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Alexander Poljenow - Mischa Strongins sieben Versuche

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Alexander Poljenow - Mischa Strongins sieben Versuche


MISCHA Strongin hatte an den technischen Hochschulen von Moskau und Charlottenburg nicht viel Gefallen gefunden, war mit kaum zwanzig Jahren aus der letzteren ausgetreten und hauste in völliger Weltabgeschiedenheit in einer Petersburger Vorstadt, in der Nähe des großen Elektrizitätswerkes, wo er ganz allein ein kleines Häuschen bewohnte, das er zu einem physikalischen Laboratorium ausbaute. Nichts ist natürlicher, als daß die Polizei Verdacht schöpfte, er habe sich eine Banknoten- oder Flugschriftendruckerei oder gar eine Sprengstoffabrik eingerichtet, und zwei oder drei Haussuchungen bei ihm abhielt. Man fand aber nichts, was auf eine verbrecherische oder staatsgefährliche Tätigkeit schließen ließe: die amtlichen Sachverständigen erkannten, daß es sich um etwas Elektrotechnisches oder Elektrochemisches handelte und begnügten sich mit seiner Erklärung, daß er an der Konstruktion eines neuartigen Akkumulators arbeite, worauf ihn die …

Klabund - Weibertreu

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Klabund - Weibertreu


Meine Damen, ich hoffe, Sie werden mir die kleine Geschichte nicht übelnehmen, die ich Ihnen hier erzähle: denn sie ist ziemlich leichtfertig. Aber ich möchte Ihnen zur Beruhigung mitteilen, daß Sie sich im fernen Indien zugetragen hat. In Europa gilt, wie allgemein bekannt, die Ehe als Sakrament, und noch nie hat in Europa eine Frau ihrem Gatten die Ehe gebrochen. — —
Es war einmal ein Herr namens Viradhara und eine Dame namens Kamadamini. Letztere war ein junges, zartes und fröhliches Geschöpf, während ihr Gatte Viradhara bereits jenes Alter erreicht hatte, von dem es im indischen Sprichwort heißt: Ein alter Esel zieht nicht mehr. Kamadamini fand nun, daß es noch genug junge Esel gebe, die ihren kleinen Korbwagen gerne ziehen möchten, sofern sie sie nur einspanne. Solches tat Kamadamini und geriet in einen Ruf, der selbst bis zu ihrem alten Gatten drang. Der Gatte ward auf das heftigste bestürzt, als er solches vernahm, schwieg aber still und beschloß bei sich, se…

Wiener Heiratsannonce

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AUS DEM 18. JAHRHUNDERT ALS HANDZETTEL ERSCHIENEN EHELICHUNGS-NACHRICHT 
Bin bejahrter, verwitweter bürgerlicher Gewerbsmann, der kein Spieler, Vollsäufer noch Zänker ist, stets ein häusliches und bewerbsames Leben führt; dessen Ehrlichkeit und Fleiß im Thun und Lassen noch niemand in Zweifel zog; der jederzeit als ein guter Wirth und der Mäßigkeit ergebener Mann bekannt war, und sich niemals irgend einer Ausschweifung ergab; hat seit sieben und zwanzig Jahren eine Menge Unglücksfälle gehabt, wodurch sein Vermögen sehr verringert wurde. Er hat vier Kinder am Leben, drey davon sind schon versorgt ein Sohn ist noch übrig, der einer sorgfältigen Mutter bedarf. Er ist also gesinnt derowegen eine seinem Alter angemessene Person zu suchen, die er heyrathen könnte, sie sey nun eine Witwe oder Ledige, auch kann sie protestantischer Religion seyn, wann sie nur wirtschaftlich, gut gesittet ist, ihn lieben kann, und wenigstens 3000 Fl. im Vermögen hat, wodurch seinem Gewerbe könnte aufgeholfen, un…

Karl Einstein - Der von Gott gewollte Chinahändler

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KARL EINSTEIN - DER VON GOTT GEWOLLTE CHINAHÄNDLER


Er fuhr nach China. Indien war für ihn nichts, war schon zu abgeklappert. Zunächst kaufte er altchinesische Nachttöpfe und machte die epochemachende Ausstellung im Museum zu Lissabon.
Die Zeitungen schrien vor Delikatesse.
»Ein altes Volk, dessen Kultur die letzten unaussprechlichen Dinge bezaubert.« Ein anderes: »Bisher hiess es in Schönheit sterben. Eine untergehende Rasse, an der wir Geschäfte schamlos machen, lehrt uns in Schönheit . . . . . . . . . .«
»Die rohe Unkultur englischer Waterclosets,« schrieb ein anderes, »nein, die Hand des Künstlers, der die kleinsten Dinge ziert, ist uns verdorrt; der Hygienewahnsinn verhässlichte uns sogar das Nötige und drang in das geheimste, das Badezimmer.«
Ein anderes frug: »Vermag nicht die Schönheit des Apparates die Gesundheit mehr zu fördern?« »Selbst das Badezimmer ist demokratisiert,« entrüstete sich das royalistische Blatt, »aber solche Offenbarungen lassen uns stärker an den Sieg der königl…

