Montag, 29. Oktober 2018

Karl Einstein - Der von Gott gewollte Chinahändler

KARL EINSTEIN - DER VON GOTT GEWOLLTE CHINAHÄNDLER


Er fuhr nach China. Indien war für ihn nichts, war schon zu abgeklappert. Zunächst kaufte er altchinesische Nachttöpfe und machte die epochemachende Ausstellung im Museum zu Lissabon.
Die Zeitungen schrien vor Delikatesse.
»Ein altes Volk, dessen Kultur die letzten unaussprechlichen Dinge bezaubert.« Ein anderes: »Bisher hiess es in Schönheit sterben. Eine untergehende Rasse, an der wir Geschäfte schamlos machen, lehrt uns in Schönheit . . . . . . . . . .«
»Die rohe Unkultur englischer Waterclosets,« schrieb ein anderes, »nein, die Hand des Künstlers, der die kleinsten Dinge ziert, ist uns verdorrt; der Hygienewahnsinn verhässlichte uns sogar das Nötige und drang in das geheimste, das Badezimmer.«
Ein anderes frug: »Vermag nicht die Schönheit des Apparates die Gesundheit mehr zu fördern?« »Selbst das Badezimmer ist demokratisiert,« entrüstete sich das royalistische Blatt, »aber solche Offenbarungen lassen uns stärker an den Sieg der königlichen Sache glauben. Wir sahen jetzt, auch diese Dinge können sich blaublütig vollziehen.«
Damit die Reaktionen nicht in vollem Fahrwasser schwämmen, kaufte der Staat die Sammlung zu einem unverschämten Preise an. Die Regierung machte dafür eine Anleihe und veröffentlichte ein Communique.
Bürger! Die Weisheit der Republik offenbarte sich wie in den ruhmreichen Tagen der Bastille. Wir sind keine Fanatiker, sondern gerecht und von der objektiven Einsicht des Republikaners durchdrungen. Wir nahmen unter blutigen Opfern das Banner verfaulter Misswirtschaft, wir nahmen unter Opfern, würdig der Nachkommen eines Marat, die Nachttöpfe. Wir stellen statistisch geprüft fest, dass heute im Durchschnitt der Bürger bessere Toiletten zur Verfügung hat als früher. Das Schöne ist heute dem wissensdurstigen Bürger zugänglich, und bedeutet dies nicht 100 000 mal mehr als die praktische Usurpierung der Nachttöpfe durch wenige Unterdrücker? Denn, Bürger, da gab es Fürsten, die über hundert solcher Geräte verfügten. Und welche Zahl unterdrückter Menschen nahmen sie in Anspruch? Die Republik wird auch weiterhin unter Opfern unentwegt die Nation verteidigen und schützen. Jedenfalls: eine Auslieferung der Nachttöpfe an das spanische Reich wird nimmermehr stattfinden; wir werden unser Erbgut bis zum letzten Blutstropfen verteidigen.«
Das zog. Die Republik war gerettet und man legte dem Chinamann nahe, Portugal zu verlassen, neue Umstürze befürchtend. Jedoch nicht, ohne dem kühnen Entdecker einer ungeahnten Kultur, dem Enkel eines Montesquieu, das Grosskreuz anzuheften.
Ein neuer künstlerischer Einfluss kam hoch; Japan fiel im Preis, die Goncourts wurden jetzt vom kleinsten Kommis verachtet; neue Richtungen brachen in allen Künsten ungeahnt schnell hervor.

Aus:
Der Querschnitt
Herausgeber: Alfred Flechtheim und Wilhelm Graf Kiellmansegg
Frühjahrsheft 1922
Verlag der Galerie Flechtheim, Düsseldorf

Sonntag, 28. Oktober 2018

Max Herrmann (Neisse) - Hilflose Augen

Max Herrmann (Neisse) - Hilflose Augen


Das gemeinsame Mittagessen war schon beendet, als Frank aus dem Gymnasium nach Hause kam.
Ernst stand auf der Strasse im Sonnenschein, an die weisse Mauer gelehnt und haschte Fliegen. Ein heimtückisches Grinsen schien sein Gesicht zu entstellen. Franks Augen wurden unsagbar hilflos. Wie gehetzt lief er durch die Bierstube, in der seine Mutter über einem Buch sass, das sie hastig mit schmerzlicher Heimlichtuerei im Pult verschloss. Er hörte Ernst einen Gassenhauer pfeifen. Dann stürmte er die Treppe hinauf.
Die Köchin blieb mürrisch. Die Suppe war kalt. Aus dem Nebenzimmer quoll das aufreizend regelmässige Mittagsschnarchen des Vaters. Frank überkam das Gefühl eines unerklärlichen namenlos wehmütigen Ekels. Er musste aufhören zu essen. Er wollte seine Hündin Batry mit den verschmähten Speisen füttern und begann, nach ihr zu rufen. Sie war nicht da. Das nervöse Prickeln einer bösen Ahnung beschlich ihn. Er lärmte mit der Köchin. Die zuckte höhnisch die Achseln, biss die Zähne aufeinander und machte widerwärtige Lippen. Frank stiegen die Tränen auf. Er rang sie nieder. Er schrie vom Flur aus durchs ganze Haus nach Batry. Seine Stimme überschlug sich. Von irgendwoher echote Gelächter.
Er raste hinunter und prallte vor der Mutter zurück, die wieder das Buch zuklappte und im Pult verschloss, verlegen blinzte, hysterisch tat, zu schimpfen begann.
Vom Hof sickerten seltsame Geräusche: erstickte Schreie, Flamme, Angstrumoren, Vergewaltigung. Frank stürzte vors Tor. Ernst lehnte grinsend an der weissen Mauer im Sonnenschein, zeigte auf zwei ineinander verwebte Fliegen und flüsterte etwas, das Batry, die zwei Fliegen und die Mutter auf eine eigentümliche Art in Zusammenhang brachte. Frank bekam wieder seine hilflosen Augen. Weinen bezwang ihn, unbewusst, lautlos. Dann drehte er sich brüsk um und sagte hart, gepresst: »Schwein!«
Ernst lauerte. Fast war ein überlegenes Mitleid in seiner Stimme: »Haben wir nicht zusammen Photographien angeschaut? Hast du mir nicht solche Verse vorgelesen?«
Frank wurde starr. Seine Lider schlossen sich. Dann hob er mit schwerer Gebärde die Faust und trieb sie ingrimmig, stumm, verbissen, mit nachtwandlerischer Treffsicherheit ein paar Mal hintereinander blitzschnell in Ernsts Fratze.
Der schlug wie ein Stamm aufs Pflaster.
Die Mutter hatte sich mit endgültiger Resolutheit in ihr Buch gerettet.
Der Lärm der Hunde sprang Frank wie ein Wolf an den Hals. Sein hilfloser Blick umschleierte sich. Er wankte trunken. Sein Herz flog. Aufsässiges Schluchzen.
Gäste warfen mit den Türen. Gläser polterten auf die Tische. Ein Phonograph zotete heiser. Bisweilen schwoll Wiehern an.


