Alexander Poljenow - Mischa Strongins sieben Versuche

Alexander Poljenow - Mischa Strongins sieben Versuche


MISCHA Strongin hatte an den technischen Hochschulen von Moskau und Charlottenburg nicht viel Gefallen gefunden, war mit kaum zwanzig Jahren aus der letzteren ausgetreten und hauste in völliger Weltabgeschiedenheit in einer Petersburger Vorstadt, in der Nähe des großen Elektrizitätswerkes, wo er ganz allein ein kleines Häuschen bewohnte, das er zu einem physikalischen Laboratorium ausbaute. Nichts ist natürlicher, als daß die Polizei Verdacht schöpfte, er habe sich eine Banknoten- oder Flugschriftendruckerei oder gar eine Sprengstoffabrik eingerichtet, und zwei oder drei Haussuchungen bei ihm abhielt. Man fand aber nichts, was auf eine verbrecherische oder staatsgefährliche Tätigkeit schließen ließe: die amtlichen Sachverständigen erkannten, daß es sich um etwas Elektrotechnisches oder Elektrochemisches handelte und begnügten sich mit seiner Erklärung, daß er an der Konstruktion eines neuartigen Akkumulators arbeite, worauf ihn die Polizei endgültig in Ruhe ließ.
Nach zweijähriger angestrengter Arbeit war Mischa Strongin am 22. Juli 1913 endlich fertig. Die ersten unvollkommenen Konstruktionsversuche waren vernichtet, die Hefte mit den Zeichnungen und Berechnungen im Ofen verbrannt, und das endgültige Resultat stand vor ihm auf dem Tisch. Es war ein hellgrau lackiertes Kästchen, vermutlich aus Metall, etwa 25x15x10 cm groß, schlicht, unverfänglich und bescheiden von Aussehen wie ein elektrisches Trockenelement. Oben hatte es auch zwei auffallend kräftige vernickelte Schraubklemmen, an der einen Seitenwand aber eine runde Einstellskala, mit acht Teilungen, die mit den Buchstaben des Namens S-T-R-O-N-G-I-N bezeichnet waren. Ein flacher, roter Zeiger ließ sich frei im Kreise bewegen und auf jede der acht Teilungen einstellen. Das letzte »N« des Namens war in einen roten Kreis eingeschlossen. Unterhalb der Skala befand sich ein schmaler Schlitz, aus dem ein kurzer Messingstift herausragte: es sah genau wie die Reguliervorrichtung an der Rückwand einer gewöhnlichen Weckeruhr aus.
Als es zu dunkeln anfing, schritt Mischa Strongin zu seinem ersten Versuch. In den Revolutionsjahren 1904/5 hatte eine terroristische Gruppe den Plan gefaßt, an einem bestimmten Abend zu einer bestimmten Stunde die ganze Stromzufuhr von Petersburg abzuschneiden, um dann in der unerwarteten Finsternis irgendeinen grandiosen Putsch zu versuchen. Zu diesem Zwecke hatte man die beiden Hauptkabel eruiert und mit Hilfe mitverschworener oder bestochener Elektrizitätswerksarbeiter in den Keller eines Vorstadthauses abgeleitet. Die Kabel wurden durchschnitten und mit je einem Monstreschalter versehen: ein Kind wäre imstande, durch einen Handgriff ganz Petersburg in absolutes Dunkel zu versenken. Der Plan der Terroristen kam aus irgendeinem Grunde nicht zur Ausführung: entweder hatte man die Verschwörer bei einem anderen Anlasse, noch ehe sie zur Ausführung ihres Planes kommen konnten. Verhaftet, oder sie waren selbst rechtzeitig geflohen. Niemand wußte etwas vom Plan und von den getroffenen Vorbereitungen: niemand — außer Mischa Strongin, der durch eine merkwürdige Verkettung von Umständen, auf die wir hier jedoch nicht eingehen, Wind von der Sache bekam. Selbstverständlich befand sich der bewußte Keller unter dem Hause, das er bewohnte. Er vergewisserte sich mit einem Blick durchs