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Elfenliebe

Elfenliebe.

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I.

     Das will ich jedem guten Gesell, der zur Höh' ausreitet, sagen,
     Er reite nicht nach der Elfenhöh, und lege sich da zu schlafen.
          „Elfenhöh“ dänische Ballade.

Auf dem wellenförmigen Boden des schwedischen Nordlandes durchfegt den größten Theil des Jahres ein kalter, eisiger Wind die unermeßlichen Moräste und Haiden, und bricht sich an den Gletschern und Felsbänken, welche aus den Sümpfen emportauchen. Da tosen in tausendfachen Stürzen Quellen und Bäche in die Thäler, zusammenrinnend im braunen Seegewässer. Von Felswänden umstarrt, aus deren Ritzen nur hie und da eine geisterbleiche Birke hervorwuchert, von schwarzen Föhren umrauscht, brechen sich die dunklen Wogen am Schilfgestade, und das hohe feuchte Moos ist meist von bösen Kobolden, Trollen und Swartalfen bewohnt. Ihren Lieblingsplatz aber haben sie in dem einsamen Thale des Lulea-See's.
Nicht weit von der Stelle, wo sich die Lulea-Elf mit den Fluthen des See's vereint, stand eine Hütte. Hier wohnte Roger, der Fischer, mir seinem Sohne Nils. Keine freundliche Nachbarschaft suchte den Alten heim in den langen trüben Winternächten; denn weit und breit in der Umgegend war Alles öde und unbewohnt. Nach dem nächsten Flecken hätte man eine geraume Strecke Weges zu gehen, aber auch dahin verirrte sich der Fischer mit seinem Sohne nur ein paar Mal des Jahres, etwa um rothen Lachs, Hechte oder Forellen zu Markte zu bringen, und mit dem geringen Erlöse kargen Vorrath für den Winter einzutauschen. Der Alte war gar menschenscheu, ernst und einsilbig, und bildete einen sonderbaren Gegensatz zu dem jungen, lebensfrischen, blondhaarigen Burschen, der die Augen so leutselig umherwarf, wenn er seine Waare ausbot. Das waren aber auch die langersehnten Freudentage, wenn es nach Quickjock ging, allenfalls an hohen Festen, wo ihm die Orgeltöne der Kirche so gewaltig an’s Herz sprachen, oder am Markttage, wo er mit dein Vater zusprach bei der gastfreundlichen Muhme, welche den ersten Kramladen hatte im Orte.
Dadurch ward aber Nils nicht verwöhnt. Es behagte ihm auch in seiner Einsamkeit gar wohl, und drückte ihn die Luft innerhalb der rauchigen Pfähle seiner väterlichen Hütte, so nahm er die Flinte von der Wand, verfolgte Wolfs- und Luchsfährten, und streifte auf den Bergwäldern und Felsen umher. Es kam ihm just nicht darauf an, manch’ frostige Winternacht hindurch ein angeschossenes Stück zu verfolgen. Nebstdem hatte er eine gar helle, klare Stimme, und spielte die Geige, als hätte er’s einem Ellisermädchen abgelauscht. Da aber der Vater sein einziger Lehrmeister war, so konnte er es zu keinem frohen Liedlein bringen; denn was dieser ihm vorsang von Hagbar und schön Signill, die um ihres Liebsten willen verbrannte, und vom wilden Räuber Brun, den die Jungfrau erschlug, klang Alles so düster und schwermüthig, wie des Sees Rauschen oder wie des Schilfes Gestöhn, wenn die Welle durchfährt, oder wie der Sturmwind, der durch die Fichten weht.
Ostern war gekommen. Nils zählte nachgerade neunzehn Jahre; da ließ ihn der Vater allein nach Quickjock wandern in die Kirche. Noch wehte kein Lenzhauch; der Schnee schrillte auf den Haiden und übereisten Mooren, und kaum daß eine Dämmerung auftauchte am Himmel nach einer langen Nacht. Der Junge hatte lange im Orte verweilt, und es war spät an der Zeit, als er heimzukehren gedachte. Doch traute er seiner Kenntniß der Gegend, und der hellen, glänzenden Nacht voll leuchtender Sterne und glühender Nordlichter, deren Strahlen im farbigen Wiederspiele an den Eisfeldern und Isbräden des Quickjock-Falls sich brachen, und ihm jede Fährte im Schnee erkennen ließen. Getrost wanderte er seines Weges weiter. Die Osterlieder der Kirche, wie sie zusammenflossen mit dem vollen Orgeltone, klangen in seinem Ohre nach. Dabei dröhnte und krachte es im Gebirge, die lauere Luft rüttelte an den Eispyramiden der Gletscher. Sie seufzten und stöhnten wie im Schmerze über des Winters baldigen Abschied, und ihre Thränengüsse schwellten die Lulea-Elf, daß ihre Wogen mit doppeltem Gebrause sich über die vielen Abhänge stürzten, um unten für kurze Augenblicke auszurasten in dem beruhigenden Seebecken, welches sie wie liebend, wie besänftigend aufnahm in seine Felsenarme. Dieß Dröhnen und Tosen der nahen Elf, das Seufzen der Gletscher, deren zackige Säulen so gespensterhaft durch die blaue, kalte Mondlichtferne luegten, dann die eigene Stimmung, in welche er gerathen war, ohne zu wissen