abendläuten, das eben vom nahen Kirchturm zu hören ist.
»Was will er also haben?« ruft der Händler. »Nichts«, ruft die Frau zurück, »es ist ja nichts; ich sehe nichts, ich höre nichts; nur sechs Uhr läutet es und wir schließen. Ungeheuer ist die Kälte; morgen werden wir wahrscheinlich doch viel Arbeit haben.«
Sie sieht nichts und hört nichts; aber dennoch löst sie das Schürzenband und versucht mich mit der Schürze fortzuwehen. Leider gelingt es. Alle Vorzüge eines guten Reittieres hat mein Kübel; Widerstandskraft hat er nicht; zu leicht ist er; eine Frauenschürze jagt ihm die Beine vom Boden.
»Du Böse!« rufe ich noch zurück, während sie, zum Geschäft sich wendend, halb verächtlich, halb befriedigt mit der Hand in die Luft schlägt, »du Böse! Um eine Schaufel von der schlechtesten habe ich gebeten und du hast sie mir nicht gegeben.« Und damit steige ich in die Regionen der Eisgebirge und verliere mich auf Nimmerwiedersehn.

Elfenliebe

Elfenliebe.

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I.

     Das will ich jedem guten Gesell, der zur Höh' ausreitet, sagen,
     Er reite nicht nach der Elfenhöh, und lege sich da zu schlafen.
          „Elfenhöh“ dänische Ballade.

Auf dem wellenförmigen Boden des schwedischen Nordlandes durchfegt den größten Theil des Jahres ein kalter, eisiger Wind die unermeßlichen Moräste und Haiden, und bricht sich an den Gletschern und Felsbänken, welche aus den Sümpfen emportauchen. Da tosen in tausendfachen Stürzen Quellen und Bäche in die Thäler, zusammenrinnend im braunen Seegewässer. Von Felswänden umstarrt, aus deren Ritzen nur hie und da eine geisterbleiche Birke hervorwuchert, von schwarzen Föhren umrauscht, brechen sich die dunklen Wogen am Schilfgestade, und das hohe feuchte Moos ist meist von bösen Kobolden, Trollen und Swartalfen bewohnt. Ihren Lieblingsplatz aber haben sie in dem einsamen Thale des Lulea-See's.
Nicht weit von der Stelle, wo sich die Lulea-Elf mit den Fluthen des See's vereint, stand eine Hütte. Hier wohnte Roger, der Fischer, mir seinem Sohne Nils. Keine freundliche Nachbarschaft suchte den Alten heim in den langen trüben Winternächten; denn weit und breit in der Umgegend war Alles öde und unbewohnt. Nach dem nächsten Flecken hätte man eine geraume Strecke Weges zu gehen, aber auch dahin verirrte sich der Fischer mit seinem Sohne nur ein paar Mal des Jahres, etwa um rothen Lachs, Hechte oder Forellen zu Markte zu bringen, und mit dem geringen Erlöse kargen Vorrath für den Winter einzutauschen. Der Alte war gar menschenscheu, ernst und einsilbig, und bildete einen sonderbaren Gegensatz zu dem jungen, lebensfrischen, blondhaarigen Burschen, der die Augen so leutselig umherwarf, wenn er seine Waare ausbot. Das waren aber auch die langersehnten Freudentage, wenn es nach Quickjock ging, allenfalls an hohen Festen, wo ihm die Orgeltöne der Kirche so gewaltig an’s Herz sprachen, oder am Markttage, wo er mit dein Vater zusprach bei der gastfreundlichen Muhme, welche den ersten Kramladen hatte im Orte.
Dadurch ward aber Nils nicht verwöhnt. Es behagte ihm auch in seiner Einsamkeit gar wohl, und drückte ihn die Luft innerhalb der rauchigen Pfähle seiner väterlichen Hütte, so nahm er die Flinte von der Wand, verfolgte Wolfs- und Luchsfährten, und streifte auf den Bergwäldern und Felsen umher. Es kam ihm just nicht darauf an, manch’ frostige Winternacht hindurch ein angeschossenes Stück zu verfolgen. Nebstdem hatte er eine gar helle, klare Stimme, und spielte die Geige, als hätte er’s einem Ellisermädchen abgelauscht. Da aber der Vater sein einziger Lehrmeister war, so konnte er es zu keinem frohen Liedlein bringen; denn was dieser ihm vorsang von Hagbar und schön Signill, die um ihres Liebsten willen verbrannte, und vom wilden Räuber Brun, den die Jungfrau erschlug, klang Alles so düster und schwermüthig, wie des Sees Rauschen oder wie des Schilfes Gestöhn, wenn die Welle durchfährt, oder wie der Sturmwind, der durch die Fichten weht.
Ostern war gekommen. Nils zählte nachgerade neunzehn Jahre; da ließ ihn der Vater allein nach Quickjock wandern in die Kirche. Noch wehte kein Lenzhauch; der Schnee schrillte auf den Haiden und übereisten Mooren, und kaum daß eine Dämmerung auftauchte am Himmel nach einer langen Nacht. Der Junge hatte lange im Orte verweilt, und es war spät an der Zeit, als er heimzukehren gedachte. Doch traute er seiner Kenntniß der Gegend, und der hellen, glänzenden Nacht voll leuchtender Sterne und glühender Nordlichter, deren Strahlen im farbigen Wiederspiele an den Eisfeldern und Isbräden des Quickjock-Falls sich brachen, und ihm jede Fährte im Schnee erkennen ließen. Getrost wanderte er seines Weges weiter. Die Osterlieder der Kirche, wie sie zusammenflossen mit dem vollen Orgeltone, klangen in seinem Ohre nach. Dabei dröhnte und krachte es im Gebirge, die lauere Luft rüttelte an den Eispyramiden der Gletscher. Sie seufzten und stöhnten wie im Schmerze über des Winters baldigen Abschied, und ihre Thränengüsse schwellten die Lulea-Elf, daß ihre Wogen mit doppeltem Gebrause sich über die vielen Abhänge stürzten, um unten für kurze Augenblicke auszurasten in dem beruhigenden Seebecken, welches sie wie liebend, wie besänftigend aufnahm in seine Felsenarme. Dieß Dröhnen und Tosen der nahen Elf, das Seufzen der Gletscher, deren zackige Säulen so gespensterhaft durch die blaue, kalte Mondlichtferne luegten, dann die eigene Stimmung, in welche er gerathen war, ohne zu wissen wie, bewegten den Jungen ganz eigen wundersam, und es ward ihm allmählig unheimlich zu Muthe, da er doch sonst keine Furcht kannte. Er verdoppelte seine Schritte, um baldmöglichst in die Ebene zu gelangen. Aber als verwirrte ein böser Kobold seine Sinne, so verlor er zuletzt auch die Richtung heimwärts, und vermochte sich nicht mehr in den Platz zu finden, auf den er gerathen. Das Glitzern und Flimmern der Schneefläche blendete sein Auge, und bei jedem Schritte brach die schwachübereiste Decke. Es mußte Thauwind geweht haben vom Schonenland herüber, das verschlimmerte den bösen Weg, und Nils mußte jeden Schritt vorwärts erst mit seinem starken Fichtenstocke prüfen, ob nicht etwa trügerisches Eis eine jähe Kluft verberge. So wurde er zum Hinsinken müde. Seine Tritte wurden schwerfällig und mehrten seine Noth. – Da kam es ihm plötzlich vor, als gäbe der Boden unter ihm nach. Schnell wollte er der Gefahr entrinnen, und setzte seinen Stock an, um sich über die gefährliche Stelle hinweg zu schwingen; – aber es war zu spät; das Eis brach und er stürzte wohl sechs Klafter tief in eine Höhlung im Berge.
Betäubt lag Nils einige Minuten; doch bald ermannte er sich wieder, denn er war auf hohes Moos gefallen, und es kam ihm schier vor, als hätten ihn weiche Arme herabgetragen. Wie im Traume geschah es ihm, als er sich in der schmalen Schlucht umsah, welche zwischen senkrechten, nicht zu erklimmenden Felsen eingeengt war. Alles erschien ihm fremd, da er doch kaum eine Stunde Weges von seiner Hütte entfernt sein konnte, auch sonst Wege und Stege kannte im Gebirge, wie die Winkel am heimathlichen Herde. Es däuchte ihm, als habe sich das Gestein erst während seines Falles gespalten. Nebstdem wehete es hier wie Lenzluft. Am Gießbache, der sich durch den Schacht hinwand, grünte junges, duftiges Gras, Farrenkräuter und Sumpfblumen, und die gelben Wasserlilien schwankten ob den glänzenden Wogen; durch den Bruch in der Eisdecke über ihm leuchteten die Sternlein herein, und spiegelten sich im thauigen Moore. – Nach manchem vergeblichen Versuche fand es Nils unmöglich, die Felsenwände zu erklimmen, und suchte einen andern Ausweg aus der Tiefe. So ging er denn die Schlucht entlang. Mit jedem Schritte aber, den er vorwärts machte, erweiterte sich der Thalgrund. Wie graue Schatten wichen an beiden Seiten die Wände zurück; ein eigener, warmer Glanz zitterte durch’s Geäste der zerstreuten Föhren und Kiefern. Je weiter er vordrang, desto mehr däuchte es ihm, als ginge er geraden Weges dem Frühlinge entgegen. Blümlein, wie im Mai, dufteten auf zu ihm aus dem hohen Moose, frischgrünende junge Fichten streuten ihren würzigen Geruch aus, und ein warmer Hauch spielte in seinen Haaren. Er wußte nicht, wie ihm geschah: da vernahm er näher und näher ein seltsames, wunderbares Getön von Harfen und Geigen. Hinter den Föhrenstämmen sich haltend, drang er behutsam vorwärts, dem Glanze entgegen, der durch’s Gezweige flimmerte. Da sah er durch die Lücken des Gebüsches, wie der Thalgrund allmählig sich öffnete zu einem weiten Halbkreise, umhegt von goldadrigen Felsen. In den Steinwänden drinn glitzerte und schimmerte es wie von gegossenem Krystalle; eine hohe, schlanke, durchsichtige Säulenreihe trug das Gewände, welches wiederstrahlte vom Glaste des Erzes und Edelgesteins. Prunkende Säulen nach allen Seiten, mit Kränzen von Bergrosen geschmückt, verloren sich in der Tiefe des Felsens. Aus dem Grunde drang ein wundersames Licht, welches Sterne und farbige, feurige Garben ausgoß wie ein Springquell, so übermächtig strahlend und leuchtend, man hätte den Glanz eines Lenzmorgens für Dämmerung dagegen halten mögen. Im thauigen Wiesgrunde aber, der sich davor ausdehnte, spiegelte sich das Bild des Feenbaues, wie in einem stillen, grünen See; d'rauf tanzten die Elfen ihren Reigen. In lieblichen Windungen bewegte sich der schöne Chor um die Königin, die in der Mitte auf einem Mooshügel saß, und wo ihre Füße den Rasen berührten, gingen Blümlein auf, und bildeten die duftigen Elfenringe. Ein Theil der Mädchen saß im Vorgrunde, schlug die Goldharfen, und sang ergreifende Weisen dazu. –
Nils gedachte zu träumen. Was er sah und hörte, berauschte ihn, wie junger Most. Mit klopfendem Herzen drang er vor bis an den Saum des Kreises, wo ihn das junge Lerchenholz vor den Blicken der Elfen verbarg. Eine gute Weile hatte er gelauscht, als die Zauberlieder leise verhallten und ein leichter Nebel sich von der Felswand niedersenkte. Es schwamm vor seinen Blicken. Da lehnte er sich an einen Lerchenstamm, und die Augen fielen ihm zu.