Aus:
SIRIUS
Jahrgang 1915-16
Zürich, den 1. November Nummer 2
Herausgegeben von Walter Serner


Walter Serner - Inferno


Walter Serner - Inferno

Ein Schreien, das widersetzlich beginnt, wenn es am lautesten wird, vor Wut sich überschlägt und verebbend kraftlos fauchend erliegt, schleudert aus dem Neugeborenen, das herausgepresst und herausgezerrt werden muss, eine Auflehnung, die nie wieder ganz zerbricht, oft dünn wird oder spärlich, selten häufig oder starr und die erst mit dem Tod endet, welcher ihr Recht in der Angst vor ihm metaphysisch durchfallt. In der Geburt als Ursache schreit schon der Tod als Wirkung und die Wut, die das Leben gegen ihn verteidigt, verteidigt ihn auch gegen das Leben. Diese Auflehnung, die dort verweigert, was hier Wehrlosigkeit aufgebürdet bekam, ist das grosse Mass und dessen Pole umklammern das Schicksal. In ihm ist die Entscheidung auf Leben und Tod: den Himmel als Hoffnung zu läugnen oder die Erde als Hölle zu erleben. Vor der Zahllosigkeit jener Schwäche, die leere Gier ist und stumpfes Sorgen, starrt die seltene Kraft dieser Einzelnen, deren Grösse Qual ist.

Vorbei am jahrelangen Spalier zurückweichender Unsäglichkeiten bleiben sie reif vor dem Antlitz des Menschen stehen und Verlegenheit rötet sie. Sie ist die Erkenntnis der eigenen Unzulänglichkeit oder der des andern oder der aller und das marternde Erleben einer urtiefen Schuld, die untrennbar allem Leben verwoben ist. Aus ihr reckt sich der verzweifelte Wille zur Hilfe, dessen Schmerzensweg durch das Dickicht menschlicher Verlorenheiten, die auch erwartet jede Erwartung verhöhnen, immer wieder vor die jahrtausendealte Sphinx des Menschen führt. Sein Antlitz entstellt die wehe Last des vergangenen Gelebten, das dumpf blieb und deshalb Schuld ist und das zu klären das helfende Gespräch vermöchte, dessen sittliche Kraft des Erkennens, welches Ketten im Unbewussten reibender Erinnerungen auf-nimmt, bereinigt. Doch im ersten Anfang solch liebenden Strebens schon machen Triebgewalten, die einen Stachelkranz von Zweifel und Begierde in die Stirn drücken, den Beladenen herniederstraucheln und nur wer zutiefst das Wissen trägt, dass er sagen muss, was er erkennt, um seine Schuld und die des andern nicht zu mehren, dass das dumpfe Vergangene des andern zur eigenen Schuld stösst, wenn es nicht an dem erkannten eigenen aufgehellt wird, soweit es zuteil ward, nur der vermag die weiten Dunkelheiten, die noch während des Sprechens ihn betreten und ihn sich verlieren zu lassen drohen, an die Sonne des Wortes hervorzureissen. Um die Mitte dieser Hilfeleistung aber schleicht die schwere Gefahr entscheidender Verschiedenheit: entspricht dem sittlichen Wollen des andern nicht die intellektuelle Kraft oder fehlt dem Intellekt des andern jenes Wollen, so stürzt jedes Helfen über den unweigerlich emportaumelnden Hass, welcher der grösseren Vollkommenheit gilt, die ohne die geringere die grössere nicht sein könnte. Da aller Hass deshalb letzthin sich gegen sich selbst richtet und seinen Träger verneinen müsste, wird er, der hier festgehalten hoffnungsreichste Entscheidung wäre, doch fast stets Ursache neuer Schuld: er schnellt mit jener Behendigkeit, welche die Schwäche stets parat hat, um hinterhermotivierend sich selbst zu belügen, auf den Vollkommeneren zurück, als wäre dieser, der in Wirklichkeit lediglich Veranlassung ist, der Urheber. Doch ein flinkes Gehirn, das allen Taschenspielerkunststücken seines Hasses folgen kann, wird den andern, je länger und weiter die eigene Unvollkommenheit sich hetzt, als schuldärmer erkennen und noch abgründiger hassen. Das Ende, das hier unabsehbar und über die dialektischen Kniffe jenes Hasses, seinen feigen Witzworten und zornigen Insulten hinweg nur von der überlangen Reihe menschlicher Schwächen bestimmt ist, wird unbedingt, wenn solch ein Nurgehirn auf ein kongruentes trifft: der harte Kampf der Worte, der um ein Ens geht, das niemals erdacht, geschweige denn ersprochen werden kann, endet mit der höhnenden Unterjochung des ungelenkeren Wortemachers oder brachial und wird es ganz schwarz, in irr-sinnigem Gelächter, hinter dem jene Untiefe sich auftut, aus der das Verbrechen lauert. Und das gute Ende, das sittliches Wollen einander bringt, ist nur die tragische Separation des Geistes von menschlicher Hilfereichung: der Glaube des einen glaubt den des andern und grüsst ihn demütig von Ferne, da nichts mehr zu sagen ist als die grosse Qual der Einsamkeit vor dem Glauben an den Geist.