wie, bewegten den Jungen ganz eigen wundersam, und es ward ihm allmählig unheimlich zu Muthe, da er doch sonst keine Furcht kannte. Er verdoppelte seine Schritte, um baldmöglichst in die Ebene zu gelangen. Aber als verwirrte ein böser Kobold seine Sinne, so verlor er zuletzt auch die Richtung heimwärts, und vermochte sich nicht mehr in den Platz zu finden, auf den er gerathen. Das Glitzern und Flimmern der Schneefläche blendete sein Auge, und bei jedem Schritte brach die schwachübereiste Decke. Es mußte Thauwind geweht haben vom Schonenland herüber, das verschlimmerte den bösen Weg, und Nils mußte jeden Schritt vorwärts erst mit seinem starken Fichtenstocke prüfen, ob nicht etwa trügerisches Eis eine jähe Kluft verberge. So wurde er zum Hinsinken müde. Seine Tritte wurden schwerfällig und mehrten seine Noth. – Da kam es ihm plötzlich vor, als gäbe der Boden unter ihm nach. Schnell wollte er der Gefahr entrinnen, und setzte seinen Stock an, um sich über die gefährliche Stelle hinweg zu schwingen; – aber es war zu spät; das Eis brach und er stürzte wohl sechs Klafter tief in eine Höhlung im Berge.
Betäubt lag Nils einige Minuten; doch bald ermannte er sich wieder, denn er war auf hohes Moos gefallen, und es kam ihm schier vor, als hätten ihn weiche Arme herabgetragen. Wie im Traume geschah es ihm, als er sich in der schmalen Schlucht umsah, welche zwischen senkrechten, nicht zu erklimmenden Felsen eingeengt war. Alles erschien ihm fremd, da er doch kaum eine Stunde Weges von seiner Hütte entfernt sein konnte, auch sonst Wege und Stege kannte im Gebirge, wie die Winkel am heimathlichen Herde. Es däuchte ihm, als habe sich das Gestein erst während seines Falles gespalten. Nebstdem wehete es hier wie Lenzluft. Am Gießbache, der sich durch den Schacht hinwand, grünte junges, duftiges Gras, Farrenkräuter und Sumpfblumen, und die gelben Wasserlilien schwankten ob den glänzenden Wogen; durch den Bruch in der Eisdecke über ihm leuchteten die Sternlein herein, und spiegelten sich im thauigen Moore. – Nach manchem vergeblichen Versuche fand es Nils unmöglich, die Felsenwände zu erklimmen, und suchte einen andern Ausweg aus der Tiefe. So ging er denn die Schlucht entlang. Mit jedem Schritte aber, den er vorwärts machte, erweiterte sich der Thalgrund. Wie graue Schatten wichen an beiden Seiten die Wände zurück; ein eigener, warmer Glanz zitterte durch’s Geäste der zerstreuten Föhren und Kiefern. Je weiter er vordrang, desto mehr däuchte es ihm, als ginge er geraden Weges dem Frühlinge entgegen. Blümlein, wie im Mai, dufteten auf zu ihm aus dem hohen Moose, frischgrünende junge Fichten streuten ihren würzigen Geruch aus, und ein warmer Hauch spielte in seinen Haaren. Er wußte nicht, wie ihm geschah: da vernahm er näher und näher ein seltsames, wunderbares Getön von Harfen und Geigen. Hinter den Föhrenstämmen sich haltend, drang er behutsam vorwärts, dem Glanze entgegen, der durch’s Gezweige flimmerte. Da sah er durch die Lücken des Gebüsches, wie der Thalgrund allmählig sich öffnete zu einem weiten Halbkreise, umhegt von goldadrigen Felsen. In den Steinwänden drinn glitzerte und schimmerte es wie von gegossenem Krystalle; eine hohe, schlanke, durchsichtige Säulenreihe trug das Gewände, welches wiederstrahlte vom Glaste des Erzes und Edelgesteins. Prunkende Säulen nach allen Seiten, mit Kränzen von Bergrosen geschmückt, verloren sich in der Tiefe des Felsens. Aus dem Grunde drang ein wundersames Licht, welches Sterne und farbige, feurige Garben ausgoß wie ein Springquell, so übermächtig strahlend und leuchtend, man hätte den Glanz eines Lenzmorgens für Dämmerung dagegen halten mögen. Im thauigen Wiesgrunde aber, der sich davor ausdehnte, spiegelte sich das Bild des Feenbaues, wie in einem stillen, grünen See; d'rauf tanzten die Elfen ihren Reigen. In lieblichen Windungen bewegte sich der schöne Chor um die Königin, die in der Mitte auf einem Mooshügel saß, und wo ihre Füße den Rasen berührten, gingen Blümlein auf, und bildeten die duftigen Elfenringe. Ein Theil der Mädchen saß im Vorgrunde, schlug die Goldharfen, und sang ergreifende Weisen dazu. –
Nils gedachte zu träumen. Was er sah und hörte, berauschte ihn, wie junger Most. Mit klopfendem Herzen drang er vor bis an den Saum des Kreises, wo ihn das junge Lerchenholz vor den Blicken der Elfen verbarg. Eine gute Weile hatte er gelauscht, als die Zauberlieder leise verhallten und ein leichter Nebel sich von der Felswand niedersenkte. Es schwamm vor seinen Blicken. Da lehnte er sich an einen Lerchenstamm, und die Augen fielen ihm zu.

