Freitag, 23. November 2018

Johann Most - Die Eigentumsbestie

Johann Most - Die Eigentumsbestie
1887 (New York)

Johann Most


Der Mensch ist unter den Raubtieren das schlimmste. Das ist ein Ausspruch, den heutzutage viele tun, der aber nur bedingungsweise richtig ist. Nicht der Mensch als solcher ist ein Raubtier, sondern nur der Mensch in Verbindung mit Reichtum. Je reicher der Mensch ist desto stärker ist seine Gier nach weiterem Vermögen. Solch ein Untier, welches man Eigentumsbestie nennen kann, und das gegenwärtig die Welt beherrscht, die Menschheit unglücklich macht und mit dem Fortschreiten der sogenannten "Zivilisation" an Grausamkeit und Schlingkraft gewinnt, soll im Nachstehenden gekennzeichnet und der Ausrottung empfohlen werden.

Blickt Euch um! In jedem sogenannten "Kultur" - Lande gibt es unter je hundert Menschen etwa 95 mehr oder minder vollendete Habenichtse und ungefähr fünf Geldprotzen. Es ist nicht nötig, alle Schleichwege aufzusuchen, auf denen die Letzteren ihr Vermögen erworben haben. Der Umstand, daß sie Alles besitzen, während die Übrigen lediglich existieren, resp. vegetieren, läßt allein schon keinen Zweifel darüber aufkommen, daß die Wenigen auf Kosten der Vielen reich geworden sind.

Bald durch das direkte brutale Faustrecht, bald durch List, bald durch Betrug hat sich diese Rotte des Grund und Bodens und aller darauf befindlichen Güter bemächtigt. Vererbung und vielfacher Händewechsel haben diesem Raub einen "altehrwürdigen" Anstrich verliehen und dessen wahres Wesen verwischt; deshalb wird die Eigentumsbestie noch immer nicht als solche erkannt; sondern sogar mit heiliger Scheu respektiert.

Und doch sind Alle, welche nicht zu dieser Art gehören, deren Opfer. Jeder Sprößling eines Nichteigentümers (Armen) findet bei seinem Eintritt in die Welt jedes Fleckchen Erde besetzt. Es gibt keine Güter, die nicht einen "Herren" hätten. Ohne Arbeit entsteht aber nichts und um heutzutage arbeiten zu können, sind nicht nur Fähigkeit und Wille erforderlich, sondern auch Werkzeuge, Rohstoffe und Lebensmittel. Der Arme wendet sich daher notgedrungen an Jene, die alle diese Dinge in Hülle und Fülle besitzen. Und siehe da, es wird ihm seitens der Reichen die Erlaubnis erteilt, weiter zu existieren. Dafür hat er sich aber sozusagen seiner Kraft und Geschicklichkeit zu entäußern. Diese verwenden fortan seine vermeintlichen Lebensretter für sich. Denn Letztere spannen ihn einfach ins Joch der Arbeit; sie zwingen ihn, bis zur äußersten Grenze körperlicher und geistiger Anstrengung neue Schätze zu erzeugen, nach denen er aber nicht seine Hände auszustrecken berechtigt ist. Würde er sich lange besinnen wollen, solch' einen ungleichen Handel abzuschließen, so belehrte ihn doch bald sein knurrender Magen, daß der Arme hierzu keine Zeit hat.

Und da viele Millionen ganz in der nämlichen Lage sich befinden, wie er, so setzt er sich obendrein der Gefahr aus, daß sich, während er sich besinnt, hundert Andere um seine Stelle bewerben, so daß er neuerdings in der Luft hängt. Furchtbar schwingt seine Peitsche der Hunger über dem Kopfe des Armen. Um zu leben, muß er sein eigenes Ich täglich und stündlich freiwillig verkaufen.

Es waren entsetzliche Zeiten, als die herrschenden Klassen auf die Sklavenjagd gezogen waren und Jene, die in ihre Hände fielen, in Ketten schlugen und mit Gewalt zur Arbeit zwangen. Ungeheuerlich sah es aus in der Welt, als die christlich-germanischen Räuber ganze Länder stahlen, den Boden den Völkern unter ihren Füßen hinweg zogen und sie zum Frondienst preßten. Den Gipfel der Schmach aber hat erst die heutige "Ordnung" erzeugt: denn sie hat mehr als neun Zehntel der Menschheit um ihre Existenzbedingungen betrogen, in Abhängigkeit einer winzigen Minderheit versetzt und zur Selbsthingabe verdammt, gleichzeitig jedoch dieses Verhältnis dermaßen durch allerlei Formeln verhüllt, daß die Hörigen der Neuzeit - die Lohnsklaven ihre Rechtlosigkeit und Knechtschaft nur zum Teil erkennen und geneigt sind, sie dem Glücks-, resp. Unglücksfalle zuzuschreiben.

Diesen gräßlichen Zustand zu verewigen, das ist das einzige Streben der "vornehmen" Welt. Unter sich sind zwar die Reichen nicht immer einig; im Gegenteil sucht Einer den Anderen durch Handelskniffe, Spekulantenlist und Konkurrenzmaximen zu übervorteilen; allein dem Proletariate gegenüber stehen sie als eine geschlossene feindliche Masse da. Ihr politisches Ideal ist daher - aller freisinnigen Redensarten ungeachtet - ein möglichst starker und ruppiger Büttelstaat.

Bettelt der Arme, der momentan außer Stande ist, sich an einen Ausbeuter zu verkaufen, oder den die Eigentumsbestie bereits zur Arbeitsunfähigkeit ausgeschunden hat, so sagt der satte Bourgeois, das sei Vagabundage, und er ruft nach Polizei; er verlangt Stockprügel und Zuchthäuser für den armen Teufel, der nicht zwischen Bergen von Lebensmitteln verhungern will. Greift der Arbeitslose gar zur sonst so viel gepriesenen Selbsthilfe, tut er im Kleinen, was die Reichen täglich ungestraft im Großen tun, d.h. stiehlt er etwa, um existieren zu können, so sammelt die Bourgeoisie glühende Kohlen "sittlicher" Entrüstung über seinem Haupte und überantwortet ihn mit strenger Miene dem Staatszwinger, um ihn dort desto entschiedener (wohlfeiler) auszubeuten.

Verbinden sich die Arbeitsleute, um gemeinsam höhere Löhne, kürzere Arbeitstage u. dgl. zu ertrotzen - sogleich zetert das Protzentum, das sei Konspiration und müsse hintertrieben werden. Organisieren sich die Proletarier politisch, so ist das ein Verstoß gegen "göttliche Weltordnung", der durch Ausnahmegesetzgebung zu Nichte gemacht werden muß. Denkt schließlich das Volk ans Rebellieren, so erschallt in der ganzen Welt ein Wutgeheul der Goldtiger ohne Ende. Sie lechzen nach Massakres und ihr Blutdurst ist unstillbar.

Das Leben des Armen gilt dem Reichen ohnehin für Nichts. Als Schiffseigner setzt ganze Bemannungen aufs Spiel, wenn es darauf ankommt, hohe Versicherungsprämien für halbverfaulte Fahrzeuge zu ergaunern. Schlechte Ventilation, zu tiefer Bau, mangelhafte Stützung usw. bringen jährlich vielen Tausenden von Bergleuten den Tod, erhöhen aber den Gewinn, daher es für die Grubenbesitzer dabei sein Bewenden hat. Nicht mehr kümmert sich Fabrikpascha darum, wie viele "seiner" Arbeiter von Maschinen zerrissen, durch Chemikalien vergiftet oder in Dunst und Schmutz langsam erstickt werden. Der Profit ist die Hauptsache.

Weiber sind billiger als Männer, daher saugt jeder kapitalistische Vampir mit ganz besonderer Vorliebe Weiberblut. Obendrein liefert ihm die Frauenarbeit wohlfeile Maitressen. Kinderfleisch ist das billigste; was Wunder, daß die Kannibalen der modernen Gesellschaft ständig ihre Zähne fletschen nach jugendlichen Opfern. Was haben sie darnach zu fragen, daß die armen Kleinen auf solche Weise verwahrlost und verkrüppelt werden! Während Tausende davon im zarten Alter, ausgemergelt und elend in die Grube sinken, steigen die Aktien. Das genügt!

