Walter Serner - Die Frauen der Revolution

Walter Serner - Die Frauen der Revolution

Je grösser die Zahl derer ist, die Revolution und Geist irgendwie sich berühren lassen, desto kleiner wird die Möglichkeit, eine erfolgreiche Revolution zu erleben. Die Ueberzeugung, Rousseau sei letzten Endes der geistige Urheber der französischen Revolution des Jahres 1789, ist ebenso falsch wie die, in Russland hätten vor einem Jahrzehnt die Geister revolutioniert, richtig. Hätte nicht der Hunger in Rotten nach Versailles sich geschleppt, Ludwig der Sechzehnte wäre nie guillotiniert, das Bürgertum nie so frei geworden, wie es heute der Arbeiter sein möchte. Und nur weil die russische Revolution von Satten gemacht wurde, konnte sie niedergeworfen werden. Rousseau, der manchem hinterher das Gewissen erleichtert haben mochte, konnte in die selbsttätige Flut einer Wirkung hineingerissen werden, Ursache war er nicht. Bakunin, der den Köpfen, welche sich erhoben, das Gewissen aufgerüttelt hatte, vermochte nicht, jene mitzureissen, denen der Magen wichtiger ist. So blieb er ohne Wirkung. Mehr noch als dort dem Selbsterhaltungstrieb ein Ethos unterzuschieben, wäre es irrig, hier die Erfolglosigkeit aus bestimmten allzu relativen Umständen erklären zu wollen. Die Tat des Geistes ist niemals die Tat. Nur der Körper revolutioniert.
Es ist darum bezeichnend, dass die grosse französische Revolution von Frauen begonnen wurde. Ihnen kroch der Hunger zuerst in die Brust. Dass der Bürger Maillard sie vor das Versailler Schloss führte, wird von der jungen Louison Chabry wettgemacht, die vor dem König um Brot für Paris bat, und die Vermutung, Rousseau könnte damit etwas zu schaffen haben, durch die Tatsache, dass die holde Wortführerin, die vom König zärtlich umarmt wurde, als sie ihm die Hand küssen wollte, das Schloss als Royalistin verliess; »Vive le roi!« Die Schweizergarde rettete sie vor den rasenden Frauen, die sie bereits niedergeschlagen hatten und mit den eigenen Strumpfbändern erdrosseln wollten. Diesen Mordversuch als Rache für den Verrat an einer Idee zu deuten, geht nicht an, da die Weiber Marie Antoinette hatten töten wollen, gäbe man ihnen kein Brot, aber Beifall klatschten, als Lafayette ihr auf dem Balkon galant die Hand küsste. Jedes einzelne Weib fühlte sich von diesem Kuss geküsst und so wurde der Hunger, der eben bereit gewesen war zu morden, von einer Befriedigung, die dem Schoss zuteil ward, noch einmal besänftigt. Ein jämmerlicher Anfang für eine grosse Revolution. Wäre jetzt den Schreihälsen etwas zu schlucken gegeben worden, die Revolution hätte vermieden werden können. So nahmen denn die Männer, die nicht mit Gesten sich abspeisen liessen, die Bastille und die Frauen den König gefangen. Der Postmeister in Varennes, der den König erkannte, wäre ohne sie machtlos gewesen. Aber noch als sie vor die Pferde sich warfen, nannten sie ihn ihren guten dicken Papa, den sie gern hätten am Leben gelassen, wenn er sie nur besser regaliert hätte, und als sein Kopf fiel, weinten viele von ihnen. Olympe de Gougez, eine der hitzigsten republikanischen Schreierinnen, jammerte er schon vor dem Konvent, dem sie sich erbot den König zu verteidigen, obwohl sie wusste, dass sie dadurch ihren Kopf gefährdete. Um das Menschliche zu glauben, dürfte man ihr republikanisches Feuer nicht bezweifeln können. Es ist ein Widerspruch, der dadurch entsteht, dass das Gegensätzliche je ein Zuviel enthält. Er wird noch deutlicher in Théroigne de Méricourt: die heissblütige Flämin, welche das königstreue flandrische Regiment zu überreden wusste, die weisse BourbonenKokarde mit der revolutionären Trikolore zu vertauschen, wurde irrsinnig, als ein paar neidische Weiber und deren Kumpane sie im Tuileriengarten umzingelten, ihr die Röcke hoch hoben und sie auf den nackten Körper prügelten. Was einen Mann nur noch leidenschaftlicher emporgetrieben hätte, raubte ihr den Verstand, der unter einer unkörperlichen Demütigung nicht hätte zusammenbrechen können, wäre er wirklich einer gewesen. Die Frau, deren Körper die Soldaten überredete, ging an ihrer Scham, die gleichfalls keine war, zugrunde. Madame de Staël, die Napoleon aus Frankreich verbannte, da er sie für gefährlicher hielt als ihre Bücher, blieb dadurch vielleicht ein ähnliches Schicksal erspart. Sie hätte es gerechtfertigt. Man brauchte nicht zu wissen, dass ihre Bücher ohne Rousseau, Montesquieu, de Narbonne und besonders ohne den genialischen Benjamin Constant ganz anders oder überhaupt nicht geschrieben worden wären, auch nicht, dass diese SalonTrikoteuse schliesslich Royalistin wurde; um von ihrer hysterischen Richtungslosigkeit, die ihr auf dem brennenden Boden von Paris zumindest ein groteskes Ende gebracht hätte, überzeugt zu sein, genügt es, eines ihrer so gern kolportierten Bonmots gehört zu haben. Um