Max Herrmann (Neisse) - Hilflose Augen

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Max Herrmann (Neisse) - Hilflose Augen


Das gemeinsame Mittagessen war schon beendet, als Frank aus dem Gymnasium nach Hause kam.
Ernst stand auf der Strasse im Sonnenschein, an die weisse Mauer gelehnt und haschte Fliegen. Ein heimtückisches Grinsen schien sein Gesicht zu entstellen. Franks Augen wurden unsagbar hilflos. Wie gehetzt lief er durch die Bierstube, in der seine Mutter über einem Buch sass, das sie hastig mit schmerzlicher Heimlichtuerei im Pult verschloss. Er hörte Ernst einen Gassenhauer pfeifen. Dann stürmte er die Treppe hinauf.
Die Köchin blieb mürrisch. Die Suppe war kalt. Aus dem Nebenzimmer quoll das aufreizend regelmässige Mittagsschnarchen des Vaters. Frank überkam das Gefühl eines unerklärlichen namenlos wehmütigen Ekels. Er musste aufhören zu essen. Er wollte seine Hündin Batry mit den verschmähten Speisen füttern und begann, nach ihr zu rufen. Sie war nicht da. Das nervöse Prickeln einer bösen Ahnung beschlich ihn. Er lärmte mit der Köchin. Die zuckte höhnisch di…

Walter Serner - Inferno

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Walter Serner - Inferno

Ein Schreien, das widersetzlich beginnt, wenn es am lautesten wird, vor Wut sich überschlägt und verebbend kraftlos fauchend erliegt, schleudert aus dem Neugeborenen, das herausgepresst und herausgezerrt werden muss, eine Auflehnung, die nie wieder ganz zerbricht, oft dünn wird oder spärlich, selten häufig oder starr und die erst mit dem Tod endet, welcher ihr Recht in der Angst vor ihm metaphysisch durchfallt. In der Geburt als Ursache schreit schon der Tod als Wirkung und die Wut, die das Leben gegen ihn verteidigt, verteidigt ihn auch gegen das Leben. Diese Auflehnung, die dort verweigert, was hier Wehrlosigkeit aufgebürdet bekam, ist das grosse Mass und dessen Pole umklammern das Schicksal. In ihm ist die Entscheidung auf Leben und Tod: den Himmel als Hoffnung zu läugnen oder die Erde als Hölle zu erleben. Vor der Zahllosigkeit jener Schwäche, die leere Gier ist und stumpfes Sorgen, starrt die seltene Kraft dieser Einzelnen, deren Grösse Qual ist.

Vorbei am j…

Johannes Wendelin - Spuk

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SPUK Erzählung von Johannes Wendelin

Ein frischer, eislufterfüllter Wind fegte unaufhörlich den Bahndamm hinunter. Wir standen auf dem versteckten Perron eines kleinen Bergortes in der französischen Schweiz. Soweit das Auge reichte: Felsen, Klüfte, Fichtentäler und In der Höhe die ewigen Schneekuppen und ein hellblauer dünner Himmel. Neben mir wippte meine lebenslustige Freundin auf den Zehenspitzen auf und nieder. Sie hatte keinen Sinn für Seßhaftigkeit und wartete noch ungeduldiger als ich darauf, fortzukommen. Vor einigen Tagen war sie mit mir auf eine unvorbereitete Liebesreise ausgerissen; daneben aber verfolgte sie noch einen anderen Zweck. Sie benutzte seit Jahren jede Möglichkeit, in die Welt hinaus zu kommen, weil sie nach einem verschollenen Bruder suchte. Sie selbst hatte ihn nicht gekannt. Ihre Eltern hatten ihr erzählt, daß er frühzeitig verunglückt, der Leichnam aber nie aufgefunden worden sei. Vielleicht war es nur eine Starrköpfigkeit von ihr; aber sie glaubte nicht an …