Fenster, daß die Bogenlampen draußen schon brannten, stieg in den Keller hinunter und machte sich an den beiden Hauptleitungen zu schaffen. Mit einem Ruck schaltete er die Stadtbeleuchtung aus, legte dann einen sehr starken Kupferdraht auf die beiden Pole der zum Werke führenden Kabel und verband zuletzt die beiden Pole der Außenleitung mit den Klemmen seines Apparats, nachdem er zuvor den roten Zeiger auf das »S« der Skala eingestellt hatte. Das hatte folgende Wirkung: Zuerst erlosch das Licht in der Stadt; die beiden Hauptsicherungen auf der Schalttafel des Werkes brannten sofort mit einer mächtigen Explosion durch, und alle Maschinen standen nach wenigen Augenblicken still. Das Licht draußen flammte aber ungeachtet der Betriebsstörung nach einigen Sekunden, wenn auch mit merklicher Unterspannung, von neuem auf. Mischa Strongin schob den Regulierhebel unterhalb der Skala behutsam nach rechts, lief hinauf, sah, daß du Licht schon beinahe normal brannte, schob den Regulierhebel um einen weiteren Millimeter vor, verließ den Keller und begab sich in die Stadt.
Die Angestellten des Elektrizitätswerkes waren im ersten Augenblick wie vom Blitze getroffen: die ganze Stadt stromlos! Als sie aber zu den Fenstern stürzten, gewahrten sie mit Erstaunen, daß das Licht in allen Straßen brannte. Das Erstaunen wuchs zu einem namenlosen Grauen, als es sich zeigte, daß das Licht, ohne jede Stromzufuhr vom Werke, die ganze Nacht durchbrannte. — Auch den folgenden Tag. Auch die zweite Nacht, den zweiten Tag, die dritte Nacht und den dritten Tag. Man stand vor einem Rätsel. Die Maschinen arbeiteten nicht, die Heizer gingen spazieren, das Licht aber brannte drei Tage und drei Nächte hindurch. Die Ingenieure stellten Messungen und Versuche an den Leitungen an, konnten aber keine Erklärung finden. Mischa Strongin aber wußte, daß sein kleiner Apparat imstande war, das ganze Stromnetz drei Tage, ja, auch drei Jahre ununterbrochen zu speisen. Nach dieser Feststellung schaltete er du Kästchen am Abend des dritten Tages aus, stellte die Verbindung des Netzes mit dem Werke wieder her und schritt zu seinem zweiten Versuch.
In seinem Laboratorium stand ein mächtiger, etwa einen Meter langer Zementtrog, wie ein galvanoplastisches Bad mit Drahtzuleitungen an beiden Enden versehen. Diesen Trog füllte Mischa Strongin seit längerer Zeit mit Hektographenmasse, die er teils fertig kaufte, teils selbst aus Gelatine und Glyzerin herstellte. Als der Trog bis an den Rand voll war, schloß er ihn oben mit einer entsprechend großen Zementplatte ab, verkittete die Fugen sorgfältig mit Gips und verband die Pole seines Kästchens, dessen roter Zeiger diesmal auf dem »T« der Skala stand, mit den Zuleitungsdrähten des Troges. Der Prozeß, der nun im Troge begann, ging absolut geräuschlos und anscheinend auch ohne Temperaturerhöhung vor sich. Nach etwa drei Stunden hob Mischa den Deckel ab und fand du ganze Innere des Troges mit einem harten gelben Metall gefüllt. Es war gediegenes Gold, in das sich die Hektographenmasse verwandelt hatte. Nun merkte er erst seinen Fehler: der viele Zentner schwere Goldblock ließ sich nicht ohne weiteres fortschaffen und verkaufen. Darum wiederholte er den gleichen Versuch am nächsten Tage mit kleineren Mengen Masse und erhielt auf diese Weise etwa ein Kilo schwere Goldplatten, die er mit Leichtigkeit an die Reichsbank verkaufte. Mischa Strongin schwamm nun in Geld.
