Freitag, 30. August 2019

Walter Serner - Inferno




Ein Schreien, das widersetzlich beginnt, wenn es am laute­sten wird, vor Wut sich überschlägt und verebbend kraftlos fau­chend erliegt, schleudert aus dem Neugeborenen, das herausgepresst und herausgezerrt werden muss, eine Auflehnung, die nie wieder ganz zerbricht, oft dünn wird oder spärlich, selten häufig oder starr und die erst mit dem Tod endet, welcher ihr Recht in der Angst vor ihm metaphysisch durchfahlt. In der Geburt als Ursache schreit schon der Tod als Wirkung und die Wut, die das Leben gegen ihn verteidigt, verteidigt ihn auch gegen das Leben. Diese Auflehnung, die dort verweigert, was hier Wehrlosigkeit aufgebürdet bekam, ist das grosse Mass und dessen Pole umklammern das Schicksal. In ihm ist die Entscheidung auf Leben und Tod: den Himmel als Hoffnung zu läugnen oder die Erde als Hölle zu erleben. Vor der Zahllosigkeit jener Schwäche, die leere Gier ist und stumpfes Sorgen, starrt die seltene Kraft dieser Einzelnen, deren Grösse Qual ist.
Vorbei am jahrelangen Spalier zurückweichender Unsäglich­keiten bleiben sie reif vor dem Antlitz des Menschen stehen und Verlegenheit rötet sie. Sie ist die Erkenntnis der eigenen Un­zulänglichkeit oder der des andern oder der aller und das mar­ternde Erleben einer urtiefen Schuld, die untrennbar allem Leben verwoben ist. Aus ihr reckt sich der verzweifelte Wille zur Hilfe, dessen Schmerzensweg durch das Dickicht menschlicher Verloren­heiten, die auch erwartet jede Erwartung verhöhnen, immer wieder vor die jahrtausendealte Sphinx des Menschen führt. Sein Antlitz entstellt die wehe Last des vergangenen Gelebten, das dumpf blieb und deshalb Schuld ist und das zu klären das hel­fende Gespräch vermöchte, dessen sittliche Kraft des Erkennens, welches Ketten im Unbewussten reibender Erinnerungen auf­nimmt, bereinigt. Doch im ersten Anfang solch liebenden Strebens schon machen Triebgewalten, die einen Stachelkranz von Zweifel und Begierde in die Stirn drücken, den Beladenen hernieder­straucheln und nur wer zutiefst das Wissen trägt, dass er sagen muss, was er erkennt, um seine Schuld und die des andern nicht zu mehren, dass das dumpfe Vergangene des andern zur eigenen Schuld stösst, wenn es nicht an dem erkannten eigenen aufgehellt wird, soweit es zuteil ward, nur der vermag die weiten Dunkel­heiten, die noch während des Sprechens ihn betreten und ihn sich verlieren zu lassen drohen, an die Sonne des Wortes hervorzureissen. Um die Mitte dieser Hilfeleistung aber schleicht die schwere Gefahr entscheidender Verschiedenheit: entspricht dem sittlichen Wollen des andern nicht die intellektuelle Kraft oder fehlt dem Intellekt des andern jenes Wollen, so stürzt jedes Helfen über den unweigerlich emportaumelnden Hass, welcher der grösseren Vollkommenheit gilt, die ohne die geringere die grössere nicht sein könnte. Da aller Hass deshalb letzthin sich gegen sich selbst richtet und seinen Träger verneinen müsste, wird er, der hier festgehalten hoffnungsreichste Entscheidung wäre, doch fast stets Ursache neuer Schuld: er schnellt mit jener Behendigkeit, welche die Schwäche stets parat hat, um hinterhermotivierend sich selbst zu belügen, auf den Vollkomm­eneren zurück, als wäre dieser, der in Wirklichkeit lediglich Veranlassung ist, der Urheber. Doch ein flinkes Gehirn, das allen Taschenspielerkunststücken seines Hasses folgen kann, wird den andern, je länger und weiter die