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Es werden Posts vom 2018 angezeigt.

Arnold Hagenauer - Das Geigengespenst

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DAS GEIGENGESPENST
Von Arnold Hagenauer



So oft der blasse, schlanke Jüngling die Geige spielte, vergaß er allen um sich herum, er lauschte nur mehr den Tönen, die er den Saiten entlockte und folgte ihnen, wenn sie über Berg und Tal in das Land seiner Träume dahinschwebten. So legte er seine ganze Seele in das Instrument und sein Leben in die schmeichelnden Töne, die unter seinem Bogen hervorquollen und ihn mit sanften Händen umfaßten und bestrickten, so daß er ihnen nimmermehr zu entrinnen vermochte. Als er eines Tages am Fenster stand, gerade als die Sonne unterging, blickte er über die blühenden Hollundersträuche seines Gartens weg auf die fernen Dörfer und auf die braunen Hügel, über die wogenden Kornfelder hinaus, bis dort, wo der Rand des Himmels auf die Erde stößt. Es hatte geregnet. Noch rieselte es schwer von allen Blättern nieder, ein frischer Hauch zog durch die Wipfel der Bäume, in denen sich die Vögel mit erquickten Kehlen ihre Abendgrüße zusandten. Da erfaßte den Jüngling e…

Johann Most - Die Eigentumsbestie

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Johann Most - Die Eigentumsbestie
1887 (New York)



Der Mensch ist unter den Raubtieren das schlimmste. Das ist ein Ausspruch, den heutzutage viele tun, der aber nur bedingungsweise richtig ist. Nicht der Mensch als solcher ist ein Raubtier, sondern nur der Mensch in Verbindung mit Reichtum. Je reicher der Mensch ist desto stärker ist seine Gier nach weiterem Vermögen. Solch ein Untier, welches man Eigentumsbestie nennen kann, und das gegenwärtig die Welt beherrscht, die Menschheit unglücklich macht und mit dem Fortschreiten der sogenannten "Zivilisation" an Grausamkeit und Schlingkraft gewinnt, soll im Nachstehenden gekennzeichnet und der Ausrottung empfohlen werden.

Blickt Euch um! In jedem sogenannten "Kultur" - Lande gibt es unter je hundert Menschen etwa 95 mehr oder minder vollendete Habenichtse und ungefähr fünf Geldprotzen. Es ist nicht nötig, alle Schleichwege aufzusuchen, auf denen die Letzteren ihr Vermögen erworben haben. Der Umstand, daß sie Alles besitzen,…

Karl Schönherr - Die »Lehrerin«.

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Karl Schönherr - Die »Lehrerin«.



Gestern habe ich ein ganz nettes, bedeutungsvolles Genrebildchen gesehen. Da steht in der Gasse gegenüber meinem Fenster ein etwas baufälliges Haustor weit offen. Dahinter gähnt ein dunkler Flur. Vor dem Tor steht ein kleines, etwa vierjähriges Bübel, an dem man es wieder einmal so recht deutlich sehen konnte, daß der Mensch aus Erde und Lehm gemacht ist. Der Kleine benützt das Tor als Schreibtafel. Der rechte Zeigefinger dient ihm als Feder. Aus dem Boden in einem Grübchen ist Straßenkot zu Brei gerührt; das ist die Tinte, in die der Junge dann und wann die »Feder« taucht. Er hat im Eifer des »Schreibens« die Zunge ängstlich zwischen die Zähne gestemmt und schielt immer wieder kleinverzagt nach hinten.
Ein etwa fünfjähriges Mägdlein sitzt ängstlich zusammengeduckt aus dem Wehrstein nebenan und hält die Hände — zwei liebweichpatschige, schmutzige Pfötchen — nach braver Schülerart schön flach aus einen umgestürzten blechernen Margarinkübel. Auch sie wende…

Alexander Poljenow - Mischa Strongins sieben Versuche

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Alexander Poljenow - Mischa Strongins sieben Versuche


MISCHA Strongin hatte an den technischen Hochschulen von Moskau und Charlottenburg nicht viel Gefallen gefunden, war mit kaum zwanzig Jahren aus der letzteren ausgetreten und hauste in völliger Weltabgeschiedenheit in einer Petersburger Vorstadt, in der Nähe des großen Elektrizitätswerkes, wo er ganz allein ein kleines Häuschen bewohnte, das er zu einem physikalischen Laboratorium ausbaute. Nichts ist natürlicher, als daß die Polizei Verdacht schöpfte, er habe sich eine Banknoten- oder Flugschriftendruckerei oder gar eine Sprengstoffabrik eingerichtet, und zwei oder drei Haussuchungen bei ihm abhielt. Man fand aber nichts, was auf eine verbrecherische oder staatsgefährliche Tätigkeit schließen ließe: die amtlichen Sachverständigen erkannten, daß es sich um etwas Elektrotechnisches oder Elektrochemisches handelte und begnügten sich mit seiner Erklärung, daß er an der Konstruktion eines neuartigen Akkumulators arbeite, worauf ihn die …

Klabund - Weibertreu

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Klabund - Weibertreu


Meine Damen, ich hoffe, Sie werden mir die kleine Geschichte nicht übelnehmen, die ich Ihnen hier erzähle: denn sie ist ziemlich leichtfertig. Aber ich möchte Ihnen zur Beruhigung mitteilen, daß Sie sich im fernen Indien zugetragen hat. In Europa gilt, wie allgemein bekannt, die Ehe als Sakrament, und noch nie hat in Europa eine Frau ihrem Gatten die Ehe gebrochen. — —
Es war einmal ein Herr namens Viradhara und eine Dame namens Kamadamini. Letztere war ein junges, zartes und fröhliches Geschöpf, während ihr Gatte Viradhara bereits jenes Alter erreicht hatte, von dem es im indischen Sprichwort heißt: Ein alter Esel zieht nicht mehr. Kamadamini fand nun, daß es noch genug junge Esel gebe, die ihren kleinen Korbwagen gerne ziehen möchten, sofern sie sie nur einspanne. Solches tat Kamadamini und geriet in einen Ruf, der selbst bis zu ihrem alten Gatten drang. Der Gatte ward auf das heftigste bestürzt, als er solches vernahm, schwieg aber still und beschloß bei sich, se…

