Samstag, 28. April 2018

Julius Stinde - Toilette für das Mikroskop

Toilette für das Mikroskop.

Es ist nur ein winzig kleines Ding, der Spinnenfuß, das äußerste Ende des langen Spinnenbeines, aber durch das Mikroskop betrachtet, zeigt er nicht nur einen ganz eigenartigen Bau, sondern erhebt sogar einigen Anspruch auf Schönheit, da er unter dem Mikroskop stets in großer Toilette liegt. Aesthetische Rücksichten sind es indeß nicht, welche ihm zu dieser Toilette verhelfen; nur weil sich seine merkwürdigen Einzelheiten sonst nicht klar und deutlich erkennen lassen, deshalb muß jene Reihe von verschiedenen Operationen mit ihm vorgenommen werden, welche mit dem wissenschaftlichen Namen der Präparation bezeichnet wird, im Grunde aber nichts anderes ist als eine umständliche Toilette von so durchgreifender Art, daß die Schönheitspasten und Eselsmilchbäder der vornehmen Damen des römischen Kaiserreichs dagegen gar nicht in Betracht gezogen werden können.
Das Toilettezimmer ist der Arbeitstisch des Mikroskopikers; spitze und breite Nadeln, seine Scheeren, Messer und Pincetten, Porcellanschalen von der Größe einer Eierschale, in denen man über einem Spirituslämpchen kochen kann, Uhrschalen, Glasglocken zum Bedecken der Schälchen, Fläschchen mit verschiedenen Chemikalien gefüllt und Loupen sind die Apparate, welche bei den Operationen zur Anwendung kommen.
Das Object, dessen Präparation wir verfolgen wollen, ist der Fuß der vagabundirenden Smaragdspinne (Agelena smaragdula), welche im Sommer ihr Wesen auf den Blättern von Buschwerk treibt und nicht etwa ein Netz spannt, wie die Kreuzspinne, in welchem sich die fliegenden Insecten fangen, sondern nach Banditenart ihre Opfer heimtückisch überfällt. Ihre grüne Farbe macht sie dem Blatte ähnlich, auf dem sie lauernd weilt, und schützt sie gleichzeitig vor den Augen ihrer eigenen Verfolger; die dicken Haarbüschel des Fußes ermöglichen ein so leises Auftreten, daß das Gehörorgan einer sich harmlos sonnenden Fliege nicht davon alterirt wird, und in ähnlicher Weise, wie die Katze mit eingezogenen Krallen ihre Beute fast unhörbar beschleicht, nähert sich die Smaragdspinne lautlos dem Insect, das zu spät seinen Irrthum bereut, die grüngefärbte Feindin für ein Stückchen Blatt gehalten zu haben. Ein kräftiger Biß mit den giftgefüllten spitzen Kiefern bereitet selbst verhältnißmäßig großen Insecten den Tod in kurzer Zeit.
Der Fang der behenden Spinne ist um so mühsamer, als das Auge sie wegen der Farbe nicht leicht entdeckt. Wenn das Thier jedoch seine Eier bewacht, die es in einem filzartig gewebten Säckchen an den Blättern befestigt, so gelingt es, seiner habhaft zu werden, denn auch die Spinne liebt ihre Brut, von der sie nur die äußerste Gewalt trennt. Zur Anfertigung des wolligen Gespinnstes dienen die kammartig geformten Fußklauen die daher als Webeapparat anzusehen sind.
Da die raubthierartige Scheu und Wildheit der Spinne die directe Beobachtung sehr erschwert, so ist das mikroskopische Bild des Spinnenfußes noch insofern ein Räthsel, als bis jetzt nicht festgestellt wurde, ob alle Zähne der kammartigen Klauen Antheil am Spinn- und Webegeschäft nehmen, oder ob die kleineren als Reservezähne aufzufassen sind, welche allmählich nachwachsen, sobald die oberen, starkentwickelten Haken sich abnutzen oder verloren gehen. Die einzelnen Haare des Spinnenfußes sind wiederum mit feinen Härchen besetzt, die jedoch erst bei einer sehr starken Vergrößerung sichtbar werden und ebenfalls noch keine Erklärung ihres Zweckes gefunden haben. Vielleicht veranlaßt das Räthsel des Spinnenfußes Naturfreunde, sich an dessen Lösung zu versuchen.
Wir kehren wieder zum Arbeitstische des Mikroskopikers zurück, der von einer in Spiritus aufbewahrten Smaragdspinne mittelst einer scharfen Scheere einen der Hinterfüße abgeschnitten und auf eine Glasplatte gelegt hat, die er unter das Mikroskop schiebt. Dieser Fuß ist für unser Auge zunächst nur ein verworrenes Etwas, das keinerlei Einzelheiten zu unterscheiden erlaubt. Sobald jedoch ein Tropfen Wasser auf das Object gebracht wird, ändern sich die Verhältnisse wie mit einem Schlage. Größere Klarheit tritt ein; die Umrisse werden deutlicher, wir erkennen die Kämme und einzelne Haare, wenn auch noch manche Partien in dichtem Nebel zu liegen scheinen. Wie kann Wasser hier im Kleinen so große Dinge thun? Es ist bekannt, daß ein zur Hälfte schräg in Wasser getauchter Stab gebrochen erscheint, da die aus dem Wasser in’s Auge dringenden Lichtstrahlen stärker abgelenkt sind, als die, welche nur die Luft zu passiren haben. Wird der Stab ganz untergetaucht, so erscheint er wieder in seiner früheren Gestalt, gerade und unverzerrt. Etwas Analoges findet bei dem Spinnenfuß statt, dessen innere Theile feucht sind und das Licht stärker brechen als die Luft, welche ihn umgiebt, wodurch Verzeichnungen des Bildes entstehen, zu denen sich noch Spiegelungen von anhängender Feuchtigkeit und optische Täuschungen anderer Art gesellen. Sobald aber das Object von dem Wasser umgeben und durchdrungen ist, hören diese Mißverhältnisse auf, weil das Lichtbrechungs-Vermögen des Objectes und der umgebenden Flüssigkeit nahezu dasselbe ist.
Jetzt beginnt eine mühsame Arbeit. Trotz der Vervollkommnung des Mikroskopes geht diesem die Fähigkeit des menschlichen Auges ab, in die Tiefe zu sehen, nur die Theile eines Gegenstandes, welche in einer Ebene, im genau berechneten Abstande vom Vergrößerungsglase liegen, können scharf und deutlich wahrgenommen werden, und somit ist das Plattdrücken des Spinnenfußes geboten wenn ein übersichtliches Bild erhalten werden soll. Vor dieser Operation müssen jedoch die inneren Weichtheile entfernt werden, weil dieselben ein Zerplatzen des Fußes bei starkem Drucke zur Folge haben würden, und nun muß die Chemie herbei, welche auch hier, wie in so vielen anderen Fällen, Rath zu schaffen weiß. Die Haut der Insecten besteht aus einem eigenthümlichen Stoffe, den die Chemiker nach dem Chiton, dem Unterkleid der Griechen, Chitin benannt haben; eine seiner hervorragenden Eigenschaften ist die, der Einwirkung ätzender Alkalien zu widerstehen während dieselben Muskelsubstanz, Knorpel und Fette angreifen. Gelindes Kochen des Spinnenfußes in verdünnter Kalilauge – als Kessel dient eins der vorhin erwähnten Porcellanschälchen – löst die Weichtheile auf, sodaß nur die Chitinhaut zurückbleibt, wohlerhalten und unzerstört, einem Handschuh vergleichbar, der, was das einstige Passen anbelangte, das beste Pariser Fabrikat in den Schatten stellt.