II.
          Groß Feuer löscht des Wassers Fluth,
          So auch den brennenden Brand;
          Doch wer ist's, der die heiße Gluth
          Der Liebe dämpfen kann?
               „Axel und Waldborg.
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Eine weiche Hand strich Nils über die Stirne. Es kam ihm vor, als erwache er vom Traume, und als er die Augen aufschlug, hielt er sich wie geblendet die Hände vor. Hatte doch noch nie solch ein Blick dem seinigen begegnet. Das Elfenmädchen aber, das vor ihm stand, hielt ihn gar freundlich bittend zurück, als ihm ein leiser Schauer überkam, und er der gefeieten Stelle entfliehen wollte, eingedenk der unheimlichen Mährchen, welche ihm der Vater erzählte. Lächelnd bat sie ihn zu bleiben. Ein warmer Hauch wehete von ihren Lippen; die Hand, welche ihn hielt, fühlte sich so weich und warm, und sie sprach so traulich und kosend zu ihm, daß Nils allmählig allen Schauer vergaß. Als nun die schöne, schlanke Maid ihm erzählte, wie sie ihn schon oft gesehen, als er ihr Gebiet durchstreifte, um dem Wilde nachzuspüren; wie sie ihn von Tag zu Tag heimlich lieber gewonnen und ihn selbst verlockt hätte an diese Stelle; da ward es dem Jungen so überaus wonnig zu Gemüthe, und es hielt ihn an dem Platze gefesselt, wo ihm ein Liebesfrühling aufging in den blauen Augen des Elliser-Mädchens. Erwiedernd gab er sich ihren Liebkosungen hin. Der gespenstige Spuk im Thalgrunde war verschwunden, und die Sternlein leuchteten so freundlich nieder, wie Ritzen in der Himmelsdecke, durch welche die goldene Mährchenwelt schimmert. Als aber der Mond unterging hinter den Eisfeldern der Isbräden, da bedeutete sie ihm, wie sie nun scheiden müsse, und wie schwer ihr dieß auf's Herz fiele. Nils hatte fast auf den Heimgang vergessen. Zögernd folgte er der Weisung der Jungfrau, welche ihn dem Ausgange der Schlucht zuführte, und als er von ihr Abschied nahm, ward es ihm ganz schmerzlich zu Muthe. Als sie ihn aber bat, sie an gleicher Stelle bald wieder heimzusuchen, da hatte er wohl nie in seinem Leben eine freudigere Zusage gethan. Darnach spielte es wie leiser Hauch um seine Lippen, und die Elfin verschwand im Nebel.
Leicht vermochte nun Nils den Weg in des Vaters Hütte zu finden; leichter noch fand er die Steige wieder, die ihn des folgenden Abends zu seiner Lieb brachten. Da begannen seine seligen Nächte. Der Liebe Kuß erweckte den schlummernden Lenz seiner Seele, und die Lieder, welche ihn das Elfenmädchen lehrte, klangen d'rein wie Nachtigallenschlag.
„Nenne mich Ellide,“ so bat ihn die schöne Maid, und dem Jungen kam es vor, als läge in dem Worte die Sprache der Sterne, der Duft von tausend Blumen. Er nannte sie seine Ellide, und das klang den ganzen Tag über so sehnsuchtsvoll in ihm fort, daß er die Nacht kaum erwarten konnte, wo er es ihr wieder zurufen durfte. Ellide hatte ihm strenge geboten, ihre Liebe mit keinem Laute zu verrathen. Es kam ihn schwer an, den großen, weiten Himmel im engen Raume seines Herzens zu verschließen. Aber er hielt, was er versprach, und war still und einsilbig vor seinem Vater. Diesem fiel aber das träumerische, hindämmernde Wesen seines Nils längst auf. Er merkte in ihm eine böse Veränderung. Der sonst so lebensfrische Junge brütete den Tag über hin, wortlos und in sich verschlossen, und was ihn sonst freudig aufregte, ging nun theilnahmlos an ihm vorüber. Sein empfängliches Herz hatte das mächtigste Gefühl mit solcher Kraft, so ausschließend in sich aufgenommen, daß alles Uebrige unterging in dem einen Gedanken, den er dachte – Ellide. Die Lieder, welche ihm sein Mädchen gelehrt, waren das Liebste, womit er sich den Tag über beschäftigte. Den Alten aber erfaßte es jedesmal wie trübe Ahnung, so oft er den Weisen seines Nils lauschte.
Das dauerte fort eine geraume Zeit. Dem kurzen Frühlinge war ein schnellreifender Sommer gefolgt. Dem Fischer fiel es auf, wie sein Sohn alle Abende die Hütte verließ, wenn sich der letzte Tagesstrahl im Lulea-See spiegelte. Aber ehe es ihm möglich ward, seiner Spur zu folgen, war dieser verschwunden.
Einmal so war Nils wieder in später Nacht heimgekehrt. Er luegte, ob der Vater schlief; und da er sich hiervon überzeugt hielt, nahm er die Geige von der Wand. Er hatte ein Lieblingsplätzchen am See. Ein Felsvorsprung ragte über das Wasser hin. Zwei Birken hatten ihre Wurzeln eingegraben in die Steinritzen. Das hohe Schilf rankte d'rüber hin, und der Wellenschaum netzte das Moos, wenn der See hoch ging. Hierher setzte sich Nils, und es war ihm, als tauchte das Bild seiner Herzliebsten aus den Seewogen empor mit den blauen, lächelnden Augen, und den goldgelben Haaren, und winke ihm sehnsüchtig zu. Da fuhr er über die Saiten, und sang, was ihm seine Ellideerst den jüngsten Abend gelehrt hatte:

Jung Olof ließ satteln sein graues Roß;
Er reitet vorbei an der Meerfrau Schloß,
Er reitet vorbei an des Schloßes Thor:
Da stehet die holde Meerfrau davor.
     Wie die Linden zittern im Haine.

Willkommen, willkommen, jung Olof mein,
Wie lange, wie lange schon harrt' ich dein!
Sag, Junge, wo ist dein Heimathland?
Sag, Junge, woher dein gülden Gewand?
     Wie die Linden etc.

Am Kaiserhof ist der Vater mein,
Da hab' ich Mutter und Schwesterlein,
Die legten mir mit der weißen Hand
Um Hüft' und Lende mein gülden Gewand.
     Wie die Linden etc.

Da hab ich Aecker und Auen und Hain,
Da steht auch gemacht mein Brautbettlein,
Da hab ich auch mein Bräutlein still,
Dafür ich leben und sterben will.
     Wie die Linden etc.

Da lud ihn die Meerfrau zu sich herein,
Sie trank ihm zu ihren klarsten Wein,
Sie schlang ihren Arm um die Hüfte hin,
Ihre Locken schatteten über ihn.
     Wie die Linden etc.

Wie die jungen Linden duften im Thau,
So duftet der Athem der Zauberfrau.
„Und sage, wo ist nun dein Heimathland?
„Und sage, wer gab dir das güld'ne Gewand?“
     Wie die Linden etc.

„Wo hast du Aecker und Auen und Hain?
„Wo steht nun gebettet dein Brautbettlein?
„Wo wohnt die schlanke, goldlockige Maid,
„Um die du gegangen, um die du gefreit?“
     Wie die Linden etc.

Hier hab ich mein' Heimath und Fluren und Hain;
Hier sollst du mir betten das Brautbettlein;
Sei du mir selber das Bräutlein still,
Um das ich leben und sterben will.
     Wie die Linden etc.

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Also sang Nils in die mondhelle Nacht hin, und der helle Klang verlor sich im leisen Rauschen des Wassers. Da legte sich eine Hand auf seine Schulter. Erschrocken sah er sich um; sein Vater stand neben ihm. Er hatte seines Kindes Lied belauscht. Als ahnte er, welch' ein Lehrmeister seinen Nils in diesen seltsamen Weisen unterrichtete, so drang er erst liebevoll, dann ernst und mahnend in ihn, daß er sein Herz aufthun möchte vor seinem alten, treuen, einzigen Freunde, seinem Vater, vielleicht daß dieser Trost und Heilung wüßte, woher ihm solche Noth wäre. Aber Nils blieb nach wie vor verschlossen selbst gegen seinen einzigen Freund, denn also hatte er es seiner Ellide zugesagt.

III.

          Heim ging die Jungfrau Else,
          Ihr Herz von Sorgen wund;
          Darnach am Monatstage
          Lag sie im schwarzen Grund.
               „Ritter Ange und Jungfrau Else.“'

