Wiener Heiratsannonce


AUS DEM 18. JAHRHUNDERT ALS HANDZETTEL ERSCHIENEN
EHELICHUNGS-NACHRICHT 

Bin bejahrter, verwitweter bürgerlicher Gewerbsmann, der kein Spieler, Vollsäufer noch Zänker ist, stets ein häusliches und bewerbsames Leben führt; dessen Ehrlichkeit und Fleiß im Thun und Lassen noch niemand in Zweifel zog; der jederzeit als ein guter Wirth und der Mäßigkeit ergebener Mann bekannt war, und sich niemals irgend einer Ausschweifung ergab; hat seit sieben und zwanzig Jahren eine Menge Unglücksfälle gehabt, wodurch sein Vermögen sehr verringert wurde. Er hat vier Kinder am Leben, drey davon sind schon versorgt ein Sohn ist noch übrig, der einer sorgfältigen Mutter bedarf. Er ist also gesinnt derowegen eine seinem Alter angemessene Person zu suchen, die er heyrathen könnte, sie sey nun eine Witwe oder Ledige, auch kann sie protestantischer Religion seyn, wann sie nur wirtschaftlich, gut gesittet ist, ihn lieben kann, und wenigstens 3000 Fl. im Vermögen hat, wodurch seinem Gewerbe könnte aufgeholfen, und er dadurch in eine bessere Lage versetzt werden. Er wird sie gut halten, und ihr immer freundschaftlich und liebreich begegnen. Weil er aber aus großer Scheu, nirgend persönlich anzusuchen sich getraut, so nimmt er sich hier die Freyheit schriftlich um eine Braut zu werben; diejenige also, welche gesinnt ist, mit ihm ehelich zu leben, die beliebe sich in der Josephstadt in der Kaisergasse bey der schönen Schäferin im Laden neben dem Wirthe einzufinden, wo sie alsdann das Weitere mit einander verabreden können.

Aus:
Kokain - Eine moderne Revue
Heft 1 - Jahrgang 1925


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