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Julius Stinde - Toilette für das Mikroskop

Toilette für das Mikroskop.

Es ist nur ein winzig kleines Ding, der Spinnenfuß, das äußerste Ende des langen Spinnenbeines, aber durch das Mikroskop betrachtet, zeigt er nicht nur einen ganz eigenartigen Bau, sondern erhebt sogar einigen Anspruch auf Schönheit, da er unter dem Mikroskop stets in großer Toilette liegt. Aesthetische Rücksichten sind es indeß nicht, welche ihm zu dieser Toilette verhelfen; nur weil sich seine merkwürdigen Einzelheiten sonst nicht klar und deutlich erkennen lassen, deshalb muß jene Reihe von verschiedenen Operationen mit ihm vorgenommen werden, welche mit dem wissenschaftlichen Namen der Präparation bezeichnet wird, im Grunde aber nichts anderes ist als eine umständliche Toilette von so durchgreifender Art, daß die Schönheitspasten und Eselsmilchbäder der vornehmen Damen des römischen Kaiserreichs dagegen gar nicht in Betracht gezogen werden können.
Das Toilettezimmer ist der Arbeitstisch des Mikroskopikers; spitze und breite Nadeln, seine Scheeren, Messer und Pincetten, Porcellanschalen von der Größe einer Eierschale, in denen man über einem Spirituslämpchen kochen kann, Uhrschalen, Glasglocken zum Bedecken der Schälchen, Fläschchen mit verschiedenen Chemikalien gefüllt und Loupen sind die Apparate, welche bei den Operationen zur Anwendung kommen.
Das Object, dessen Präparation wir verfolgen wollen, ist der Fuß der vagabundirenden Smaragdspinne (Agelena smaragdula), welche im Sommer ihr Wesen auf den Blättern von Buschwerk treibt und nicht etwa ein Netz spannt, wie die Kreuzspinne, in welchem sich die fliegenden Insecten fangen, sondern nach Banditenart ihre Opfer heimtückisch überfällt. Ihre grüne Farbe macht sie dem Blatte ähnlich, auf dem sie lauernd weilt, und schützt sie gleichzeitig vor den Augen ihrer eigenen Verfolger; die dicken Haarbüschel des Fußes ermöglichen ein so leises Auftreten, daß das Gehörorgan einer sich harmlos sonnenden Fliege nicht davon alterirt wird, und in ähnlicher Weise, wie die Katze mit eingezogenen Krallen ihre Beute fast unhörbar beschleicht, nähert sich die Smaragdspinne lautlos dem Insect, das zu spät seinen Irrthum bereut, die grüngefärbte Feindin für ein Stückchen Blatt gehalten zu haben. Ein kräftiger Biß mit den giftgefüllten spitzen Kiefern bereitet selbst verhältnißmäßig großen Insecten den Tod in kurzer Zeit.
Der Fang der behenden Spinne ist um so mühsamer, als das Auge sie wegen der Farbe nicht leicht entdeckt. Wenn das Thier jedoch seine Eier bewacht, die es in einem filzartig gewebten Säckchen an den Blättern befestigt, so gelingt es, seiner habhaft zu werden, denn auch die Spinne liebt ihre Brut, von der sie nur die äußerste Gewalt trennt. Zur Anfertigung des wolligen Gespinnstes dienen die kammartig geformten Fußklauen die daher als Webeapparat anzusehen sind.
Da die raubthierartige Scheu und Wildheit der Spinne die directe Beobachtung sehr erschwert, so ist das mikroskopische Bild des Spinnenfußes noch insofern ein Räthsel, als bis jetzt nicht festgestellt wurde, ob alle Zähne der kammartigen Klauen Antheil am Spinn- und Webegeschäft nehmen, oder ob die kleineren als Reservezähne aufzufassen sind, welche allmählich nachwachsen, sobald die oberen, starkentwickelten Haken sich abnutzen oder verloren gehen. Die einzelnen Haare des Spinnenfußes sind wiederum mit feinen Härchen besetzt, die jedoch erst bei einer sehr starken Vergrößerung sichtbar werden und ebenfalls noch keine Erklärung ihres Zweckes gefunden haben. Vielleicht veranlaßt das Räthsel des Spinnenfußes Naturfreunde, sich an dessen Lösung zu versuchen.
Wir kehren wieder zum Arbeitstische des Mikroskopikers zurück, der von einer in Spiritus aufbewahrten Smaragdspinne mittelst einer scharfen Scheere einen der Hinterfüße abgeschnitten und auf eine Glasplatte gelegt hat, die er unter das Mikroskop schiebt. Dieser Fuß ist für unser Auge zunächst nur ein verworrenes Etwas, das keinerlei Einzelheiten zu unterscheiden erlaubt. Sobald jedoch ein Tropfen Wasser auf das Object gebracht wird, ändern sich die Verhältnisse wie mit einem Schlage. Größere Klarheit tritt ein; die Umrisse werden deutlicher, wir erkennen die Kämme und einzelne Haare, wenn auch noch manche Partien in dichtem Nebel zu liegen scheinen. Wie kann Wasser hier im Kleinen so große Dinge thun? Es ist bekannt, daß ein zur Hälfte schräg in Wasser getauchter Stab gebrochen erscheint, da die aus dem Wasser in’s Auge dringenden Lichtstrahlen stärker abgelenkt sind, als die, welche nur die Luft zu passiren haben. Wird der Stab ganz untergetaucht, so erscheint er wieder in seiner früheren Gestalt, gerade und unverzerrt. Etwas Analoges findet bei dem Spinnenfuß statt, dessen innere Theile feucht sind und das Licht stärker brechen als die Luft, welche ihn umgiebt, wodurch Verzeichnungen des Bildes entstehen, zu denen sich noch Spiegelungen von anhängender Feuchtigkeit und optische Täuschungen anderer Art gesellen. Sobald aber das Object von dem Wasser umgeben und durchdrungen ist, hören diese Mißverhältnisse auf, weil das Lichtbrechungs-Vermögen des Objectes und der umgebenden Flüssigkeit nahezu dasselbe ist.
Jetzt beginnt eine mühsame Arbeit. Trotz der Vervollkommnung des Mikroskopes geht diesem die Fähigkeit des menschlichen Auges ab, in die Tiefe zu sehen, nur die Theile eines Gegenstandes, welche in einer Ebene, im genau berechneten Abstande vom Vergrößerungsglase liegen, können scharf und deutlich wahrgenommen werden, und somit ist das Plattdrücken des Spinnenfußes geboten wenn ein übersichtliches Bild erhalten werden soll. Vor dieser Operation müssen jedoch die inneren Weichtheile entfernt werden, weil dieselben ein Zerplatzen des Fußes bei starkem Drucke zur Folge haben würden, und nun muß die Chemie herbei, welche auch hier, wie in so vielen anderen Fällen, Rath zu schaffen weiß. Die Haut der Insecten besteht aus einem eigenthümlichen Stoffe, den die Chemiker nach dem Chiton, dem Unterkleid der Griechen, Chitin benannt haben; eine seiner hervorragenden Eigenschaften ist die, der Einwirkung ätzender Alkalien zu widerstehen während dieselben Muskelsubstanz, Knorpel und Fette angreifen. Gelindes Kochen des Spinnenfußes in verdünnter Kalilauge – als Kessel dient eins der vorhin erwähnten Porcellanschälchen – löst die Weichtheile auf, sodaß nur die Chitinhaut zurückbleibt, wohlerhalten und unzerstört, einem Handschuh vergleichbar, der, was das einstige Passen anbelangte, das beste Pariser Fabrikat in den Schatten stellt.