Fuß der Smaragdspinne.
Nach der Natur in hundertfacher linearer Vergrößerung photographirt.

Mittelst einer breiten Nadel wird hierauf der Spinnenfuß aus der Lauge genommen, in destillirtes Wasser gebracht und, um die letzten Spuren von Kali zu entfernen, wiederholt ausgekocht. Wenn das geschehen ist, erfolgt seine Einbalsamirung, seine Einschließung in das dickflüssige Harz aus der canadischen Balsamtanne, welches an der Luft verhärtet, ohne seine Durchsichtigkeit zu verlieren. Da sich jedoch Wasser und Canadabalsam nicht mischen und völliges Austrocknen in der Wärme das Object brüchig machen würde, so muß ein Umweg eingeschlagen werden, der darin besteht, daß der Spinnenfuß erst in absolutem Alkohol, der ihm das Wasser entzieht, und von diesem in Terpentinöl gebracht wird; dieses verdrängt wiederum den Alkohol, welcher ebenfalls sich nicht mit dem Harz der Balsamtanne vereinigt. Terpentinöl und Balsam aber mischen sich ohne Trübung in jedem Verhältnisse. Vorsichtig legt dann der Präparator den Spinnenfuß auf eine längliche Platte von sauber gereinigtem Spiegelglas, breitet ihn mit Hülfe einer spitzen Nadel oder einer mit einem Heft versehenen Schweinsborste sorgfältig aus einander und tröpfelt einen Tropfen Canadabalsam darauf. Aus den Balsamtropfen wird eine kleine viereckige oder runde Scheibe von Deckglas gelegt, dessen Dicke die des Papieres nicht übertrifft; es erfolgt gelindes Erwärmen über einer kleinen Flamme, um den Balsam dünnflüssig zu machen; ein sanfter Druck bringt die einzelnen Theile des Fußes so viel wie möglich in eine Ebene, und die Toilette für das Mikroskop ist vollendet.
Wie das Schneewittchen des Märchens, einbalsamirt wie ein ägyptischer Pharao, ruht nun der Spinnenfuß in seinem Sarge, ein sogenanntes mikroskopisches Präparat.
So mannigfacher Natur die Gegenstände sind, welche der mikroskopischen Betrachtung unterworfen werden, ebenso wechselnder Art ist ihre Präparation, auf die einzugehen es uns hier an Raum gebricht. Wir wollten nur an einem einzigen Object die Mühewaltung zeigen, welche erfordert wird, ehe ein Gegenstand für die Beobachtung mit dem Mikroskop geeignet ist, und dadurch auf jene ungesehene Arbeit in den Gelehrtenstuben und wissenschaftlichen Anstalten hindeuten, von der das große Gedränge auf dem Markte des täglichen Lebens nur dann Notiz nimmt, wenn ein außergewöhnlicher praktischer Erfolg dieselbe krönt, die jedoch dem Freunde des Wissens und der Forschung zu jeder Zeit Achtung abnöthigt.


