Klabund - Weibertreu

Klabund - Weibertreu


Meine Damen, ich hoffe, Sie werden mir die kleine Geschichte nicht übelnehmen, die ich Ihnen hier erzähle: denn sie ist ziemlich leichtfertig. Aber ich möchte Ihnen zur Beruhigung mitteilen, daß Sie sich im fernen Indien zugetragen hat. In Europa gilt, wie allgemein bekannt, die Ehe als Sakrament, und noch nie hat in Europa eine Frau ihrem Gatten die Ehe gebrochen. — —
Es war einmal ein Herr namens Viradhara und eine Dame namens Kamadamini. Letztere war ein junges, zartes und fröhliches Geschöpf, während ihr Gatte Viradhara bereits jenes Alter erreicht hatte, von dem es im indischen Sprichwort heißt: Ein alter Esel zieht nicht mehr. Kamadamini fand nun, daß es noch genug junge Esel gebe, die ihren kleinen Korbwagen gerne ziehen möchten, sofern sie sie nur einspanne. Solches tat Kamadamini und geriet in einen Ruf, der selbst bis zu ihrem alten Gatten drang. Der Gatte ward auf das heftigste bestürzt, als er solches vernahm, schwieg aber still und beschloß bei sich, sein Weibchen auf die Probe zu stellen. Er sprach eines Tages zu ihr: Meine zärtliche Taube möge verzeihen, wenn ich sie einige Tage allein lasse, denn ich habe in Geschäften eine längere Reise anzutreten — küßte sie auf die Stirn und verließ das Haus, um auf Umwegen wieder dahin zurückzukehren und durch das Fenster in das Schlafzimmer einzusteigen und sich dort unter dem Bett zu verstecken. Kaum hatte Viradhara das Haus verlassen, als Kamadamini sich putzte und schmückte, kleine Kuchen buk in bester Butter und bestem Mehl und ihre Dienerin mit einer Einladung zu einem jungen Herrn sandte, der ihr schon öfter den kleinen Korbwagen gezogen hatte. Der junge Herr erschien auch mit vielen Freuden, sie aßen und tranken und begaben sich danach in das Schlafzimmer.
Als sie zu Bett steigen, berührte Kamadamini mit einem Fuß zufällig den Leib ihres Gatten, der unter dem Bett zusammengerollt lag, um sie auf die Probe zu stellen. Klug, wie die Frauen in allen bösen Dingen nun einmal sind — Verzeihung meine Damen: in Indien . . . —, wußte sie sofort, wer da unten liege und um was es sich handle. Als nun ihr Liebhaber sie umarmen wollte, stieß sie ihn zurück und sprach: »Herr, Ihr dürft meinen Leib nicht berühren.« Der junge Herr erwiderte ärgerlich: »Ich bitte Euch, mir Auskunft zu geben, schöne Frau, warum in aller Welt Ihr mich sonst habet rufen lassen?« Sie sprach: »Ich besuchte vor Sonnenaufgang den Tempel der Candika. Da erscholl plötzlich eine Stimme: ›Unglückliche, du wirst innerhalb dreier Monate Witwe sein.‹ — Ich erschrak bis ins tiefste Herz, denn ich liebe meinen Mann über alles in der Welt, selbst mehr als mein Leben oder meine Ehre. Und ich flehte: ›Göttin, gibt es ein Mittel, meinen Gatten vor dem Verhängnis zu retten?‹ Sie erwiderte: ›Ja. Ich will dir dieses Mittel nennen: du mußt einen fremden Mann auf deinem Ehelager einmal umarmen — so wird der deinem Gatten bestimmte Tod auf diesen übergehen, er aber wird hundert Jahre alt werden.‹ — Wisset also, daß Ihr mich nun zwar umarmen dürft, daß aber der Tod von der Göttin Candika Euch sicher ist . . .«
Da lächelte der junge Mann, denn er begann die junge Frau zu begreifen, indes der Ehemann sich unter dem Bett vor Rührung hin und her wälzte wie ein Kater, den man krault. Und der junge Herr sprach: »Gern will ich den Tod auf mich nehmen, nachdem ich Euch habe umarmen dürfen«, und also vergnügten sie sich miteinander, während der Gatte, ob des Opfers, das seine Gattin aus Liebe zu ihm brachte, Tränen der Rührung vergoß.
Als nun der junge Mann sich vom Lager erhob, da kroch auch der Gatte unterm Bett hervor. Tränen noch in den Wimpern, umarmte ihn, der höchlich erschrocken tat, und sprach: »Mein Lebensretter! Mein treuester Freund bis zu deinem unvermeidlichen Tode!« Und er küßte seine Frau und sprach: »Du bist die treueste Frau, die je auf Erden wandelte. Sei gesegnet.«
Hiermit, meine Damen, ist meine Geschichte zu Ende, und ich bemerke, um jedem unliebsamen Mißverständnis vorzubeugen, daß so ungetreue Ehefrauen, so nichtsnutzige junge Burschen und so alberne alte Ehemänner natürlich nur in Indien vorzukommen pflegen . . .

Aus:
Der Orchideengarten
Heft 1

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