Ein kurzes Frühroth leuchtete des anderen Tages am Himmel. Der Schiffer und sein Sohn hatten vor Anbruch des Morgens die Netze ausgeworfen. Schweigend saßen sie am Ufer. Endlich hub der Alte an: „Es hat mich lange gedrängt, mein Nils, dir von einer Zeit zu erzählen, da auch auf meinem Lebenshimmel die Morgenröthe der Jugend zitterte. – Noch kennst du nur die Stelle, wo deine Mutter liegt und den langen Schlaf schläft; du bist alt genug, um zu erfahren, was ihr das Herz abdrückte in ihren Maitagen!“ Nils horchte auf, und der Alte fuhr also fort:
„Ich war ein Junge, kaum einige Jahre älter als du. Meines Vaters Hütte stand dazumal am jenseitigen Ufer des Lulea-See's, wo dort der Morgenstrahl auf dem Fichtenwalde ruht, der bis tief in die Landzunge hereinreicht. Schon vor meinem achtzehnten Jahre ward ich vater- und mutterlos, und lebte ein einsames Leben innerhalb der rauchigen Holzwände, welche den väterlichen Herd umschlossen. Diese öde Wirthschaft kam mir eben nicht sonderlich lustig vor. Bei allen dem war es auch nicht geheuer in der Umgegend. Trollen und Gnomen und sonst viel unheimlich Geistervolk hausete drüben, und sie drangen bis in den Stall meiner Hütte, so daß ich oft in der Dämmerung die Zwerggestalten mit ihren rothen Lappen auf dem Kopfe an mir vorüberhuschen sah. Dieser Spuk vermehrte das Unheimliche der heimathlichen Stelle, deren Leere mir seit dem Tode meiner Eltern ohnehin sehr schmerzlich fiel. Schon war ich daran, mich als Knecht an den Ohm in Quickjock zu verdingen, der nebst seinem Kramladen manch gutes Stück Ackerland besaß. Da begab es sich, daß ich mich noch vor Ausführung meines Planes in den Julitagen auf der Jagd verging. Die Kälte war grimmig, und so sehr ich fühlte, daß mein Leben auf dem Spiele stand, so konnte ich doch den Schlaf nicht überwinden, der mich schier zu Boden drückte. Ich mußte nachgeben, und so legte ich mich denn auf den schneebedeckten Boden unter einer breitästigen Fichte nieder, und entschlief.
Es mochte kaum ein Stündlein vergangen seyn, als eine wohlthuende Wärme mir die erstarrten Glieder durchdrang, und ich im Traume eine helle, freundliche Musik vernahm, so deutlich, daß ich d'rob erwachte. Voll Staunens merkte ich, wie ich auf üppigem Grasboden lag, einen Kreis frischblühender, bunter Blumen um mich, welche die Luft rings mit Wohlgeruch erfüllten. Es war, als athmeten die Fichtenäste Sommerluft aus, so mild und lau wehete es mich an, da doch rings umher hoher Schnee auf dem winterlichen Felde lag. Anfangs kam es mir vor, als ob ich mich noch in meinem Traume fortbewegte; aber gar bald gelangte ich zur Ueberzeugung, daß ich auf die Elfenhöhe gerathen seyn müßte. Ihre Musik war es, die ich im Schlafe vernommen, unter ihrem Reigen war der Schnee geschmolzen, und keimten die Elfenringe empor. Voll Schrecken raffte ich mich auf, um die gefeiete Stelle zu verlassen; aber der Druck eines weichen Armes hinderte meine Bewegung. Eine schöne, blasse Dirne stand vor mir. Mit einer Stimme, wie Meerfrauengesang, bedeutete sie mir, daß ich ihr und ihren Elfenschwestern mein Leben zu verdanken hätte. Unfehlbar wäre ich auf meinem eisigen Bette erfroren, hätte nicht – da sie mich auf ihrer nächtlichen Wanderung gewahrten – ihr Tanz und ihr Zauberlied einen Frühling um mich aus dem Schnee hervorgelockt. So sprach die blonde Maid zu mir, und ihre Worte klangen alle so lockend, daß sie mir unwiderstehlich die Seele einnahmen. Ueber kurz – so setzte sie sich zu mir nieder unter den Fichtenbaum, legte ihre Hände in die meinen, sang mir liebliche Mährchen vor, und vom Gezweige herab flüsterte und klang es dazu wie Amselschlag. Das bewegte mein tiefstes Herz, und als ich ihr Valet sagte, fügte ich das Versprechen bei, des anderen Tages wieder zu kommen. Ich hielt auch, was ich zusagte. Von nun an verging keine Nacht, die ich nicht bei schön' Adelin verträumte. Meine Liebe wuchs wie die Alpenblumen in den Tagen des Hochsommers, und die ihre ward nicht schwächer mit der Zeit. Wollte mich hie und da ein unheimliches Gefühl übermannen, daß meine Liebe jenen geisterhaften Wesen gehörte, mit denen wir Menschenkinder nichts gemein haben sollten, die sich nicht selten unhold und feindselig gegen uns zeigten, so wußte schön' Adelin derlei Gedanken durch ihre Liebkosungen gar wohl aus meinem Herzen zu verdrängen. So gab ich mich ihr hin mit Leib und Seele. Den Plan, meine Hütte zu verlassen, ließ ich fallen, und der Ohm in Quickjock mochte sich um einen andern Knecht umsehen.
Um dieselbe Zeit wollte sein Sohn Hochzeit halten mit deiner Muhme. Auch mich ließ er laden zum Halnigdansen auf den Freitag nach Pfingsten, und ich konnte meine Zusage nicht verweigern. Als ich aber schön' Adelin mein Vorhaben kund that, da ward sie betrübt, als dränge sich ihr ein ahnendes Gefühl an's Herz. Je näher der Tag rückte, da ich zur Hochzeit wandern sollte, desto drängender und flehender wurden ihre Bitten, daß ich bei ihr bleiben möchte nur dieses Mal; dabei standen ihr die Thränen in den blaßblauen Augen. Doch hatte ich keinen Grund, von meinem Versprechen abzugehen, um so mehr, als ich binnen drei Tagen wieder zurückkehren wollte. So nahm ich denn Abschied von ihr, zehnmal wieder umkehrend und sie besänftigend, und als ich mich endlich losgerissen hatte aus ihren Armen, und meiner Hütte zuging, da war mir's selber so schmerzlich zu Muthe, daß ich fast beschloß, daheim zu bleiben. Doch – dem Himmel sei Dank – ich überwand mein thörichtes Gefühl!
Des anderen Tages zu guter Zeit machte ich mich auf den Weg nach Quickjock. Der helle, sonnige Morgen, dessen erster Strahl die Firnen beschien, machte mich heiter und fröhlich gestimmt. Ich wäre ein glücklicher Junge gewesen, hätte sich nicht die Erinnerung an schön' Adelin so oft trübselig in mein Herz eingeschlichen. – Nachgerade mußte ich über den Zustand meines Gemüthes nachdenken, und je freudiger die Sonne in den Tag hinein schien, desto unheimlicher kam mir die Liebe zu dem Elfenmädchen vor. So schnell eilte ich noch nie den Fußsteig längs des Seegestades und durch den Föhrenwald hin, wie dieses Mal. Immer däuchte es mir, als erlauschte Adelin meine geheimen Gedanken, und blicke gespensterhaft drohend hinter jedem Föhrenstamme, hinter jeder Felsenklippe vor, die mir am Wege aufstieß. Mir war erst wieder wohl um's Herz, als es Thal abwärts ging, und der Kirchthurm des Fleckens mir so sonntäglich entgegenblickte.