eigene Unvollkommenheit sich hetzt, als schuldärmer erkennen und noch abgründiger hassen. Das Ende, das hier unabsehbar und über die dialektischen Kniffe jenes Hasses, seinen feigen Witzworten und zornigen Insulten hinweg nur von der überlangen Reihe menschlicher Schwächen bestimmt ist, wird unbedingt, wenn solch ein Nurgehirn auf ein kongruentes trifft: der harte Kampf der Worte, der um ein Ens geht, das niemals erdacht, geschweige denn ersprochen werden kann, endet mit der höhnenden Unterjochung des ungelenkeren Wortemachers oder brachial und wird es ganz schwarz, in irr­sinnigem Gelächter, hinter dem jene Untiefe sich auftut, aus der das Verbrechen lauert. Und das gute Ende, das sittliches Wollen einander bringt, ist nur die tragische Separation des Geistes von menschlicher Hilfereichung: der Glaube des einen glaubt den des andern und grüsst ihn demütig von Ferne, da nichts mehr zu sagen ist als die grosse Qual der Einsamkeit vor dem Glauben an den Geist.
Diese Qual, die im Zwiegespräch sich verdoppelt, wächst im Beisammensein mit mehreren ins Unerträgliche, Übermenschliche und was zurückbleibt, ist ein unaustilgbares Mal, das bleich und bös tausendfach durch die Strassen schreitet. Schon die schweigende Anwesenheit von Menschen, die ein Raum abschliesst, führt ein penetrantes Schuldgefühl herauf, das wächst und schwillt und das Ringen um die rettende Güte wird im Angesicht der Vielgestalt des Unklaren, Verhaltenen, Verzweifelten, Verbissenen, das sofort geäussert werden müsste, um nicht Hass zu erzeugen, das Schwerste. Doch nur Verhüllendes wird erzwungen belang­los hingeworfen. Aber das Ungesagte frisst sich tiefer, schmerzt und höhlt und plötzlich hockt in allen Blicken Misstrauen, Aerger, Feindseligkeit, die immer blitzender, ausfüllender werden und alles verwirren, selbst das konventionelle Geplapper, in das langsam hämische Töne einbrechen, verlogene Heiterkeiten, die in den Schwächsten leichtes Grauen entrollen, mühsam entstehende Worte, die von aussen her einen ungewollten Klang erhalten, leer werden, sobald sie gesprochen sind und angestrengtes Nach­horchen, Nachdenken verursachen und immer mehr und mehr verwirren. Heisse Angst umpresst alle und treibt sie, Böses zu bekennen, wo es nicht war, und dort, wo es war, es zu über­schrauben, andere zu beschuldigen, die es nicht begingen, und die es begingen, zu loben, als wahr Erkanntes falsch zu heissen und Falsches wahr, um das Qualvolle der Verwirrungen durch neue Verwirrungen erträglicher zu machen. Und es steigt unauf­haltsam und wie erstickend und schlängelt einen Rattenkönig verfehlter Ueberlegungen, übertriebener Handlungen, zielloser Rettungsversuche hinter sich drein. Und selbst derjenige, der sich selbst verleugnend den sittlichen Ernst vor dem Ereignis sich erwarb, vermag nicht mehr, ihn sich zu bewahren. Wohl weiss er, dass der Fäden, die zu einem Ereignis sich verknoten, abertausend sind, dass sie weit zurücklaufen und zu Ursachen leiten, die ach so selten ganz erkennbar sind; dass der sicherste Weg, sich in menschlichen Beziehungen zu irren, deshalb ist, scharfsinnig zu motivieren; dass die einzige Hilfe wäre, aufzu­schreien und um Gnade zu bitten. Doch er wird mitgerissen und aufknirschend unter diesem unentrinnbaren Zwang beginnt er zu hassen, sich und alle und hasst diesen Hass und sitzt da, ein irr lächelnder Bösewicht gleich den andern, bis eines jener folternd strafenden Schweigen anbricht, das rote Angst über die Gesichter jagt und ein kühles Schauern durch den Körper. Dann ist es zu Ende und einen Berg im Nacken, die Augen verloschen, reichen sie die hohlen Hände, und wenn sie einander wieder begegnen, grüssen sie nicht.