Da die Bourgeoisie vermöge ihres Kapitals alle neuen Erfindungen nur für sich allein in Anspruch nimmt, hat jede neue Maschine, statt Arbeitszeitverkürzung und Erhöhung des Lebensglücks für Alle, nur Entlassung aus dem Geschäft für die Einen, Lohnherabsetzung für anderen, stärkere Verelendigung für das ganze Proletariat zur Folge. Wenn aber die Vermehrung der Produkte begleitet ist von einer zunehmenden Verarmung der Volksmassen, so muß die Konsumtion gleichzeitig abnehmen; es müssen Stockungen und Krisen eintreten. Eine Fülle von vorhandenen Schätzen in den Händen Weniger muß Hungertyphus unter der Masse erzeugen. Das Verkehrte, ja Wahnsinnige eines solchen Zustandes liegt auf der Hand. Die Protzen aber zucken mit den Achseln darüber. Das werden sie so lange treiben, bis über ihren Achseln ein wohlgeschlungener Strick alle Zuckungen endet.

Aber nicht bloß als Produzent wird der Arbeiter in der mannigfaltigsten Weise geschröpft, sondern auch als Konsument. Sein kärgliches Einkommen suchen ihm zahlreiche Schmarotzer schleunigst wieder abzujagen. Wenn die Waren bereits durch allerlei Börsen und Grossistenlager gewandert sind und durch verschiedenartige Makler- und Jobberprofite, durch Zölle und Taxen Preisaufschläge erfahren haben, kommen sie endlich zum Krämer, dessen Kunden fast ausschließlich Proletarier sind. Großkapitalisten "machen" d. h. ergaunern vielleicht 10 - 20 Prozent Gewinn bei ihren Umsätzen; der Krämer will mindesten 100 Prozent haben. Er bedient sich zur Erzielung dieses Resultats verschiedenartiger Kniffe; insbesondere treibt er die schamloseste Warenverfälschung. Verwandt mit diesen Betrügern sind die zahllosen Bierpantscher, Schnapsverderber und sonstigen Giftmischer, welche in alle großen Städten und industriellen Distrikten jede Gasse unsicher machen. Ferner sinnen die Hauspaschas ohne Unterlaß darüber nach, wie sie das Leben der Proletarier verbittern könnten. Die Wohnungen werden immer schlechter, die Mieten höher, die Kontrakte niederträchtiger. Mehr und mehr werden die Arbeiter zusammen gepfercht in Hintergebäuden, in Dachkammer und Kellerlöchern, die voll von Wanzen, feucht und moderig sind. Gefängniszellen sind häufig von zehnfach gesünderer Beschaffenheit.

Ist der Arbeiter beschäftigungslos, so lauert wiederum eine ganze Bande von Hungerspekulanten darauf, ihn vollends zu ruinieren. Pfandleiher und ähnliche Schufte borgen auf die letzten Habseligkeiten der Armen kleine Beträge zu hohen Zinsen. Deren Verträge sind gewöhnlich derart abgefaßt, daß sie nicht leicht eingehalten werden können; das verpfändete Gut verfällt und der Proletarier sinkt abermals um eine Stufe tiefer. Jene Halsabschneider aber sammeln sich in kurzer Zeit große Vermögen an. Sogar den Bettler betrachten viele Parasiten als eine rentable Figur. Jede Kupfermünze, die er sich mühselig verschaffte, erregt das Verlangen von Inhabern schmutziger Herbergen und Spelunken. Ja, selbst Diebe entgehen der kapitalistischen Ausbeutung nicht. Sie sind die Sklaven von raffinierten Hehlern und Unterschlupfgebern, welche ihnen gestohlene Wertsachen für eine Bagatelle abnehmen. Und jene armen Mädchen, welche die heutige Schandwirtschaft in die Arme der Prostitution getrieben, werden durch Bordellwirte und ähnliche Schmachgestalten ganz scheußlich geplündert.

So geht es dem Armen von der Wiege bis zum Grabe. Ob er produziert, ob er konsumiert; ob er existiert oder vegetiert; er ist stets umlagert von einer Schar von heißhungrigen Vampiren, die nach jedem Tropfen seines Blutes lechzen. Auf der anderen Seite stellt der Reiche nie sein Ausbeutungshandwerk ein, wenn er auch noch so wenig in der Lage ist, einen Grund für seine Habgier anzugebeben. Wer eine Million hat, will 10 Millionen haben; wer deren 100 besitzt, geizt nach einer Milliarde usw. Zur Habgier gesellt sich Herrschsucht.

Das Besitztum ist eben nicht nur ein Mittel zu immer weiterer Bereicherung, sondern auch eine politische Macht. Unter dem jetzigen Kapital-System ist die Käuflichkeit fast ein allgemeines Laster. Es handelt sich gewöhnlich nur darum, den richtigen Preis anzusetzen, um Diejenigen zu kaufen, welche geeignet sein können, durch Sprechen oder Schweigen, durch Schrift oder Druck, durch Gewaltakte oder durch was immer der Eigentumsbestie zu dienen. Sie ist vermöge ihrer goldenen Diktate die wahre allmächtige Gottheit.

Da werden in Europa und Amerika mehr als 500.000 Pfaffen unterhalten, um, wie in der "Gottespest" nachgelesen werden kann, die Volksmassen ihres gesunden Menschenverstandes zu berauben. Daneben strolchen zahlreiche "Missionäre" von Haus zu Haus, um alberne Traktätchen zu verteilen oder sonstigen "geistigen" Unfug zu treiben. In den Schulen wird Alles aufgeboten, um das wenige Gute, welches die Lese-, Schreib- und Rechen Dressur allenfalls mit sich bringen könnte, möglichst hinfällig zu machen. Eine blödsinnige Malträtierung der "Geschichte" erzeugt jenen aufgeblasenen Dünkel, der die Völker verunreinigt und sie nicht erkennen läßt, daß ihre Bedrücker gegen sie längst sich geeinigt haben, und daß Im Grunde genommen die ganze bisherige Politik nur den Zweck hatte, die Macht der Herrschenden zu befestigen und die Ausbeutung der Armen durch die Reichen zu sichern.

Den Hausierhandel mit dem Loyalitäts- und "Ordnungs"-Fusel besorgen des Weiteren insbesondere die Schmierfinken der Tagespresse, zahlreiche literarische Geschichtsfälscher, die politischen Klopffechter eines tausendfältig verzweigten Vereins- und Versammlungslebens, Parlaments-Quatschmichel mit dem ewig süßlächelnden Gesichte, den stetigen Versprechungen auf den Lippen und dem Verrat im Herzen, und hunderterlei andere Politiker von mehr oder weniger Lumpazi-Vagabundus Qualität.

Speziell zur Verdunkelung der sozialen Frage sind ebenfalls ganze Schwadronen von Strauchrittern tätig. Die Professoren der Nationalökonomie spielen z. B. so recht die Leibkosaken der Bourgeoisie, indem sie das goldene Kalb als die wahre Sonne des Lebens preisen und die Gerbereien von Arbeiterfellen "wissenschaftlich" in allgemeine Wohltätigkeit an der Menschheit umlügen. Ein Teil dieser Schulpfaffen empfiehlt gleichwohl soziale Reformen, d. h. natürlich mit anderen Worten Prozeduren, bei denen der Pelz gewaschen aber nicht naß gemacht werden soll. Außerdem foppen sie noch die Arbeiter durch Empfehlung von Spar- und Bildungsrezepten.