II.
          Groß Feuer löscht des Wassers Fluth,
          So auch den brennenden Brand;
          Doch wer ist's, der die heiße Gluth
          Der Liebe dämpfen kann?
               „Axel und Waldborg.
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Eine weiche Hand strich Nils über die Stirne. Es kam ihm vor, als erwache er vom Traume, und als er die Augen aufschlug, hielt er sich wie geblendet die Hände vor. Hatte doch noch nie solch ein Blick dem seinigen begegnet. Das Elfenmädchen aber, das vor ihm stand, hielt ihn gar freundlich bittend zurück, als ihm ein leiser Schauer überkam, und er der gefeieten Stelle entfliehen wollte, eingedenk der unheimlichen Mährchen, welche ihm der Vater erzählte. Lächelnd bat sie ihn zu bleiben. Ein warmer Hauch wehete von ihren Lippen; die Hand, welche ihn hielt, fühlte sich so weich und warm, und sie sprach so traulich und kosend zu ihm, daß Nils allmählig allen Schauer vergaß. Als nun die schöne, schlanke Maid ihm erzählte, wie sie ihn schon oft gesehen, als er ihr Gebiet durchstreifte, um dem Wilde nachzuspüren; wie sie ihn von Tag zu Tag heimlich lieber gewonnen und ihn selbst verlockt hätte an diese Stelle; da ward es dem Jungen so überaus wonnig zu Gemüthe, und es hielt ihn an dem Platze gefesselt, wo ihm ein Liebesfrühling aufging in den blauen Augen des Elliser-Mädchens. Erwiedernd gab er sich ihren Liebkosungen hin. Der gespenstige Spuk im Thalgrunde war verschwunden, und die Sternlein leuchteten so freundlich nieder, wie Ritzen in der Himmelsdecke, durch welche die goldene Mährchenwelt schimmert. Als aber der Mond unterging hinter den Eisfeldern der Isbräden, da bedeutete sie ihm, wie sie nun scheiden müsse, und wie schwer ihr dieß auf's Herz fiele. Nils hatte fast auf den Heimgang vergessen. Zögernd folgte er der Weisung der Jungfrau, welche ihn dem Ausgange der Schlucht zuführte, und als er von ihr Abschied nahm, ward es ihm ganz schmerzlich zu Muthe. Als sie ihn aber bat, sie an gleicher Stelle bald wieder heimzusuchen, da hatte er wohl nie in seinem Leben eine freudigere Zusage gethan. Darnach spielte es wie leiser Hauch um seine Lippen, und die Elfin verschwand im Nebel.
Leicht vermochte nun Nils den Weg in des Vaters Hütte zu finden; leichter noch fand er die Steige wieder, die ihn des folgenden Abends zu seiner Lieb brachten. Da begannen seine seligen Nächte. Der Liebe Kuß erweckte den schlummernden Lenz seiner Seele, und die Lieder, welche ihn das Elfenmädchen lehrte, klangen d'rein wie Nachtigallenschlag.
„Nenne mich Ellide,“ so bat ihn die schöne Maid, und dem Jungen kam es vor, als läge in dem Worte die Sprache der Sterne, der Duft von tausend Blumen. Er nannte sie seine Ellide, und das klang den ganzen Tag über so sehnsuchtsvoll in ihm fort, daß er die Nacht kaum erwarten konnte, wo er es ihr wieder zurufen durfte. Ellide hatte ihm strenge geboten, ihre Liebe mit keinem Laute zu verrathen. Es kam ihn schwer an, den großen, weiten Himmel im engen Raume seines Herzens zu verschließen. Aber er hielt, was er versprach, und war still und einsilbig vor seinem Vater. Diesem fiel aber das träumerische, hindämmernde Wesen seines Nils längst auf. Er merkte in ihm eine böse Veränderung. Der sonst so lebensfrische Junge brütete den Tag über hin, wortlos und in sich verschlossen, und was ihn sonst freudig aufregte, ging nun theilnahmlos an ihm vorüber. Sein empfängliches Herz hatte das mächtigste Gefühl mit solcher Kraft, so ausschließend in sich aufgenommen, daß alles Uebrige unterging in dem einen Gedanken, den er dachte – Ellide. Die Lieder, welche ihm sein Mädchen gelehrt, waren das Liebste, womit er sich den Tag über beschäftigte. Den Alten aber erfaßte es jedesmal wie trübe Ahnung, so oft er den Weisen seines Nils lauschte.
Das dauerte fort eine geraume Zeit. Dem kurzen Frühlinge war ein schnellreifender Sommer gefolgt. Dem Fischer fiel es auf, wie sein Sohn alle Abende die Hütte verließ, wenn sich der letzte Tagesstrahl im Lulea-See spiegelte. Aber ehe es ihm möglich ward, seiner Spur zu folgen, war dieser verschwunden.
Einmal so war Nils wieder in später Nacht heimgekehrt. Er luegte, ob der Vater schlief; und da er sich hiervon überzeugt hielt, nahm er die Geige von der Wand. Er hatte ein Lieblingsplätzchen am See. Ein Felsvorsprung ragte über das Wasser hin. Zwei Birken hatten ihre Wurzeln eingegraben in die Steinritzen. Das hohe Schilf rankte d'rüber hin, und der Wellenschaum netzte das Moos, wenn der See hoch ging. Hierher setzte sich Nils, und es war ihm, als tauchte das Bild seiner Herzliebsten aus den Seewogen empor mit den blauen, lächelnden Augen, und den goldgelben Haaren, und winke ihm sehnsüchtig zu. Da fuhr er über die Saiten, und sang, was ihm seine Ellideerst den jüngsten Abend gelehrt hatte:

Jung Olof ließ satteln sein graues Roß;
Er reitet vorbei an der Meerfrau Schloß,
Er reitet vorbei an des Schloßes Thor:
Da stehet die holde Meerfrau davor.
     Wie die Linden zittern im Haine.

Willkommen, willkommen, jung Olof mein,
Wie lange, wie lange schon harrt' ich dein!
Sag, Junge, wo ist dein Heimathland?
Sag, Junge, woher dein gülden Gewand?
     Wie die Linden etc.

Am Kaiserhof ist der Vater mein,
Da hab' ich Mutter und Schwesterlein,
Die legten mir mit der weißen Hand
Um Hüft' und Lende mein gülden Gewand.
     Wie die Linden etc.

Da hab ich Aecker und Auen und Hain,
Da steht auch gemacht mein Brautbettlein,
Da hab ich auch mein Bräutlein still,
Dafür ich leben und sterben will.
     Wie die Linden etc.

Da lud ihn die Meerfrau zu sich herein,
Sie trank ihm zu ihren klarsten Wein,
Sie schlang ihren Arm um die Hüfte hin,
Ihre Locken schatteten über ihn.
     Wie die Linden etc.

Wie die jungen Linden duften im Thau,
So duftet der Athem der Zauberfrau.
„Und sage, wo ist nun dein Heimathland?
„Und sage, wer gab dir das güld'ne Gewand?“
     Wie die Linden etc.