Brückenlos steht Mensch vor Mensch. Und alsob alles, was Jammer und Mühsal ist, in eins hätte zusammengepfercht werden müssen, wirft eine schwere Fügung ein wildes Bedürf­nis dem Menschen in den Schoss und drängt ihn machtvoll, Genuss irrlichtelierend, seinen Körper dort mit einem andern zu binden, wo aller Jammer, alle Mühsal ihren Ausgang hat. Die Brücke, deren Fehlen den reissenden Strom des Hasses zwischen den Menschen lässt und sie einsam an seine Ufer stellt, ist zwischen den Leibern errichtet. Sie ist nur eine fliegende, her­gestellt ein blindes Rasen woher wohin, und abgebrochen mehr Weg- und Zielsehnsucht zurücklassend als vordem. Einzelne allein vermögen es, sie nur zu betreten, wenn unabwendbare Not es gebietet, und so, dass es Hilfe bleibt, weder Weg wird noch Ziel: denn diese Brücke bricht umso rascher, je mehr auf sie gebaut wird und tausend Schwachgeborene wiegen in ihrer tierischen Quallosigkeit nicht einen Starken auf, dessen Gehirn ihm das Dasein zur Marter macht. Was den andern an innerer Kraft versagt blieb, zimmert ihre Schwäche sich zu einem Himmel hienieden, der sie in der Scheinlust des Ineinanderseins für die Beschwernis des Beisammenseins entschädigen soll. Diesem Trugbau des Mannes kommt das Weib auf ganzem Weg entgegen, indem es die Vollkommenheit, welche die trieberzeugte Blindheit des Mannes ihm zuphantasiert, um sich vor sich selbst zu rechtfertigen, annimmt und sie, sich verstellend, vorstellt. Doch kein Mann stirbt, ohne diese Verstellung einen Augenblick lang erkannt und die fehlende Kraft zur Konsequenz resignierend sich bekannt zu haben und alle leben in dem stets wiederkehrenden Gefühl eines Drucks, einer Last, einer Schuld. Sie ist die grösste, da sie alles auf dem Gewissen hat, was Qual ist: das Leben. Der Jammer der Ehen, die Mühsal der Familien stöhnen nicht durch die Mauern; stumm stehen sie auf den Gesichtern und neben allem Lachen, aller Freude als etwas Schweres, Wehes, bis sie zwischen den Brauen als Hass zusammenfahren. Seine letzte Wurzel ist das Geschlecht. Von ihm aus stellt er den Mann, der helfen, möchte, wider das Weib, dem nicht zu helfen ist, das Weib, das nicht geholfen haben will, wider den Mann, der helfen könnte, die Söhne, die sich bäumen, wider die Väter, die gebückt sind, die Väter, die sich nicht aufrichten können, wider die Söhne, die es wollen, den Menschen wider den Menschen und wider sein eigenes Geschlecht.
Dieser Hass ist die Auflehnung gegen die Schuld der Geburt und des Lebens und gegen all die Unzulänglichkeit, welche die Erde zur Hölle macht, so wird er das grosse Mass. Es ist die kleine Erkenntnis der irdischen Hilfereichung, ohne Wohltat zu sein oder Plage, und jene grosse, dass der Geist als höchste Besonnenheit keine völlige Klarheit über das Leben erlangen kann und auf sich selbst sich zurückziehen muss, um einsam als hoffender Glaube sich abzuquälen und auf den erlö­senden Tod zu warten. Vor dessen Schwelle ist die Angst ge­stellt, jene letzte Auflehnung, welche die letzte Qual ist und zu­gleich eine grosse Warnung: dass die Schuld, welche mitbekam wem das Leben gegeben ward, zu tragen ist, bis der, welcher sie auferlegte, sie wieder abnimmt.