Diese Qual, die im Zwiegespräch sich verdoppelt, wächst im Beisammensein mit mehreren ins Unerträgliche, Übermenschliche und was zurückbleibt, ist ein unaustilgbares Mal, das bleich und bös tausendfach durch die Strassen schreitet. Schon die schweigende Anwesenheit von Menschen, die ein Raum abschliesst, führt ein penetrantes Schuldgefühl herauf, das wächst und schwillt und das Ringen um die rettende Güte wird im Angesicht der Vielgestalt des Unklaren, Verhaltenen, Verzweifelten, Verbissenen, das sofort geäussert werden müsste, um nicht Hass zu erzeugen, das Schwerste. Doch nur Verhüllendes wird erzwungen belanglos hingeworfen. Aber das Ungesagte frisst sich tiefer, schmerzt und höhlt und plötzlich hockt in allen Blicken Misstrauen, Aerger, Feindseligkeit, die immer blitzender, ausfüllender werden und alles verwirren, selbst das konventionelle Geplapper, in das langsam hämische Töne einbrechen, verlogene Heiterkeiten, die in den Schwächsten leichtes Grauen entrollen, mühsam entstehende Worte, die von aussen her einen ungewollten Klang erhalten, leer werden, sobald sie gesprochen sind und angestrengtes Nachhorchen, Nachdenken verursachen und immer mehr und mehr verwirren. Heisse Angst umpresst alle und treibt sie, Böses zu bekennen, wo es nicht war, und dort, wo es war, es zu überschrauben, andere zu beschuldigen, die es nicht begingen, und die es begingen, zu loben, als wahr Erkanntes falsch zu heissen und Falsches wahr, um das Qualvolle der Verwirrungen durch neue Verwirrungen erträglicher zu machen. Und es steigt unaufhaltsam und wie erstickend und schlängelt einen Rattenkönig verfehlter Ueberlegungen, übertriebener Handlungen, zielloser Rettungsversuche hinter sich drein. Und selbst derjenige, der sich selbst verleugnend den sittlichen Ernst vor dem Ereignis sich erwarb, vermag nicht mehr, ihn sich zu bewahren. Wohl weiss er, dass der Fäden, die zu einem Ereignis sich verknoten, abertausend sind, dass sie weit zurücklaufen und zu Ursachen leiten, die ach so selten ganz erkennbar sind; dass der sicherste Weg, sich in menschlichen Beziehungen zu irren, deshalb ist, scharfsinnig zu motivieren; dass die einzige Hilfe wäre, aufzuschreien und um Gnade zu bitten. Doch er wird mitgerissen und aufknirschend unter diesem unentrinnbaren Zwang beginnt er zu hassen, sich und alle und hasst diesen Hass und sitzt da, ein irr lächelnder Bösewicht gleich den andern, bis eines jener folternd strafenden Schweigen anbricht, das rote Angst über die Gesichter jagt und ein kühles Schauern durch den Körper. Dann ist es zu Ende und einen Berg im Nacken, die Augen verloschen, reichen sie die hohlen Hände, und wenn sie einander wieder begegnen, grüssen sie nicht.

Brückenlos steht Mensch vor Mensch. Und alsob alles, was Jammer und Mühsal ist, in eins hätte zusammengepfercht werden müssen, wirft eine schwere Fügung ein wildes Bedürfnis dem Menschen in den Schoss und drängt ihn machtvoll, Genuss irrlichtelierend, seinen Körper dort mit einem andern zu binden, wo aller Jammer, alle Mühsal ihren Ausgang hat. Die Brücke, deren Fehlen den reissenden Strom des Hasses zwischen den Menschen lässt und sie einsam an seine Ufer stellt, ist zwischen den Leibern errichtet. Sie ist nur eine fliegende, her-gestellt ein blindes Rasen woher wohin, und abgebrochen mehr Weg- und Zielsehnsucht zurücklassend als vordem. Einzelne allein vermögen es, sie nur zu betreten, wenn unabwendbare Not es gebietet, und so, dass es Hilfe bleibt, weder Weg wird noch Ziel: denn diese Brücke bricht umso rascher, je mehr auf sie gebaut wird und tausend Schwachgeborene wiegen in ihrer tierischen Quallosigkeit nicht einen Starken auf, dessen Gehirn ihm das Dasein zur Marter macht. Was den andern an innerer Kraft versagt blieb, zimmert ihre Schwäche sich zu einem Himmel hienieden, der sie in der Scheinlust des Ineinanderseins für die Beschwernis des Beisammenseins entschädigen soll. Diesem Trugbau des Mannes kommt das Weib auf ganzem Weg entgegen, indem es die Vollkommenheit, welche die trieberzeugte Blindheit des Mannes ihm zuphantasiert, um sich vor sich selbst zu rechtfertigen, annimmt und sie, sich verstellend, vorstellt. Doch kein Mann stirbt, ohne diese Verstellung einen Augenblick lang erkannt und die fehlende Kraft zur Konsequenz resignierend sich bekannt zu haben und alle leben in dem stets wiederkehrenden Gefühl eines Drucks, einer Last, einer Schuld. Sie ist die grösste, da sie alles auf dem Gewissen hat, was Qual ist: das Leben. Der Jammer der Ehen, die Mühsal der Familien stöhnen nicht durch die Mauern; stumm stehen sie auf den Gesichtern und neben allem Lachen, aller Freude als etwas Schweres, Wehes, bis sie zwischen den Brauen als Hass zusammenfahren. Seine letzte Wurzel ist das Geschlecht. Von ihm aus stellt er den Mann, der helfen möchte, wider das Weib, dem nicht zu helfen ist, das Weib, das nicht geholfen haben will, wider den Mann, der helfen könnte, die Söhne, die sich bäumen, wider die Väter, die gebückt sind, die Väter, die sich nicht aufrichten können, wider die Söhne, die es wollen, den Menschen wider den Menschen und wider sein eigenes Geschlecht.