Fuß der Smaragdspinne.
Nach der Natur in hundertfacher linearer Vergrößerung photographirt.

Mittelst einer breiten Nadel wird hierauf der Spinnenfuß aus der Lauge genommen, in destillirtes Wasser gebracht und, um die letzten Spuren von Kali zu entfernen, wiederholt ausgekocht. Wenn das geschehen ist, erfolgt seine Einbalsamirung, seine Einschließung in das dickflüssige Harz aus der canadischen Balsamtanne, welches an der Luft verhärtet, ohne seine Durchsichtigkeit zu verlieren. Da sich jedoch Wasser und Canadabalsam nicht mischen und völliges Austrocknen in der Wärme das Object brüchig machen würde, so muß ein Umweg eingeschlagen werden, der darin besteht, daß der Spinnenfuß erst in absolutem Alkohol, der ihm das Wasser entzieht, und von diesem in Terpentinöl gebracht wird; dieses verdrängt wiederum den Alkohol, welcher ebenfalls sich nicht mit dem Harz der Balsamtanne vereinigt. Terpentinöl und Balsam aber mischen sich ohne Trübung in jedem Verhältnisse. Vorsichtig legt dann der Präparator den Spinnenfuß auf eine längliche Platte von sauber gereinigtem Spiegelglas, breitet ihn mit Hülfe einer spitzen Nadel oder einer mit einem Heft versehenen Schweinsborste sorgfältig aus einander und tröpfelt einen Tropfen Canadabalsam darauf. Aus den Balsamtropfen wird eine kleine viereckige oder runde Scheibe von Deckglas gelegt, dessen Dicke die des Papieres nicht übertrifft; es erfolgt gelindes Erwärmen über einer kleinen Flamme, um den Balsam dünnflüssig zu machen; ein sanfter Druck bringt die einzelnen Theile des Fußes so viel wie möglich in eine Ebene, und die Toilette für das Mikroskop ist vollendet.
Wie das Schneewittchen des Märchens, einbalsamirt wie ein ägyptischer Pharao, ruht nun der Spinnenfuß in seinem Sarge, ein sogenanntes mikroskopisches Präparat.
So mannigfacher Natur die Gegenstände sind, welche der mikroskopischen Betrachtung unterworfen werden, ebenso wechselnder Art ist ihre Präparation, auf die einzugehen es uns hier an Raum gebricht. Wir wollten nur an einem einzigen Object die Mühewaltung zeigen, welche erfordert wird, ehe ein Gegenstand für die Beobachtung mit dem Mikroskop geeignet ist, und dadurch auf jene ungesehene Arbeit in den Gelehrtenstuben und wissenschaftlichen Anstalten hindeuten, von der das große Gedränge auf dem Markte des täglichen Lebens nur dann Notiz nimmt, wenn ein außergewöhnlicher praktischer Erfolg dieselbe krönt, die jedoch dem Freunde des Wissens und der Forschung zu jeder Zeit Achtung abnöthigt.


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