In der Nachbarschaft trieb sich ein etwa achtjähriger blöder Junge herum, ein geborener Kretin, mit strohblondem Haar und leeren, wässerigen Augen. Das Kind verstand kaum zu sprechen, war scheu, aber gutartig. Mischa Strongin entschloß sich, an diesem armen Menschenkinde meinen dritten Versuch vorzunehmen. Eines Morgens lockte er den Jungen zu sich ins Laboratorium, nötigte den Gefügigen in einen Sessel und legte an seine beiden Schläfen zwei mit den Polen des Kästchens verbundene Elektroden. Den roten Zeiger stellte et diesmal auf das »R« ein. Die Wirkung zeigte sich überraschend schnell. Die leeren, wässerigen Augen wurden dunkler und nahmen einen vernünftigen Ausdruck an, die glatte Stirne furchte sich, und über den Augen bildeten sich sanfte Wölbungen, wie wir sie auf den Bildnissen Helmholzʼ sehen. Schon nach zehn Minuten legte Mischa Strongin die Elektroden weg und richtete an den Jungen einige Fragen aus dem kleinen und großen Einmaleins, die jener anstandslos beantwortete. Darauf ließ er ihn ganz unvermittelt eine siebzehnstellige Zahl mit einer fünfzehnstelligen multiplizieren. Der Junge sagte das Resultat, noch ehe der letzte Ton der Frage verklungen war. Nun nahm Mischa Strongin seine alte Homerausgabe, die schon bereit lag, in die Hand und las dem Ahnungslosen im griechischen Urtext den ganzen zweiten Gesang der Ilias vor, den mit den zahllosen Völker- und Männernamen. Als er mit der Vorlesung fertig war, sagte der Junge alle die 877 Verse fehlerfrei aus dem Gedächtnis auf. Mit diesem Ergebnis zufrieden, schenkte Mischa Strongin dem jungen eine Tafel Schokolade, ließ ihn laufen und schritt zum vierten Versuch.
Die Einstellung »O« der Skala sollte nach Strongins Berechnungen wachstumsbefördernd wirken: ganz gleich, ob auf Pflanzen, Tiere oder Haarwuchs angewandt. Er konnte z. B. eine Erdbeer Staude im Verlaufe weniger Minuten zu der Größe eines Fliederbusches anwachsen lassen. Er entschied sich aber für ein anderes Versuchsobjekt. Sein einziger Hausgenosse war ein zahmer Igel, Max geheißen, der tagsüber in einem alten Kessel zu schlafen pflegte und nachts mit ungeheurem Gepolter durch die Wohnung trabte. Das Tier war so zahm, daß es sich fast nie zusammenrollte. Mischa Strongin setzte es auf den Tisch und fuhr ihm mit einer an das Kästchen angeschlossenen Drahtbürste durch die Stacheln. Mit einem leisen Knistern wuchsen sie schnell in die Länge, ohne dabei an Stärke zuzunehmen. Nach wenigen Minuten sah der Igel wie ein Stachelschwein aus. Nach einer Viertelstunde berührten die Rückenstacheln die Zimmerdecke. Der Raum war fast ganz mit den feinen Stacheln angefüllt, und der Igel im Zentrum dieses Stachelwaldes konnte sich nicht mehr rühren, geschweige denn das Zimmer verlassen. Mischa Strongin spürte Mitleid mit dem braven Tier und stellte den Apparat ab. Um den Igel von der Last der drei Meter langen Stacheln zu befreien, griff er erst nach einer Schere, entschloß sich aber dann für einen anderen Weg, der zugleich seinen fünften Versuch darstellen sollte.