Während die kapitalistischen Raubholde solchermaßen das Volk nasführen lassen, erweitern sie auf der anderen Seite ihren eigentlichen Gewaltmechanismus immer entschiedener. Es werden immer mehr Ämter errichtet. An die Spitze derselben stellen sich in Europa die Nachkömmlinge der ehemaligen Straßenräuber (die "Edelleute"), in Amerika die geschicktesten Stellenjäger und geriebensten Gauner, welche mit ihrem eigentlichen Zweck, der autoritätsmäßigen Knebelung des Proletariats, auch noch die angenehme Beschäftigung von Kassendieben und Fälschern höheren Grades verbinden. Sie dirigieren ganze Armeen von Soldaten, Gendarmen, Polizisten, Spionen, Gefängniswärtern, Zollwächtern, Steuereinnehmern, Exekutoren usw. Die letzteren Gattungen des Bütteltums sind fast durchgängig dem nichtsbesitzenden Volke entnommen, auch werden sie selten besser als proletarisch entlohnt. Dennoch spielen dieselben mit großem Eifer die Spähaugen, Schnüffelnasen und Lauschohren, die Klauen, die Zähne und die Saugrüssel des Staates, welch' letzterer solchermaßen augenscheinlich nichts weiter ist, als die politische Organisation einer Rotte von Betrügern und Ausbeutern, die ohne eine solche Macht- und Tyrannisierungs-Maschinerie nicht einen einzigen Tag vor dem gerechten Zorn und Unwillen des geschundenen und geplünderten Volkes sich zu halten vermöchten.

In den meisten älteren Ländern ist dieses System natürlich auch in der äußeren Form am schärfsten zugespitzt worden. Es konzentriert sich der ganze staatliche Zuchtapparat in einer monarchischen Spitze. Die Repräsentanten der selben, die Gottesgnädlinge, sind denn auch der Ausbund aller Schurkerei. In ihnen sind sämtliche Laster und Verbrechen der herrschenden Klasse bis zum Ungeheuerlichsten verkörpert. Ihre Lieblingsbeschäftigung ist der Massenmord (Krieg); wenn sie stehlen, (und sie stehlen oft) nehmen sie immer gleich ganze Länder und Hunderte, ja Tausende von Millionen. Die Brandstiftung in großartigem Maße dient ihnen nur zur Beleuchtung ihrer Gräuel. In ihren Schädeln hat sich die Marotte festgesetzt, daß die Menschheit lediglich dazu da sei, um von ihnen geknufft und angespieen zu werden. Höchstens erachten sie es der Mühe wert, die schönsten Weiber und Mädchen "ihrer" Länder zur Befriedigung ihrer viehischen Lüste auszuwählen. Die Übrigen haben das Recht, "alleruntertänigst zu verrecken".

An direkter Brandschatzung nehmen diese gekrönten Raubmörder in Europa jährlich 200 Millionen Mark ein. Der Militarismus, ihr Kind, kostet, ganz abgesehen von den aus ihm entspringenden Verlusten an Gut und Blut, per Jahr weitere 4000 Millionen Mark, und eine gleiche Summe zählt man an Zinsen für die 80.000 Millionen Staatsschulden, welche die Halunken in verhältnismäßig kurzer Zeit gemacht haben. Somit kostet der Monarchismus in Europa jährlich 8200 Millionen Mark, d. h. mehr als 10 Millionen Arbeiter, respektive die Ernährer von 50 Millionen Menschen an Lohn einnehmen!

In Amerika nehmen die Stelle der Monarehen die Monopolisten ein. Und wenn sich in der angeblich "freien" Republik der Vereinigten Staaten von Nord-Amerika der Monopolismus nur noch kurze Zeit so weiter entwickelt, wie in den letzten 25 Jahren, so werden gar bald nur noch Luft und Licht von der Monopolisierung verschont geblieben sein. 500 Millionen Acker Landes, ungefähr das Sechsfache der Bodenfläche von Großbritannien und Irland, sind im Laufe eines Menschenalters in den Vereinigten Staaten zur Hälfte den Eisenbahngesellschaften, zur anderen Hälfte Großgrundbesitzern (europäisch-aristokratischer Abstammung) zugefallen. In wenigen Jahrzehnten hat Vanderbilt allein 200 Millionen Dollars sich ergaunert. Ein paar Dutzend seiner Raubkollegen stehen im Begriffe, ihn einzuholen. San Francisco ist vor 30 Jahren erst gegründet worden und heute gibt es daselbst schon 85 Millionäre! Alle bis jetzt entdeckten Lager von Kohlen und Metallen, alle Ölquellen, kurz alle Bodenreichtümer des ungeheuren herrlichen Landes gehören schon jetzt (nach kaum 100jähriger Etablierung der "Republik") nicht mehr dem Volke, sondern einer Handvoll von verwegenen Abenteurern und raffinierten Gaunern.

Vor dem Einflusse dieser Börsenkönige, Eisenbahnmagnaten, Kohlenbarone und Schlotjunker sinkt die "Souveränität des Volkes" buchstäblich in den Straßenkot. Diese Kerle haben die ganzen Vereinigten Staaten in den Taschen, und was sich da an scheinbar freier Gesetz- und Stimmgeberei breit macht, ist eitel Mummenschanz. Wenn so etwas am grünen Holze geschieht, was soll da erst am morschen Gebälk werden? Wenn die junge amerikanische "Republik" mit ihren unerschöpflichen Naturreichtümern in so kurzer Zeit derart kapitalistisch verludert werden konnte, was braucht man sich da noch über die Folgen länger wirkender Ursachen gleicher Art in dem altersschwachen verrotteten Europa zu wundern?!

Wahrlich, es scheint, als ob die amerikanische "Republik" vorläufig nur den einen kulturhistorischen Zweck gehabt hätte, dem Volke diesseits wie jenseits des atlantischen Ozeans durch krasse Tatsachen zu zeigen, welch ein Ungeheuer die Eigentumsbestie ist, und daß weder Bodenbeschaffenheit noch Ausdehnung des Landes, noch politische Gesellschaftsformen die Bösartigkeit dieses Raubtieres zu alterieren vermögen, ja daß dasselbe um so gefährlicher sich zeigt, je weniger Notwendigkeit für die individuelle Habgier von Natur aus gegeben ist. Möge die arbeitende Menschheit daraus die Nutzanwendung schöpfen, daß dieses Ungeheuer nicht gezähmt oder ungefährlich oder gar gemeinnützig gemacht werden kann, sondern daß ihm gegenüber nur ein Heilmittel existiert: der unerbittliche. unbarmherzige und vollständigste Vernichtungskrieg!

Auf gütlichem Wege ist da nichts zu Erhoffen; höchstens hat das Proletariat Spott und Hohn zu gewärtigen, wenn es so kindisch ist, seinen Todfeinden mit Petitionen, Abstimmungen u. dgl. Harmlosigkeiten Respekt einflößen zu wollen.

Allgemeine Volksaufklärung, sagen manche, werde Wandel schaffen; allein dieser Rat bleibt wesentlich auch nur eine Phrase; denn die Volksaufklärung wird erst dann allgemein möglich sein, wenn die Hindernisse, die sich derselben gegenwärtig in den Weg stellen, beseitigt sind. Und das ist nicht eher der Fall, als bis das ganze heutige System von Grund aus zerstört ist.

Damit soll natürlich nicht gesagt sein, daß in dieser Richtung gar nichts geschehen solle oder könne. Nein! Wer immer die Niederträchtigkeit der jetzigen Zustände erkannte, hat die heiligste Pflicht, überall seine Stimme zu erheben, um dem Volke über diese Dinge die Augen zu öffnen. Man muß sich aber hüten, diesen Zweck durch hochgelehrte Betrachtungen erreichen zu wollen. Möge das den ehrlicheren Männern der Wissenschaft überlassen bleiben, die auf solche Weise der sogenannten "gebildeten Welt" die Schminke der Humanität von der häßlichen Raubtierfratze kratzen. Die Sprache, welche das Proletariat verstehen soll, muß einfach und kräftig sein.

Wer diese führt, wird stets von der herrschenden Sippschaft der Aufreizung geziehen, grimmig gehaßt und verfolgt werden. Daraus können wir ersehen, daß die einzig mögliche und praktische Aufklärung aufreizender Natur sein muß. - Reizen wir also auf!

Zeigen wir dem Volke, wie es durch Land- und Stadtkapitalisten um seine Arbeitskraft betrogen wird; wie es Krämer, Haus- und andere Wirte um den kargen Lohn prellen; daß ihm Kanzel-, Press-, Partei- und andere Pfaffen den Verstand zu töten suchen; wie zahllose Büttel ewig bereit sind, es zu malträtieren und zu tyrannisieren - endlich muß ihm die Geduld ausgehen. Es wird rebellieren und seine Feinde zermalmen.