Aus: Sirius 1915/16

Dienstag, 13. August 2019

Die Plauderstube - Andersen - Märchen

Aus Die Plauderstube: Der silberne Schilling, Ein neues Mährchen von Andersen.


Als PDF, ePub, mobi und azw3 (KF8)

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Alle ePubs in dieser Reihe wurden von Hans-Jürgen Horn erstellt.

Samstag, 22. Juni 2019

Walther Kabel - Die Aschenurne

Walter Kabel - Die Aschenurne

Ellinor Boege, die schöne Ellinor, war gestorben. Ganz plötzlich. An einer Lungenentzündung, vier Tage nach einer nächtlichen Autofahrt durch den Tiergarten, die leider ich selbst als Abschluß nach dem vergnügten Abend im „Rheingold“ vorgeschlagen hatte, ohne darauf zu achten, daß der Tülleinsatz von Ellinors Bluse so spinnwebdünn war und ihr Abendmantel so tiefen Ausschnitt hatte. Was half es da in der kalten Nacht, daß sie den Kragen hochschlug! Der scharfe Zugwind während der Fahrt ließ sie oft genug zusammenschauern, wie ich sehr gut bemerkte.
Aber auf meine besorgte Frage, ob der Chauffeur die Geschwindigkeit nicht mäßigen solle, lachte sie nur ihr silberhelles Lachen und stieß ihren Gatten übermütig in die Seite: „Du, Schnubbi, Karlchen hat schon wieder Angst um mich! – Aber ein lieber Mensch sind sie doch, Karlchen!“ Und dann streckte sie mir die Hand so harmlos kameradschaftlich hin und drückte meine Finger recht kräftig, damit ich ja auch fühle, ein wie „lieber Mensch“ ich sei.
Schnubbi – sie hatten die seltsamsten Kosenamen füreinander, die ich je gehört habe – antwortete gar nichts. Er starrte nur immer schräg nach oben zum Monde empor, der vor uns über der Charlottenburger Chaussee als gelbe Scheibe am Himmel stand. Seine Dichterseele wandelte offenbar wieder phantastische Pfade, und in solchen Momenten hätte man getrost ein Geschütz neben ihm abfeuern können. Keine äußeren Eindrücke vermochten ihn dann auf diese prosaische Erde zurückzuführen. Erst wenn er seinen hohen Gedankenflug zu einem logischen Abschluß gebracht hatte, kehrte wieder der normale Erich Boege in den irdischen Leib zurück.
So war’s auch damals.
Gut zehn Minuten später fragte er plötzlich, den Kopf nach seiner Frau hindrehend: „Lusche, du hast mich vorhin angestoßen. Wünschtest du etwas?“
„Allerdings – einen Kuß!“
Da blinkte in Erichs Augen wieder dieser glückselige Schimmer auf, um den ich ihn stets beneidet habe. Um seinen Mund lag ein sonniges Lächeln, als er sein Weib jetzt an sich zog.
Ich hatte mich weggewandt. Die beiden Leutchen waren trotz ihrer dreijährigen Ehe noch immer wie die Kinder in einem selbstgeschaffenen Zaubergarten, über dem ständig strahlendster Sonnenschein lag und sich in goldenen Früchten, gegenseitigem Vertrauen und Rücksichtnehmen, widerspiegelte.
Und jetzt war Ellinor tot. Erst konnte ich’s gar nicht fassen, als ich die schwarzumränderte Anzeige las, unter die mein Freund in seiner flüchtigen Schrift nur die Worte gesetzt hatte: „Komm zu mir.“ Aber diese drei Worte waren wie ein erschütternder Weheschrei. Vier Tage hatte ich nichts von Boeges gehört, eben seit jener Autofahrt, und nun diese Nachricht, diese schreckliche Nachricht! –
Während mich die ratternde Ringbahn zwischen den Häuserkolossen hindurch in die entlegene Vorstadt brachte, war’s mir, als ob ich fortwährend aus dem monotonen Geräusch der rollenden Räder eine weiche, übermütige Frauenstimme, fortwährend dieselben Verschen hörte, die die Tote so oft in strahlender Seligkeit wie eine Jubelhymne auf ihr Eheglück leise gesungen hatte:

Ich und du, wir sind so arm
Wie die Kirchenmäuschen,
Unser ist kein Eigentum
Als ein Knusperhäuschen.

Ich und du, wir sind so reich,
Das ist gar nicht schicklich,
Denn wir sind so unverschämt
übermenschlich glücklich …

Das war nun alles vorbei, alles!
Klopfenden Herzens, mit bangem Angstgefühl stieg ich die zwei Treppen zu meinem armen Freundes Wohnung empor. Das schrillen der Flurglocke ließ mich nervös zusammenzucken.
Das Mädchen öffnete. Es hatte verweinte Augen. Und bei meinem Anblick begann sie wieder leise zu schluchzen.
Wer hatte Ellinor wohl nicht geliebt!
Erich war gefaßter, als ich gedacht hatte. Nur in seinen Augen lag ein Ausdruck, daß sich mir die Kehle zusammenschnürte in wildem Weh. Dann sprach er von den letzten Tagen, dem furchtbaren Todeskampf. Sie hatte ja nicht sterben wollen, hatte sich an den alten Sanitätsrat angeklammert und keuchend immer wieder gefleht: „Retten Sie mich, retten Sie mich doch! Wir sind ja so glücklich!“
Und als Erich diese Worte mir kaum vernehmlich wiederholte, da habe ich mich in die Ecke des hohen Paneelsofas geworfen und geweint, herzzerbrechend geweint.
Erich fand keine Träne. Er sprach nur immer vor sich hin: „Ja, das sagte sie – das sagte sie.“