Donnerstag, 19. April 2018

Lars Dilling - Des Wittwerʼs Trauer

Lars Dilling  - Des Wittwerʼs Trauer

Nur ein halbes Jahr waren sie verheirathet gewesen. Sie bewohnten eine kleine Wohnung in der Alles neu, hübsch und zierlich war, wie bei allen Neuvermählten.
Er war Musiker, sie ein Singvögelchen, das mit einer Stickerei am Fenster saß und nach dem Männchen ausguckte, wenn er von seinen Musikstunden nach Hause kam.
Aber dann fing das Vögelchen an, den Kopf hängen zu lassen, es zwitscherte nicht mehr, und eines schönen Tages war es todt.
Der junge Musiker war am Morgen fortgegangen und kam erst spät am Nachmittag nach Hause. Er hatte seinen Entréeschlüssel mit und öffnete sich selbst die Thüre. Es war so seltsam still in der Wohnung und unordentlich.
Ihre Stickerei lag am Boden, der Nähtisch war umgestürzt, und die Wohnstube duftete nach Naphtha. Er ging durch das Eßzimmer. Der Tisch stand noch mit den Resten vom Frühstück, aber das Mädchen war nirgends zu sehen.
Seltsam bedrückten Herzens öffnete er die Thüre zum Schlafzimmer und blieb entsetzt auf der Schwelle stehen.
Unter den hellen CretonVorhängen auf dem Bett lag seine Frau. Das blonde Köpfchen ruhte matt auf den Kissen mit den gestickten Einsätzen, ihre Augen waren geschlossen, und das Gesicht merkwürdig bleich.
Er ergriff ihre Hand, die vom Bett herabhing. Sie war eiskalt
»Alma, Alma!"
Keine Antwort.
Von furchtbarem Schrecken ergriffen, eilte er die Treppen hinab und zu seinen Schwiegereltern am andern Ende der Stadt. Dort traf er das Dienstmädchen, das ihm weinend etwas erzählte, was er nicht hörte und nicht verstand.
Wie in einem Traum ging er umher, und der Traum dauerte mehrere Tage. Seine Wohnung suchte er nicht wieder auf, sondern blieb bei den Schwiegereltern.
Er wußte kaum, was vorging. Er hatte nur eine dunkle Ahnung, daß er eines Tags in der Kirche war, die mit florverhängten Kandelabern geschmückt war, und mitten im Raume stand ein schwarzer Kasten mit einer Menge Kränze und Blumen, und dann wurde eine Rede gehalten und ein paar geistliche Lieder gesungen, und dann stand er an der Kirchenthüre und eine Reihe schwarzgekleideter Herren drückten ihm die Hand, Gott mochte wissen warum. Zuletzt fuhr er in einem geschlossenen Landauer zusammen mit dem Pfarrer hinter dem Leichenwagen hinaus zum Kirchhof und aß darauf mit ihrer Familie Mittag und weinte viel.
Allmälig war es jedoch, als erwachte er aus dem Traume. Er begann wieder seine Stunden zu geben, kehrte aber noch immer nicht zu seiner Wohnung zurück.
Eines Tages traf er auf der Straße einen seiner besten Freunde, einen jungen Lieutenant.
Sie gingen ein Stück zusammen.
»Ich begleite Dich ein wenig«, sagte der Lieutenant, »Du willst wohl nach Hause?«
Der Wittwer stutzte.
»Nach Hause? — Ich — ich habe ja kein zu Hause mehr.«
»Na, und Deine Wohnung?«
»Sie steht verlassen. Das Dienstmädchen ist davon gerannt, und ich hin nicht dort gewesen, seit — na, Du weißt ja!«
»Komm, gehen wir hinauf und sehen wir einmal, wie es da aussieht. Ich werde Dich begleiten.«
»Ich — ich kann nicht!«
»Ach, man muß sich dem Schmerz nicht so hin geben. Zeige Dich als Mann. Kommʼ nur!«
Er faßte ihn unter und führte ihn. Der Wittwer folgte willenlos.
Oben auf der Treppe blieb er stehen und holte zitternd den Entréeschlüssel aus der Tasche hervor. Sie gingen hinein.