Die Revolution des Proletariats, der Krieg der Armen gegen die Reichen, ist der einzige Weg, der zur Erlösung führen kann.

Aber, wenden Andere ein, Revolutionen lassen sich doch nicht machen. Gewiß nicht, aber vorbereiten kann man dieselben, indem man das Volk darauf aufmerksam macht, daß solche Ereignisse vor der Türe stehen, und indem man es herausfordert, sich zu rüsten.

Die kapitalistische Entwicklung, von welcher viele Theoretiker behaupten, daß sie bis zur völligen Austilgung aller kleinbürgerlichen Existenzen gediehen sein müsse, ehe die Vorbedingungen zu einer sozialen Revolution gegeben seien, hat bereits einen solchen Höhepunkt erreicht, daß ihr weiterer Fortgang nahezu unmöglich geworden ist. Allgemein großindustriell kann nur dann produziert werden, und allgemeiner Großbetrieb auf dem Lande kann nur dann stattfinden, wenn die Gesellschaft kommunistisch organisiert ist und wenn - was sich im letzteren Fall ganz von selbst versteht - mit der Entwicklung der Technik der Verkürzung der Arbeitszeit und die Erhöhung des Verbrauchs gleichen Schritt halten.

Das ist auch leicht einzusehen. Da beim Großbetrieb 10 Mal, in manchen Fächern sogar 100 Mal mehr produziert wird, als die betreffenden Arbeiter an gleichwertigen Waren verbrauchen, so bekommt die Trommel alsbald ein Loch. Bisher ist die überschüssige Differenz deshalb weniger vermerkt worden, weil der weitaus größte Teil des sogenannten "Gewinnes abermals kapitalisiert, d. h. zu neuen kapitalistischen Anlagen verwendet worden ist, und weil die weitest entwickelten Industriestaaten nach weniger fortgeschrittenen Ländern Ungeheure Warenmassen exportierten. Jetzt fängt die Sache aber an, in dieser Beziehung gewaltig ins Stocken zu geraten. Der Industrialismus hat überall ungeheure Fortschritte gemacht; damit kommen Ausfuhr und Einfuhr mehr und mehr ins Gleichgewicht und schon deshalb lohnen sich neue Kapitalanlagen immer weniger, ja sie werden unter solchen Umständen bald ganz und gar untunlich erscheinen. Ungeheure Weltkrisen werden dieses Mißverhältnis gar bald zum allgemeinen Verständnis bringen.

Somit ist Alles für den Kommunismus reif; es brauchen nur dessen interessierten Gegner, die Kapitalisten und ihre Helfershelfer, beseitigt werden. In der Zeit der, wie gesagt, bevorstehenden Krisen wird das Volk auch genügend zum Kampfe bereit gemacht werden. Und es handelt sich dann nur darum, ob überall ein gehörig geschulter revolutionärer Kern vorhanden ist, der das Zeug dazu hat, die durch Arbeitslosigkeit und Elend aller Art zum Aufruhr getriebenen Volksmassen um sich zu kristallisieren und die so geformte gewaltige Kraft behufs Zertrümmerung des Bestehenden in das Spiel zu bringen.

Arbeiten wir also überall auf die Revolution hin, ehe es zu spät ist! Der Sieg des Volkes über seine Blutsauger und Tyrannen wird dann nicht ausbleiben können.

Mittwoch, 21. November 2018

Karl Schönherr - Die »Lehrerin«.

Karl Schönherr - Die »Lehrerin«.



Gestern habe ich ein ganz nettes, bedeutungsvolles Genrebildchen gesehen. Da steht in der Gasse gegenüber meinem Fenster ein etwas baufälliges Haustor weit offen. Dahinter gähnt ein dunkler Flur. Vor dem Tor steht ein kleines, etwa vierjähriges Bübel, an dem man es wieder einmal so recht deutlich sehen konnte, daß der Mensch aus Erde und Lehm gemacht ist. Der Kleine benützt das Tor als Schreibtafel. Der rechte Zeigefinger dient ihm als Feder. Aus dem Boden in einem Grübchen ist Straßenkot zu Brei gerührt; das ist die Tinte, in die der Junge dann und wann die »Feder« taucht. Er hat im Eifer des »Schreibens« die Zunge ängstlich zwischen die Zähne gestemmt und schielt immer wieder kleinverzagt nach hinten.
Ein etwa fünfjähriges Mägdlein sitzt ängstlich zusammengeduckt aus dem Wehrstein nebenan und hält die Hände — zwei liebweichpatschige, schmutzige Pfötchen — nach braver Schülerart schön flach aus einen umgestürzten blechernen Margarinkübel. Auch sie wendet gleich dem Knaben immer wieder ihr herziges Köpfchen in halber Wendung furchtsam nach rückwärts. Denn die Kinder spielen »Schule« und hinter ihnen lauert die gestrenge Lehrerin: Ein Mädel von etwa sieben Jahren, barfuß, mit einem dünnen, semmelblonden Zöpfchen. Sie hat neben sich ein Strickzeug liegen, aber weiß Gott, sie kommt nicht dazu, eine einzige Masche zu fassen. Immer wieder springt sie auf und langt nach dem Haselstäbchen. Bemüht sich auch als »Lehrerin« ein gutes Schriftdeutsch zu sprechen:
»Was? Dös da soll ein Haarstrich sein?« schreit sie den Knaben vor der »Tafel« an. »Du Fratz! Ich werde es dir learnen!« Und das Haselstäbchen saust unbarmherzig über die kleinen Finger.
Armes Bübel! Mit solcher Feder und solcher Tinte soll er auf dem alten Tor Haarstriche machen! Nichts ist der Lehrerin recht. Sie sitzt da und lauert auf Fehler und Ungehörigkeiten, wie ein Jäger auf den Fuchs. Das Stäbchen in ihrer Hand sucht ordentlich nach lebendiger Betätigung.
»Habe ich es dir nicht alm gesagt, du sollst die Hände gerade halten!« herrscht sie das brave Kleine auf dem Wehrstein an. »Wart, Fratz! Ich werde dich learnen!« Und das Stäbchen saust auf den Margarinkübel nieder, daß es dröhnt. Die Kleine hat ihre Pfötchen zum Glück noch rechtzeitig in Sicherheit gebracht und befleißigt sich jetzt nur noch ängstlicher einer musterhaften Haltung. Die »Lehrerin« nimmt nun summarisch die »ganze Klasse« vor:
»Ihr unkulidivierten Fratzen! Ihr verbittert mir mein ganzes Löben!«
Kein lieber Zug ist an dieser Kleinen; alles streng und mitleidlos. Ich kenne das Mädel. Es ist sonst gut und sanft. Aber es kopiert da offenbar seine eigene Lehrerin. So tat sich mir in dem simplen Spiel der Kinder ein getreues Widerbild einer kleinen Tiroler-Dorfschule auf mit seiner ganzen trostlosen Dürre und Härte.
Die zwei kleinen Schüler haben sich ebenso wie die »Lehrerin« mit der ungeheuren Kraft der Kinderphantasie ganz und voll in das »Milieu« hineingelebt. Ganz devot und unterwürfig lassen sie alle Schelte und Schläge über sich ergehen; trauen sich nicht zu mucksen und zucken jedesmal schmerzlich zusammen, wenn die »Lehrerin« wieder nach dem Stäbchen langt. Sie versuchen alles ja nur recht gut und schön zu machen, aber was hilft’s? Wer sucht, der findet! Die »Lehrerin« hat schon wieder einen »Anhaltspunkt« gefunden — das schmutzige Händchen der Kleinen; Gott sei Dank, das Haselstäbchen bekommt wieder Arbeit. Die »Lehrerin« besah vorerst ihre eigene Hand, die auch nicht gerade sauber war; sie spuckte heimlich darauf und wischte sie an ihrem Röcklein verstohlen aus dem gröbsten Schmutz heraus. Dann stürzte sie wie eine Natter auf das Kleine los und riß ihr das Patschhändchen in die Höhe:
»Du Schmutzfink! Ich werde dir learnen, die Hände waschen!«
Dann schalt sie wieder mit dem Knaben vor der Tafel:
»Tut man mit der Hand die Tafel abwischen? Siehst du nicht den Schwamm, du Racker?«
Sie wies aus einen alten rotwollenen Fetzen, der an dem Tor hing:
»Du hast den Schwamm nicht amal ausgewascht? Marsch zum Brunnen und mache den Schwamm gnat naß! Und du Schmutzfink wasche dir die Händ’, sonst schlage ich dich mausgageltot!« .
Sie stieß die Kleinen mit harter Faust gegen den Brunnen zu und gab jedem noch einen Streich mit auf den Weg.
Die beiden watschelten mit ihren kurzen Beinchen furchtsam enge aneinandergeschmiegt dem Brunnen zu und wuschen und scheuerten und hatten ja gut acht, nur alles recht gut zu machen! Wohl zwanzigmal taucht die Kleine ihre Patschhändchen tief in den Brunnen, bis sie ganz rotblau waren vor Kälte. Aber was half’s? Wer sucht, der findet! Die »Lehrerin« stand unter dem Tor und schrie ihnen zu:
»Macht man es so? Zehn Minuten von der Schule ausgeblieben! Ihr Fratzen! Ich werde Enk learnen!« «
Und sie schwang vielverheißend das Haselstäbchen den angstvoll näherkommenden Kindern entgegen.
Aber da langte plötzlich ein langer, dürrer, brauner Schicksalsarm aus dem Dunkel des Hausflurs nach der »Lehrerin«; faßte sie hinten beim blonden Schopf. Ich hörte eine kreischende Stimme — sie gehörte wohl der Mutter an:
»Hab’ i nit g’sagt, du sollst stricken!«
Dann vernahm ich ein dumpfes Pitsch-Patsch und das gellende Geschrei der »Lehrerin«.
Im Nun war die kleine Schulwelt zerstört, die sich die Kinder unter dem Haustor aufgerichtet hatten.
»O je,« lachten die beiden Kleinen. »Die Lehrerin kriegt Schläg’!« Und liefen lachend davon.
Ich aber mußte lange Zeit noch an die wirkliche Lehrerin der kleinen »Lehrerin« denken. Ich kenne sie nicht, und kenne sie doch!