„Wo hast du Aecker und Auen und Hain?
„Wo steht nun gebettet dein Brautbettlein?
„Wo wohnt die schlanke, goldlockige Maid,
„Um die du gegangen, um die du gefreit?“
     Wie die Linden etc.

Hier hab ich mein' Heimath und Fluren und Hain;
Hier sollst du mir betten das Brautbettlein;
Sei du mir selber das Bräutlein still,
Um das ich leben und sterben will.
     Wie die Linden etc.

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Also sang Nils in die mondhelle Nacht hin, und der helle Klang verlor sich im leisen Rauschen des Wassers. Da legte sich eine Hand auf seine Schulter. Erschrocken sah er sich um; sein Vater stand neben ihm. Er hatte seines Kindes Lied belauscht. Als ahnte er, welch' ein Lehrmeister seinen Nils in diesen seltsamen Weisen unterrichtete, so drang er erst liebevoll, dann ernst und mahnend in ihn, daß er sein Herz aufthun möchte vor seinem alten, treuen, einzigen Freunde, seinem Vater, vielleicht daß dieser Trost und Heilung wüßte, woher ihm solche Noth wäre. Aber Nils blieb nach wie vor verschlossen selbst gegen seinen einzigen Freund, denn also hatte er es seiner Ellide zugesagt.

III.

          Heim ging die Jungfrau Else,
          Ihr Herz von Sorgen wund;
          Darnach am Monatstage
          Lag sie im schwarzen Grund.
               „Ritter Ange und Jungfrau Else.“'

Ein kurzes Frühroth leuchtete des anderen Tages am Himmel. Der Schiffer und sein Sohn hatten vor Anbruch des Morgens die Netze ausgeworfen. Schweigend saßen sie am Ufer. Endlich hub der Alte an: „Es hat mich lange gedrängt, mein Nils, dir von einer Zeit zu erzählen, da auch auf meinem Lebenshimmel die Morgenröthe der Jugend zitterte. – Noch kennst du nur die Stelle, wo deine Mutter liegt und den langen Schlaf schläft; du bist alt genug, um zu erfahren, was ihr das Herz abdrückte in ihren Maitagen!“ Nils horchte auf, und der Alte fuhr also fort:
„Ich war ein Junge, kaum einige Jahre älter als du. Meines Vaters Hütte stand dazumal am jenseitigen Ufer des Lulea-See's, wo dort der Morgenstrahl auf dem Fichtenwalde ruht, der bis tief in die Landzunge hereinreicht. Schon vor meinem achtzehnten Jahre ward ich vater- und mutterlos, und lebte ein einsames Leben innerhalb der rauchigen Holzwände, welche den väterlichen Herd umschlossen. Diese öde Wirthschaft kam mir eben nicht sonderlich lustig vor. Bei allen dem war es auch nicht geheuer in der Umgegend. Trollen und Gnomen und sonst viel unheimlich Geistervolk hausete drüben, und sie drangen bis in den Stall meiner Hütte, so daß ich oft in der Dämmerung die Zwerggestalten mit ihren rothen Lappen auf dem Kopfe an mir vorüberhuschen sah. Dieser Spuk vermehrte das Unheimliche der heimathlichen Stelle, deren Leere mir seit dem Tode meiner Eltern ohnehin sehr schmerzlich fiel. Schon war ich daran, mich als Knecht an den Ohm in Quickjock zu verdingen, der nebst seinem Kramladen manch gutes Stück Ackerland besaß. Da begab es sich, daß ich mich noch vor Ausführung meines Planes in den Julitagen auf der Jagd verging. Die Kälte war grimmig, und so sehr ich fühlte, daß mein Leben auf dem Spiele stand, so konnte ich doch den Schlaf nicht überwinden, der mich schier zu Boden drückte. Ich mußte nachgeben, und so legte ich mich denn auf den schneebedeckten Boden unter einer breitästigen Fichte nieder, und entschlief.
Es mochte kaum ein Stündlein vergangen seyn, als eine wohlthuende Wärme mir die erstarrten Glieder durchdrang, und ich im Traume eine helle, freundliche Musik vernahm, so deutlich, daß ich d'rob erwachte. Voll Staunens merkte ich, wie ich auf üppigem Grasboden lag, einen Kreis frischblühender, bunter Blumen um mich, welche die Luft rings mit Wohlgeruch erfüllten. Es war, als athmeten die Fichtenäste Sommerluft aus, so mild und lau wehete es mich an, da doch rings umher hoher Schnee auf dem winterlichen Felde lag. Anfangs kam es mir vor, als ob ich mich noch in meinem Traume fortbewegte; aber gar bald gelangte ich zur Ueberzeugung, daß ich auf die Elfenhöhe gerathen seyn müßte. Ihre Musik war es, die ich im Schlafe vernommen, unter ihrem Reigen war der Schnee geschmolzen, und keimten die Elfenringe empor. Voll Schrecken raffte ich mich auf, um die gefeiete Stelle zu verlassen; aber der Druck eines weichen Armes hinderte meine Bewegung. Eine schöne, blasse Dirne stand vor mir. Mit einer Stimme, wie Meerfrauengesang, bedeutete sie mir, daß ich ihr und ihren Elfenschwestern mein Leben zu verdanken hätte. Unfehlbar wäre ich auf meinem eisigen Bette erfroren, hätte nicht – da sie mich auf ihrer nächtlichen Wanderung gewahrten – ihr Tanz und ihr Zauberlied einen Frühling um mich aus dem Schnee hervorgelockt. So sprach die blonde Maid zu mir, und ihre Worte klangen alle so lockend, daß sie mir unwiderstehlich die Seele einnahmen. Ueber kurz – so setzte sie sich zu mir nieder unter den Fichtenbaum, legte ihre Hände in die meinen, sang mir liebliche Mährchen vor, und vom Gezweige herab flüsterte und klang es dazu wie Amselschlag. Das bewegte mein tiefstes Herz, und als ich ihr Valet sagte, fügte ich das Versprechen bei, des anderen Tages wieder zu kommen. Ich hielt auch, was ich zusagte. Von nun an verging keine Nacht, die ich nicht bei schön' Adelin verträumte. Meine Liebe wuchs wie die Alpenblumen in den Tagen des Hochsommers, und die ihre ward nicht schwächer mit der Zeit. Wollte mich hie und da ein unheimliches Gefühl übermannen, daß meine Liebe jenen geisterhaften Wesen gehörte, mit denen wir Menschenkinder nichts gemein haben sollten, die sich nicht selten unhold und feindselig gegen uns zeigten, so wußte schön' Adelin derlei Gedanken durch ihre Liebkosungen gar wohl aus meinem Herzen zu verdrängen. So gab ich mich ihr hin mit Leib und Seele. Den Plan, meine Hütte zu verlassen, ließ ich fallen, und der Ohm in Quickjock mochte sich um einen andern Knecht umsehen.
Um dieselbe Zeit wollte sein Sohn Hochzeit halten mit deiner Muhme. Auch mich ließ er laden zum Halnigdansen auf den Freitag nach Pfingsten, und ich konnte meine Zusage nicht verweigern. Als ich aber schön' Adelin mein Vorhaben kund that, da ward sie betrübt, als dränge sich ihr ein ahnendes Gefühl an's Herz. Je näher der Tag rückte, da ich zur Hochzeit wandern sollte, desto drängender und flehender wurden ihre Bitten, daß ich bei ihr bleiben möchte nur dieses Mal; dabei standen ihr die Thränen in den blaßblauen Augen. Doch hatte ich keinen Grund, von meinem Versprechen abzugehen, um so mehr, als ich binnen drei Tagen wieder zurückkehren wollte. So nahm ich denn Abschied von ihr, zehnmal wieder umkehrend und sie besänftigend, und als ich mich endlich losgerissen hatte aus ihren Armen, und meiner Hütte zuging, da war mir's selber so schmerzlich zu Muthe, daß ich fast beschloß, daheim zu bleiben. Doch – dem Himmel sei Dank – ich überwand mein thörichtes Gefühl!
Des anderen Tages zu guter Zeit machte ich mich auf den Weg nach Quickjock. Der helle, sonnige Morgen, dessen erster Strahl die Firnen beschien, machte mich heiter und fröhlich gestimmt. Ich wäre ein glücklicher Junge gewesen, hätte sich nicht die Erinnerung an schön' Adelin so oft trübselig in mein Herz eingeschlichen. – Nachgerade mußte ich über den Zustand meines Gemüthes nachdenken, und je freudiger die Sonne in den Tag hinein schien, desto unheimlicher kam mir die Liebe zu dem Elfenmädchen vor. So schnell eilte ich noch nie den Fußsteig längs des Seegestades und durch den Föhrenwald hin, wie dieses Mal. Immer däuchte es mir, als erlauschte Adelin meine geheimen Gedanken, und blicke gespensterhaft drohend hinter jedem Föhrenstamme, hinter jeder Felsenklippe vor, die mir am Wege aufstieß. Mir war erst wieder wohl um's Herz, als es Thal abwärts ging, und der Kirchthurm des Fleckens mir so sonntäglich entgegenblickte.
Freundlich empfing mich die Muhme und ihr Sohn mit dem wackeren Bräutlein. Sie wurde nicht müde mit Vorwürfen, daß ich so lange gesäumt, sie heimzusuchen. Wie ging mir die Seele auf, als ich mich wieder unter rothwangigen, lebensfrohen Menschen bewegte! Als ich mit der Muhme Töchterlein am Arme hinter den Brautleuten in die Kirche wanderte, nach langer Zeit wieder der fromme Klang der Orgel an mein Ohr schlug, und die schönen, segnenden Worte des Pastors; da erfaßte mich ein tief inniger Schmerz über meine Verirrung und über die sündhafte Neigung zur Elfendirne, und ich gelobte mir selber, abzulassen von dem bösen Wahne, der meine Sinne umstrickt hielt. So wendete ich mich an den frommen Mann, der über den Vetter und seine junge Braut den Segen ausgesprochen, schüttete ihm mein Herz aus, und erzählte ihm von der bösen Neigung, die sich meiner bemächtigt hatte. Der redete zu mir warnend, tröstend und rathend, so daß ich fest ward in meinem Plane. Gerne gab ich den Bitten der Muhme und ihrer Tochter, der schlanken Mary, nach, die mir's nicht gestatteten, als ich mich nach dem ersten Halnigdansen heimwärts auf den Weg machen wollte. Ich blieb einige Tage, und wenn es mich auch nicht selten sehnsüchtig gemahnte an schön' Adelin und an die Mondnächte, da meine Hände in ihrem Schooße lagen, und ihre Locken mir um's Haupt flatterten, so schauete ich in Mary's dunkleres Auge. Das verscheuchte die trüben Bilder meiner Seele. Nach der Hand lauschte mir es Marywohl ab, daß mich etwas ängstige, und da sie so theilnehmend nach meinem Kummer fragte, konnte ich nicht umhin, und erzählte ihr eines Abends vom Ellisermädchen und von meiner Liebe. Mary erschrack und eine Thräne stand ihr im Auge. Doch faßte sie sich bald, und ich will nie vergessen, wie freundlich mahnend sie mir an's Herz redete, wie sie mir ihr Amulet aufdrang, das sie bisher um den Hals hing, und wie sie des andern Tages so herzinnig von mir Abschied nahm, als ich wieder heimzuwandern beschloß.
Zu Hause angelangt, überwand ich die Sehnsucht, die mich hinaustrieb zu schön' Adelin, hielt mich wacker an Bibel und Gebetbuch, wenn ich des Abends Spuk verspürte, oder gedachte an Mary's rothe Wangen; unter Tages aber ließ ich mir keine Arbeit verdrießen, und schaffte nach bester Kraft, um das Ziel zu erreichen, das ich mir vorgesetzt hatte. Oefter als gewöhnlich, ja wider Willen, trieb mich's nach Quickjock. Zwar schlug ich's der Muhme rundweg ab, als sie mich im Kramladen zurückhalten wollte, da mein frisches Gemüth hätte versauern müssen. Doch ließ ich ihr meine Absicht merken auf ihr Töchterlein, und sie ward darob nicht ungehalten. Das war mir vorderhand genug, und ich ging mit neuer Lust und Kraft an's Tagewerk. Auch segnete der Himmel meine Arbeit. Der Fischfang fiel reich aus; zudem löste ich aus den Körben, die ich flocht und selbst zu Markte trug, ein gut Stück Geld. – Sofort ging ich daran, meine Wohnstelle von dem Platze zu entfernen, wo Gespensterfurcht und böse Erinnerungen mich ängsteten. Ich wendete mein erspartes Geld daran, und baute meine Hütte an die Stelle, wo sie jetzt noch steht. Nach Jahr und Tag, da Alles wohnlich und geräumig eingerichtet war, eine Kuh im Stalle lag, und der Kohl blühete im Gärtlein vor dem Hause, ging ich frisch an's Werk, freiete um die schlanke Maryund die Muhme sagte sie mir zu. Mary hatte mir selber schon längst zugesagt. Sie ward mein Bräutlein, und meine seligen Tage begannen. Nichts trübte mein Glück; denn die Erinnerung an schön' Adelin war längst verwischt aus meiner Seele, und die Stelle, wo ich meinen neuen Herd aufgeschlagen, blieb frei vom Geisterspuke.
Vier Wochen nach Pfingsten sollte Hochzeit sein. Ich hatte mich stattlich herausgeputzt, und wanderte seliger Hoffnungen voll nach Quickjock, die kleine Wiegengabe unterm Arme, die ich meinem Bräutlein bringen wollte. Alles war bereit, da ich ankam. Bald war Mary mein angetrautes Weib, und ein kurzes, fröhliches Hochzeitmahl folgte. Nach dem Kronabtanzen nahmen wir heimlich Abschied von Schwiegermutter und nächster Sippschaft, und Mary folgte mir in ihre neue Heimath. Es war ein schöner, freundlicher Tag, und wir gingen selbander den Fußsteig, daß wir in ein Paar Stündlein den See erreichen konnten. So wünschte es Mary. Ob ihr auch manches Thränlein unter den Wimpern hervorquoll, als sie der Eltern Haus verließ, so ging sie doch freudig ihrem neuen Haushalte entgegen. Der Abend dämmerte über's Gebirg herüber, und röthete den Wellenschaum der Lulea-Elf, an deren Ufern uns der Weg hinführte. Es war uns beiden gar tiefwonniglich um's Herz! Wir sprachen nichts, und ließen uns doch gegenseitig in die Seele schauen. Ich fühlte, was sie dachte, da sie sich fest an meinen Arm schmiegte. Der Mond stieg zwischen den Goldwolken empor, und es kam uns beiden vor, als sei er noch nie so schön aufgegangen. Als wir den Wald betraten, zitterte sein Licht zauberhaft durch das Geäste. Marylegte sich mir an's Herz. Es bewegte sich ein Schwall von Empfindungen in ihrem Gemüthe, daß sie sich der Thränen nicht erwehren konnte. Gedachte sie auch, einer frohen Zukunft entgegen zu gehen, so lagen doch ihre Jugendträume hinter ihr, als die Gefühle, welche sie im Vaterhaus bewegten, wie der Tag, der so eben von uns geschieden war. Wir setzten uns nieder auf einen Windwurf, und ich beugte mich über sie, um ihr die Thränen wegzuwischen vom Auge. Da drang es plötzlich wie ein Wehruf zu uns her. Schnell rafften wir uns empor. Es dämmerte tiefer im Wald. Auf einer Felsenkuppe aber, die jenseits des Flusses über dem Wasser hing, stand ein Weib, die Arme wie drängend und abwehrend gegen uns erhebend. Ihr weißes Gewand schimmerte wie Schnee im Mondenlichte, und ihr lichter Schleier flatterte im Abendwinde. Schauerlich wie der Norne Lied, tönte ihr Spruch über das rauschende Gewässer herüber zu uns:
     König Egir's Töchter im Lulea-See –
     Ihr Brautlied drang aus den Wogen.
     Da bewegt' es die Elfin wie Liebesweh,
          Wie Liebesweh;
     Hei Schatz, du hast mich betrogen.