Freundlich empfing mich die Muhme und ihr Sohn mit dem wackeren Bräutlein. Sie wurde nicht müde mit Vorwürfen, daß ich so lange gesäumt, sie heimzusuchen. Wie ging mir die Seele auf, als ich mich wieder unter rothwangigen, lebensfrohen Menschen bewegte! Als ich mit der Muhme Töchterlein am Arme hinter den Brautleuten in die Kirche wanderte, nach langer Zeit wieder der fromme Klang der Orgel an mein Ohr schlug, und die schönen, segnenden Worte des Pastors; da erfaßte mich ein tief inniger Schmerz über meine Verirrung und über die sündhafte Neigung zur Elfendirne, und ich gelobte mir selber, abzulassen von dem bösen Wahne, der meine Sinne umstrickt hielt. So wendete ich mich an den frommen Mann, der über den Vetter und seine junge Braut den Segen ausgesprochen, schüttete ihm mein Herz aus, und erzählte ihm von der bösen Neigung, die sich meiner bemächtigt hatte. Der redete zu mir warnend, tröstend und rathend, so daß ich fest ward in meinem Plane. Gerne gab ich den Bitten der Muhme und ihrer Tochter, der schlanken Mary, nach, die mir's nicht gestatteten, als ich mich nach dem ersten Halnigdansen heimwärts auf den Weg machen wollte. Ich blieb einige Tage, und wenn es mich auch nicht selten sehnsüchtig gemahnte an schön' Adelin und an die Mondnächte, da meine Hände in ihrem Schooße lagen, und ihre Locken mir um's Haupt flatterten, so schauete ich in Mary's dunkleres Auge. Das verscheuchte die trüben Bilder meiner Seele. Nach der Hand lauschte mir es Marywohl ab, daß mich etwas ängstige, und da sie so theilnehmend nach meinem Kummer fragte, konnte ich nicht umhin, und erzählte ihr eines Abends vom Ellisermädchen und von meiner Liebe. Mary erschrack und eine Thräne stand ihr im Auge. Doch faßte sie sich bald, und ich will nie vergessen, wie freundlich mahnend sie mir an's Herz redete, wie sie mir ihr Amulet aufdrang, das sie bisher um den Hals hing, und wie sie des andern Tages so herzinnig von mir Abschied nahm, als ich wieder heimzuwandern beschloß.
Zu Hause angelangt, überwand ich die Sehnsucht, die mich hinaustrieb zu schön' Adelin, hielt mich wacker an Bibel und Gebetbuch, wenn ich des Abends Spuk verspürte, oder gedachte an Mary's rothe Wangen; unter Tages aber ließ ich mir keine Arbeit verdrießen, und schaffte nach bester Kraft, um das Ziel zu erreichen, das ich mir vorgesetzt hatte. Oefter als gewöhnlich, ja wider Willen, trieb mich's nach Quickjock. Zwar schlug ich's der Muhme rundweg ab, als sie mich im Kramladen zurückhalten wollte, da mein frisches Gemüth hätte versauern müssen. Doch ließ ich ihr meine Absicht merken auf ihr Töchterlein, und sie ward darob nicht ungehalten. Das war mir vorderhand genug, und ich ging mit neuer Lust und Kraft an's Tagewerk. Auch segnete der Himmel meine Arbeit. Der Fischfang fiel reich aus; zudem löste ich aus den Körben, die ich flocht und selbst zu Markte trug, ein gut Stück Geld. – Sofort ging ich daran, meine Wohnstelle von dem Platze zu entfernen, wo Gespensterfurcht und böse Erinnerungen mich ängsteten. Ich wendete mein erspartes Geld daran, und baute meine Hütte an die Stelle, wo sie jetzt noch steht. Nach Jahr und Tag, da Alles wohnlich und geräumig eingerichtet war, eine Kuh im Stalle lag, und der Kohl blühete im Gärtlein vor dem Hause, ging ich frisch an's Werk, freiete um die schlanke Maryund die Muhme sagte sie mir zu. Mary hatte mir selber schon längst zugesagt. Sie ward mein Bräutlein, und meine seligen Tage begannen. Nichts trübte mein Glück; denn die Erinnerung an schön' Adelin war längst verwischt aus meiner Seele, und die Stelle, wo ich meinen neuen Herd aufgeschlagen, blieb frei vom Geisterspuke.
Vier Wochen nach Pfingsten sollte Hochzeit sein. Ich hatte mich stattlich herausgeputzt, und wanderte seliger Hoffnungen voll nach Quickjock, die kleine Wiegengabe unterm Arme, die ich meinem Bräutlein bringen wollte. Alles war bereit, da ich ankam. Bald war Mary mein angetrautes Weib, und ein kurzes, fröhliches Hochzeitmahl folgte. Nach dem Kronabtanzen nahmen wir heimlich Abschied von Schwiegermutter und nächster Sippschaft, und Mary folgte mir in ihre neue Heimath. Es war ein schöner, freundlicher Tag, und wir gingen selbander den Fußsteig, daß wir in ein Paar Stündlein den See erreichen konnten. So wünschte es Mary. Ob ihr auch manches Thränlein unter den Wimpern hervorquoll, als sie der Eltern Haus verließ, so ging sie doch freudig ihrem neuen Haushalte entgegen. Der Abend dämmerte über's Gebirg herüber, und röthete den Wellenschaum der Lulea-Elf, an deren Ufern uns der Weg hinführte. Es war uns beiden gar tiefwonniglich um's Herz! Wir sprachen nichts, und ließen uns doch gegenseitig in die Seele schauen. Ich fühlte, was sie dachte, da sie sich fest an meinen Arm schmiegte. Der Mond stieg zwischen den Goldwolken empor, und es kam uns beiden vor, als sei er noch nie so schön aufgegangen. Als wir den Wald betraten, zitterte sein Licht zauberhaft durch das Geäste. Marylegte sich mir an's Herz. Es bewegte sich ein Schwall von Empfindungen in ihrem Gemüthe, daß sie sich der Thränen nicht erwehren konnte. Gedachte sie auch, einer frohen Zukunft entgegen zu gehen, so lagen doch ihre Jugendträume hinter ihr, als die Gefühle, welche sie im Vaterhaus bewegten, wie der Tag, der so eben von uns geschieden war. Wir setzten uns nieder auf einen Windwurf, und ich beugte mich über sie, um ihr die Thränen wegzuwischen vom Auge. Da drang es plötzlich wie ein Wehruf zu uns her. Schnell rafften wir uns empor. Es dämmerte tiefer im Wald. Auf einer Felsenkuppe aber, die jenseits des Flusses über dem Wasser hing, stand ein Weib, die Arme wie drängend und abwehrend gegen uns erhebend. Ihr weißes Gewand schimmerte wie Schnee im Mondenlichte, und ihr lichter Schleier flatterte im Abendwinde. Schauerlich wie der Norne Lied, tönte ihr Spruch über das rauschende Gewässer herüber zu uns:
     König Egir's Töchter im Lulea-See –
     Ihr Brautlied drang aus den Wogen.
     Da bewegt' es die Elfin wie Liebesweh,
          Wie Liebesweh;
     Hei Schatz, du hast mich betrogen.