Aus: Karl Schönherr, Aus meinem Merkbuch, L. Staakmann Verlag, Leipzig, 1911

Montag, 5. November 2018

Alexander Poljenow - Mischa Strongins sieben Versuche

Alexander Poljenow - Mischa Strongins sieben Versuche


MISCHA Strongin hatte an den technischen Hochschulen von Moskau und Charlottenburg nicht viel Gefallen gefunden, war mit kaum zwanzig Jahren aus der letzteren ausgetreten und hauste in völliger Weltabgeschiedenheit in einer Petersburger Vorstadt, in der Nähe des großen Elektrizitätswerkes, wo er ganz allein ein kleines Häuschen bewohnte, das er zu einem physikalischen Laboratorium ausbaute. Nichts ist natürlicher, als daß die Polizei Verdacht schöpfte, er habe sich eine Banknoten- oder Flugschriftendruckerei oder gar eine Sprengstoffabrik eingerichtet, und zwei oder drei Haussuchungen bei ihm abhielt. Man fand aber nichts, was auf eine verbrecherische oder staatsgefährliche Tätigkeit schließen ließe: die amtlichen Sachverständigen erkannten, daß es sich um etwas Elektrotechnisches oder Elektrochemisches handelte und begnügten sich mit seiner Erklärung, daß er an der Konstruktion eines neuartigen Akkumulators arbeite, worauf ihn die Polizei endgültig in Ruhe ließ.
Nach zweijähriger angestrengter Arbeit war Mischa Strongin am 22. Juli 1913 endlich fertig. Die ersten unvollkommenen Konstruktionsversuche waren vernichtet, die Hefte mit den Zeichnungen und Berechnungen im Ofen verbrannt, und das endgültige Resultat stand vor ihm auf dem Tisch. Es war ein hellgrau lackiertes Kästchen, vermutlich aus Metall, etwa 25x15x10 cm groß, schlicht, unverfänglich und bescheiden von Aussehen wie ein elektrisches Trockenelement. Oben hatte es auch zwei auffallend kräftige vernickelte Schraubklemmen, an der einen Seitenwand aber eine runde Einstellskala, mit acht Teilungen, die mit den Buchstaben des Namens S-T-R-O-N-G-I-N bezeichnet waren. Ein flacher, roter Zeiger ließ sich frei im Kreise bewegen und auf jede der acht Teilungen einstellen. Das letzte »N« des Namens war in einen roten Kreis eingeschlossen. Unterhalb der Skala befand sich ein schmaler Schlitz, aus dem ein kurzer Messingstift herausragte: es sah genau wie die Reguliervorrichtung an der Rückwand einer gewöhnlichen Weckeruhr aus.
Als es zu dunkeln anfing, schritt Mischa Strongin zu seinem ersten Versuch. In den Revolutionsjahren 1904/5 hatte eine terroristische Gruppe den Plan gefaßt, an einem bestimmten Abend zu einer bestimmten Stunde die ganze Stromzufuhr von Petersburg abzuschneiden, um dann in der unerwarteten Finsternis irgendeinen grandiosen Putsch zu versuchen. Zu diesem Zwecke hatte man die beiden Hauptkabel eruiert und mit Hilfe mitverschworener oder bestochener Elektrizitätswerksarbeiter in den Keller eines Vorstadthauses abgeleitet. Die Kabel wurden durchschnitten und mit je einem Monstreschalter versehen: ein Kind wäre imstande, durch einen Handgriff ganz Petersburg in absolutes Dunkel zu versenken. Der Plan der Terroristen kam aus irgendeinem Grunde nicht zur Ausführung: entweder hatte man die Verschwörer bei einem anderen Anlasse, noch ehe sie zur Ausführung ihres Planes kommen konnten. Verhaftet, oder sie waren selbst rechtzeitig geflohen. Niemand wußte etwas vom Plan und von den getroffenen Vorbereitungen: niemand — außer Mischa Strongin, der durch eine merkwürdige Verkettung von Umständen, auf die wir hier jedoch nicht eingehen, Wind von der Sache bekam. Selbstverständlich befand sich der bewußte Keller unter dem Hause, das er bewohnte. Er vergewisserte sich mit einem Blick durchs Fenster, daß die Bogenlampen draußen schon brannten, stieg in den Keller hinunter und machte sich an den beiden Hauptleitungen zu schaffen. Mit einem Ruck schaltete er die Stadtbeleuchtung aus, legte dann einen sehr starken Kupferdraht auf die beiden Pole der zum Werke führenden Kabel und verband zuletzt die beiden Pole der Außenleitung mit den Klemmen seines Apparats, nachdem er zuvor den roten Zeiger auf das »S« der Skala eingestellt hatte. Das hatte folgende Wirkung: Zuerst erlosch das Licht in der Stadt; die beiden Hauptsicherungen auf der Schalttafel des Werkes brannten sofort mit einer mächtigen Explosion durch, und alle Maschinen standen nach wenigen Augenblicken still. Das Licht draußen flammte aber ungeachtet der Betriebsstörung nach einigen Sekunden, wenn auch mit merklicher Unterspannung, von neuem auf. Mischa Strongin schob den Regulierhebel unterhalb der Skala behutsam nach rechts, lief hinauf, sah, daß du Licht schon beinahe normal brannte, schob den Regulierhebel um einen weiteren Millimeter vor, verließ den Keller und begab sich in die Stadt.
Die Angestellten des Elektrizitätswerkes waren im ersten Augenblick wie vom Blitze getroffen: die ganze Stadt stromlos! Als sie aber zu den Fenstern stürzten, gewahrten sie mit Erstaunen, daß das Licht in allen Straßen brannte. Das Erstaunen wuchs zu einem namenlosen Grauen, als es sich zeigte, daß das Licht, ohne jede Stromzufuhr vom Werke, die ganze Nacht durchbrannte. — Auch den folgenden Tag. Auch die zweite Nacht, den zweiten Tag, die dritte Nacht und den dritten Tag. Man stand vor einem Rätsel. Die Maschinen arbeiteten nicht, die Heizer gingen spazieren, das Licht aber brannte drei Tage und drei Nächte hindurch. Die Ingenieure stellten Messungen und Versuche an den Leitungen an, konnten aber keine Erklärung finden. Mischa Strongin aber wußte, daß sein kleiner Apparat imstande war, das ganze Stromnetz drei Tage, ja, auch drei Jahre ununterbrochen zu speisen. Nach dieser Feststellung schaltete er du Kästchen am Abend des dritten Tages aus, stellte die Verbindung des Netzes mit dem Werke wieder her und schritt zu seinem zweiten Versuch.
In seinem Laboratorium stand ein mächtiger, etwa einen Meter langer Zementtrog, wie ein galvanoplastisches Bad mit Drahtzuleitungen an beiden Enden versehen. Diesen Trog füllte Mischa Strongin seit längerer Zeit mit Hektographenmasse, die er teils fertig kaufte, teils selbst aus Gelatine und Glyzerin herstellte. Als der Trog bis an den Rand voll war, schloß er ihn oben mit einer entsprechend großen Zementplatte ab, verkittete die Fugen sorgfältig mit Gips und verband die Pole seines Kästchens, dessen roter Zeiger diesmal auf dem »T« der Skala stand, mit den Zuleitungsdrähten des Troges. Der Prozeß, der nun im Troge begann, ging absolut geräuschlos und anscheinend auch ohne Temperaturerhöhung vor sich. Nach etwa drei Stunden hob Mischa den Deckel ab und fand du ganze Innere des Troges mit einem harten gelben Metall gefüllt. Es war gediegenes Gold, in das sich die Hektographenmasse verwandelt hatte. Nun merkte er erst seinen Fehler: der viele Zentner schwere Goldblock ließ sich nicht ohne weiteres fortschaffen und verkaufen. Darum wiederholte er den gleichen Versuch am nächsten Tage mit kleineren Mengen Masse und erhielt auf diese Weise etwa ein Kilo schwere Goldplatten, die er mit Leichtigkeit an die Reichsbank verkaufte. Mischa Strongin schwamm nun in Geld.
