Arnold Hagenauer - Das Geigengespenst

DAS GEIGENGESPENST
Von Arnold Hagenauer

From early 20th century photo postcard


So oft der blasse, schlanke Jüngling die Geige spielte, vergaß er allen um sich herum, er lauschte nur mehr den Tönen, die er den Saiten entlockte und folgte ihnen, wenn sie über Berg und Tal in das Land seiner Träume dahinschwebten. So legte er seine ganze Seele in das Instrument und sein Leben in die schmeichelnden Töne, die unter seinem Bogen hervorquollen und ihn mit sanften Händen umfaßten und bestrickten, so daß er ihnen nimmermehr zu entrinnen vermochte. Als er eines Tages am Fenster stand, gerade als die Sonne unterging, blickte er über die blühenden Hollundersträuche seines Gartens weg auf die fernen Dörfer und auf die braunen Hügel, über die wogenden Kornfelder hinaus, bis dort, wo der Rand des Himmels auf die Erde stößt. Es hatte geregnet. Noch rieselte es schwer von allen Blättern nieder, ein frischer Hauch zog durch die Wipfel der Bäume, in denen sich die Vögel mit erquickten Kehlen ihre Abendgrüße zusandten. Da erfaßte den Jüngling ein heißes Sehnen, er nahm seine geliebte Geige, setzte sie an die Brust und strich zärtlich mit dem Bogen über die Saiten. So hatte er noch nie gespielt, ein so süßes. zauberhaftes Klingen hatte er noch nie gehört, er berauschte sich an dieser Flut des Wohlklanges und vergaß alles um sich her. Plötzlich aber wurden die Töne zu Stimmen, ein Gesang wie ein mächtiger Chor brauste an seinen Ohren vorbei, und deutlich vernahm er, hell und klar alle anderen übertönend, eine flehende, weiche Stimme:
»Du hast mir deine Seele geschenkt,« bat die Stimme, »was soll ich mit ihr? Ich war ein Ton, der sich freudig mit mächtigen Schwingen über Berg und Tal hob, der zum Himmelsgewölbe aufstieg und in der Stille der Nacht mit den glänzenden Sternen Zwiesprach hielt. Ich tauchte in die duftigen Kelche der Blumen, ich stieg in das helle Wasser des Bergsees bis zum kristallenen Hause der Nixe, und wenn ich niederzitterte, lief sie den goldenen Kamm fallen, mit dem sie ihr Haar strählt, und lauschte. Und die Fische kamen mit offenen Mäulern geschwommen, glotzten mit großen Augen drein und stießen mit ihren plumpen Köpfen an die durchsichtigen Wände. Auf die Gipfel der Berge stieg ich, da kam der Sturmwind geflogen, wiegte mich in seinen Armen und floh mit mir hinaus auf das schäumende, brausende Meer oder über die weißglänzenden Firnen und die blauen Gletscher, die steilen Wände hinunter in den dunklen Hochwald hinein. Aber jetzt muß ich immer um dich sein, immer bei dir. Du hast mich mit deinem Herzblut genährt, du hast mich ewig an dich gekettet, jetzt lasse mich auch leben, sonst fluche ich dir!«
»Lebe, bleibe immer bei mir, süßer Ton«, bat der Jüngling.