Dieser Hass ist die Auflehnung gegen die Schuld der Geburt und des Lebens und gegen all die Unzulänglichkeit, welche die Erde zur Hölle macht, So wird er das grosse Mass. Es ist die kleine Erkenntnis der irdischen Hilfereichung, ohne Wohltat zu sein oder Plage, und jene grosse, dass der Geist als höchste Besonnenheit keine völlige Klarheit über das Leben erlangen kann und auf sich selbst sich zurückziehen muss, um einsam als hoffender Glaube sich abzuquälen und auf den erlösenden Tod zu warten. Vor dessen Schwelle ist die Angst ge-stellt, jene letzte Auflehnung, welche die letzte Qual ist und zugleich eine grosse Warnung: dass die Schuld, welche mitbekam, wem das Leben gegeben ward, zu tragen ist, bis der, welcher sie auferlegte, sie wieder abnimmt.

Walter Serner


Aus.
SIRIUS
Jahrgang 1915-16
Zürich, den 1. Oktober Nummer 1
Herausgegeben von Walter Serner 

Freitag, 26. Oktober 2018

Johannes Wendelin - Spuk


SPUK
Erzählung von Johannes Wendelin


Ein frischer, eislufterfüllter Wind fegte unaufhörlich den Bahndamm hinunter. Wir standen auf dem versteckten Perron eines kleinen Bergortes in der französischen Schweiz. Soweit das Auge reichte: Felsen, Klüfte, Fichtentäler und In der Höhe die ewigen Schneekuppen und ein hellblauer dünner Himmel.
Neben mir wippte meine lebenslustige Freundin auf den Zehenspitzen auf und nieder. Sie hatte keinen Sinn für Seßhaftigkeit und wartete noch ungeduldiger als ich darauf, fortzukommen. Vor einigen Tagen war sie mit mir auf eine unvorbereitete Liebesreise ausgerissen; daneben aber verfolgte sie noch einen anderen Zweck. Sie benutzte seit Jahren jede Möglichkeit, in die Welt hinaus zu kommen, weil sie nach einem verschollenen Bruder suchte. Sie selbst hatte ihn nicht gekannt. Ihre Eltern hatten ihr erzählt, daß er frühzeitig verunglückt, der Leichnam aber nie aufgefunden worden sei. Vielleicht war es nur eine Starrköpfigkeit von ihr; aber sie glaubte nicht an seinen Tod, obwohl alle Nachforschungen und Reisen vergeblich blieben.
Von Ferne klang endlich das Stampfen und Fauchen des Zuges herauf. Die Entfernungen täuschten, wenige Minuten danach verschlang schon die kleine gedrungene Lokomotive mit schwerem Zischen langsam die schwarzen Bahnschwellen zwischen uns und ihr.
Ein einziges Abteil wurde aufgeschlagen. Das erregte Gesicht eines älteren Herren sprang an uns vorüber. Wir mußten warten, da offenbar mehrere Reisende heraus wollten. Ein dunkel bekleideter Bauernrücken schob sich in die Türöffnung, scheinbar noch mit einer schweren Last im Innern beschäftigt.
Da hörte ich hinter mir den ärgerlichen und hastigen Ruf: »Où est le chef de gare? Hélas, monsieur, nʼy a-t-il pas un médecin chez vous? Nous avons un malade.«
»Voilà, monsieur,« rief ich und drehte mich um.
Der Herr mit dem erhitzten Gesicht lief auf mich zurück: »Ah, sacre Dieu, cʼest bien«, und den Deutschen in mir erkennend: »Man trägt ihn hinaus, sehen Sie . . .«
Ueber dem inzwischen ganz heruntergetretenen Bauern sah ich einen zusammengefallenen, bewußtlosen menschlichen Rumpf. Ich schrak zusammen. Das Antlitz seinen mir nicht unbekannt, aber es sah grauenhaft aus. Bleich, abgezehrt und eingefallen, aber ununterbrochen bewegt, krampfhaft zuckend. Ein nur wenige Wochen aller, ungepflegter Vollbart, und die verwirrten Haarbüschel machten es noch wilder und leidender. Ich suchte die herabhängende Hand; hohes Fieber, ein verdoppelter Puls hämmerte durch die Adern.
Man legte den Kranken auf eine Bank. Leise wimmernd und stöhnend griff er mit unruhigen Fingern an den Kopf. Dort schien der Krankheitsherd zu liegen. Meningitis? Ich war meiner Sache nicht ganz sicher.
Jedenfalls mußte ich bleiben. Es tat mir meiner jungen Freundin wegen besonders leid. Doch Eile tat Not. — Eine Stunde später lag der Kranke mit einem Eisbeutel auf dem rasierten Schädel in einem Fremdenbett des tiefer gelegenen Wirtshauses des Ortes im verdunkelten Zimmer.
Wir kannten ihn wohl doch nicht. Die einzige Spur in unserer Erinnerung wies nach Berlin, wo wir dem jungen Mann in der Gesellschaft begegnet sein konnten. Sein Zustand war aussichtslos: eine Gehirnhautentzündung, die den entscheidenden Punkt schon überschritten hatte. An die Stelle der Unrast war jetzt eine Ruhe getreten, die der Lähmung glich. Aber zwischen den Anfällen tiefen Schlafes lagen Momente, ja Stunden des Bewußtseins, in denen er sogar sein Gedächtnis wiedererlangte und schwerfällig sprach.