In der Nachbarschaft trieb sich ein etwa achtjähriger blöder Junge herum, ein geborener Kretin, mit strohblondem Haar und leeren, wässerigen Augen. Das Kind verstand kaum zu sprechen, war scheu, aber gutartig. Mischa Strongin entschloß sich, an diesem armen Menschenkinde meinen dritten Versuch vorzunehmen. Eines Morgens lockte er den Jungen zu sich ins Laboratorium, nötigte den Gefügigen in einen Sessel und legte an seine beiden Schläfen zwei mit den Polen des Kästchens verbundene Elektroden. Den roten Zeiger stellte et diesmal auf das »R« ein. Die Wirkung zeigte sich überraschend schnell. Die leeren, wässerigen Augen wurden dunkler und nahmen einen vernünftigen Ausdruck an, die glatte Stirne furchte sich, und über den Augen bildeten sich sanfte Wölbungen, wie wir sie auf den Bildnissen Helmholzʼ sehen. Schon nach zehn Minuten legte Mischa Strongin die Elektroden weg und richtete an den Jungen einige Fragen aus dem kleinen und großen Einmaleins, die jener anstandslos beantwortete. Darauf ließ er ihn ganz unvermittelt eine siebzehnstellige Zahl mit einer fünfzehnstelligen multiplizieren. Der Junge sagte das Resultat, noch ehe der letzte Ton der Frage verklungen war. Nun nahm Mischa Strongin seine alte Homerausgabe, die schon bereit lag, in die Hand und las dem Ahnungslosen im griechischen Urtext den ganzen zweiten Gesang der Ilias vor, den mit den zahllosen Völker- und Männernamen. Als er mit der Vorlesung fertig war, sagte der Junge alle die 877 Verse fehlerfrei aus dem Gedächtnis auf. Mit diesem Ergebnis zufrieden, schenkte Mischa Strongin dem jungen eine Tafel Schokolade, ließ ihn laufen und schritt zum vierten Versuch.
Die Einstellung »O« der Skala sollte nach Strongins Berechnungen wachstumsbefördernd wirken: ganz gleich, ob auf Pflanzen, Tiere oder Haarwuchs angewandt. Er konnte z. B. eine Erdbeer Staude im Verlaufe weniger Minuten zu der Größe eines Fliederbusches anwachsen lassen. Er entschied sich aber für ein anderes Versuchsobjekt. Sein einziger Hausgenosse war ein zahmer Igel, Max geheißen, der tagsüber in einem alten Kessel zu schlafen pflegte und nachts mit ungeheurem Gepolter durch die Wohnung trabte. Das Tier war so zahm, daß es sich fast nie zusammenrollte. Mischa Strongin setzte es auf den Tisch und fuhr ihm mit einer an das Kästchen angeschlossenen Drahtbürste durch die Stacheln. Mit einem leisen Knistern wuchsen sie schnell in die Länge, ohne dabei an Stärke zuzunehmen. Nach wenigen Minuten sah der Igel wie ein Stachelschwein aus. Nach einer Viertelstunde berührten die Rückenstacheln die Zimmerdecke. Der Raum war fast ganz mit den feinen Stacheln angefüllt, und der Igel im Zentrum dieses Stachelwaldes konnte sich nicht mehr rühren, geschweige denn das Zimmer verlassen. Mischa Strongin spürte Mitleid mit dem braven Tier und stellte den Apparat ab. Um den Igel von der Last der drei Meter langen Stacheln zu befreien, griff er erst nach einer Schere, entschloß sich aber dann für einen anderen Weg, der zugleich seinen fünften Versuch darstellen sollte.
Er stellte den Zeiger auf das ernte »N« der Skala und den Regulierstift auf die minimale Wirkung ein, befestigte die gleiche Drahtbürste an das eine Ende eines sehr dicken und sehr langen Glasstabes, dessen anderes Ende er in die Hand nahm, und fuhr mit dieser Vorrichtung in das Stacheldickicht. Im Umkreise von etwa einem halben Meter um das Ende des Stabes herum begannen nun die Stacheln zu verschwinden: sie fielen nicht etwa ab, sondern lösten sich unsichtbar wie ein Gas in der Luft auf. Und zwar nicht nur die Stacheln — alle Gegenstände, die in den Wirkungsbereich der Drahtbürste kamen, wurden sofort unsichtbar, verschwanden, wurden zu Nichts. Nur der Glasstab selbst schien gegen die vernichtende Kraft immun zu sein. So geriet auch eine Ecke der Tischplatte zu nahe an das Vernichtungszentrum und verschwand: die Stelle sah wie abgeschnitten aus. Mischa Strongin beseitigte ziemlich schnell das längste Stachelgewirr, stellte den Apparat ab und brachte den Stachelschmuck des Igels mittels einer Schere auf die ursprüngliche Länge zurück.
Der folgende, sechste Versuch war nicht so einfach auszuführen, da sich das Versuchsobjekt nur schwer beschaffen lief. Mischa Strongin brauchte eine Leiche, und zwar die eines auf natürliche Weise gestorbenen Menschen. Hier kam ihm das Gold, das er sich in beliebigen Mengen herzustellen wußte, zustatten. Der Wärter des Spitals ließ mit sich reden und schaffte eines Abends mittels einer Droschke eine in eine Bastdecke eingenähte Leiche in das kleine Vorstadthaus. Es war die Leiche eines Greises, der am selben Tage an Altersschwäche gestorben war. Mischa Strongin legte den Körper auf die Zementplatte, die ihm einmal als Deckel für den bewußten Trog gedient hatte, und verband die Schädeldecke und die Fußsohlen des Toten mit den Polen seines Kästchens, das er vorher auf den »G«-Effekt einstellte. Als das Gesicht des Toten nach einigen Minuten sich zu röten begann und die Brust sich atmend hob und senkte, legte ihm Mischa Strongin die schon vorbereitete Chloroformmaske auf Mund und Nase, träufelte Chloroform nach und beobachtete die weitere Wirkung. Der Tote war zweifellos zum Leben erwacht und schlief nur unter Einwirkung der Narkose. Immer kräftiger wurde der Pulsschlag, immer rosiger die Haut. Bald kam aber noch etwas Neues hinzu: die Runzeln des Gesichts begannen sich zu glätten und nach und nach zu verschwinden, die Kopf- und Barthaare dunkler und dichter zu werden; der Greis wurde zusehends jünger; vielleicht alle fünf Minuten um ein Jahr. Als er das Aussehen eines Dreißigjährigen hatte, stellte Mischa Strongin den Apparat ab, nahm dem Schlafenden die Chloroformmaske vom Gesicht und stopfte ihm alle Taschen mit Gold und Papiergeld voll. Als der wiedererweckte und um dreißig Jahre verjüngte Mann die Augen aufschlug und sich mit einem kräftigen Ruck aufsetzte, reichte ihm Mischa Strongin ein Glas Kognak, geleitete ihn zum Ausgang und drückte ihm zum Abschied die Hand. Aus dem Fenster sah er noch, wie der Mann sich rüstigen Schritts entfernte, und hörte, wie er mit lauter Stimme nach einer Droschke rief.