Wiener Heiratsannonce

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AUS DEM 18. JAHRHUNDERT ALS HANDZETTEL ERSCHIENEN EHELICHUNGS-NACHRICHT 
Bin bejahrter, verwitweter bürgerlicher Gewerbsmann, der kein Spieler, Vollsäufer noch Zänker ist, stets ein häusliches und bewerbsames Leben führt; dessen Ehrlichkeit und Fleiß im Thun und Lassen noch niemand in Zweifel zog; der jederzeit als ein guter Wirth und der Mäßigkeit ergebener Mann bekannt war, und sich niemals irgend einer Ausschweifung ergab; hat seit sieben und zwanzig Jahren eine Menge Unglücksfälle gehabt, wodurch sein Vermögen sehr verringert wurde. Er hat vier Kinder am Leben, drey davon sind schon versorgt ein Sohn ist noch übrig, der einer sorgfältigen Mutter bedarf. Er ist also gesinnt derowegen eine seinem Alter angemessene Person zu suchen, die er heyrathen könnte, sie sey nun eine Witwe oder Ledige, auch kann sie protestantischer Religion seyn, wann sie nur wirtschaftlich, gut gesittet ist, ihn lieben kann, und wenigstens 3000 Fl. im Vermögen hat, wodurch seinem Gewerbe könnte aufgeholfen, un…

Karl Einstein - Der von Gott gewollte Chinahändler

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KARL EINSTEIN - DER VON GOTT GEWOLLTE CHINAHÄNDLER


Er fuhr nach China. Indien war für ihn nichts, war schon zu abgeklappert. Zunächst kaufte er altchinesische Nachttöpfe und machte die epochemachende Ausstellung im Museum zu Lissabon.
Die Zeitungen schrien vor Delikatesse.
»Ein altes Volk, dessen Kultur die letzten unaussprechlichen Dinge bezaubert.« Ein anderes: »Bisher hiess es in Schönheit sterben. Eine untergehende Rasse, an der wir Geschäfte schamlos machen, lehrt uns in Schönheit . . . . . . . . . .«
»Die rohe Unkultur englischer Waterclosets,« schrieb ein anderes, »nein, die Hand des Künstlers, der die kleinsten Dinge ziert, ist uns verdorrt; der Hygienewahnsinn verhässlichte uns sogar das Nötige und drang in das geheimste, das Badezimmer.«
Ein anderes frug: »Vermag nicht die Schönheit des Apparates die Gesundheit mehr zu fördern?« »Selbst das Badezimmer ist demokratisiert,« entrüstete sich das royalistische Blatt, »aber solche Offenbarungen lassen uns stärker an den Sieg der königl…

Max Herrmann (Neisse) - Hilflose Augen

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Max Herrmann (Neisse) - Hilflose Augen


Das gemeinsame Mittagessen war schon beendet, als Frank aus dem Gymnasium nach Hause kam.
Ernst stand auf der Strasse im Sonnenschein, an die weisse Mauer gelehnt und haschte Fliegen. Ein heimtückisches Grinsen schien sein Gesicht zu entstellen. Franks Augen wurden unsagbar hilflos. Wie gehetzt lief er durch die Bierstube, in der seine Mutter über einem Buch sass, das sie hastig mit schmerzlicher Heimlichtuerei im Pult verschloss. Er hörte Ernst einen Gassenhauer pfeifen. Dann stürmte er die Treppe hinauf.
Die Köchin blieb mürrisch. Die Suppe war kalt. Aus dem Nebenzimmer quoll das aufreizend regelmässige Mittagsschnarchen des Vaters. Frank überkam das Gefühl eines unerklärlichen namenlos wehmütigen Ekels. Er musste aufhören zu essen. Er wollte seine Hündin Batry mit den verschmähten Speisen füttern und begann, nach ihr zu rufen. Sie war nicht da. Das nervöse Prickeln einer bösen Ahnung beschlich ihn. Er lärmte mit der Köchin. Die zuckte höhnisch di…

Walter Serner - Inferno

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Walter Serner - Inferno

Ein Schreien, das widersetzlich beginnt, wenn es am lautesten wird, vor Wut sich überschlägt und verebbend kraftlos fauchend erliegt, schleudert aus dem Neugeborenen, das herausgepresst und herausgezerrt werden muss, eine Auflehnung, die nie wieder ganz zerbricht, oft dünn wird oder spärlich, selten häufig oder starr und die erst mit dem Tod endet, welcher ihr Recht in der Angst vor ihm metaphysisch durchfallt. In der Geburt als Ursache schreit schon der Tod als Wirkung und die Wut, die das Leben gegen ihn verteidigt, verteidigt ihn auch gegen das Leben. Diese Auflehnung, die dort verweigert, was hier Wehrlosigkeit aufgebürdet bekam, ist das grosse Mass und dessen Pole umklammern das Schicksal. In ihm ist die Entscheidung auf Leben und Tod: den Himmel als Hoffnung zu läugnen oder die Erde als Hölle zu erleben. Vor der Zahllosigkeit jener Schwäche, die leere Gier ist und stumpfes Sorgen, starrt die seltene Kraft dieser Einzelnen, deren Grösse Qual ist.

Vorbei am j…