*      *      *

Ellinor Boege wurde auf ihren Wunsch in Gotha verbrannt. Ich stand neben meinem Freunde, als der Sarg langsam in die feurige Gruft versank, hatte meinen Arm in den seinen gehängt und hoffte – hoffte auf das eine, daß sein starrer Schmerz sich endlich in Tränen auflösen würde. Mit weißem, unbeweglichem Gesicht, mit eingefallenen Wangen stierte er vor sich hin auf die polierten Bretter, die sein Liebstes umschlossen. Aber als dann die Platten sich wieder über der Öffnung zusammenfügten, da brach er ohnmächtig zusammen.
In den folgenden Tagen wich ich nicht von seiner Seite. Er hatte sich eine silberne Urne gekauft, und darin bewahrte er das Häuflein graue Asche auf – die Überreste seiner Ellinor. Die Urne stand in seinem Arbeitszimmer auf einer schwarzen Marmorkonsole, und darüber hing mit schwarzem Tüll verhüllt das Bild der Verstorbenen.
Vergebens suchte ich ihn zu bewegen, seine Gedanken durch Arbeit abzulenken. Wenn ich zu ihm kam, fand ich ihn stets in derselben Stellung. Er saß vor sich hin brütend in dem tiefen Klubsessel und starrte unverwandt nach der mattglänzenden Urne hin.
Sonderbar war es, daß er nie über die Tote sprach. Und da auch ich alles vermied, was ihn an den schmerzlichen Verlust erinnern konnte, wurde Ellinors Name zwischen uns nicht erwähnt. Und doch merkte ich an vielem, daß er immer nur an sie, nur an sie dachte. Wenn ich seine Briefe öffnete – er selbst erledigte nichts mehr –, ihm vorlas und, wo dies nötig, um seine Entscheidung bat, gab er ganz verkehrte Antworten.
Und dann wieder unterbrach er mich einmal mitten in einem Satz und sagte ganz zusammenhanglos: „Ich werde ohne sie nicht weiterleben können – nein, nein … das geht über meine Kraft!“ –
Eine Woche war seit Ellinors Einäscherung vergangen. Erich wurde immer stiller, immer gleichgültiger gegen seine Umgebung. Er, der früher jede freie Minute am Schreibtisch gesessen hatte und den eine ihn selbst begeisternde neue Novelle bis zum Morgengrauen wachhalten konnte, rührte keine Feder mehr an. Meine energischsten Vorstellungen halfen nichts. Und bisweilen bemerkte ich jetzt in seinen Augen einen seltsam wirren, unsicheren und dabei beängstigend stumpfen Ausdruck.
Meine Sorge um ihn wuchs von Tag zu Tag. Am liebsten hätte ich ihn in irgend ein Sanatorium für Nervenkranke geschickt, zumal mir ein befreundeter Arzt, der ihn einmal auf der Straße getroffen und auch sehr verändert gefunden hatte, warnend sagte: „Er wäre ja nicht der erste, den die Liebe ins Irrenhaus gebracht hat.“
Dann besuchte er mich eines Nachmittags in meiner Wohnung. Es geschah zum ersten Male nach Ellinors Tod, und deshalb war ich sehr froh über sein Kommen. Ich merkte bald, daß er irgend etwas auf dem Herzen hatte.
Ruhelos wanderte er im Zimmer auf und ab. Plötzlich blieb er vor mir stehen. „Glaubst du eigentlich an eine Fortexistenz der Seele nach dem Tode?“ meinte er ganz unvermittelt.
Als ich meiner Überzeugung gemäß die Frage bejahte, sagte er wie zu sich selber sprechend: „Es muß ja auch sein, es muß! Sonst wäre das ja nur eine Sinnestäuschung gewesen.“ Und nach einer kurzen Weile fuhr er fort, immer in demselben müden Tone: „Gestern abend habe ich Ellinors Briefe aus unserer Brautzeit nochmals gelesen. Darüber war es spät geworden. Ich saß auf meinem alten Platz, in dem Klubsessel an dem kleinen Tischchen. Die Lampe hatte ich fast ganz verhüllt, so daß nur ein kleiner Lichtkreis die nächste Umgebung erhellte. Da schlug die Standuhr im Eßzimmer mit ihrem tiefen Gongton langsam zwölf. Zufällig blickte ich in demselben Augenblick nach der Urne hin, und da hob sich mit einem Male langsam der Deckel, ein tiefer Nebel quoll aus dem Innern hervor und sank träge wie dicker Rauch an der Wand auf den Fußboden herab. Immer mehr verdichtete sich diese Dunstmasse, ballte sich nach oben höher hinauf und – – nahm allmählich menschliche Formen an. Erst glaubte ich zu träumen, schaute hierhin und dorthin, um zu prüfen, ob ich tatsächlich wach war. Als meine Augen dann scheu zu der halbdunklen Stelle zurückkehrten, wo eben noch etwas wie ein unklares Nebelgebilde geschwebt hatte, da – da stand Ellinor dort, Ellinor mit einem wehmütigen Lächeln um die Lippen. Ich sah sie so deutlich, sah jeden Zug ihres lieben Gesichts. Nur ihr Gewand war wie ein langer, weiter Mantel und umfloß faltenreich ihre Gestalt … Als ich ihr so