Mischa Strongin wohnte nicht mehr in seinem Laboratorium, sondern in einer vornehmen und teuren Pension in der Kleinen Morskaja. Seine Mittel erlaubten ihm zwar, den wahnsinnigsten Luxus zu treiben, allein er begnügte sich mit dem Wohlleben, das ihm diese Pension bot. Schon am ersten Tage fiel ihm bei Tische ein rotblondes, schmächtiges Mädchen mit grünlichen Katzenaugen auf, das, wie die Erkundigungen bei der Dienerschaft ergaben, Olga Wind hieß und bei einem der berühmtesten Tanzmeister des kaiserlichen Balletts die Tanzkunst übte. Die ungewöhnliche Schönheit nahm ihn, der in seinem Leben noch nie Interesse für Weiber gehabt hatte, sofort gefangen. Bei den Mahlzeiten wandte er von ihr keinen Blick, verweilte, wenn er durch den Korridor ging, wie von einem Magnet angezogen, lange vor der Türe ihres Zimmers und lauschte stundenlang hinaus, ob sich nicht irgendwo das Rascheln ihres Kleides oder gar der Klang ihrer Stimme vernehmen ließe. Einmal gelang es ihm. ein Taschentuch, das sie fallen gelassen, unbemerkt zu sich zu stecken. Er trug es tagsüber an der Brust und fühlte, wie es ihm das Herz versengte. Nachts lag es unter seinem Kopfkissen und machte seine Träume glühend. Kurz — er war verliebt. Zugleich merkte er aber, daß Olga Wind einen unheimlichen Widerwillen gegen ihn hatte: sie wich seinen verliebten Blicken aus, fuhr, wenn er ihr zu nahe kam wie angeekelt zusammen und verzog schmerzvoll den Mund, wenn ihr Blick zufällig auf sein, wenn auch kluges und energisches, doch unschönes Gesicht fiel. Das Leben und das Gold, das er sich in beliebigen Mengen aus Hektographenmasse herzustellen vermochte, freuten ihn nicht mehr. Er mußte die rotblonde, schmächtige Olga Wind erobern, selbstverständlich mit Hilfe seines Apparats: dazu war ja die Einstellung »I« auf der Skala vorgesehen. Eines Abends, als Olga Wind nicht zu Hause war — sie schien ins Theater gegangen zu sein — und die ganze Pension schon schlief, schlich Mischa Strongin leise in ihr Zimmer, das sie unversperrt gelassen hatte. Er knipste das Licht an und sah sich um. Der berauschende Duft ihres Wesens, der das Zimmer auch in ihrer Abwesenheit erfüllte, benahm ihm den Atem. Bald erspähte er etwas, was seinen Zwecken dienen sollte: Auf dem weiten Fellteppich vor dem weißen Bette stand ein Paar winziger Pantöffelchen. Sie waren aus Goldbrokat also leitend. Daraus, daß sie vor dem Bette standen, schloß Mischa Strongin, daß Olga sie als Haus- oder Morgenschuhe zu benützen pflegte. Der Plan war im Nu gefaßt. Mischa Strongin holte seinen Apparat, stellte ihn auf »I« und auf die höchste Wirkung ein, schob ihn unter die entfernteste Ecke unter das Bett und verband die Pantöffelchen mittels feiner Goldfäden mit den Polen des Kästchens. Dann drehte er das Licht wieder aus, kehrte in sein Zimmer zurück und begann zu warten.
Olga Wind kam gegen halbeins heim, Mischa Strongin erkannte sofort ihre Schritte, als sie leise durch den Korridor ging; er hörte auch, wie sie in ihrem Zimmer auf und ab ging, wie sie ihre Nachttoilette machte und wie ihre Kleider raschelten. Klopfenden Herzens schlich er vor die Türe ihres Zimmers und lauschte. Nun hörte er, wie sie ihre Schuhe auszog. Gleich wird sie also in die goldenen Pantöffelchen schlüpfen. Er hielt den Atem an und blickte zum Schlüsselloch hinein. Das junge Mädchen saß im Nachthemde auf dem Bettrande, die Hände im Schoße gefaltet die Augen halbgeschlossen. Die Füße staken in den goldenen Pantöffelchen. Mischa Strongin beobachtete weiter. Das Mädchen hob die Lider, streckte die Arme vor sich aus, ein Zucken lief durch ihr Gesicht die Lippen bewegten sich leise, die Brust hob und senkte sich immer ungestümer. Nun drückte er statt des Auges ein Ohr ans Schlüsselloch. Nach wenigen Sekunden schon hörte er ihre gepreßte Stimme. In unsagbarer Sehnsucht riefen ihre Lippen: «Mischa . . . Liebster . . ." Er trat ins Zimmer und schloß die Türe hinter sich ab . . . . . .
Das war Mischa Strongins siebenter Versuch.
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Nun hatte Mischa Strongin alles — Liebe, Geld, die Möglichkeit sich selbst und die ganze Welt glücklich zu machen, zu verjüngen oder auch zu vernichten. Es war ein Rausch, den noch kein Mensch genossen. Der Rausch verflog, und an seine Stelle trat ein Grauen und ein Ekel. Ein Grauen vor der unheimlichen Macht, die er in Händen hatte und die alle Gesetze des irdischen Geschehens aufheben und umstellen konnte. Und ein Ekel vor dem Golde, das er aus Nichts schuf, vor den Toten, die er auferweckte, vor den Greisen, die er zu Jünglingen machte, und vor der Liebe, die wertloser war, als die um Geld gekaufte. Das Quälendste war ihm aber das Bewußtsein, daß es für ihn, der selbst über den Tod gebot keine unerfüllbaren Wünsche mehr gab. Wenn er wollte, könnte er in einem goldenen Tempel von der ganzen Menschheit als lebendiger Gott angebetet werden, in alle Ewigkeit — aber er wollte es nicht. Er wollte vielmehr nicht mehr leben, und seinen eigenen Tod würde kein Mensch rückgängig machen können. Also beschloß er, aus dem Leben zu scheiden. Das in den roten Kreis eingeschlossene Schluß-»N« der Skala, dessen Wirkung dem ersten, schon erprobten »N« gleichkam, bot ihm das Mittel nicht nur zu sterben, sondern einfach restlos aus der Welt zu verschwinden, zu Nichts zu werden, wie er es einmal beim Versuch mit den Igelstacheln gesehen.
Mischa Strongin liegt auf dem Sofa, das graulackierte Kästchen steht auf dem Stuhl vor ihm. Der rote Zeiger ist auf das rotumrandete »N« eingestellt. An die Pole des Apparats sind jetzt zwei glatte Metallzylinder angeschlossen, wie man sie zum Elektrisieren braucht. »Olga, komm einen Augenblick her!« Die Rotblonde mit den Katzenaugen kommt aus dem Nebenzimmer und sieht den Geliebten die Elektroden mit beiden Händen ergreifen. Im nächsten Augenblick sieht sie ihn nicht mehr; seine Kleider liegen leer auf dem Sofa, die Metallzylinder fallen leise klirrend zu Boden . . . . Mischa ist verschwunden, ist zu Nichts geworden, hat sich wie ein Gas in der Luft aufgelöst . . . Mit einem verzweifelten Schrei sinkt das junge Weib bewußtlos zu Boden . . . .
Ihre Aussagen auf der Polizei machten einen irrsinnigen Eindruck, und man schaffte sie zwecks Beobachtung auf die Psychiatrische Klinik. Aber du hellgraue Kästchen erregte dennoch das Interesse der Behörden, die es zwecks Untersuchung an die Artilleriewerkstätte einlieferte, der auch die Entladung von Bomben und Höllenmaschinen oblag.
Das Kästchen wurde hier unter Beobachtung der üblichen Vorsichtsmaßregeln geöffnet. Der Inhalt erschien harmlos: es war gallertartige, organische Substanz, die am ehesten an Gehirnmasse erinnerte. Die gelehrten Artilleristen begnügten sich mit dieser Feststellung und ließen den gesprengten Kasten nebst seinem Inhalt auf den Kehrichthaufen werfen. Olga Wind wurde nach wenigen Wochen als gesund entlassen und bekam ein Engagement beim Kaiserlichen Ballett Und die Welt ging wieder ihren alten Gang.

