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Paul von Surány - Der gut passende Sarg

Der gut passende Sarg
Von Paul von Surány

Ich will die Geschichte gerne erzählen, aber Ihr werdet mir keinen Glauben schenken.
Erzähle immerhin!
Ihr wisset ja, im Jahre 1908 war ich Konsul in Chile. Die Hauptstadt ist nicht gerade das Ideal einer Großstadt, ein merkwürdiges Gemisch, sozusagen alle Nachteile der Kleinstadt im Rahmen der Residenz.
Die deutschen und österreichischen Kolonisten hielten fest zusammen und hatten dort ein Kasino Teutonia. Nachmittags kamen wir mit den Damen bin, am Abend spielten die Herren Skat, Tarock, Poker und Domino. Hie und da ein Ungar oder Schweizer waren seltene Gäste, sonst besuchten nur deutsche und österreichische Kolonisten das Kasino.
Eines Tages, im Winter warʼs, wurde ich dort mit einem Herrn bekannt gemacht, der, wie ich erfuhr, ein Engländer war und Percy Algernon hieß. Er sprach tadelloses Deutsch und war mir vom ersten Augenblick an sehr sympathisch.
Warum er gerade unsere Teutonia frequentierte wurde mir nicht klar, keiner konnte den Grund angeben und Herrn Algernon zu fragen, schien uns nicht passend.
Bald wurde er täglicher Gast und die verschiedensten Gerüchte gingen über ihn um. Die Einen hielten ihn für politisch verdächtig aus England ausgewiesen, so es ihm nun nicht behage in englischer Gesellschaft zu verkehren; andere meinten, er sei irgend eine Durchlaucht, die ihrer Familie Schande gebracht habe. Aber keines dieser Gerüchte hat sich jemals bestätigt.
Eines stand fest: er war sehr reich.
Algernon hatte ungefähr einen Monat bei uns allabendlich verkehrt, als er eines Tages erklärte, er feiere in Kürze seinen Geburtstag und würde sich geehrt fühlen, uns an dem Tage bei sich zu sehen. Der Einladung leisteten die Meisten Folge. Der Abend im Hause Percy Algernons nahm einen glänzenden Verlauf. Obzwar keine Damen geladen waren, herrschte gehobene Stimmung. Um Mitternacht wollten wir aufbrechen, doch hielt uns der liebenswürdige Wirt zurück:
Ich habe noch eine Bitte, meine Herren. Wollen Sie einer kleinen Probe als Zeugen beiwohnen?
Neugierig willigte man ein, noch eine Weile zu bleiben. Niemand ahnte, was kommen würde, als zwei Lakaien eintraten. Sie trugen eine längliche Holzkiste und stellten sie auf den Boden.
Allgemeines Schweigen. Alle waren bis aufs Äußerste gespannt. — Percy Algernon stand auf und nahm das Wort: Ich bitte die Herren um einen Augenblick Geduld. Diese Kiste enthält einen Sarg —, der heute für mich verfertigt wurde. Ich habe die Gewohnheit, mir an jedem Geburtstage einen Sarg machen zu lassen, um endlich einen zu finden, in dem es sich wirklich behaglich liegt.
Wir waren starr. Unterdessen hatten die Lakaien den Sarg aus der Kiste gehoben und geöffnet. Percy Algernon stieg in den Sarg und legte sich hinein, wie ein Mensch sich auf den Diwan legt, um Siesta zu halten. Bald sprang er auf.
Er paßt nicht! rief er. Ihr könnt ihn wegtragen! Damit war der Alp verscheucht, der auf der ganzen Gesellschaft lastete. Man versuchte zu lachen, es mißlang kläglich. Das Fest brach mit einem Mißklang ab und mit hastigen Dankesworten verabschiedeten wir uns von Algernon.
Natürlich konnte er sich in der Teutonia nicht mehr blicken lassen; man grüßte ihn — nicht mehr.
Dann war ich einige Jahre mit ihm nicht zusammengekommen. 1913 traf ich ihn durch Zufall wieder bei einem Tee der Gräfin Sarotti in Rom. Ich war auf Urlaub gefahren und weilte zur Zeit in Italien. Algernon war sehr erfreut mich wieder zu sehen.
Besuchen Sie mich morgen, bat er und gab mir seine Adresse. Am nächsten Abend traf ich bei ihm eine ansehnliche Gesellschaft an; Aristokraten, Professoren, Abgeordnete und Politiker —, nur keine Damen. Unwillkürlich mußte ich des seltsamen Erlebnisses in seinem Hause in Chile denken, da ich wenig Gelegenheit fand mit Percy zu sprechen.
Um Mitternacht, bei einem kalten Souper mit Moet et Chandon, klopfte er ans Glas.
Ich feiere beute meinen Geburtstag, sagte er, und es ist eine Gewohnheit von mir, an jedem meiner Geburtstage einen neuen Sarg machen zu lassen —, bis ich endlich einen finde, der mir paßt. Seit 15 Jahren suche ich den richtigen. Nun bitte ich Sie, meine Herren, Zeugen einer kleinen Zeremonie zu sein.
Wie damals in Chile, durchfuhr mich diesmal kalter Schrecken. Ich starrte auf unseren Hausherrn und verfolgte wie hypnotisiert alle seine Bewegungen.
Der Sarg wurde hereingebracht — und in lautloser Stille ausgepackt. Percy Algernon stand gemächlich auf und zündete sich umständlich eine Zigarette an.
Es ist doch bloß dumme Komödie, dachte ich mir, und was ist denn dabei, wenn ein Mensch sich auf zwei Minuten in einen Sarg legt?
Percy Algernon legte sich in den Sarg. Er streckte und dehnte sich behaglich. Dann sagte er mit sonderbarer Betonung: Dieser Sarg paßt mir!
Bei diesen Worten riß er aus der Brusttasche seines Fracks einen Revolver und schoß sich eine Kugel in den Kopf.

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