in das teure Antlitz blickte, da fühlte ich, daß in mein schmerzzerrissenes Herz milder Friede einzog. Eine linde, wohlige Wärme erfüllte mein Inneres, ein seit langem nicht mehr gekanntes Empfinden ergebungsvoller Ruhe. Leise, ganz leise wagte ich dann ihren Namen zu flüstern. Zart wie ein Hauch kam mein Name zurück, aber doch im zitternden Tone tiefster Zärtlichkeit. Und dies trieb mir die Tränen urplötzlich mit aller Macht in die Augen. Meine Blicke verdunkelten sich. Ich weinte, wie ich noch nie im Leben geweint habe, und große Tropfen fielen auf die Briefe herab, die in meinem Schoße ruhten. – Als ich mich endlich gefaßt hatte, der Tränenstrom langsam versiegt war, war die Erscheinung verschwunden.“ Bang forschend schaute er mich an. „Meinst du, daß das vielleicht nur eine Sinnestäuschung gewesen ist? – Bitte, sag mir ehrlich deine Ansicht!“
Sollte ich ihm wirklich in diesem Falle die volle Wahrheit geben? Sollte ich ihm Hoffnungen zerstören, an die er sich schon so fest geklammert? Ich hatte es ja aus seiner Frage herausgehört, welche Antwort er erwartete.
„Du sagst selbst, daß du völlig wach und Herr deiner Sinne gewesen bist,“ entgegnete ich, eine direkte Erwiderung umgehend.
Glücklich lächelnd nickte er vor sich hin. Und während er verträumt auf die hellen Vierecke schaute, die die durch das Fenster fallenden Sonnenstrahlen auf die Wand zeichneten, meinte er nachdenklich: „Wenn sie doch öfters zu mir käme! Dann hätte ich sie doch nicht ganz verloren.“ –
Noch an demselben Abend ging ich zu meinem Freunde, dem Arzt, erzählte ihm Wort für Wort, was Erich mir über die angebliche Erscheinung gesagt hatte, und bat um seinen Rat.
„Abwarten!“ erwiderte er achselzuckend. „Sollten sich diese Sinnestäuschungen wiederholen, so halte ich allerdings Boeges Unterbringung in eine Heilanstalt für das beste. Ich fürchte, offen gestanden, wir haben es hier mit beginnendem Wahnsinn zu tun.“ –
Am nächsten Vormittag traf ich Erich zu meinem freudigen Erstaunen am Schreibtisch an. Er hatte soeben ein Antwortschreiben an einen Verlag wegen seines neuesten Novellenbandes beendet. Etwas mißtrauisch las ich den Brief. Aber er war vollkommen sachgemäß abgefaßt.
Dann fragte ich vorsichtig nach dem Verlaufe der vorigen Nacht.
Und wieder lächelte mein Freund so glücklich, als er antwortete: „Ich habe bis zwölf auf Ellinor gewartet, und sie zeigte sich mir wie gestern in derselben Weise. Ich habe wieder angefangen zu weinen. Und nachher war sie fort.“
„Und gesprochen hat sie nichts?“
„Nein. – Vielleicht deswegen nicht, weil ich sie nicht anzureden wagte. Nur zugenickt hat sie mir. Aber ihr Lächeln war nicht mehr so weh.“ – –
Einige Tage nachher erzählte mir Erich, daß er mit dem Entwurf zu einem Roman begonnen habe. Ellinor war ihm inzwischen regelmäßig in jeder Nacht erschienen, wie er mir stets berichtet hatte. Wir sprachen dann miteinander über einzelne Details seiner neuen Arbeit. Er war lebhaft und schon wieder leicht nervös, und ich fühlte auch, daß seine Phantasie fast ganz von den Gestalten des Romans in Anspruch genommen wurde.
Natürlich erfreute mich diese Besserung außerordentlich. Und sie hielt auch an. Er arbeitete bald wieder regelmäßig wie früher.
Auffallenderweise erwähnte er jedoch die nächtlichen Erscheinungen nicht mehr, bis wir dann einen Monat später, als wir eines Abends in seinem Arbeitszimmer saßen und über einer anregenden Unterhaltung die Zeit völlig vergessen hatten, beim Schlagen der Uhr im Eßzimmer gleichzeitig unwillkürlich die tiefen Gongschläge mitzählten.
Es war zwölf.
Verstohlen schaute ich da, einem inneren Zwange folgend, nach der silbernen Urne hin.
Erich mußte meinen Blicken gefolgt sein. Denn plötzlich sagte er zögernd mit leichter Verlegenheit: „Ich muß dir ein Geständnis machen. Jetzt weiß ich nämlich, daß meine Phantasie mir Ellinors Gestalt und Stimme nur vorgetäuscht hat. Denn seit ich mich ernstlich wieder in meine Arbeit vertieft habe, ist die Erscheinung ausgeblieben. Aber ebenso bestimmt weiß ich auch, daß ich mich tagelang am Rande des Wahnsinns befunden habe, und daß ich sicherlich in einer Minute völliger Verzweiflung Hand an mich gelegt hätte, wenn jenes liebe Trugbild mich damals nicht getröstet und mir über die schwerste Zeit nach Ellinors Tod hinweggeholfen haben würde.“
Ich begriff ihn. Herzlich schüttelte ich ihm die Hand. Er war genesen.