     Eine Wiegengabe bringe ich dir,
     Einen Segen in's bräutliche Bette:
     Und nach fünf Monden und aber nach vier,
          Und aber nach vier,
     Da liegt sie dir auf dem Brette.

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Adelin – – so rang sich ein Angstschrei aus meiner Seele! Das Weib verschwand im Felsen, und meine Mary lag mir leblos im Arme. Ich trug sie auf meinen Händen in die Hütte. Ihr Leben kehrte zurück; aber ein nagender Schmerz bewegte sich in ihrer Seele. Der Zauberspruch hatte ihr einen unheilbaren Stich in's Herz gethan. All' meine starke Liebe, womit ich sie umschloß, wie der Sonnenschein die Lenzblüthen, brachte ihr die Heiterkeit nicht wieder. Sie dämmerte fort, wochenlang – mondenlang; und wenn ich sie gebrochenen Muthes an's Herz drückte, dann weinte sie still vor sich hin, und mir blieb keine Hoffnung, den geheimen, fortwuchernden Gram ihr je aus der Seele reißen zu können. Selbst die Ahnung der seligsten Menschenfreude, die bald zur Gewißheit ward, richtete sie nicht auf. –
Nach neun trüben, schmerzhaften Monaten aber lag sie auf dem Brette, wie die Elfin gesungen; und ihr zugefallenes Auge konnte die Frucht ihrer unglückseligen Liebe nicht mehr schauen. – Da brach mir der letzte Rest meiner Stärke, und ich fiel über mein todtes Weib hin, laut weinend und jammernd, und hatte nur einen Wunsch, gestorben zu sein mit ihr! – –
Du, mein Nils – du warst noch die einzige Stütze, die mich hielt. In deinen Zügen dämmerte mir das Bild meiner abgeschiedenen Mary auf, und als ich sie eingegraben hatte an der Stelle, wo sie jetzt noch schlummert, da klammerte ich mich an dich, als das letzte Glied der Kette, die mich an die Welt fesselte. Ich schloß mich ab von den Menschen, deren Freude mir weh that. Du warst der einzige Punkt, um den sich meine ausschließende Liebe bewegte. Ich freute mich über dich, wie über einen aufgehenden Stern in der Winternacht. So bin ich grau geworden. Willst du mir am Abende meiner Tage den Anker ausziehen aus der Scholle, an die er mich noch hält? Mein Nils,mein einziges Kind! Soll dich ein Schmerz verzehren, dafür dir dein Vater keinen Trost geben kann, weil du dein Herz verschließest, wenn er anklopft und dich fragt: Was fehlt dir?“ – –

IV.