Er stellte den Zeiger auf das ernte »N« der Skala und den Regulierstift auf die minimale Wirkung ein, befestigte die gleiche Drahtbürste an das eine Ende eines sehr dicken und sehr langen Glasstabes, dessen anderes Ende er in die Hand nahm, und fuhr mit dieser Vorrichtung in das Stacheldickicht. Im Umkreise von etwa einem halben Meter um das Ende des Stabes herum begannen nun die Stacheln zu verschwinden: sie fielen nicht etwa ab, sondern lösten sich unsichtbar wie ein Gas in der Luft auf. Und zwar nicht nur die Stacheln — alle Gegenstände, die in den Wirkungsbereich der Drahtbürste kamen, wurden sofort unsichtbar, verschwanden, wurden zu Nichts. Nur der Glasstab selbst schien gegen die vernichtende Kraft immun zu sein. So geriet auch eine Ecke der Tischplatte zu nahe an das Vernichtungszentrum und verschwand: die Stelle sah wie abgeschnitten aus. Mischa Strongin beseitigte ziemlich schnell das längste Stachelgewirr, stellte den Apparat ab und brachte den Stachelschmuck des Igels mittels einer Schere auf die ursprüngliche Länge zurück.
Der folgende, sechste Versuch war nicht so einfach auszuführen, da sich das Versuchsobjekt nur schwer beschaffen lief. Mischa Strongin brauchte eine Leiche, und zwar die eines auf natürliche Weise gestorbenen Menschen. Hier kam ihm das Gold, das er sich in beliebigen Mengen herzustellen wußte, zustatten. Der Wärter des Spitals ließ mit sich reden und schaffte eines Abends mittels einer Droschke eine in eine Bastdecke eingenähte Leiche in das kleine Vorstadthaus. Es war die Leiche eines Greises, der am selben Tage an Altersschwäche gestorben war. Mischa Strongin legte den Körper auf die Zementplatte, die ihm einmal als Deckel für den bewußten Trog gedient hatte, und verband die Schädeldecke und die Fußsohlen des Toten mit den Polen seines Kästchens, das er vorher auf den »G«-Effekt einstellte. Als das Gesicht des Toten nach einigen Minuten sich zu röten begann und die Brust sich atmend hob und senkte, legte ihm Mischa Strongin die schon vorbereitete Chloroformmaske auf Mund und Nase, träufelte Chloroform nach und beobachtete die weitere Wirkung. Der Tote war zweifellos zum Leben erwacht und schlief nur unter Einwirkung der Narkose. Immer kräftiger wurde der Pulsschlag, immer rosiger die Haut. Bald kam aber noch etwas Neues hinzu: die Runzeln des Gesichts begannen sich zu glätten und nach und nach zu verschwinden, die Kopf- und Barthaare dunkler und dichter zu werden; der Greis wurde zusehends jünger; vielleicht alle fünf Minuten um ein Jahr. Als er das Aussehen eines Dreißigjährigen hatte, stellte Mischa Strongin den Apparat ab, nahm dem Schlafenden die Chloroformmaske vom Gesicht und stopfte ihm alle Taschen mit Gold und Papiergeld voll. Als der wiedererweckte und um dreißig Jahre verjüngte Mann die Augen aufschlug und sich mit einem kräftigen Ruck aufsetzte, reichte ihm Mischa Strongin ein Glas Kognak, geleitete ihn zum Ausgang und drückte ihm zum Abschied die Hand. Aus dem Fenster sah er noch, wie der Mann sich rüstigen Schritts entfernte, und hörte, wie er mit lauter Stimme nach einer Droschke rief.