Sonntag, 20. Januar 2019

Maria Lazar - Waldemar Bonsels und das deutsche Insekt



Biene Maja Stummfilm


Um es gleich zu gestehen: ich bin nur halb gebildet. Ich habe das vielleicht am meisten gelesene Buch Deutschlands, ein Buch, das sechshundert Auflagen hat und in allen Sprachen übersetzt ist, ich habe die »Biene Maja« bloß zur Hälfte gelesen. Es mag eine Eigenart von mir sein, aber mir ist eine Biene, die nach Art deutscher Touristen die Natur bewundert, nicht ganz angenehm, und wenn ein Rosenkäfer Peppi heißt (nämlich wirklich Peppi mit zwei p), so kann mich das geradezu unglücklich machen.
Man hatte mir gesagt. Waldemar Bonsels sei ein Dichter der Natur. Er sei sogar imstande, sich in die Seele einer Biene zu versenken. Groß­artig, dachte ich, da kann man einmal etwas von den Bienen erfahren. Aber, o weh, die Seele der Biene Maja glich aufs Haar der einer Pastorstochter aus Wermelskirchen, ein bißchen neugierig, ein bißchen patriotisch, der Rosenkäfer machte gleich nach den ersten Seiten die reinsten Hausherrnszenen, als wohnte er in einem Berliner Vorderhaus und nicht in einer Rose, und mir war zumute wie nach einer spiritistischen Sitzung, in der Goethes Geist durch mühseliges Klopfen an einen Tisch die überflüssigsten Albernheiten hervorgebracht hatte. Sieht es bei den Tieren wie bei den Geistern also wirklich um nichts besser aus als bei den Menschen?
»Man soll in der Natur und im Tierleben den Menschen möglichst außer Spiel lassen«, sagt Herr Bonsels, der die Wiener Erstaufführung des Films »Die Biene Maja und ihre Abenteuer« am Lesepult einleitet. Allerdings bezieht er das nur auf den Film. Und ich war begierig auf die Vorführung, in der alle Bienen, Ameisen und Käfer des Buchs ein­mal ohne die leidige menschliche Gehirntätigkeit auftreten müßten. »Denn eigentlich«, erklärt der Dichter, »ist dieser Film ja nur eine Serie von Naturaufnahmen, die dem Buch entnommen sind. Auf das Psychologische muß man leider verzichten.«
Nun, der Film ist wirklich gut. Arbeiten die Natur und gewissenhafteste Technik Hand in Hand, so kann selbst deutsche Wald- und Wiesenpoesie ihnen nicht viel anhaben.
Wären nicht die vielen, allzu langen Texte, man könnte glauben, man sähe ganz einfach eine bunte, phantastisch reale Bilderfülle aus dem Leben der Insekten. Besonders schön die Geburt einer Libelle — man muß ja nicht gerade daran denken, daß sie Schnuck heißt. Man muß überhaupt immer rechtzeitig die Augen schließen, wenn der Text kommt.
Drei Jahre lang wurde in dem Dachgarten eines Berliner Ateliers an diesem Film gearbeitet. Es war mühseligste Kleinarbeit. »Sie glauben nicht, wie lange man oft warten mußte, bis das kleine Mistvieh sich dazu herbeiließ, eine Bewegung zu machen«, sagt der Dichter Walde­mar Bonsels.