Es war drinnen ein wenig aufgeräumt, aber die Luft war drückend und beklommen, die Blumen standen welk und ließen die Blätter hängen, und der Kanarienvogel flatterte wild in seinem Bauer umher. Er hatte allʼ sein Futter aufgefressen, und auf dem Boden der Glases war nur ein wenig fauliges Wasser, das er nicht erreichen konnte.
Der Wittwer war auf einen Fauteuil nieder gesunken und schluchzte.
Der Lieutenant holte Wasser für den Vogel und die Blumen und riß ein paar Fenster auf. Dann schlug er dem Freunde leicht auf die Schulter.
»Siehst Du, nun hast Du genug geweint! Machen wir eine kleine Runde durch die Zimmer!«
Sie gingen durchs Eßzimmer inʼs Schlafgemach, in dem zwei Betten nebeneinander standest unter den hellen Cretondraperieen.
»Hier lag sie, Du, als ich sie das letzte Mal sah. Dort auf dem Nachttisch steht noch die letzte Medizin, die sie bekam. Ich hatte nicht einmal die Freude, sie ihr zu geben. Da siehst Du ihren Toilettentisch. Ist er nicht niedlich mit seinen weißen Gardinen und allʼ den kleinen Nippsachen?«
»Und diese Masse Flacons,« sagte der Lieutenant.
»Ja, sie liebte sehr Parfüms. Das hier war ihr Lieblingsodeur. Er ist fein, er kostet 4 Mark die Flasche. Sie verbrauchte jede Woche eine.«
»Was ist das Weiße da, was über den Stuhl hängt?«
»Ihr Frisirmantel. Sie hatte sechs solche, alle mit echten Spitzen besetzt.«
»Sie war keine billige Frau.«
»Nein, aber sie war ja auch ein wohlhabendes Mädchen.«
»Ist ein Testament aufgesetzt?
»Ja. Wenn die Eltern sterben, bekomme ich eine nette Summe.«
»Das ist ja immer ein Trost.«
»Ach ja.«
Er seufzte tief.
»Höre, sage mir, bist du nicht hungrig?« fragte der Lieutenant plötzlich.
»Hungrig? Ach ja, eigentlich. Eine Kleinigkeit zum Frühstück würde nicht übel schmecken. Komm, gehen wir hinaus und sehen wir, ob nichts in der Speisekammer vorhanden ist.«
Da stand eine Kiste Sardinen, etwas Räucherlachs und Schinken und ein Stück Käse, das nur an den Rändern ein wenig müffig war.
»Das ist ja ein lukullisches Mahl. Man sieht, Du hast eine wirthschaftliche Frau gehabt, die dafür sorgte, daß die Speisekammer gefüllt war.«
»Wirthschaftlich! Nein, das kann man an ihr nicht rühmen. Von der Wirthschaft verstand sie nicht mehr, als Du von Musik. Das Mädchen besorgte Alles, und sie betrog uns in greulicher Weise. Gott sei Lob, daß ich sie los bin! Ja, Du verstehst — ich meine das Mädchen!«
»Natürlich! Aber nun laufʼ ich zum Bäcker hinunter und kaufe etwas Brod, dann deckst Du indessen den Tisch, wie wir es in Deinen Junggesellentagen machten.«
»Hier stehen zwei kleine Flaschen Bier«, sagte der Wittwe melancholisch. »Wenn sie nur nicht sauer sind.«
»Dann haben wir noch eine Karaffe Sherry auf dem Buffet. Das wird schon reichen.«
Bald saßen beide Freunde an einem wohlgegeckten Frühstückstisch. Das Bier war noch sehr gut und der Wein vortrefflich. Ihre Unterhaltung wurde lebhafter, und es kamen längere und längere Pausen zwischen jedem Seufzer des Wittwers. Sie zündeten sich ihre Cigarren an und nahmen die Sherryflasche mit in die Wohnstube hinein.
Die Sonne schien freundlich hinein, der Kanarienvogel, der neues Futter bekommen hatte, schlug lustige Triller, und die Blumen standen frisch und duftend und hoben wieder ihre Blätter empor.
»Wir setzen uns hier anʼs Fenster.«