Mischa Strongin wohnte nicht mehr in seinem Laboratorium, sondern in einer vornehmen und teuren Pension in der Kleinen Morskaja. Seine Mittel erlaubten ihm zwar, den wahnsinnigsten Luxus zu treiben, allein er begnügte sich mit dem Wohlleben, das ihm diese Pension bot. Schon am ersten Tage fiel ihm bei Tische ein rotblondes, schmächtiges Mädchen mit grünlichen Katzenaugen auf, das, wie die Erkundigungen bei der Dienerschaft ergaben, Olga Wind hieß und bei einem der berühmtesten Tanzmeister des kaiserlichen Balletts die Tanzkunst übte. Die ungewöhnliche Schönheit nahm ihn, der in seinem Leben noch nie Interesse für Weiber gehabt hatte, sofort gefangen. Bei den Mahlzeiten wandte er von ihr keinen Blick, verweilte, wenn er durch den Korridor ging, wie von einem Magnet angezogen, lange vor der Türe ihres Zimmers und lauschte stundenlang hinaus, ob sich nicht irgendwo das Rascheln ihres Kleides oder gar der Klang ihrer Stimme vernehmen ließe. Einmal gelang es ihm. ein Taschentuch, das sie fallen gelassen, unbemerkt zu sich zu stecken. Er trug es tagsüber an der Brust und fühlte, wie es ihm das Herz versengte. Nachts lag es unter seinem Kopfkissen und machte seine Träume glühend. Kurz — er war verliebt. Zugleich merkte er aber, daß Olga Wind einen unheimlichen Widerwillen gegen ihn hatte: sie wich seinen verliebten Blicken aus, fuhr, wenn er ihr zu nahe kam wie angeekelt zusammen und verzog schmerzvoll den Mund, wenn ihr Blick zufällig auf sein, wenn auch kluges und energisches, doch unschönes Gesicht fiel. Das Leben und das Gold, das er sich in beliebigen Mengen aus Hektographenmasse herzustellen vermochte, freuten ihn nicht mehr. Er mußte die rotblonde, schmächtige Olga Wind erobern, selbstverständlich mit Hilfe seines Apparats: dazu war ja die Einstellung »I« auf der Skala vorgesehen. Eines Abends, als Olga Wind nicht zu Hause war — sie schien ins Theater gegangen zu sein — und die ganze Pension schon schlief, schlich Mischa Strongin leise in ihr Zimmer, das sie unversperrt gelassen hatte. Er knipste das Licht an und sah sich um. Der berauschende Duft ihres Wesens, der das Zimmer auch in ihrer Abwesenheit erfüllte, benahm ihm den Atem. Bald erspähte er etwas, was seinen Zwecken dienen sollte: Auf dem weiten Fellteppich vor dem weißen Bette stand ein Paar winziger Pantöffelchen. Sie waren aus Goldbrokat also leitend. Daraus, daß sie vor dem Bette standen, schloß Mischa Strongin, daß Olga sie als Haus- oder Morgenschuhe zu benützen pflegte. Der Plan war im Nu gefaßt. Mischa Strongin holte seinen Apparat, stellte ihn auf »I« und auf die höchste Wirkung ein, schob ihn unter die entfernteste Ecke unter das Bett und verband die Pantöffelchen mittels feiner Goldfäden mit den Polen des Kästchens. Dann drehte er das Licht wieder aus, kehrte in sein Zimmer zurück und begann zu warten.
Olga Wind kam gegen halbeins heim, Mischa Strongin erkannte sofort ihre Schritte, als sie leise durch den Korridor ging; er hörte auch, wie sie in ihrem Zimmer auf und ab ging, wie sie ihre Nachttoilette machte und wie ihre Kleider raschelten. Klopfenden Herzens schlich er vor die Türe ihres Zimmers und lauschte. Nun hörte er, wie sie ihre Schuhe auszog. Gleich wird sie also in die goldenen Pantöffelchen schlüpfen. Er hielt den Atem an und blickte zum Schlüsselloch hinein. Das junge Mädchen saß im Nachthemde auf dem Bettrande, die Hände im Schoße gefaltet die Augen halbgeschlossen. Die Füße staken in den goldenen Pantöffelchen. Mischa Strongin beobachtete weiter. Das Mädchen hob die Lider, streckte die Arme vor sich aus, ein Zucken lief durch ihr Gesicht die Lippen bewegten sich leise, die Brust hob und senkte sich immer ungestümer. Nun drückte er statt des Auges ein Ohr ans Schlüsselloch. Nach wenigen Sekunden schon hörte er ihre gepreßte Stimme. In unsagbarer Sehnsucht riefen ihre Lippen: «Mischa . . . Liebster . . ." Er trat ins Zimmer und schloß die Türe hinter sich ab . . . . . .