Auch uns erkannte er nicht. Wir wachten abwechselnd Tag und Nacht am Bett. Ich fragte ihn nach den Ursachen seiner Krankheit. Ob er gestürzt sei oder einen Schlag auf den Schädel erhalten habe? Oder ob er Alkoholiker wäre? Zuletzt deutete ich an, daß die Krankheit durch eine große seelische Erregung hervorgerufen sein könnte.
Da sah er mich fast lauernd an. Seine Pupillen waren übergroß und tief schwarz geworden. Dann überlegte er, blickte wieder zu mir zurück und schien eine längere Erklärung geben zu wollen. Eine neue Erregung konnte ihm jetzt nicht mehr schaden, vielleicht nur sein Ende beschleunigen. Er sprach zuweilen abgehackt, heiser, vereinzelt auch ganz laut. Meist lag er wie in einer Vision mit weit aufgerissenen Augen:
»Ja — Sie haben Recht damit — es war vor zwei Tagen —« ich wußte, daß dies Lüge war, die Krankheit mußte bereits länger dauern, »— ich kam — sehr ermüdet — an einen Waldrand — und blieb liegen. Damals — hatte ich auch schon keine Kraft mehr. Und — ja — vielleicht, ich weiß nicht, hatte ich auch schon Fieber. Aber in der Nacht — das — das allein ist die Ursache von allem.
Ich wurde dort aufgelesen, von Bauern. Als ich erwachte, lag ich in einem Bett. Einem Landbett mit Federdecken, in einem fast kahlen Zimmer. Es war dunkel. Niemand war im Raum. Mir war sehr heiß. Ich schlief dann wieder ein. Mir erschienen Menschen, die ich kannte. Ein Mädchen — aus meiner Stadt. Sie sagte mir etwas, was ich nicht erwartet hatte. Dann kam auch er — nein, dann kam ein Mann, ein Künstler, ein Mensch mit stechendem Blick und einer scharfen, gebogenen Nase. Der wollte sich rächen — ach, was sage ich da — er wollte mir Böses tun — mit Gewalt. Er schrie mich an. Da erwachte ich.
Ganz in meiner Nähe klopfte es, so, als ob Jemand einen leeren Holzkasten neben mein Ohr hielt und zaghaft darauf pochte. Ganz leise und behutsam. Aber das Zimmer war stockfinster, ich sah nichts. Das Klopfen kam in Zwischenräumen wieder. Jedesmal wurde es schärfer, eindringlicher. Ich täuschte mich nicht. Es war an dem Holzgestell meines eigenen Bettes. Solche Schläge konnte nur ein Mensch hervorbringen! Ich bekam Angst. Ich hielt den Atem an. Mein Herz hämmerte mit lauten Stößen.
Da vernehme ich plötzlich ein Rascheln. Es ist kein Zweifel mehr! Die Geräusche kommen unter meinem Lager hervor. Ich will schreien; aber ich wage es nicht. Ich kann auch gar nicht. Jetzt scharrt es regelmäßiger. Ein vorsichtiges Schieben von Stelle zu Stelle. Es kommt deutlicher heraus. Vor Furcht werde ich geschüttelt. Ich sitze halb aufrecht. Weiche Laute fassen dazwischen. Jemand greift an das Bettgestell. Mein Herz rast wild! Wie ein Tappen ist es ganz in meiner Nähe. Ich spüre in der Dunkelheit das Dasein des anderen. Vom Innersten an bin ich ganz Angst — Angst und Schrecken.
Wie ich an das Licht auf dem Nachttisch kam — weiß ich nicht. Aber ich konnte ein Streichholz anzünden. Die Kerze flackerte. Die Stube war zu dunkel. Ich vermochte nichts zu sehen. Da brannte die Flamme ruhig und hoch auf. Nichts da. Ich beuge mich vor — — und schreie — schreie — glaube zu schreien — denn in Wirklichkeit preßt sich ein Ächzen und Röcheln aus meinem Mund. Unter mir — unter dem Bett — da kommt ein nackter, menschlicher Rumpf — Schultern — ein Hals ohne Kopf — mit einer blutenden Wunde hervor.
— Ich weiß nicht mehr alles, was war. Ich höre mich ununterbrochen jammern und wimmern. Wie ein Hund, der jault. Der Rumpf mit der offenen Wunde kriecht weiter! Die Oberarme, hager und bloß, schieben ihn allmählich hervor. Alles ist so elend, so ausdruckslos. Wo ist der Kopf? Wenn ein Gesicht da wäre, das würde mir etwas sagen. Die Züge hätten irgendeinen Sinn. So ist aber gar nichts da. Nur ein blutender Körper. Sein Körper! Nie habe ich ihn ohne Kleider gesehen, aber ich weiß es. Ich verstehe auch, weshalb der Kopf nicht da ist. Er hat mich nicht ängstigen wollen. Er kennt meine Scheu vor dem stechenden Auge. Ich habe ihm gesagt, daß es mich beunruhigt, wenn er mich ansieht. Deshalb hat er das Haupt fortgetan. Aus Mitleid mit mir. Aus Fürsorge. Das hatte ja sie, die mir vorher erschienen war, auch gesagt.