»Ach Gott, da liegt ihre Stickerei noch auf dem Nähtisch. Es waren ein paar Pantoffeln für mich. Sie stickte daran schon zwei Monate. Sieh, sind sie nicht hübsch? Vergißmeinnicht aus blauer Seide mit Goldperlblättern. Dort auf dem Fauteuil saß sie immer.«
»Und dann saßest Du hier ihr gerade gegenüber?«
»Nein sie mochte nicht, daß ich am Fenster saß!«
»Warum denn nicht?«
»Ja, siehst Du, da gerade gegenüber wohnt eine junge Wittwe, die auch immer am Fenster sitzt stickt.« —
»Vielleicht Pantoffeln für ihren zweiten Mann?
»Das ist wohl möglich.«
Der Lieutnant sah hinaus.
»Ist sie das, die da sitzt?«
Der Wittwer rückte einen Blumentopf zur Seite.
»Ja gewiß. Ach sieh, sie hat die Trauer abgelegt. Wie ausgezeichnet das hellgraue Kleid ihr steht, und dann hat sie ein Stiefmuttersträußchen an der Brust.«
»Nun steht sie vor dem Fenster, um dem Vogel ein grünes Blatt zu geben,« sagte der Lieutenant.
»Sieh, wie graziös sie die Arme in die Höhe streckt«, rief der Wittwer. »Sie hat eine brillante Figur.«
»Und ein hübsches Profil.«
»Ja, und solchʼ hübsches Haar, so reich und blauschwarz. Mein armes Aennchen, sie war blond; aber ich habe eigentlich die Brünetten immer schöner gefunden.«
»Sie sieht herüber«, sagte der Lieutenant. »Du solltest sie grüßen.«
Ver Wittwer hätte beinahe einen Blumentopf bei seinem Compliment umgeworfen.
»Sahst Du, wie hübsch sie grüßte?« rief er begeistert. »Mit solchʼ einem freundlichem melancholischen Lächeln, als wollte sie sagen: Wir Beide stehen verlassen da, wir sind beide unglücklich.«
»Wir beide sollten uns gegenseitig trösten«, ergänzte der Lieutenant.
»Ach sei nicht so abscheulich! Du weißt sehr gut, daß mich nichts in meinem großen Schmerze trösten kann«, sagte er und trank mit trauriger Miene ein Glas Sherry aus.
Der Lieutenant brachte das Gespräch wieder auf die Wittwe.
»Sage mir, wohnt sie allein dort drüben?«
»Nein, sie hat eine alle Tante im Hause, eine nette Dame.
»Du solltest bei ihr Visite machen. Sie sieht so theilnehmend aus.«
»Das will ich und ihr für den hübschen Kranz danken, den sie schickte. Aber ich will warten, bis sich der erste, bittre Schmerz ein wenig gelegt hat.«
» So in vierzehn Tagen vielleicht?«
»O nein, da vergeht mindestens ein Monat.«
Der Lieutenant stand auf.
»Nun muß ich mich verabschieden. Ich habe Dienst.«
»Willst Du mich schon verlassen, lieber Freund?« Du ermuntertest mich ein wenig. Wenn Du gehst, bleibe ich wieder allein mit meinen düstern Gedanken.«
»Die mußt Du zu vertreiben suchen. Du kannst ja ein bischen spielen und dann ein wenig zum Fenster hinaussehen. Es ist ja ganz amüsant, auf die Straße hinunterzusehen — und nach den Nachbaren. Adieu, Liebster!«
»Adieu, lieber Freund, vielen Dank für Deinen Besuch.«
Er schloß hinter dem Lieutenant die Thüre, lehnte sich behaglich in den Fauteuil, zündete sich eine frische Cigarre an und blickte durch die Rauchwolken über die Straße zur Wittwe hinüber, die noch immer hinter ihren Scheiben saß und fleißig an den Pantoffeln für ihren zweiten Mann stickte.

Aus: Jugend 1898

Freitag, 13. April 2018

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Walter Serner - Inferno

Walter Serner - Inferno Inferno Ein Schreien, das widersetzlich beginnt, wenn es am laute­sten wird, vor Wut sich überschlägt und ...