     Eine Wiegengabe bringe ich dir,
     Einen Segen in's bräutliche Bette:
     Und nach fünf Monden und aber nach vier,
          Und aber nach vier,
     Da liegt sie dir auf dem Brette.

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Adelin – – so rang sich ein Angstschrei aus meiner Seele! Das Weib verschwand im Felsen, und meine Mary lag mir leblos im Arme. Ich trug sie auf meinen Händen in die Hütte. Ihr Leben kehrte zurück; aber ein nagender Schmerz bewegte sich in ihrer Seele. Der Zauberspruch hatte ihr einen unheilbaren Stich in's Herz gethan. All' meine starke Liebe, womit ich sie umschloß, wie der Sonnenschein die Lenzblüthen, brachte ihr die Heiterkeit nicht wieder. Sie dämmerte fort, wochenlang – mondenlang; und wenn ich sie gebrochenen Muthes an's Herz drückte, dann weinte sie still vor sich hin, und mir blieb keine Hoffnung, den geheimen, fortwuchernden Gram ihr je aus der Seele reißen zu können. Selbst die Ahnung der seligsten Menschenfreude, die bald zur Gewißheit ward, richtete sie nicht auf. –
Nach neun trüben, schmerzhaften Monaten aber lag sie auf dem Brette, wie die Elfin gesungen; und ihr zugefallenes Auge konnte die Frucht ihrer unglückseligen Liebe nicht mehr schauen. – Da brach mir der letzte Rest meiner Stärke, und ich fiel über mein todtes Weib hin, laut weinend und jammernd, und hatte nur einen Wunsch, gestorben zu sein mit ihr! – –
Du, mein Nils – du warst noch die einzige Stütze, die mich hielt. In deinen Zügen dämmerte mir das Bild meiner abgeschiedenen Mary auf, und als ich sie eingegraben hatte an der Stelle, wo sie jetzt noch schlummert, da klammerte ich mich an dich, als das letzte Glied der Kette, die mich an die Welt fesselte. Ich schloß mich ab von den Menschen, deren Freude mir weh that. Du warst der einzige Punkt, um den sich meine ausschließende Liebe bewegte. Ich freute mich über dich, wie über einen aufgehenden Stern in der Winternacht. So bin ich grau geworden. Willst du mir am Abende meiner Tage den Anker ausziehen aus der Scholle, an die er mich noch hält? Mein Nils,mein einziges Kind! Soll dich ein Schmerz verzehren, dafür dir dein Vater keinen Trost geben kann, weil du dein Herz verschließest, wenn er anklopft und dich fragt: Was fehlt dir?“ – –