          Herrgott, sei gnädig mir armen Mann,
          Meinem einzigen Kind hab ich Leid angethan!
               „Herzog Freudenberg und Fräulein Adelin.“

Sorgfältiger denn sonst beobachtete der alte Fischer des andern Tages seinen Sohn. Auch Nilsthat, was er vermochte, um heiter zu scheinen, und hatte sich fest vorgenommen, am Abende daheim zu bleiben. Als jedoch die Dämmerung kam, und die Nebel sich senkten, konnte er seiner Sehnsucht nicht mehr Meister werden. Im Augenblicke, da er sich für unbelauscht hielt, entschlüpfte er den spähenden Blicken des Vaters, und ging die gewohnten Steige, die ihn zu seiner Liebsten führten.
Aber der Alte hatte seiner wohl in Acht. Die Richtung verfolgend, die sein Junge von der Hütte weg genommen hatte, gewahrte er bald seine Fährte im thauigen Grase. Ein dichter, grauer Nebel hatte sich von den Bergen niedergezogen, und gönnte kaum die Aussicht auf ein Paar Schritte vorwärts. Doch führte die einmal aufgefundene Spur den Fischer auf den rechten Weg fort. So mochte er wohl über eine Stunde gegangen seyn, als er das Rauschen der Lulea-Elf zu seiner Rechten vernahm. Es war Abend geworden, und die Sonne bereits hinter den Firnen verschwunden. Alles still im weilen Umkreise, man hörte jede Welle an die andere schlagen und hinziehen durch's Geröhricht am Ufer. Da schien es, als bräche ein rother Schein durch den Nebel, ein eigener, zitternder Glanz, nicht wie die Abendröthe, die bereits dem Dunkel gewichen war. Einzelne Töne klangen aus nächster Ferne. Der Alte fühlte sich wie von geheimen Schauer ergriffen.

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Es waren bekannte Stimmen, die ihm der Wind entgegen trug. Die Felsenwände mit ihren dunklen Tannen und Kiefern traten näher; er konnte sie unterscheiden trotz der unbestimmten Formen, welche sie im Nebel annahmen, und sie erweckten in ihm ängstliche Erinnerungen an bekannte Plätze. Da hörte er das Lied singen von den wahrsagenden Nachtigallen am Brunnen, die schön' Sidselills Tod kündeten ihrem Liebsten, ganz in jener wundersamen Weise, wie sie Adelin ihm gelehrt hatte, und unter seinen Füßen, so weit er sehen konnte, dehnten sich die Elfenringe aus. Wie im Fieberfroste zitterten ihm die Kniee. – Sein Sohn – sein einziges Kind – hatte er nicht deutlich Nils Stimme vernommen? Klang nicht das Lied von den wahrsagenden Nachtigallen wie ein prophetischer Sang? Er wollte rufen – die Stimme versagte ihm. Jetzt brach der Mond durch den sinkenden Nebel, und beleuchtete die Stelle vor ihm. Ein dumpfer Angstschrei rang sich los aus seiner Brust. Adelin – – sie war es, – dieselbe, welche auch ihn einst zur Liebe verlockt, – dieselbe, deren Spruch den Tod brachte über seine Mary, – und Nils, sein Nils in ihren Armen! – Erschrocken fuhr dieser empor, und als er seinen Vater gewahrte, bleich und bebend, das fahle Gesicht vom Mondlicht beleuchtet, die Haare flatternd im feuchten Nachtwinde – da stürzte er lautlos zusammen!
Aber wie bitterer Hohn lag es auf den Zügen der Elfendirne. Sie hatte ihre verschmähte Liebe gerächt, und wie damals auf der Felsenkuppe, so schimmerte ihr schneeiges Gewand und wehte ihr weißer Schleier im Winde, und mit den Armen den Hervorstürzenden abwehrend, sang sie nach der alten Weise:

     Du hast mir gebrochen die Lieb und Treu,
     Hast ein fremdes Bräutlein umschlungen.
     Und nach zwei Wochen und aber nach zwei
          Und aber nach zwei,
     Da liegt die Mutter beim Jungen!

Alsdann zerrann sie, wie die Wolke vor dem Sonnenlichte. Der Alte aber schleppte seinen Sohn heim, der an einem schlimmen Fieber dahin siechte, und nach vier Wochen grub er ihm ein Plätzlein aus neben seiner schlanken Mary. –

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Quelle. wikisource

Freitag, 28. April 2017

E. Jouy - Sappho oder die Lesbierinnen

E. Jouy - Sappho oder die Lesbierinnen


NACH einem ausgiebigen Bummel durch die ChampsElysées an einem jener herrlichen Frühlingstage, an denen Lebenslust und Liebreiz der Natur in gleichem Maße alles, was die Weltstadt Paris an Frauenschönheit aufzubieten vermag, zu diesen freundlichen Stätten ziehen, hatten Arthur und Karl in nur geringer Entfernung von der menschendurchfluteten Allee ein Plätzchen gefunden.
»Wie ich dir dankbar bin,« begann Karl zu seinem Freunde gewandt, »daß du mir die Augen über Déidamie öffnetest. Ohne dich wäre ich blindlings in ihre Falle gegangen. Die Dichter haben ganz recht, wenn sie die Liebe mit verbundenen Augen darstellen!«
»Genieße und du wirst ihr die Binde herabreißen. Sieh, Karl, mit der Liebe ist es wie mit der Furcht: man wird von beiden geheilt, ist man dem Gegenstande seiner Zuneigung oder Bangnis nur genügend nahe. Du hättest mir sicher nicht deine Hilfe angedeihen lassen, wenn du es nicht gewesen wärest, der mich in die Arme der Schönen getrieben hätte. Ich fürchtete das Schicksal Semeles, du aber bereitetest mir das Los des Ixion.«
»Du bist nicht der erste, der darüber klagt, seine Geliebte physisch und psychisch nackt erblickt zu haben.« 
»Wirst du denn nie mit seinen törichten Aphorismen aufhören?«
»O doch! Und zwar an dem Tage, wo du feierlichst deinen platonischen Phantastereien entsagst und nach deinem Bellerophonsritt vom Rosse steigst, um hier mit den Frauen vorlieb zu nehmen, wie sie der Himmel geschaffen hat.«
»Ja, es ist nun einmal nicht so ganz leicht, mein Lieber, die Hoffnung, auf die ich das ganze Glück meines Lebens gegründet habe, so einfach aufzugeben. Du hast gut reden; ich aber bin dessen gewiß, eines schönen Tages der besseren Hälfte meines Ichs zu begegnen, deren Dasein mir die Stimme meines Herzens kündet.«
»Sag’ nur ruhig: deiner Phantasie. Ich wiederhole dir zum hundertsten Male, mein lieber Karl: das einzige Mittel, um glücklich zu sein, besteht darin, sich nicht ein Glück zimmern zu wollen, das der Natur widerstrebt. Wir haben nur unsere fünf Sinne, und jede Seligkeit, die wir auszukosten vermögen, verdanken wir stets einer mehr oder minder glücklichen Kombination dieser Sinne; ähnlich dem lieblichsten Sang und den strahlendsten Akkorden, die auch nur aus den sieben Noten, auf denen sich die Musik aufbaut, bestehen. Ein Narr, der wie du die Tonleiter der Mutter Natur umzustoßen trachtet. Das ist, hoffe ich, die höhere Auffassung; und deine Déidamie könnte sie nicht besser formulieren.« 
»Du weißt wohl selbst, was ich dir alles darauf erwidern könnte; gerade mit Hilfe meiner feinen Unterscheidung der beiden Wesenheiten im Menschen könnte ich dich führen, wohin es mir beliebt.« 
»Wenn es dir nur belieben würde, mich bis zu den beiden freien Stühlen dort in der großen Allee zu führen, dann würde ich da gern all die entzückenden Frauen Revue passieren lassen, die dort hin und her schwirren wie die Träume in deinem Kopf.«
(Man wechselt den Platz.)
»Welch reizender Blick,« begann Arthur wieder und bog seinen Stuhl zurück, so daß dessen Lehne den Baum berührte, »welch köstliche Fülle entzückender Erscheinungen! Man glaubt ein ganzes Blumenbeet in Bewegung zu sehen. Glücklich die Biene, die in dem Kelch der Rose verweilen darf.«
»Glücklicher noch der Schmetterling, der alle liebkost. Wisse, mein Seladon, daß das Studium der Frauen dem der Physik ähnelt: nur das Experiment bringt einen bei beiden weiter. Die Venus von Florenz, Houdons Diana sind Meisterwerke der Kunst; aber um die Natur so wiedergeben zu können, muß man am Akt studieren.«
»Du warst noch niemals so fruchtbar an Gleichnissen.«
»An Wahrheiten — mußt du sagen. Zu Hause im Kämmerlein bin ich der untertänigste Anbeter deiner erhabenen Weisheit; aber hier kämpfe ich auf vertrautem Boden, hier bist du mein Schüler; disce, puer, der Augenblick ist günstig: ich nehme ihn beim Schopf, um dir mit meinen Beispielen eine Lektion zu erteilen.«
»Eine Lektion im Verleumden.«
»Nur im Bespötteln.«
»Braue du nur dein Gift, ich nahm heute früh schon das Gegengift. Ich las die Lobpreisungen des Thomas.«
»Ja, da hat er eine schöne Galerie zusammengebracht. Wollen nur sehen, ob sie auch wirklich ähnlich ist. Siehst du dort die kleine Braune, die gerade auf uns zukommt? Ihre schönen dunklen Augen, in denen alle Gluten der Liebe lodern, ruhen mit dem zärtlichsten Ausdruck auf dem glücklichen Sterblichen, der ihr den Arm gereicht hat? Du kennst sie wohl dem Namen nach: es ist Adorine, die Tochter der . . . (Der Schluß dieses Satzes ist im Manuskript ausradiert.) Ich kenne die Geschichte der einen wie der anderen, aber ich möchte wissen, warum man der jungen Frau Vorwürfe machen sollte. Das Schicksal befreit sie von einem ihr verhaßten Gatten, für den keiner anders empfindet. Delsal wurde von ihr seit Jahren geliebt, und die den Fesseln der Ehe entronnene Liebe hat nicht das Recht, der ausharrenden Geduld den Lohn von vier entsagungsvollen Jahren zu weigern. —«
»Dein erstes Beispiel ist schlecht gewählt, mein armer Arthur, für einen, der davon nicht mehr weiß als du; ich weiß nicht warum, aber du siehst immer nur die eine Seite der Medaille, die Kehrseite dieser dort besteht darin, daß sie seit nahezu sechs Monaten gar nicht mehr nach Delsal fragt. Der arme Junge hatte sich, ähnlich wie du, eine ganz erhabene Theorie von der Liebe gemacht und lebte dem Wahne, sie mit seiner getreuen Adorine in die Wirklichkeit umsetzen zu können. Leider wollte es zu seiner Theorie so gar nicht stimmen, als er eines schönen Tages in der Person des kleinen Dorigny seinen glücklichen Nachfolger kennen lernen mußte; da erst kam er zur Besinnung. Um sich an seiner Liebe zu rächen, hat er sich vergangene Woche verheiratet, an demselben Tage gab Adorine aber auch schon Dorigny wieder einen Nachfolger. Dort kannst du ihn sehen; sein hoher Wuchs und sein athletischer Gliederbau verraten das Kind des Nordens. Ich kann dir gelegentlich ein paar ergötzliche Einzelheiten von dieser neuen Verbindung erzählen. Jetzt will ich dir eine ganz spaßhafte Geschichte von jenem süßen, kleinen Geschöpf berichten, das dort unmittelbar hinter Adorine daherkommt.«
»Von jener Kleinen, die kaum ihre fünfzehn Jahre alt sein kann?«
»Schon ein Irrtum Herminie ist mindestens neunzehn. Sie ist die Schülerin, Begleiterin und Freundin Adorines und ihr bereits völlig ebenbürtig. In Adorine war der Plan gereift, Herminie, deren Vermögen einzig und allein in ihrer Schönheit bestand, unter die Haube zu bringen. So glaubte sie, wenigstens für einige Zeit ihre junge Gefährtin dem Triumphzuge Amors, der ja stets den Gott der Ehe verscheucht, fernhalten zu müssen. Schließlich hatte auf diese Weise der Zollpächter Kahnbrei, in der einen Hand den Ehevertrag in der anderen sechshunderttausend Franken, unter Zustimmung Adorines, das Jawort Herminies erhalten. Die Hochzeitsfeier wurde  für acht Tage später anberaumt, während deren der Geldsack ein Fest nach dem anderen gab, das mehr durch seinen Aufwand als etwa Geschmack glänzte. Sein Unglücksstern aber wollte es, daß Présal, der graziöseste Tänzer von Paris, einen dieser von dem künftigen Ehemann veranstalteten Bälle besuchte, und zwar just vier Tage vor der Feierlichkeit, die Kahnbrei wenn auch vielleicht nicht den dauernden Besitz, so doch das Recht auf Genuß des entzückenden Mädchens sichern sollte. Présal ist im Tanzen unerreicht. Er walzte mit Herminie und verdrehte ihr dabei so völlig das Köpfchen, daß Adorine, die die Macht der Laune wohl kannte, schon die Befürchtung zu hegen begann, die Kleine würde vielleicht nicht erst die vier Tage abwarten, um eine Torheit zu begehen, deren Folgen vielleicht doch den Freier vertrieben hätten. So beeilte sie sich, die Dritte im Bunde zu werden.
›Liebes Kind‹, sagte sie zu Herminie, die sie beiseite zog, ›ich muß bemerken, daß Présal mit seinem Tanzen bei dir richtig angekommen und daß er es jetzt darauf absieht, dich zu einem Fehltritt zu verleiten. Du kennst meine Grundsätze: Verbinde stets das Angenehme mit dem Nützlichen. Also, worum handelt es sich? Wie weit seid ihr schon?‹
›Um die Wahrheit zu sagen, liebste Freundin, ich liebe Présal, ja, ich bete ihn an. Und er hat mir das Versprechen abgerungen, daß Kahnbrei nicht meine Erstlinge pflücken wird.‹
›Gut, dann mußt du Wort halten, aber, bitte, ohne dich wie ein Kind zu kompromittieren. Überlaß mir die ganze Angelegenheit, und ich führe dir deinen Geliebten am Tage deiner Hochzeit zu.‹  



