Samstag, 29. Februar 2020

Die Geschichte von den vier Brahmanen

Die Geschichte von den vier Brahmanen,
welche um ein Mädchen freiten.

Aus der indischen Mährchensammlung: das Fünf-und-zwanzig des Todtengeistes.
(Frei nach dem Original behandelt.)
von
M. B.

Morgenblatt
für
gebildete Leser.

Nro. 203; Dienstag den 25. August 1846.

Bearbeitet von Hans-Jürgen Horn

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Es war einmal in einer Stadt, die ihr jetzt umsonst auf der Welt suchen würdet — denn sie hieß Tugendhain, und wo ist nun die Tugend noch zu Hause auf der Welt? — es war einmal in dieser Stadt ein Brahmane, ein alter Mann mit schönen langen Locken, den man eben dieser Zierde wegen schlechthin den Schönhaar nannte. Der hatte eine Tochter, schön und blühend wie der Mandarabaum, in dessen Schatten die Götter des Himmels ausruhen. Das ganze Land war voll vom Ruhme ihrer Schönheit, und selbst der Neid mußte verstummen, wenn er ihre Reize sah.
Da sie nun gerade im Alter war, wo der Busen schwillt wie eine Blumenknospe und schüchtern zu fragen scheint: werde ich wohl allein verblühen? —- nahten sich vier Freier, vier Brahmanen, alle gleich würdig, sie zu besitzen. Der Vater begann mit sich zu Rathe zu gehen: Ein Mädchen, vier Freier! Wem soll ich sie geben, welchem sie verweigern? Er sann und sann, doch das Schicksal hatte schon beschlossen. Eine Schlange hatte seine Tochter überrascht, da sie im Garten wandelte. Der Biß war sehr gefährlich. Eilig wurden weise Männer berufen, die mit Zaubersprüchen der Wunde Mund zu schließen verstehen. Sie kamen, machten ein bedenkliches Gesichte, aber helfen konnten sie nicht; denn der schwarzen Schlange Biß, die des Todes auserwählter Sendling ist, kann kein Zauber heilen. Und sie sprachen:

Mächtig ist der Götter Wille,
Bitter ist des Schicksals Spruch.
Nicht vermögen Menschenkräfte
Abzuwenden ihren Fluch.

Wen des Todes Pfeil getroffen,
Der muß fort in Yamas1 Thal,
Muß zu Paradieses Freuden
Wandern durch des Todes Qual.

Seht die Jungfrau jetzt erbleichen!
Seht, ihr müdes Auge sinkt!
Seht, wie sie in gier’gen Zügen
Letzten Lebensodem trinkt!

Als sie gestorben war, brachte sie der unglückliche Vater an das Ufer des Flusses, wo man die Todten zu bestatten pflegt. Die vier Brahmanen waren Zeugen ihrer Verbrennung. Einer von ihnen stürzte plötzlich hervor und warf sich auf den Scheiterhaufen, der auch diese neue Beute verschlang. Ein anderer der Freier sammelte die Asche beider, legte sie zu zwei Häufchen und schwur, sie Zeit seines Lebens zu bewahren. Der dritte beschloß, fort in eine andere Gegend zu ziehen und dort als Einsiedler zu trauern. Der vierte lehrte ruhig in seine Heimath zu seinen Verwandten zurück.
Der nun, welcher in die Einsamkeit wandern wollte, kam eines Tages an die Wohnung eines Brahmanen und bat, da es gerade Mittag war, um etwas Speise. Der Besitzer des Hauses sprach: »O Büßer, du sollst gespeist werden«-« Die Frau des Brahmanen bereitete die Speise und der junge Mann ließ sich aus dem angewiesenen Sitze nieder. Da fing inzwischen das Kind der Leute zu weinen an. Die Frau nahm es geschwind und warf es in das flammende Feuer des Herdes, wo es schnell zu Asche brannte. Als dieses der bettelnde Büßer sah, wollte er fliehen, aber der Brahmane hielt ihn zurück. Voll Zorn sprach jener dann: »Wie kann ich in einem Hause speisen, wo ich solch gräuliches Beginnen sah? Soll ich mir von einem Teufel über des unschuldigen Kindes Asche mein Mahl bereiten lassen?« — Darauf ging der Brahmane in das Innere des Hauses und brachte ein großes Buch herbei. Das schlug er aus und las mit leiser Stimme einen Zauber, worauf das Knäblein, das ein unförmlicher Aschenhaufen geworden, wieder lebendig ward.
Als der Büßer des Brahmanen Kunst sah, dachte er: »Wenn ich nur das Buch hätte, so könnte ich die Geliebte wieder lebendig machen.« Nach diesem Gedanken versteckte er sich dort und hielt sich ruhig; in der Nacht aber schlich er in das Innere des Hauses, bemächtigte sich des Buches und eilte damit jenem Begräbnißplatze zu, wo die Asche seiner Geliebten lag.
Der, welcher dort als Wächter geblieben war, rief dem Rückkehrenden zu: »Mein Freund, was bringt dich wieder hierher?« Der entgegnete: »Ich habe die Kunst erlernt, die Todten wieder lebendig zu machen, und will sie jetzt just an unserer Geliebten erproben.« Dann schlug er das Buch auf und sprach den Zauber über die mit Wasser besprengte Asche des Mädchens, das sogleich neubelebt erstand. Auch demjenigen, der sich mit ihr verbrannt hatte, gab er das Leben wieder.
Das Gerücht hiervon gelangte auch zu den Ohren desjenigen der Freier, der nach dem Tode des Mädchens zur Heimath fortgezogen war. Dieser stellte sich auch wieder ein, um nun von Neuem seine Werbung anzubringen. — So entspann sich unter den von Leidenschaft blinden Freiern ein heftiger Streit um den Besitz des Mädchens. — Der weise König Vikramáditya aber entschied also: »Der das Leben ihr wieder gab, sey als ihr Vater gehalten; der sich mit ihr verbrannte, möge ihr ein Bruder seyn; der, welcher ihre Asche bewachte — ein geringer Dienst — sey ihr Knecht; zur Gattin aber soll sie der erhalten, welcher heim ging, denn der allein wird ein guter Hausvater werden.«

M. B.

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