IV.

          Herrgott, sei gnädig mir armen Mann,
          Meinem einzigen Kind hab ich Leid angethan!
               „Herzog Freudenberg und Fräulein Adelin.“

Sorgfältiger denn sonst beobachtete der alte Fischer des andern Tages seinen Sohn. Auch Nilsthat, was er vermochte, um heiter zu scheinen, und hatte sich fest vorgenommen, am Abende daheim zu bleiben. Als jedoch die Dämmerung kam, und die Nebel sich senkten, konnte er seiner Sehnsucht nicht mehr Meister werden. Im Augenblicke, da er sich für unbelauscht hielt, entschlüpfte er den spähenden Blicken des Vaters, und ging die gewohnten Steige, die ihn zu seiner Liebsten führten.
Aber der Alte hatte seiner wohl in Acht. Die Richtung verfolgend, die sein Junge von der Hütte weg genommen hatte, gewahrte er bald seine Fährte im thauigen Grase. Ein dichter, grauer Nebel hatte sich von den Bergen niedergezogen, und gönnte kaum die Aussicht auf ein Paar Schritte vorwärts. Doch führte die einmal aufgefundene Spur den Fischer auf den rechten Weg fort. So mochte er wohl über eine Stunde gegangen seyn, als er das Rauschen der Lulea-Elf zu seiner Rechten vernahm. Es war Abend geworden, und die Sonne bereits hinter den Firnen verschwunden. Alles still im weilen Umkreise, man hörte jede Welle an die andere schlagen und hinziehen durch's Geröhricht am Ufer. Da schien es, als bräche ein rother Schein durch den Nebel, ein eigener, zitternder Glanz, nicht wie die Abendröthe, die bereits dem Dunkel gewichen war. Einzelne Töne klangen aus nächster Ferne. Der Alte fühlte sich wie von geheimen Schauer ergriffen.

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Es waren bekannte Stimmen, die ihm der Wind entgegen trug. Die Felsenwände mit ihren dunklen Tannen und Kiefern traten näher; er konnte sie unterscheiden trotz der unbestimmten Formen, welche sie im Nebel annahmen, und sie erweckten in ihm ängstliche Erinnerungen an bekannte Plätze. Da hörte er das Lied singen von den wahrsagenden Nachtigallen am Brunnen, die schön' Sidselills Tod kündeten ihrem Liebsten, ganz in jener wundersamen Weise, wie sie Adelin ihm gelehrt hatte, und unter seinen Füßen, so weit er sehen konnte, dehnten sich die Elfenringe aus. Wie im Fieberfroste zitterten ihm die Kniee. – Sein Sohn – sein einziges Kind – hatte er nicht deutlich Nils Stimme vernommen? Klang nicht das Lied von den wahrsagenden Nachtigallen wie ein prophetischer Sang? Er wollte rufen – die Stimme versagte ihm. Jetzt brach der Mond durch den sinkenden Nebel, und beleuchtete die Stelle vor ihm. Ein dumpfer Angstschrei rang sich los aus seiner Brust. Adelin – – sie war es, – dieselbe, welche auch ihn einst zur Liebe verlockt, – dieselbe, deren Spruch den Tod brachte über seine Mary, – und Nils, sein Nils in ihren Armen! – Erschrocken fuhr dieser empor, und als er seinen Vater gewahrte, bleich und bebend, das fahle Gesicht vom Mondlicht beleuchtet, die Haare flatternd im feuchten Nachtwinde – da stürzte er lautlos zusammen!
Aber wie bitterer Hohn lag es auf den Zügen der Elfendirne. Sie hatte ihre verschmähte Liebe gerächt, und wie damals auf der Felsenkuppe, so schimmerte ihr schneeiges Gewand und wehte ihr weißer Schleier im Winde, und mit den Armen den Hervorstürzenden abwehrend, sang sie nach der alten Weise:

     Du hast mir gebrochen die Lieb und Treu,
     Hast ein fremdes Bräutlein umschlungen.
     Und nach zwei Wochen und aber nach zwei
          Und aber nach zwei,
     Da liegt die Mutter beim Jungen!

Alsdann zerrann sie, wie die Wolke vor dem Sonnenlichte. Der Alte aber schleppte seinen Sohn heim, der an einem schlimmen Fieber dahin siechte, und nach vier Wochen grub er ihm ein Plätzlein aus neben seiner schlanken Mary. –

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Quelle. wikisource

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