wieviel besser waren nicht jene Frauen, welche den führenden Männern der Revolution helfende Gefährtinnen wurden: Madame Duplay, die Robespierre fast ohne alles Entgelt in übervoller Fürsorge zwei Jahre bei sich wohnen liess; Dantons Frau, welche der grausamste der Männer stets für Tage tatlos in sich zurückgeworfen verliess und die er, als sie in seiner Abwesenheit gestorben war, als Verwesende aus dem Sarg riss, um an ihr die grösste Grausamkeit, die seine letzte hatte sein sollen, zu begehen; Lucile Desmoulins, die ihrem Gatten in den Tod nachlief; und Madame de Condorçet, welche Wäscherin wurde, damit die Verfolger ihres Mannes irregeführt würden. Ein wenig abseits von diesen Frauen steht Charlotte Corday, die, ihr selbst unerwartet, aus der Provinz nach Paris fuhr, um Marat, von dessen Tod sie das Ende der Metzeleien erhoffte zu ermorden. Ein grenzenloses Mitleid, wie es nur das unberührte Mädchen, dessen Mädchentum überdies wohl halber Art war, überkommen konnte, hob sie über alle Hemmungen hinaus und liess sie das Dolchmesser dem badenden Wehrlosen durch die Schulter ins Herz stossen. In diesem Augenblick erlebte sie erzitternd das Vorgefühl der ersten Wollust. Dennoch antwortete sie vor dem Konvent so fest und einfach, wie sie tagsdarauf das Schaffott bestieg. Dass es kein ernsthaftes Strafmittel gegen Frauen gibt, wird an diesem Grenzfall völlig klar; aber auch, dass Michelet , der dies schon aussprach, irrte, wenn er die Frauen zwar nicht für strafbar, aber für sehr verantwortlich hielt. Sein durch Sentimentalität und falsche Heroik geschwächtes Urteil über die Frauen der Revolution beruht auf diesem Irrtum.
Das Ende der grossen französischen Revolution, das noch jämmerlicher war als ihr Anfang, beweist es nicht weniger klar. Die Frauen vermochten die Männer, die schliesslich schon für die Idee der Republik kämpften, als sie längst satt waren, nicht mehr zu begreifen und führten, indem sie offen und heimlich hetzten, den Untergang sämtlicher Parteien herbei und damit den der Revolution. Jener republikanische Offizier, der früher die Soutane getragen und im Beichtstuhl dem Weibe tiefer in den Kopf gesehen hatte als so mancher ergraute Ehegatte, durfte mit Recht sagen: »Die Frauen sind die Ursache unseres Unglücks. Ohne sie hätte die Republik schon feste Gestalt und wir sässen ruhig zu Hause.« Er übersah allerdings, dass auch die Republik, wenn sie so erreicht worden wäre, wie sie geplant war, nicht jenen Zustand geschaffen hätte, dessen Vereitelung zu bedauern wäre; dass einer Revolution, die der Körper macht, auch der Erfolg entsprechen muss; und dass nur jene, welche die Tat des Geistes wäre, wahrhaft Erfolg härte. Aber diese Revolution wäre keine. Denn die Tat des Geistes ist niemals die Tat. Sie ist das grosse Unterlassen dessen, der auf sich selbst sich besann. Schon der erwachende Geist ist der Umwelt, in die hinein er geboren ward, feind. Zutiefst bereits dahin eingestellt, sich auf sich selbst zu besinnen, stemmt er sich gegen die Dinge, mit denen er nichts anzufangen weiss, und gegen die Menschen, die ihn fast unausgesetzt irgendwie vergewaltigen wollen. Er verbirgt sich in dem leidenschaftlichen Zerstörungsdrang des Kindes, der Gebrauchsgegenstände so wenig schont wie Spielsachen, und in dessen so oft verblüffend grausamen Roheiten gegen Erwachsene. Völlig erwacht, steht er vor der Qual, durch die Erkenntnis von Mensch und Ding hindurch zu der seiner selbst zu kommen. Dass jene ihm so unerreichbar ist wie diese, lässt ihn in den Vielen, deren Schwäche dem stündlichen Zusammenprall nicht standzuhalten vermag, sich aufgeben und nur in Wenigen zu jener Folgerung hinauf, welche tiefste Kraft ist und höchste Gebundenheit. Hier hat er sich auf sich selbst besonnen. Ganz in sich gekehrt, zieht er vor Mensch und Ding sich zurück und unterlässt jede Tat, von der er weithin weiss, dass sie stets nur vermehren muss, was böse ist und peinvoll, wenn sie mehr ist als freie Hilfereichung oder das Wort. Dort aber begeht der Körper, der seinen Geist aufgab, jede Tal Sie setzt in gottloser Ueberhebung Mensch und Ding als erkannt voraus und schafft so jenen Zustand, dem Gesetz und Gewohnheit von Stunde zu Stunde mehr die grosse Schuld häufen und jede neue Tat, die geschieht, um ihn zu klären. Ihn wahrhaft zu klären, bedarf es der Tat des Geistes. Seine Ehrfurcht vor dem Unerforschlichen, das ihn noch vor einer Blume erbeben lässt, drängt ihn, alles, was nicht klar in sich beschlossen ist, zu unterlassen. Seine Tat ist dieses Wort. Erstünde es in allen und würde so zur Tat: jene Revolution, die allein Erfolg hätte, wäre angebrochen. Sie wäre die grösste. Denn sie wäre keine.
Walter Serner

SIRIUS
Jahrgang 191516
Zürich, den 1. Februar Nummer 5
Herausgegeben von Walter Serner

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