DU willst nun wissen, wie das die  Damen anstellten. Als der Tag des Betruges herangekommen war, heuchelte Herminie plötzlich Gewissenbedenken und ließ ihren Zukünftigen wissen, daß in ihren Augen allein eine kirchliche Trauung der bevorstehenden Eheschließung die nötige hehre Weihe zu geben vermöchte, die, wie sie vorgab, keineswegs der nüchternen Formalität, wie sie die Umwälzung mit sich gebracht hatte, anhafte. Der gute Kahnbrei hatte gar nichts dagegen, daß seine Braut den Himmel zum Zeugen ihres Treuschwurs machen wollte. Und so ließ man gegen Abend in Adorines Heim einen ehrwürdigen Franziskanerpater, den alten Beichtvater der Damen, kommen — so sagten sie wenigstens —, und dann schritt man zu den Zeremonien, die die Kirche vorschreibt. Der fromme Mann bedeutete sogleich, daß die zukünftigen Gatten vor Empfang des Sakraments der Ehe unbedingt beichten müßten. Dem widersetzte sich Kahnbrei in sehr listiger Weise, indem er erklärte, gewohnheitsgemäß müßten die Frauen vor, die Männer jedoch erst nach der Eheschließung beichten. Um ihrer frommen Pflicht zu genügen, schloß sich Herminie eine gute Stunde lang mit ihrem Mönche in einem entlegenen Zimmer ein; es gab dies Freund Kahnbrei Gelegenheit, über die lange Dauer dieser Beichte allerhand spaßhafte Glossen zu machen, worüber sich Adorine sehr belustigte. Endlich erschien Herminie wieder, und man sah in ihren und ihres Beichtvaters Augen soviel Reue und gleichzeitig Seligkeit, daß sogar ein Freigeist wie Kahnbrei davon völlig überzeugt war; ich brauche dir hoffentlich nicht erst noch zu sagen, dass der Franziskanermönch niemand anders als Présal war, der den guten Kahnbrei nahezu gleichzeitig alle Grade im Orden der Ehemänner durchlaufen ließ, wie er ihm den Namen durch einen glücklichen Reim verschönte.«
»Kann man wirklich, wenn man ein gutes Herz hat,« begann Karl, nachdem Arthur seine Erzählung beendet hatte, »derartig leichtfertig über die finsterste und empörendste Treulosigkeit sprechen? Weißt du wohl, daß ich nächst dem, was du eine Eulenspiegelei nennst, kein schimpflicheres Verbrechen kenne, das der Strafe des Gesetzes verfallen müßte . . .?« 
»Mäßige deinen heiligen Eifer, mein Lieber, du willst wohl ganz Paris an den Galgen bringen . . . Aber ich irre mich doch nicht? . . . Da sind sie.«
»Wer denn?«
»Auf Ehre, da sind sie.«
»Wer denn, zum Teufel?«
»Na, kennst du denn nicht die drei Frauen, die da die Allee herabgeschritten kommen, alle mit einem Rosenstrauß in der Hand?«
»Doch, ja; in der Mitte das ist Déidamie, und ihre beiden Begleiterinnen sind Myrrha und Sappho . . . Donnerwetter ja. Sie erinnern mich an eine ziemlich gepfefferte Geschichte in der sie die Hauptrollen spielen, und die ich dir schon in meinem Brief von Schloß Melville zu erzählen versprach. Diese Erzählung liegt durchaus nicht außerhalb unseres Themas, und du wirst sie mit um so größerer Freude vernehmen, als sie einen griechischen Anstrich hat, den du ja so glühend verehrst. Um aber völlig die Vorzüge des Gemäldes, das ich dir entwerfen will, erfassen zu können, betrachte dir zunächst sorgfältig die Figuren: sie gehen gerade bei uns vorbei. Sag’, kennst du etwas Köstlicheres als diese Gruppe, und brauchte sich Boucher für seine drei Grazien etwa andere Modelle zu suchen? Sieh die kleine Coralie: fünfzehn Jahre und frischer als die Rose im Morgentau. Und wie verschönt gerade köstliche Schlichtheit dies reizende Köpfchen! Welche noch so künstlerische Frisur könnte erfolgreich mit diesem Gewirr von tausend Löckchen wetteifern, deren strahlender Schimmer so gut zu dem Elfenbein einer Stirn paßt, auf der die Worte Jugend und Unschuld geschrieben stehen. Die Reize Coralies erfahren einen erhöhten Glanz durch die anders gearteten Vorzüge ihrer schönen Gefährtinnen. Wie liebe ich Sapphos majestätischen Wuchs, ihr schwarzglänzendes Auge, ihren lachendroten Mund! Du ziehst ja sicher das wollüstige Schmachten, die zärtlichblauen Augen und die zarten Linien sowie die liebenswürdige Lässigkeit Myrrhas vor. Aber jeder nach seinem Geschmack. Und nun zu unserer Geschichte.
Eines schönen Morgens erging ich mich im Parke von Melville, da sah ich plötzlich diese drei Damen eine düster scheinende Allee hinabschreiten, an deren Ende sich eine Art chinesischer Tempel erhob. Ich glaubte, in ihrem Gange etwas Unruhiges, Geheimnisvolles zu bemerken; mehr bedurfte es nicht, um meine Neugier zu wecken. Vorsichtig folgte ich ihnen von Busch zu Busch und gelangte so unbemerkt zu dem Pavillon, wo ich sie eintreten gesehen hatte. Aber sie hatten ihn bereits wieder verlassen. Ich konnte ihre Spuren anfänglich nicht wiederfinden und wollte mich bereits wieder entfernen, als ich hinter einem Säulenstumpf einen kleinen, sehr schmalen Fußpfad entdeckte. Ich folgte ihm, vorsichtig die Blätter teilend, das Ohr auf das leiseste Geräusch gespannt. Der Pfad führte schließlich zu einer Grotte, wo, wie ich zunächst nur vermutete, sich die drei Nymphen verborgen hatten. Meine Vermutung ward zur Gewißheit, als ich beim Prüfen des verräterischen Bodens die dreifache Spur eines weiblichen Fußes erkannte. Um nicht bemerkt zu werden, verließ ich den Pfad und folgte dem Laufe eines Baches, der schließlich zu einem Haufen versprengter Felsen führte, hinter denen der Eingang zur Grotte lag. Ich konnte mich natürlich nicht von dem Gießbach in die Grotte tragen lassen; aber nach mancherlei Versuchen, mir einen Weg zwischen alten Baumstämmen hindurch zu bahnen, gelangte ich glücklich in eine dunkle aber genügend geräumige Höhlung von der aus ich vollständig das Innere dieses entlegenen Schlupfwinkels überschauen konnte. Das reizende Dreigespann hatte natürlich bereits die Grotte betreten. Du kennst den Schauplatz des folgenden; so kann ich mir eine Beschreibung, die nur deine Erinnerung auffrischen würde, ersparen.«
»Meine Erinnerung braucht gar nicht aufgefrischt zu werden; ich kenne nämlich die bewußte Grotte überhaupt nicht.« 
»Dann muß ich sie dir kurz skizzieren, denn das ist zum Verständnis der Vorgänge unbedingt nötig. Die Grotte ist aus einem künstlichen Fels ausgehauen, so daß man dem Zahn der Zeit sozusagen ein Schnippchen geschlagen hat. Man gelangt zu ihr unter einem kühn vornüberhängenden Felshang hinweg zwischen stachligem Gestrüpp und Felstrümmern hindurch. Die Wände dieses geheimnisvollen Raumes sind mit Moos, Efeu und Jasmin ausgeschlagen. Zur Rechten erblickt man eine Nische, in der sich auf Holzkloben das aus kunstvoll verflochtenen lebenden Pflanzen bereitete Lager des Eremiten erhebt. Gegenüber betritt der Bach die Grotte, folgt willig ihren Ausbuchtungen und verliert sich schließlich zwischen den Felsen. Gegenüber dem Eingang zur Grotte steht auf einem Moosaltan ein Betstuhl. Das wäre kurz die Beschreibung der Örtlichkeit. Ich selbst befinde mich in einer Art Fensternische mit einem Ausblick auf das Lager des Einsiedlers. Nun höre gut zu!
›Endlich sind wir ohne Zeugen, nur beobachtet von Mutter Natur und Gott Amor‹, begann Sappho.
Sie legte ihren Strohhut ab und half sodann Coralie dabei, die Blicke um sich schweifen ließ, in denen sich Beunruhigung und Furcht malten.
›Was hast du denn, mein Engelchen,‹ fuhr Sappho fort, ›du bist so aufgeregt. Bereust du es bereits, unserm zärtlichen Drängen nachgegeben zu haben?‹
›Das nicht, liebe Freundinnen,‹ erwiderte Coralie mit verschleierter Stimme, ›aber ich spüre gegenwärtig ein Herzklopfen, dessen Ursache mir nicht so recht klar ist. Wenn nun meine Tante oder sonst jemand uns hier überraschte —‹
›Aber, Kind, im Schloß schläft noch alles; sei ohne Furcht und laß es nicht zu, daß auch nur das leiseste Gefühl von Unruhe dir die Köstlichkeiten der kommenden Minuten schmälert.‹
Während dieses kurzen Zwiegespräche hatten unsere drei Nymphen auf dem Rasenbette Platz genommen, die jüngste inmitten.
›Ich habe die ganze Nacht von dir geträumt,‹ begann Sappho wieder und ergriff eine von Coralies Händen, die sie zärtlich betrachtete; ›aber anstatt mir die göttlichen Freuden vorzugaukeln, die ich bereits zweimal in deinen Armen genießen durfte, träufelten meine Träume mir das Gift der Eifersucht ins Herz: die Liebe eines Mannes hatte aus deinem Herzen den göttlichen Rausch vertrieben, den wir dich bereits kosten ließen, und der auf Erden nicht seinesgleichen findet.‹
Coralie, die ihr die Hand küßte, erwiderte: ›Hoffentlich mißt du Träumen keine Bedeutung bei, liebe Freundin.‹
›O doch, wenigstens meinen,‹ fiel da Myrrha ein, ›denn mir träumte, daß wir alle drei in einer lieblichen Grotte auf den Höhen des Gefühle den unerschöpflichen Kelch der Lust schlürften. (Sie gibt ihr einen Kuß.) Und es liegt nur an uns,‹ fuhr sie ein wenig verwirrt fort, ›diesen Traum in süße Wahrheit zu verwandeln.‹