Erschrocken ließ er die Geige sinken. Vor ihm stand seine eigene Gestalt, groß und schlank wie er, mit denselben Augen, denselben Haaren, den gleichen Zügen im Antlitz. Der Künstler griff nach dem Gast, aber er faßte in die leere Luft. Sein Ebenbild jedoch blieb und lächelte ihn freundlich an. Das Phantom folgte ihm überallhin, aber niemand sah es, außer er selbst. Wenn er jauchzte und sich froh fühlte, sah er seinen Doppelgänger auch fröhlich, wenn er traurig war und litt, so war der andere still und düster. Nie verließ er ihn, nur wenn er die Geige spielte, so verschwand er. Bald merkte der Jüngling, daß es ihm immer schwerer fiel, zu spielen, daß ihn eine unsichtbare Macht daran zu hindern suchte. Wenn er jedoch sich überwand und den Schemen bannte, so empfand er eine rasende Angst vor seiner Wiederkehr und mußte so lange spielen, bis er aufs äußerste erschöpft in einen Stuhl sank und die Geige seiner Hand entglitt. Da stand auch das Phantom wieder da, düster und drohend, und er sah, wie er sich gegen sich selbst auflehnte und mit sich haderte und fühlte mit Entsetzen, wie ein von seinem Selbst losgelöstes, aber doch von ihm unzertrennliches Wesen ihn zu hassen begann. Nach und nach artete der stumme Trotz des Schemens in offenen Kampf aus. Wenn ihn der Künstler bannen wollte, so verfolgte ihn der andere. Er hetzte ihn durch Feld und Flur, durch seine Gemächer, ihm immer auf den Fersen folgend, sein Inneres mit grauenhafter Qual und schrankenlosem Entsetzen erfüllend. Einmal, als ihm in einer lautlosen, düsteren Nacht sein feindliches Selbst unerträglich wurde, ging er zu dem hohen Kasten, der seine Instrumente barg, und wollte ihn aufschließen. Da spürte er, wie ihn Jemand daran hinderte, sein Arm wurde bleischwer, er fühlte einen heißen, glühenden Atem im Nacken, und die Angst jagte ihn Trepp auf, Trepp ab durch das ganze Haus, durch alle Gänge, durch weite, finstere, ihm unbekannte Zimmer, bis er endlich in einem hohen Gemach anlangte. Mit einem Schlag erhellte sich der weite Raum. Es war ein Riesensaal im üppigsten Rokokostil, mit Spiegeln, die von der Decke bis zum Boden reichten, und großen Kronleuchtern, die im Schimmer von hundert Kerzen strahlten und den Saal taghell beleuchteten. Das wahnsinnigste Entsetzen schüttelte ihn, er sah sich zwanzigfach in allen Spiegeln, wie er seiner eigenen Gestalt gegenüberstand, mit funkelnden Augen, wutverzerrten Zügen und gekrümmten Fingern, bereit, auf sich selbst loszustürmen und sich zweifach zu erwürgen. Mit einem lauten Aufschrei sank er nieder.
Seit jenem Tage rührte er die Geige nicht mehr an, ja, er wagte es nicht einmal, die Augen zu öffnen, denn dann sah er seine eigene Gestalt mit haßerfülltem Gesichte vor sich stehen. Stundenlang sann der Jüngling schweigend. Er scheute das helle Licht des Tages und zog schwere Gardinen vor die Fenster. Dicke Teppiche dämpften die Schritte, alles Lebende war aus seiner Nähe verbannt, sogar die vielen Blattgewächse und Blumen, die einst sein Heim schmückten, hatte er daraus entfernen lassen. Die Leute hielten ihn für schwermütig oder gar für gestört im Geiste und begannen ihn zu meiden. So verödete sein Haus. Das Tor war den ganzen Tag geschlossen, niemand pochte daran, niemand stieg die Treppe empor und betrat die schönen, einst so gastlichen Räume. Der große Garten verwilderte nach und nach, denn er hatte den Gärtner entlassen. Auf den früher mit farbigem Kies bestreuten Wegen wuchs Gras. Die bunten Blumenbeete standen voll Unkraut, die Rosenstöcke trieben lange Schädlinge und blühten nicht mehr. Nur eine große, böse Dogge mit blutroten Lefzen und schäumendem Maul rannte im Garten herum und tobte des Nachts die Mauer entlang, wenn draußen die schweren Schritte eines verspäteten Wanderers verhallten. — — — — — — —
Eines Abends stand der Jüngling auf dem hölzernen Balkon, von dem an beiden Seiten Treppen in den Garten führten, und blickte mit müden Augen in das brennende Rot, das den Himmel wie eine entzündete Wunde färbte. Laute Schreie ausstoßend, stürzten sich die Schwalben in den flammenden Brand. Wie Feuerschein lohte es auf dem Balkon, und eine unsägliche Traurigkeit lag über der ganzen, sonst so lieblichen Landschaft. Nach und nach brach die Dunkelheit herein, und der Mond stieg am blauen Himmel auf, schwebte zuerst über den mächtigen Linden am steinernen Parktor und stieg dann höher und immer höher empor, sein klares und mildes Licht über die Wipfel der Bäume gießend.