Den Hauptwert legt er selbst auf die letzten Teile des Films, die den Kampf der Bienen und Hornissen darstellen. Das war nicht so einfach. Wie der Dichter erzählt, wurden die Hornissen erst einmal ein bißchen ausgehungert, ehe man sie auf die Bienen losließ, die nun, wie zu lesen steht, ihre »Vaterlandsliebe« und »Heimatstreue« beweisen konnten. »Es war sehr lustig«, sagt der beliebte deutsche Dichter, »wie die Feinde trotz aller Kampfeslust im letzten Augenblick, vom Lichte der Scheinwerfer geblendet, innehielten. Es fiel uns gar nicht so leicht, sie zum Kampf zu bewegen.«
Wahrlich, göttlich ist der Instinkt der Tiere. Noch ausgehungert wittern sie den größeren Feind, dieses »Animal méchant par excellence«. wie Gobineau den Menschen nennt, denn er ist das einzige Lebewesen, das nicht nur um des eigenen Nutzen willen Böses tut.
Doch lassen wir den Dichter weiterreden. »Ergreifend war es nun, den Rassenhaß in der Natur zu beobachten.« Und man sieht es auch auf der Leinwand. Die Tiere morden sich in rasender Wut. Und es steht so­gar geschrieben, wie die Bienen siegreich die fliehenden Feinde töten.
Herr Bonsels rechnet zu fünfzig Prozent mit dem Besuch Jugend­licher. Er hat ja auch das Buch »Die Biene Maja« eigentlich für Kinder geschrieben, denn er ist der Ansicht, »daß man für Kinder nicht un­bedingt albern sein muß«. Und dieses Buch ist denn auch in allen Kinderbibliotheken zu finden.
Weiß denn niemand, in welch tiefem, triebhaftem Zärtlichkeits­verhältnis Kinder zur Natur stehen? Selbstverständlich, noch ehe sie gelernt haben, daß die Kuh zum Milchgeben da ist, und ehe sie die erste Botanisiertrommel bekommen haben, also ganz kleine Kinder. Ich sah einmal ein winziges Ding, das bei seiner ersten Begegnung mit einem großen Hund nichts anderes tat, als ihn ganz leise mit den Fingerspitz­chen streicheln und dazu »danke shen« sagen, »danke shen«. Ist es ausdenkbar, daß man diesem Kind in ein paar Jahren erzählen könnte, der Grashüpfer hüpfe um des Weltrekords willen und alle Ameisen seien Räuber.
Nein, ich bin für ein Zensurverbot für Jugendliche, wenigstens für solche, die lesen können. Da schicke man sie lieber in die »Mädchen­händler von New York«. Denn daß die Menschen dumm und gemein sind, müssen sie ja sowieso erfahren. Aber mit welchem Recht erzählt man ihnen das von den Tieren?
Ich protestiere im Namen der Tiere!
Vielleicht habe ich übertriebene Vorstellungen. Ich weiß zwar, daß eine Libelle einem Käfer den Kopf abbeißen kann, daß sie aber dazu sagt: »Er ist wirklich ein lieber Kerl«, das halte ich für ausgeschlossen. Und nicht einmal, wenn ein Käfer Kurt heißt, traue ich ihm zu, daß er mit den Worten: »Ich habe keinen Appetit mehr«, die noch lebende Hälfte eines Wurms entläßt. Ich glaube es nicht, und wenn die Leser von Millionen Ausgaben es glauben wollen, der Poesie zuliebe, ich glaube es nicht. Und ich wünsche nicht, daß Kinder es glauben.

Aus: Der Querschnitt, Herausgegeben von H. v. Wedderkop, Im Propyläen-Verlag, Berlin, VI. Jahrgang, Heft 7, Juli 1926

Walter Serner - Inferno

Walter Serner - Inferno Inferno Ein Schreien, das widersetzlich beginnt, wenn es am laute­sten wird, vor Wut sich überschlägt und ...