Walter Serner - Die Frauen der Revolution

Walter Serner - Die Frauen der Revolution
Je grösser die Zahl derer ist, die Revolution und Geist irgendwie sich berühren lassen, desto kleiner wird die Möglichkeit, eine erfolgreiche Revolution zu erleben. Die Ueberzeugung, Rousseau sei letzten Endes der geistige Urheber der französischen Revolution des Jahres 1789, ist ebenso falsch wie die, in Russland hätten vor einem Jahrzehnt die Geister revolutioniert, richtig. Hätte nicht der Hunger in Rotten nach Versailles sich geschleppt, Ludwig der Sechzehnte wäre nie guillotiniert, das Bürgertum nie so frei geworden, wie es heute der Arbeiter sein möchte. Und nur weil die russische Revolution von Satten gemacht wurde, konnte sie niedergeworfen werden. Rousseau, der manchem hinterher das Gewissen erleichtert haben mochte, konnte in die selbsttätige Flut einer Wirkung hineingerissen werden, Ursache war er nicht. Bakunin, der den Köpfen, welche sich erhoben, das Gewissen aufgerüttelt hatte, vermochte nicht, jene mitzureissen, denen der Magen …

Peter Altenberg - De natura hominum

De natura hominum von Peter Altenberg 

Jeder Mensch hat einen »infernalen« Selbsterhaltungstrieb, der ihn zwingt, unerbittlich, zu jeglicher Stunde sich mit seinem eigenen armseligen und eigentlich für die Mit- und Umwelt ziemlich gleichgültigen Lebensschicksale und vor allem dessen eventueller Verbesserung ununterbrochen zu beschäftigen! Diejenigen, die Dieses aus irgend einem Grunde jedoch unterlassen, verabsäumen diese rastlose Jagd nach eigener angeblicher Glückseligkeit, die haben von Schicksals Gnaden oder Ungnaden einen »Knacks« und rangieren infolgedessen in die Sorte »Dichter«, »Philosophen«, »Träumer«, »Narren«, »allgemein Lebensunfähige«! Oder sogar »pathologisch Veranlagte«. Ein Mensch, sei es Mann oder Frau, der zu wenig Selbsterhaltungstrieb von Natur aus miterhalten hat als Kampfwaffe im täglichen Dasein, ist bereits dadurch aber allein schon von selbst in eine höhere Rangsklasse befördert vom Schicksale, indem es ihm erspart bleibt, zu jeglicher Stunde um sein bißchen W…

Paul von Surány - Der gut passende Sarg

Der gut passende Sarg
Von Paul von Surány

Ich will die Geschichte gerne erzählen, aber Ihr werdet mir keinen Glauben schenken.
Erzähle immerhin!
Ihr wisset ja, im Jahre 1908 war ich Konsul in Chile. Die Hauptstadt ist nicht gerade das Ideal einer Großstadt, ein merkwürdiges Gemisch, sozusagen alle Nachteile der Kleinstadt im Rahmen der Residenz.
Die deutschen und österreichischen Kolonisten hielten fest zusammen und hatten dort ein Kasino Teutonia. Nachmittags kamen wir mit den Damen bin, am Abend spielten die Herren Skat, Tarock, Poker und Domino. Hie und da ein Ungar oder Schweizer waren seltene Gäste, sonst besuchten nur deutsche und österreichische Kolonisten das Kasino.
Eines Tages, im Winter warʼs, wurde ich dort mit einem Herrn bekannt gemacht, der, wie ich erfuhr, ein Engländer war und Percy Algernon hieß. Er sprach tadelloses Deutsch und war mir vom ersten Augenblick an sehr sympathisch.
Warum er gerade unsere Teutonia frequentierte wurde mir nicht klar, keiner konnte den Grund ange…

Julius Stinde - Toilette für das Mikroskop

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Toilette für das Mikroskop.
Es ist nur ein winzig kleines Ding, der Spinnenfuß, das äußerste Ende des langen Spinnenbeines, aber durch das Mikroskop betrachtet, zeigt er nicht nur einen ganz eigenartigen Bau, sondern erhebt sogar einigen Anspruch auf Schönheit, da er unter dem Mikroskop stets in großer Toilette liegt. Aesthetische Rücksichten sind es indeß nicht, welche ihm zu dieser Toilette verhelfen; nur weil sich seine merkwürdigen Einzelheiten sonst nicht klar und deutlich erkennen lassen, deshalb muß jene Reihe von verschiedenen Operationen mit ihm vorgenommen werden, welche mit dem wissenschaftlichen Namen der Präparation bezeichnet wird, im Grunde aber nichts anderes ist als eine umständliche Toilette von so durchgreifender Art, daß die Schönheitspasten und Eselsmilchbäder der vornehmen Damen des römischen Kaiserreichs dagegen gar nicht in Betracht gezogen werden können. Das Toilettezimmer ist der Arbeitstisch des Mikroskopikers; spitze und breite Nadeln, seine Scheeren, Messe…