KAUM gesagt, begann dieses Wunder mit zwei Küssen  auf den gleichen Rosenmund. Die beiden älteren Grazien gingen nunmehr an die Toilette der Kleinen, indem sie sie eilends mit allen Reizen der Nacktheit verschönten. Coralie, über und über errötend, bot sich dem Verlangen willig dar.  Indes Sappho den Seidenflaum abstreift, der das Elfenbein des Schenkels und einen schönen Fuß verhüllt, läßt Myrrha ein neidisches Röcklein zur Erde sinken, löst das Mieder, lüftet das Brusttuch und entknotet die Schnur, die den letzten Leinenschleier hält, wobei tausende von Küssen die Reize grüßen, die ihre Hände aufdecken. Mochte dieses Bild auch die Glut meiner Sinne entfachen, so konnte sie sich doch nicht mit der versengenden Leidenschaft der beiden Freundinnen messen. Muß ich es zu meiner Schande gestehen? All mein Stolz meine Liebe, meine ganze Natur wehrten sich — ach, vergebens! — gegen den Schimpf, den man ihnen hier antun wollte. Aber so stark war die Macht des Zaubers, daß ich um keinen Preis meine Rolle als Zuschauer gegen die eines Mitspielenden in dieser Szene hätte vertauschen mögen, mochte sie auch an die seligen Tage von Hellas erinnern. Kannst du dir einen Begriff von dieser Art Lust machen, Karl? Das zärtlichste Ehepaar, die verliebtesten Liebesleute können nur einen blassen Abglanz dieser Lust erreichen. Sie triumphiert erst in der Umarmung zweier Frauen. Verlangen und Liebkosungen beim Manne bergen immer etwas Besiegendes, sind plump und müssen erst eine gewisse Kälte überwinden. Wenn aber drei junge Schönheiten, deren efeuschmiegsame Arme sich zärtlich verflechten, deren schimmernd lodernde Augen gleichzeitig verebbendes und anflutendes Verlangen spiegeln, wenn drei junge Schönheiten sage ich, in jeder Bewegung durch ihre Grazie ein Gemälde schaffen, ist dies dann nicht höchste Lust? —
Coralie schien sich zuerst nicht wohl in ihrer keuschen Nacktheit zu fühlen. Aber das Gefühl der Scham vermochte nicht lange den süßen Phantasien ihrer Eigenliebe und Erregung zu widerstehen. Jedes Fleckchen ihres Körpers war Gegenstand einer Lobpreisung, Ziel einer Liebkosung. Sappho stürzt sich auf die rosigen Spitzen ihrer Brüste, Myrrha schlürft einen langen Kuß aus ihrem halboffenen Munde oder reibt  zärtlich Coralies tändelnde Zunge an der ihren zwischen dem Elfenbein ihres Gebisses. Jede bemächtigt sich sofort der Schätze, die die andere freigibt, und Coralie erlodert gleichfalls in den Gluten, die sie entfacht. Ihre kleinen Hände tasten suchend umher, beseitigen schnell die Hindernisse, die sich von etwa ihnen in den Weg stellen. Hie und da sinkt ein Kleidungsstück nach dem andern zu Boden. Ich fühlte mich als modernen Paris, auf dem Ida thronend, den goldenen Apfel in der Hand. Ich brauchte nur vor mir selbst Rechenschaft abzulegen, aber auch dies vermochte ich nicht. Man kann sich wohl zugunsten einer Juno, einer Pallas, einer Venus entscheiden: aber die Wahl zwischen einer Coralie, Sappho und Myrrha bedeutete den beklagenswerten Verlust eines zwiefachen Genusses. Meine irrenden Blicke taumelten mit stets gleicher Trunkenheit über die erwachenden Reize Coralies, die reife Schönheit Sapphos und die rührenden Züge Myrrhas. Die Liebe selbst schien Freude daran zu finden, jeder eine besondere Schönheit verliehen zu haben, die in anmutigem Wechsel zur Geltung kam.
Nach einem reichen Kußsegen brachte Sappho ein Spiel in Vorschlag, das ich als ›Pallika‹ bezeichnen hörte. In der Erwartung, daß du mir den Ausdruck nachher zu erklären vermagst, will ich es die beschreiben. Coralie mußte auf dem kleinen Rasenaltan niederknien. Sappho kniete darauf ebenfalls, und zwar zu Füßen des Altans nieder, so daß sich ihr Mund in Hüftenhöhe von Coralie befand, während Myrrha so erhöht vor Coralie zu stehen kam, daß ihre Stellung bezüglich Coralies die gleiche wie die Coralies zu Sappho war. Ich brauche dir hoffentlich den zwiefachen Vorteil dieser Gruppierung nicht noch eingehender zu beschreiben. Du konntest von meiner Nische aus den Platz, den Charakter und die Ausübung des Liebesopfers genau beobachten. Das Seufzen, die halbartikulierten Laute, die dem Munde Coralies und Myrrhas entschlüpften, und die gesättigten Zuckungen ihrer Körper verrieten die Intensität eines Genusses, an dem Sappho nun aktiv beteiligt war.
Diesem ersten Spiel folgte bald ein zweites, ungestümeres. Jede des drei Nymphen versah sich mit  einem  Rosenstock,   dessen  größte  Dornen man entfernt hatte.