Aber dies ist viel entsetzlicher. Das Grauen packt mich! Ich winsele immer unterdrückt weiter. Da — da — die Schultern ziehen die Arme ganz heraus. Seine langen Finger — sie pochen noch einmal an — ah, jetzt erkennen sie — empfinden sie mich. Sie werden emporgehoben. Der ganze nackte Oberkörper schwebt hoch. Mir entgegen. Die Arme, die langen, fürchterlichen Arme heben sich. In weitem Bogen. Zu mir. Ich will nicht, nein, nein, ich will nicht. Du sollst mich nicht umarmen! Du sollst mir nicht verzeihen! Geh fort! Vater unser, — Schemah Jisroel —, es gibt keinen Gott, — ich, ich, — Allah il Allah! — Sein Blut tropft.
Das Licht ist mir aus der Hand gestürzt. Es ist wieder stockfinster. Da greift er zu. Seine beiden eisigen Knochenhände liegen auf meinen Schläfen. Die Fingerspitzen bohren sich ein und ziehen. Der Tote reißt mich heraus. Der Kopflose triumphiert. Ich bin gezeichnet! Alles ist zu Ende. Ich sterbe —«
Der Mund in dem eingefallenen, bärtigen Gesicht vor mir krächzt ganz heiser. Dann spricht er wieder: »Am Morgen hoben sie mich auf. Ich lag vor dem Bauernbett. Ein heftiges Fieber ergriff mich. Nachmittags zog ich mich heimlich an und schlich ungesehen davon. Ich wollte ihm nicht noch einmal begegnen. — Er hat mich auch in Ruhe gelassen. Er verfolgte mich nicht mehr. Er hatte mich ja schon gezeichnet!«
Jetzt kam wieder dieser typische Zustand der Starre und Bewußtlosigkeit über ihn. Ich erhob mich. Meine Freundin lag draußen in der Sonne. Ich war zu erschöpft, als daß ich noch länger hätte wachen können. Sie mußte mich ablösen.
Ein Knarren weckte mich. Wie viele Stunden halte ich geschlafen? Im Zimmer lag eine neblige Dämmerung, von der man nicht wußte, ob sie Abend oder Morgen andeutete. Hatte es nicht gepocht? Entsetzt starrte ich neben mein Bett. Nein, nichts. Ich phantasierte auch schon. — Aber etwas mußte mich doch geweckt haben! Die Tür hatte geknarrt. Hastig blickte ich auf. Da stand — war sie es — eine Frau — meine Freundin. Mit einem totbleichen, veränderten Gesicht und allen Kennzeichen der Ueberanstrengung lehnte sie im Türrahmen. Ich fuhr empor und war schon bei ihr. Sie wehrte mich ab.
»Was gibt es?«
Sie antwortete ruhig, aber mit seltsam tiefer, gewaltsam harter Stimme: »Er ist tot.«
»Wie spät ist es denn? So schnell kann doch seine Krankheit gar nicht zu Ende führen. Du täuschst dich, es ist nur die Hirnlähmung.«
»Nein, es ist fünf Uhr morgens; du hast vierzehn Stunden geschlafen.«
Ich war verdutzt und lachte. Aber um ihren Mund zog sich nur ein krankes, klägliches Lächeln. Sie schwankte.
»Was ist mit dir? Du bist so verwandelt. So lege Dich doch schon hin!«
»Laß noch einen Augenblick. Ich will Dir nur sagen, wir müßten ihn mitnehmen.«
»Mitnehmen? Weshalb? Die Gemeinde wird hier schon für ihn sorgen.«
»Nein, wir, gerade wir müssen ihn mitnehmen. — Er hat mir alles gesagt. — Er wird gesucht, von den Behörden gesucht, weißt Du? Er ist ja ein Mörder!«
Das traf mich wie ein Schlag. Sie sprach es so kindlich und hilflos; und doch kam es unerwartet, betäubend. Er war also inzwischen nochmals erwacht. Und dieser verbrecherische und leidende Mensch hatte mit ihr gesprochen! Sie achtete gar nicht auf die Wirkung ihrer Worte. Mit ihrer gezwungenen, ernsten Stimme redete sie weiter auf mich ein: «»Er hat einen jungen Künstler, einen Rivalen, getötet. Unüberlegt, in Wut. Aber er hat nicht schlecht gehandelt. Nein, glaube mir, er hat wirklich nicht schlecht gehandelt. Nur, er wird von der Behörde gesucht — da müssen wir ihn mitnehmen, ganz bestimmt.«
»Ich verstehe Dich nicht. Wie sollen wir ihn fortbringen? Das könnten wir doch garnicht. Wir benachrichtigen die Polizei nur. Das wird genügen.«
»Ach, warum quälst Du mich so! Nimm ihn mit, nimm ihn bitte mit. Er ist ja gesucht worden — wir müssen zeigen, daß wir ihn gefunden haben. — Gott, warum verstehst Du nicht? Ich habe ihn doch auch gesucht. Er ist ein Mörder und —«
Alle Farbe wich plötzlich aus ihrem Gesicht. Die Stimme versagte. Dann, mit dem Ausdruck eines unfaßbaren Entsetzens, stammelte sie noch die kaum verständlichen drei Worte: »— und mein Bruder!«
Lautlos, am Ende ihrer Kraft, brach sie vor mir zusammen. Der erdfahle Kopf war, noch bevor ich hinzuspringen konnte, hart gegen eine Metallkante des Türrahmens geschlagen. Ein dünner Blutstrahl schoß auf den Boden. —
— Vier Tage später wurden die Geschwister nebeneinander begraben.

