Max Herrmann (Neisse) - Hilflose Augen

Max Herrmann (Neisse) - Hilflose Augen


Das gemeinsame Mittagessen war schon beendet, als Frank aus dem Gymnasium nach Hause kam.
Ernst stand auf der Strasse im Sonnenschein, an die weisse Mauer gelehnt und haschte Fliegen. Ein heimtückisches Grinsen schien sein Gesicht zu entstellen. Franks Augen wurden unsagbar hilflos. Wie gehetzt lief er durch die Bierstube, in der seine Mutter über einem Buch sass, das sie hastig mit schmerzlicher Heimlichtuerei im Pult verschloss. Er hörte Ernst einen Gassenhauer pfeifen. Dann stürmte er die Treppe hinauf.
Die Köchin blieb mürrisch. Die Suppe war kalt. Aus dem Nebenzimmer quoll das aufreizend regelmässige Mittagsschnarchen des Vaters. Frank überkam das Gefühl eines unerklärlichen namenlos wehmütigen Ekels. Er musste aufhören zu essen. Er wollte seine Hündin Batry mit den verschmähten Speisen füttern und begann, nach ihr zu rufen. Sie war nicht da. Das nervöse Prickeln einer bösen Ahnung beschlich ihn. Er lärmte mit der Köchin. Die zuckte höhnisch die Achseln, biss die Zähne aufeinander und machte widerwärtige Lippen. Frank stiegen die Tränen auf. Er rang sie nieder. Er schrie vom Flur aus durchs ganze Haus nach Batry. Seine Stimme überschlug sich. Von irgendwoher echote Gelächter.
Er raste hinunter und prallte vor der Mutter zurück, die wieder das Buch zuklappte und im Pult verschloss, verlegen blinzte, hysterisch tat, zu schimpfen begann.
Vom Hof sickerten seltsame Geräusche: erstickte Schreie, Flamme, Angstrumoren, Vergewaltigung. Frank stürzte vors Tor. Ernst lehnte grinsend an der weissen Mauer im Sonnenschein, zeigte auf zwei ineinander verwebte Fliegen und flüsterte etwas, das Batry, die zwei Fliegen und die Mutter auf eine eigentümliche Art in Zusammenhang brachte. Frank bekam wieder seine hilflosen Augen. Weinen bezwang ihn, unbewusst, lautlos. Dann drehte er sich brüsk um und sagte hart, gepresst: »Schwein!«
Ernst lauerte. Fast war ein überlegenes Mitleid in seiner Stimme: »Haben wir nicht zusammen Photographien angeschaut? Hast du mir nicht solche Verse vorgelesen?«
Frank wurde starr. Seine Lider schlossen sich. Dann hob er mit schwerer Gebärde die Faust und trieb sie ingrimmig, stumm, verbissen, mit nachtwandlerischer Treffsicherheit ein paar Mal hintereinander blitzschnell in Ernsts Fratze.
Der schlug wie ein Stamm aufs Pflaster.
Die Mutter hatte sich mit endgültiger Resolutheit in ihr Buch gerettet.
Der Lärm der Hunde sprang Frank wie ein Wolf an den Hals. Sein hilfloser Blick umschleierte sich. Er wankte trunken. Sein Herz flog. Aufsässiges Schluchzen.
Gäste warfen mit den Türen. Gläser polterten auf die Tische. Ein Phonograph zotete heiser. Bisweilen schwoll Wiehern an.


Aus:
SIRIUS
Jahrgang 1915-16
Zürich, den 1. November Nummer 2
Herausgegeben von Walter Serner


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