Das war Mischa Strongins siebenter Versuch.
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Nun hatte Mischa Strongin alles — Liebe, Geld, die Möglichkeit sich selbst und die ganze Welt glücklich zu machen, zu verjüngen oder auch zu vernichten. Es war ein Rausch, den noch kein Mensch genossen. Der Rausch verflog, und an seine Stelle trat ein Grauen und ein Ekel. Ein Grauen vor der unheimlichen Macht, die er in Händen hatte und die alle Gesetze des irdischen Geschehens aufheben und umstellen konnte. Und ein Ekel vor dem Golde, das er aus Nichts schuf, vor den Toten, die er auferweckte, vor den Greisen, die er zu Jünglingen machte, und vor der Liebe, die wertloser war, als die um Geld gekaufte. Das Quälendste war ihm aber das Bewußtsein, daß es für ihn, der selbst über den Tod gebot keine unerfüllbaren Wünsche mehr gab. Wenn er wollte, könnte er in einem goldenen Tempel von der ganzen Menschheit als lebendiger Gott angebetet werden, in alle Ewigkeit — aber er wollte es nicht. Er wollte vielmehr nicht mehr leben, und seinen eigenen Tod würde kein Mensch rückgängig machen können. Also beschloß er, aus dem Leben zu scheiden. Das in den roten Kreis eingeschlossene Schluß-»N« der Skala, dessen Wirkung dem ersten, schon erprobten »N« gleichkam, bot ihm das Mittel nicht nur zu sterben, sondern einfach restlos aus der Welt zu verschwinden, zu Nichts zu werden, wie er es einmal beim Versuch mit den Igelstacheln gesehen.
Mischa Strongin liegt auf dem Sofa, das graulackierte Kästchen steht auf dem Stuhl vor ihm. Der rote Zeiger ist auf das rotumrandete »N« eingestellt. An die Pole des Apparats sind jetzt zwei glatte Metallzylinder angeschlossen, wie man sie zum Elektrisieren braucht. »Olga, komm einen Augenblick her!« Die Rotblonde mit den Katzenaugen kommt aus dem Nebenzimmer und sieht den Geliebten die Elektroden mit beiden Händen ergreifen. Im nächsten Augenblick sieht sie ihn nicht mehr; seine Kleider liegen leer auf dem Sofa, die Metallzylinder fallen leise klirrend zu Boden . . . . Mischa ist verschwunden, ist zu Nichts geworden, hat sich wie ein Gas in der Luft aufgelöst . . . Mit einem verzweifelten Schrei sinkt das junge Weib bewußtlos zu Boden . . . .
Ihre Aussagen auf der Polizei machten einen irrsinnigen Eindruck, und man schaffte sie zwecks Beobachtung auf die Psychiatrische Klinik. Aber du hellgraue Kästchen erregte dennoch das Interesse der Behörden, die es zwecks Untersuchung an die Artilleriewerkstätte einlieferte, der auch die Entladung von Bomben und Höllenmaschinen oblag.
Das Kästchen wurde hier unter Beobachtung der üblichen Vorsichtsmaßregeln geöffnet. Der Inhalt erschien harmlos: es war gallertartige, organische Substanz, die am ehesten an Gehirnmasse erinnerte. Die gelehrten Artilleristen begnügten sich mit dieser Feststellung und ließen den gesprengten Kasten nebst seinem Inhalt auf den Kehrichthaufen werfen. Olga Wind wurde nach wenigen Wochen als gesund entlassen und bekam ein Engagement beim Kaiserlichen Ballett Und die Welt ging wieder ihren alten Gang.

Aus.
Der Orchideengarten
Band 4, 1920

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