Aus.
Der Orchideengarten
Band 4, 1920

Samstag, 3. November 2018

Klabund - Weibertreu

Klabund - Weibertreu


Meine Damen, ich hoffe, Sie werden mir die kleine Geschichte nicht übelnehmen, die ich Ihnen hier erzähle: denn sie ist ziemlich leichtfertig. Aber ich möchte Ihnen zur Beruhigung mitteilen, daß Sie sich im fernen Indien zugetragen hat. In Europa gilt, wie allgemein bekannt, die Ehe als Sakrament, und noch nie hat in Europa eine Frau ihrem Gatten die Ehe gebrochen. — —
Es war einmal ein Herr namens Viradhara und eine Dame namens Kamadamini. Letztere war ein junges, zartes und fröhliches Geschöpf, während ihr Gatte Viradhara bereits jenes Alter erreicht hatte, von dem es im indischen Sprichwort heißt: Ein alter Esel zieht nicht mehr. Kamadamini fand nun, daß es noch genug junge Esel gebe, die ihren kleinen Korbwagen gerne ziehen möchten, sofern sie sie nur einspanne. Solches tat Kamadamini und geriet in einen Ruf, der selbst bis zu ihrem alten Gatten drang. Der Gatte ward auf das heftigste bestürzt, als er solches vernahm, schwieg aber still und beschloß bei sich, sein Weibchen auf die Probe zu stellen. Er sprach eines Tages zu ihr: Meine zärtliche Taube möge verzeihen, wenn ich sie einige Tage allein lasse, denn ich habe in Geschäften eine längere Reise anzutreten — küßte sie auf die Stirn und verließ das Haus, um auf Umwegen wieder dahin zurückzukehren und durch das Fenster in das Schlafzimmer einzusteigen und sich dort unter dem Bett zu verstecken. Kaum hatte Viradhara das Haus verlassen, als Kamadamini sich putzte und schmückte, kleine Kuchen buk in bester Butter und bestem Mehl und ihre Dienerin mit einer Einladung zu einem jungen Herrn sandte, der ihr schon öfter den kleinen Korbwagen gezogen hatte. Der junge Herr erschien auch mit vielen Freuden, sie aßen und tranken und begaben sich danach in das Schlafzimmer.
Als sie zu Bett steigen, berührte Kamadamini mit einem Fuß zufällig den Leib ihres Gatten, der unter dem Bett zusammengerollt lag, um sie auf die Probe zu stellen. Klug, wie die Frauen in allen bösen Dingen nun einmal sind — Verzeihung meine Damen: in Indien . . . —, wußte sie sofort, wer da unten liege und um was es sich handle. Als nun ihr Liebhaber sie umarmen wollte, stieß sie ihn zurück und sprach: »Herr, Ihr dürft meinen Leib nicht berühren.« Der junge Herr erwiderte ärgerlich: »Ich bitte Euch, mir Auskunft zu geben, schöne Frau, warum in aller Welt Ihr mich sonst habet rufen lassen?« Sie sprach: »Ich besuchte vor Sonnenaufgang den Tempel der Candika. Da erscholl plötzlich eine Stimme: ›Unglückliche, du wirst innerhalb dreier Monate Witwe sein.‹ — Ich erschrak bis ins tiefste Herz, denn ich liebe meinen Mann über alles in der Welt, selbst mehr als mein Leben oder meine Ehre. Und ich flehte: ›Göttin, gibt es ein Mittel, meinen Gatten vor dem Verhängnis zu retten?‹ Sie erwiderte: ›Ja. Ich will dir dieses Mittel nennen: du mußt einen fremden Mann auf deinem Ehelager einmal umarmen — so wird der deinem Gatten bestimmte Tod auf diesen übergehen, er aber wird hundert Jahre alt werden.‹ — Wisset also, daß Ihr mich nun zwar umarmen dürft, daß aber der Tod von der Göttin Candika Euch sicher ist . . .«
Da lächelte der junge Mann, denn er begann die junge Frau zu begreifen, indes der Ehemann sich unter dem Bett vor Rührung hin und her wälzte wie ein Kater, den man krault. Und der junge Herr sprach: »Gern will ich den Tod auf mich nehmen, nachdem ich Euch habe umarmen dürfen«, und also vergnügten sie sich miteinander, während der Gatte, ob des Opfers, das seine Gattin aus Liebe zu ihm brachte, Tränen der Rührung vergoß.
Als nun der junge Mann sich vom Lager erhob, da kroch auch der Gatte unterm Bett hervor. Tränen noch in den Wimpern, umarmte ihn, der höchlich erschrocken tat, und sprach: »Mein Lebensretter! Mein treuester Freund bis zu deinem unvermeidlichen Tode!« Und er küßte seine Frau und sprach: »Du bist die treueste Frau, die je auf Erden wandelte. Sei gesegnet.«
Hiermit, meine Damen, ist meine Geschichte zu Ende, und ich bemerke, um jedem unliebsamen Mißverständnis vorzubeugen, daß so ungetreue Ehefrauen, so nichtsnutzige junge Burschen und so alberne alte Ehemänner natürlich nur in Indien vorzukommen pflegen . . .

Aus:
Der Orchideengarten
Heft 1

Donnerstag, 1. November 2018

Wiener Heiratsannonce


AUS DEM 18. JAHRHUNDERT ALS HANDZETTEL ERSCHIENEN
EHELICHUNGS-NACHRICHT 

Bin bejahrter, verwitweter bürgerlicher Gewerbsmann, der kein Spieler, Vollsäufer noch Zänker ist, stets ein häusliches und bewerbsames Leben führt; dessen Ehrlichkeit und Fleiß im Thun und Lassen noch niemand in Zweifel zog; der jederzeit als ein guter Wirth und der Mäßigkeit ergebener Mann bekannt war, und sich niemals irgend einer Ausschweifung ergab; hat seit sieben und zwanzig Jahren eine Menge Unglücksfälle gehabt, wodurch sein Vermögen sehr verringert wurde. Er hat vier Kinder am Leben, drey davon sind schon versorgt ein Sohn ist noch übrig, der einer sorgfältigen Mutter bedarf. Er ist also gesinnt derowegen eine seinem Alter angemessene Person zu suchen, die er heyrathen könnte, sie sey nun eine Witwe oder Ledige, auch kann sie protestantischer Religion seyn, wann sie nur wirtschaftlich, gut gesittet ist, ihn lieben kann, und wenigstens 3000 Fl. im Vermögen hat, wodurch seinem Gewerbe könnte aufgeholfen, und er dadurch in eine bessere Lage versetzt werden. Er wird sie gut halten, und ihr immer freundschaftlich und liebreich begegnen. Weil er aber aus großer Scheu, nirgend persönlich anzusuchen sich getraut, so nimmt er sich hier die Freyheit schriftlich um eine Braut zu werben; diejenige also, welche gesinnt ist, mit ihm ehelich zu leben, die beliebe sich in der Josephstadt in der Kaisergasse bey der schönen Schäferin im Laden neben dem Wirthe einzufinden, wo sie alsdann das Weitere mit einander verabreden können.

Aus:
Kokain - Eine moderne Revue
Heft 1 - Jahrgang 1925


Walter Serner - Inferno

Walter Serner - Inferno Inferno Ein Schreien, das widersetzlich beginnt, wenn es am laute­sten wird, vor Wut sich überschlägt und ...