Freitag, 5. Oktober 2018

Walter Serner - Die Frauen der Revolution

Walter Serner - Die Frauen der Revolution

Je grösser die Zahl derer ist, die Revolution und Geist irgendwie sich berühren lassen, desto kleiner wird die Möglichkeit, eine erfolgreiche Revolution zu erleben. Die Ueberzeugung, Rousseau sei letzten Endes der geistige Urheber der französischen Revolution des Jahres 1789, ist ebenso falsch wie die, in Russland hätten vor einem Jahrzehnt die Geister revolutioniert, richtig. Hätte nicht der Hunger in Rotten nach Versailles sich geschleppt, Ludwig der Sechzehnte wäre nie guillotiniert, das Bürgertum nie so frei geworden, wie es heute der Arbeiter sein möchte. Und nur weil die russische Revolution von Satten gemacht wurde, konnte sie niedergeworfen werden. Rousseau, der manchem hinterher das Gewissen erleichtert haben mochte, konnte in die selbsttätige Flut einer Wirkung hineingerissen werden, Ursache war er nicht. Bakunin, der den Köpfen, welche sich erhoben, das Gewissen aufgerüttelt hatte, vermochte nicht, jene mitzureissen, denen der Magen wichtiger ist. So blieb er ohne Wirkung. Mehr noch als dort dem Selbsterhaltungstrieb ein Ethos unterzuschieben, wäre es irrig, hier die Erfolglosigkeit aus bestimmten allzu relativen Umständen erklären zu wollen. Die Tat des Geistes ist niemals die Tat. Nur der Körper revolutioniert.
Es ist darum bezeichnend, dass die grosse französische Revolution von Frauen begonnen wurde. Ihnen kroch der Hunger zuerst in die Brust. Dass der Bürger Maillard sie vor das Versailler Schloss führte, wird von der jungen Louison Chabry wettgemacht, die vor dem König um Brot für Paris bat, und die Vermutung, Rousseau könnte damit etwas zu schaffen haben, durch die Tatsache, dass die holde Wortführerin, die vom König zärtlich umarmt wurde, als sie ihm die Hand küssen wollte, das Schloss als Royalistin verliess; »Vive le roi!« Die Schweizergarde rettete sie vor den rasenden Frauen, die sie bereits niedergeschlagen hatten und mit den eigenen Strumpfbändern erdrosseln wollten. Diesen Mordversuch als Rache für den Verrat an einer Idee zu deuten, geht nicht an, da die Weiber Marie Antoinette hatten töten wollen, gäbe man ihnen kein Brot, aber Beifall klatschten, als Lafayette ihr auf dem Balkon galant die Hand küsste. Jedes einzelne Weib fühlte sich von diesem Kuss geküsst und so wurde der Hunger, der eben bereit gewesen war zu morden, von einer Befriedigung, die dem Schoss zuteil ward, noch einmal besänftigt. Ein jämmerlicher Anfang für eine grosse Revolution. Wäre jetzt den Schreihälsen etwas zu schlucken gegeben worden, die Revolution hätte vermieden werden können. So nahmen denn die Männer, die nicht mit Gesten sich abspeisen liessen, die Bastille und die Frauen den König gefangen. Der Postmeister in Varennes, der den König erkannte, wäre ohne sie machtlos gewesen. Aber noch als sie vor die Pferde sich warfen, nannten sie ihn ihren guten dicken Papa, den sie gern hätten am Leben gelassen, wenn er sie nur besser regaliert hätte, und als sein Kopf fiel, weinten viele von ihnen. Olympe de Gougez, eine der hitzigsten republikanischen Schreierinnen, jammerte er schon vor dem Konvent, dem sie sich erbot den König zu verteidigen, obwohl sie wusste, dass sie dadurch ihren Kopf gefährdete. Um das Menschliche zu glauben, dürfte man ihr republikanisches Feuer nicht bezweifeln können. Es ist ein Widerspruch, der dadurch entsteht, dass das Gegensätzliche je ein Zuviel enthält. Er wird noch deutlicher in Théroigne de Méricourt: die heissblütige Flämin, welche das königstreue flandrische Regiment zu überreden wusste, die weisse BourbonenKokarde mit der revolutionären Trikolore zu vertauschen, wurde irrsinnig, als ein paar neidische Weiber und deren Kumpane sie im Tuileriengarten umzingelten, ihr die Röcke hoch hoben und sie auf den nackten Körper prügelten. Was einen Mann nur noch leidenschaftlicher emporgetrieben hätte, raubte ihr den Verstand, der unter einer unkörperlichen Demütigung nicht hätte zusammenbrechen können, wäre er wirklich einer gewesen. Die Frau, deren Körper die Soldaten überredete, ging an ihrer Scham, die gleichfalls keine war, zugrunde. Madame de Staël, die Napoleon aus Frankreich verbannte, da er sie für gefährlicher hielt als ihre Bücher, blieb dadurch vielleicht ein ähnliches Schicksal erspart. Sie hätte es gerechtfertigt. Man brauchte nicht zu wissen, dass ihre Bücher ohne Rousseau, Montesquieu, de Narbonne und besonders ohne den genialischen Benjamin Constant ganz anders oder überhaupt nicht geschrieben worden wären, auch nicht, dass diese SalonTrikoteuse schliesslich Royalistin wurde; um von ihrer hysterischen Richtungslosigkeit, die ihr auf dem brennenden Boden von Paris zumindest ein groteskes Ende gebracht hätte, überzeugt zu sein, genügt es, eines ihrer so gern kolportierten Bonmots gehört zu haben. Um wieviel besser waren nicht jene Frauen, welche