Der Künstler seufzte tief auf, strich mit der Hand über seine Stirne und trat in sein Zimmer zurück. Dann schloß er sorgfältig die Türe zum Balkon, trat zum Instrumentenkasten und öffnete ihn. Er nahm die Geige heraus, die ihm so viel Ungemach bereitet hatte und verließ sein Haus. Sein Plan stand fest. Er wollte das kostbare Instrument vernichten, zerbrechen, zerstören und seine Trümmer in den See schleudern. Eine innere Stimme sagte ihm, er werde dann Ruhe und Genesung finden. Er schritt durch den Garten und die kleine Hinterpforte, wo die Glyzinien über die Mauer hingen, auf die Straße hinaus und zwischen Gartenmauern hindurch, bis er zu dem Wege kam, der zuerst an Feldern und Wiesen vorbei, dann durch einen Föhrenwald sanft bergan zu dem kleinen See führte, der zwischen mäßig hohen, aber steil abfallenden Felsen in einer länglich runden Talmulde lag. Als er den Wald betreten hatte, vernahm er zuerst in der Ferne, dann immer näher eilige Schritte, die ihn zu verfolgen schienen, und als er sich umwandte, sah er seine eigene Gestalt mit angstverzerrten Zügen auf sich zueilen. Er lief wie ein Wahnsinniger den Hügel hinan, blind vorwärts, an die Bäume anstoßend, über Wurzeln hinstolpernd, keuchend und halb wahnsinnig vor Entsetzen. Endlich langte er am Rande des Waldes an. Dort lagen etliche verstreute Granitblöcke, dann brach der Boden plötzlich ab, und eine senkrechte Felswand ragte in den See, in dem sich der Mond spiegelte. Er war ruhig, kein Wellchen kräuselte seine Oberfläche, er schien ganz dunkel, und leichte, zarte Nebel zogen über ihn hinweg. An einem dieser Blöcke wollte er die unselige Geige zerschmettern. Er hob seine Arme hoch empor und war im Begriffe, sie eben auf den Stein niedersausen zu lassen, da spürte er, wie sich jemand mit voller Kraft an dem Kasten der Geige festhielt, während er mit eisernem Griffe die Schnecke umklammerte. Es begann ein heftiges Ringen auf dem moosigen Waldboden. Der Jüngling taumelte von einer unsichtbaren Macht geschüttelt und gezerrt nach allen Seiten, plötzlich ließ er das Instrument los, verlor den Boden unter den Füßen, stürzte lautlos rücklings in den See und verschwand. Das Wasser rauschte auf. Ein Duckhuhn flatterte ängstlich kreischend, mit den Flügeln den See peitschend, über die silberne Straße, welche der Mond auf die Flut zeichnete, ins Dunkel hinein. Dann wurde es totenstille. Plötzlich klangen lange, wehmütige Geigentöne durch den Wald, die mit einem schrillen Akkord verstummten. Ein fahler Nebelschwaden zog rasch durch die Luft, über die Wellen, seltsam anzusehen wie eine händeringende Gestalt, und zerfloß in nichts. Des Morgens Kühle stieg die Feldwinde empor, der Mond verblaßte, fern am Horizont hellte es sich auf, und die ersten Vogelrufe ertönten in dem Gehölz. Da fuhr ein Windstoß daher, hart am Abgrund vorbei und entblätterte die wilden Rosen, daß sie wie Schnee im Winter niederfielen auf die nebelhauchenden Wasser.

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