Auf ein Zeichen hin wurde ich jetzt Zeuge eines Kampfes, der in viel höherem Maße die Blicke der Olympier zu fesseln verdient hätte, als wie sie dein Bramarbas Homer so oft beobachten ließ. Dort war es ein Ruhm, zu schlagen, hier, geschlagen zu werden. Myrrha wollte als erste die Arena betreten. Indes Sappho ihrer süßen Leidenschaft auf den schneeigen Schultern und den Lilienhügeln, Altären eines profanen Kultes, die Zügel schießen ließ, führte Coralie mit leichterer Hand noch flammendere Streiche gegen das zarte Gewebe von Myrrhas Alabasterbusen und verfolgte Amor mit rächender Rute sogar bis in seinen geheimsten Schlupfwinkel. Myrrha aber, ein Abbild jener todesmutigen Indianer, die in Todespein noch ihrer Henker spotten, trieb ihre holden Peiniger mit Wort und Geste an, zeigte ihnen die Stellen, die ihre Streiche treffen sollten. Ihr schöner Körper, den eine verschwenderische Natur im Glanze der Lilien erstrahlen ließ, färbte sich fast unmerklich mit leuchtendem Inkarnat, so wie man am frühen Morgen den Silbersaum des Horizontes in der Morgenröte erglühen sieht. Nun nahm Coralie den Platz Myrrhas ein und erwies sich als nicht minder mutig. In wohl zwanzig verschiedenen Stellungen zwischen ihren beiden Freundinnen sah sie, in mehr freudiger als peinlicher Erregung, den Alabaster ihrer knospenden Reize hinter einem roten Vorhang verschwinden. Nur ein Plätzchen, das Heiligtum der Liebe, entging dem Sturm im Schutze jener beweglichen Säulen, die seine Pforten zieren und gleichzeitig schließen: so machte man Coralie zärtliche Vorwürfe, ja, forderte schließlich die widerstandslose Preisgabe der heiligen, bis dahin geschützten Stätte. Das gefügige Kind ergab sich in alles: Coralie neigte ihren Oberkörper vornüber, dessen lustgeschwellte Biegung nun an einem neuen Horizonte zwei Gestirne von verschiedenen Ausmaßen und Einflüssen aufflammen ließ, deren eines, der Sonne ähnlich, glüht, Frucht bringt und Leben spendet, wohingegen das andere, gleich dem Gestirn der Nacht, nur über erborgtes Licht und unfruchtbare Wärme verfügt, sich aber nichtsdestoweniger Anhänger unter den Astronomen gewonnen hat. Diese letzte Prüfung deren sich der kleine Schächer mit entzückender Grazie unterzog, entfachte vollends die Lust zu lodernder Glut. Aber als nun ihre Freundinnen an dem Stöhnen des Opfers, dem Erschauern des jungen Körpers und dem Tasten der Hände, die absichtslos nach dem Herde des Brandes griffen, erkannten, daß es Zeit war, innezuhalten, da sprang Sappho in die Arena, nicht ohne vorher Ihre Freundinnen zu bitten, sich mit neuen Ruten zu versehen, an denen die Dornen nicht entfernt werden sollten.
Welche Farben, welch Pinsel, welch Maler könnten sich vermessen, auf einem Gemälde all die Leidenschaft, die Grazie, das Leben und die göttliche Verwirrung so zum Ausdruck zu bringen, wie sie in Sapphos Vorwurf zur Geltung kamen? Ich kann deiner Phantasie nur immer die schöne Sinnlichkeit Sapphos vorhalten, die sich in einer Art Raserei unter den Streichen der Lustruten wand und sich in tausenderlei Bewegungen den ersehnten Schlägen darbot; ihre Seele ist Flamme, deren Farben ihr Körper widerspiegelt. Und dabei leuchten einige Blutstropfen wie Rubinen auf einer Purpurmatte. Aber welcher Worte soll ich mich bedienen, um dir das Phänomen zu Vergegenwärtigen, das nunmehr vor meinen Augen sich gebar!
Du kennst ja die Geschichte von der Nymphe Salmacis und ihrer Liebe zu dem schönen Hermaphroditos. Wie sie ihn im Bade überraschte, sich anfänglich gegen ihre Empfindungen wehrte, dann ihr Gebet zu Venus und die darauffolgende Verwandlung. Nun wohl, Sappho befand sich jetzt nahezu in der gleichen Verfassung wie Salmacis nach ihrem Gebet. Dies Wunder war aber nur für mich etwas völlig Neues; es erregte unter den Freundinnen mehr Verzückung als Überraschung und gab das Signal zu neuem Liebesspiel.
Sappho, die von dem Vorteil des sich in ihr regenden neuen Geschlechtes sofort Gebrauch machte, warf Coralie auf das Rasenbett und stürzte in ihre Arme. Aber Myrrha blieb nicht müßig oder gar uninteressierte Zeugin der Glückseligkeit ihrer Freundinnen. Während einer ihrer geschäftigen Finger, von Sappho geleitet, sich bis in jenes enge Gezelt vorwagte, wo nur zu oft Amor selbst zu thronen geruht, spielte in gleicher Weise auch eine Hand Coralies an ihr, jedoch am gegenüberliegenden Orte.
Es ist schlechthin unmöglich, Karl, daß die glühendsten Zärtlichkeiten des leidenschaftlichsten Liebespaares auch nur die Hälfte des Rausches zu bewirken imstande wären, wie ihn mir nun der Anblick des seligen Trios bot. Mit welchem Genuß  betrachtete  ich  die  drei  sinnenentrückten Frauen, die wahllos Küsse tauschten und sich gegenseitig den dreifachen Stachel ihres Rosenzüngleins zwischen die Lippen stachen! Mit welcher Begeisterung sah ich den Stolz der Brust Sapphos sich an den elfenbeinernen Äpfeln Coralies brechen, die so reizvoll an ihrem Busen knospen, während ihre weißen, zierlichen Beine sich um die Hüften ihrer erglühenden Partnerin schlangen. Zwar konnte ich nicht den köstlichen Niederschlag erkennen, den die Erwartung des Genusses dem Engelsantlitz aufprägen mußte, da sie mir den Rücken zuwendete. Aber ich verfolgte und zählte die Zuckungen ihres vom fleißigen Finger Coralies elektrisierten Körpers. Und der Teil ihrer Reize, der sich meinen Blicken darbot, ersparte mir das Bedauern über das, was sich meinem Auge entzog.
 Ich möchte zu deiner vollständigen Aufklärung und zugunsten der Wahrheit meiner Schilderung noch Tausende entzückender Einzelheiten anführen, die ich aber übergehen muß, da sich der Tag neigt und mich somit mahnt, eine Erzählung zu beenden, der du sicher mit größerem Vergnügen gelauscht hast, als es deine Züchtigkeit zugeben möchte. Ich sage dir deshalb nur noch mit zwei Worten, daß Sappho nach ihrem ersten Sang mit Coralie sich einen weiteren Lorbeerkranz in den Armen Myrrhas errang.
Noch ein letzter Kuß, dann griffen die drei Nymphen wieder zu ihren Kleidern und verließen die Grotte mit dem geheimen Schwur unverbrüchlicher Liebe und Treue . . .« 


Nach der Ausgabe: 

E. Jouy
Sappho oder die Lesbierinnen
Aus dem Französischen von Balduin Alexander Möllhausen, Fritz Gurlitt Verlag, Berlin
Ohne die Radierungen von Otto Schoff 

PDF bei ngiyaw eBooks mit ausgewählten Radierungen von Otto Schoff




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Walter Serner - Inferno Inferno Ein Schreien, das widersetzlich beginnt, wenn es am laute­sten wird, vor Wut sich überschlägt und ...