den führenden Männern der Revolution helfende Gefährtinnen wurden: Madame Duplay, die Robespierre fast ohne alles Entgelt in übervoller Fürsorge zwei Jahre bei sich wohnen liess; Dantons Frau, welche der grausamste der Männer stets für Tage tatlos in sich zurückgeworfen verliess und die er, als sie in seiner Abwesenheit gestorben war, als Verwesende aus dem Sarg riss, um an ihr die grösste Grausamkeit, die seine letzte hatte sein sollen, zu begehen; Lucile Desmoulins, die ihrem Gatten in den Tod nachlief; und Madame de Condorçet, welche Wäscherin wurde, damit die Verfolger ihres Mannes irregeführt würden. Ein wenig abseits von diesen Frauen steht Charlotte Corday, die, ihr selbst unerwartet, aus der Provinz nach Paris fuhr, um Marat, von dessen Tod sie das Ende der Metzeleien erhoffte zu ermorden. Ein grenzenloses Mitleid, wie es nur das unberührte Mädchen, dessen Mädchentum überdies wohl halber Art war, überkommen konnte, hob sie über alle Hemmungen hinaus und liess sie das Dolchmesser dem badenden Wehrlosen durch die Schulter ins Herz stossen. In diesem Augenblick erlebte sie erzitternd das Vorgefühl der ersten Wollust. Dennoch antwortete sie vor dem Konvent so fest und einfach, wie sie tagsdarauf das Schaffott bestieg. Dass es kein ernsthaftes Strafmittel gegen Frauen gibt, wird an diesem Grenzfall völlig klar; aber auch, dass Michelet , der dies schon aussprach, irrte, wenn er die Frauen zwar nicht für strafbar, aber für sehr verantwortlich hielt. Sein durch Sentimentalität und falsche Heroik geschwächtes Urteil über die Frauen der Revolution beruht auf diesem Irrtum.
Das Ende der grossen französischen Revolution, das noch jämmerlicher war als ihr Anfang, beweist es nicht weniger klar. Die Frauen vermochten die Männer, die schliesslich schon für die Idee der Republik kämpften, als sie längst satt waren, nicht mehr zu begreifen und führten, indem sie offen und heimlich hetzten, den Untergang sämtlicher Parteien herbei und damit den der Revolution. Jener republikanische Offizier, der früher die Soutane getragen und im Beichtstuhl dem Weibe tiefer in den Kopf gesehen hatte als so mancher ergraute Ehegatte, durfte mit Recht sagen: »Die Frauen sind die Ursache unseres Unglücks. Ohne sie hätte die Republik schon feste Gestalt und wir sässen ruhig zu Hause.« Er übersah allerdings, dass auch die Republik, wenn sie so erreicht worden wäre, wie sie geplant war, nicht jenen Zustand geschaffen hätte, dessen Vereitelung zu bedauern wäre; dass einer Revolution, die der Körper macht, auch der Erfolg entsprechen muss; und dass nur jene, welche die Tat des Geistes wäre, wahrhaft Erfolg härte. Aber diese Revolution wäre keine. Denn die Tat des Geistes ist niemals die Tat. Sie ist das grosse Unterlassen dessen, der auf sich selbst sich besann. Schon der erwachende Geist ist der Umwelt, in die hinein er geboren ward, feind. Zutiefst bereits dahin eingestellt, sich auf sich selbst zu besinnen, stemmt er sich gegen die Dinge, mit denen er nichts anzufangen weiss, und gegen die Menschen, die ihn fast unausgesetzt irgendwie vergewaltigen wollen. Er verbirgt sich in dem leidenschaftlichen Zerstörungsdrang des Kindes, der Gebrauchsgegenstände so wenig schont wie Spielsachen, und in dessen so oft verblüffend grausamen Roheiten gegen Erwachsene. Völlig erwacht, steht er vor der Qual, durch die Erkenntnis von Mensch und Ding hindurch zu der seiner selbst zu kommen. Dass jene ihm so unerreichbar ist wie diese, lässt ihn in den Vielen, deren Schwäche dem stündlichen Zusammenprall nicht standzuhalten vermag, sich aufgeben und nur in Wenigen zu jener Folgerung hinauf, welche tiefste Kraft ist und höchste Gebundenheit. Hier hat er sich auf sich selbst besonnen. Ganz in sich gekehrt, zieht er vor Mensch und Ding sich zurück und unterlässt jede Tat, von der er weithin weiss, dass sie stets nur vermehren muss, was böse ist und peinvoll, wenn sie mehr ist als freie Hilfereichung oder das Wort. Dort aber begeht der Körper, der seinen Geist aufgab, jede Tal Sie setzt in gottloser Ueberhebung Mensch und Ding als erkannt voraus und schafft so jenen Zustand, dem Gesetz und Gewohnheit von Stunde zu Stunde mehr die grosse Schuld häufen und jede neue Tat, die geschieht, um ihn zu klären. Ihn wahrhaft zu klären, bedarf es der Tat des Geistes. Seine Ehrfurcht vor dem Unerforschlichen, das ihn noch vor einer Blume erbeben lässt, drängt ihn, alles, was nicht klar in sich beschlossen ist, zu unterlassen. Seine Tat ist dieses Wort. Erstünde es in allen und würde so zur Tat: jene Revolution, die allein Erfolg hätte, wäre angebrochen. Sie wäre die grösste. Denn sie wäre keine.
Walter Serner

SIRIUS
Jahrgang 191516
Zürich, den 1. Februar Nummer 5
Herausgegeben von Walter Serner

Walter Serner - Inferno

Walter Serner - Inferno Inferno Ein Schreien, das widersetzlich beginnt, wenn es am laute­sten wird, vor Wut sich überschlägt und ...