Montag, 2. März 2020

Matthias Blank - Vom Tode zum Tode

Vom Tode zum Tode
Kleine Geschichten von Matthias Blank
(mehr von dem Schriftsteller bei ngiyaw eBooks)

Klein-Lieschen

»Heisa, Heisa, schlaf Kindlein, schlaf ein!«
Klein-Lieschen saß auf der Wiese am Ufer des Baches im Gras und sang und wiegte mit ihren mageren Aermchen die Puppe. Immerfort sang sie und wurde nicht müde dabei.
Lieschens Puppe aber hatte keine Schlafaugen, wie die der reichen Kinder, hatte auch keinen schönen feinen Porzellankopf mit echten Haaren zum Kämmen, konnte auch nicht »Papa«, »Mama« schreien, wenn man sie auf den Bauch drückte; Lieschens Puppe war derb, aus Holz geschnitzt und mit Farben bunt bemalt.
Doch hatte Klein-Lieschen ihre Puppe so lieb, lieber noch als wäre sie aus Porzellan gewesen, mit Schlafaugen und echtem Haar. Dafür war sie auch Kleinlieschens Puppe und Kind.
Sie hatte diese gar zu lieb!
»Schlaf Kindlein, schlaf ein!«
Stadtkinder kamen, solche mit Holzreifen, schönen großen Bällen, Mädchen mit seidenen, knisternden Kleidern, Wägelchen und Sprechpuppen. Klein-Lieschen aber sah sie nicht einmal an und sang unverdrossen ihr Wiegenlied.
»Schlaf Kindlein, schlaf ein!«
»Ach, was hast Du für ’ne garstige Puppe?«
Alle Stadtkinder standen um Klein-Lieschen, gafften sie an und lachten dabei. Diese aber drückte ihre Puppe noch fester an sich, als wollte sie diese schützen
»Laß doch das häßliche Ding mal ansehen!«
»’S ist meine Puppe!«
»Zögernd hatte es Lieschen gesprochen und ganz leise.
Einer von den Jungen aber, der Kurmacher der Mädchen, der mit dem samtenen Anzug und den gelben Stiefeln, mit dem Spazierstöckchen und silbernem Knopfe, trat dicht vor Lieschen hin:
»Deine Puppe kann wohl gut schwimmen und ersäuft gar nicht. Die muß man mal schwimmen lassen!« »
Er lachte dabei, aber nicht so grob und laut, wie Klein-Lieschen vielleicht gelacht hätte, sondern so vornehm, so selbstbewußt, wie er es den grossen Leuten in der Stadt schon abgeguckt hatte. Da lachten jetzt auch die andern alle mit, klatschten in die Hände und jubelten:
»Ja, schwimmen muß sie!«
Klein-Lieschen biß trotzig die Zähne zusammen und hielt ihre häßliche Puppe noch fester umklammert.
Aber die Stadtkinder waren zu viele, packten sie fest und hatten auch bald die Puppe genommen. Der Junge aber mit dem samtenen Anzug und den gelben Stiefeln schleuderte sie in weitem Bogen in den Bach.
»Hurrah, sie schwimmt!«
Alle konnten so herzlich lachen.
Nur Klein-Lieschen nicht; sie schrie aber auch nicht und weinte nicht, sondern stand nur auf und stapfte dem Bache zu ihrer Puppe nach. Verlangend streckte sie die Aermchen aus, als die Puppe auf den Wellen schaukelte. Doch konnte sie ihr Püppchen so nicht erreichen. Da machte sie noch einen Schritt und noch einen und — —; aber die Wellen, die trugen sie nicht, sondern zogen Klein-Lieschen in die Tiefe hinab.
Als die Stadtkinder dies sahen, da schrieen sie laut und liefen davon.
»Was mußte die dumme Trine wegen so ’nem Holzklotz auch in das Wasser laufen!« meinte später der große Junge mit dem samtenen Anzug und den gelben Stiefeln.
Eine Mutter aber weinte sich über Klein-Lieschen die Augen blind — — —


Lügen

Sie liebten sich und durften sich nicht lieben, denn sie war eines Andern Frau.
Da beide zu ehrlich waren, um betrügen zu können, zugleich aber davor zurückschreckten, um ihrer Liebe willen die Verachtung der Welt zu ertragen, so trennten sie sich. Sein Weg führte in die weite Welt hinaus, während sie bei ihrem vor Gott und Gesetz ihr angetrauten Gatten zurückblieb.
Sie that wie bisher, was die Pflicht von ihr forderte, gab dem Gatten ihren Leib, während ihre Seele bei dem Geliebten weit in der Ferne weilte. Er dagegen jagte unbefriedigt in seiner Sehnsucht umher. — Die Jahre eilten dahin.
Und da fand er wieder das Weib, das er geliebt. Jetzt war sie frei. Denn der Gatte war schon gestorben. Sie selbst aber lag im Bette, hohlwangig, mit verlöschenden Augen, fahl wie der Tod. Er ging gebückt unter der Last seiner Jahre und auf seinem Haupte lag der Schnee des Winters.
So hatten Sie sich gefunden und als sich ihre Blicke kreuzten, sagte er:
»Unsere Liebe war die größte, da wir entsagen konnten und der Pflicht mehr gehorchten als unseren Sinnen.«
Sie antwortete: »Ich bin glücklich, weil ich entsagen durfte und im Angesichte des Todes mich frei fühle von jener Sünde . . .«
Die Beiden schwiegen und fühlten nicht, daß die Lüge ans ihnen gesprochen hatte, um die Reue nicht laut werden zu lassen.
Und über die Lügen der Beiden schritt der Tod hinweg und nahm ihr Leben in einer Nacht — —


Aus: Jugend, 1905

Sonntag, 1. März 2020

Wilhelm von Chézy - Die Brautnacht in der Gruft

Die Brautnacht in der Gruft.

Ein Schattenriß von Wilhelm von Chézy.


Damen-Zeitung.
Ein Morgenblatt für die Elegante Welt - 1831.

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Bearbeitet von Hans-Jürgen Horn
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In schauerlicher Größe zeichneten sich die dunkeln Umrisse des alten Schlosses am Nachthimmel ab; der aufgehende Mond malte den Schatten des schlanken Thurms in die Herbstnebel der stillen Luft, und das Gebäude, welches mir von ferne als freundliches Asyl gewinkt, machte in der Nähe einen so grausenhaften Eindruck auf mich, daß ich fast entschlossen war, umzukehren , und auf gut Glück in der öden Gegend weiter zu reiten. Doch ein Blick auf mein müdes Roß gab mir meinen Muth wieder, denn ich schämte mich des Zagens, dem ich eben den treuen Gefährten meiner Irrfahrten zum Opfer bringen wollte, und so näherte ich mich keck den düstern Mauern, auf die Gefahr hin, in eine Räuberhöhle zu gerathen. War ich doch für den Nothfall wohl bewaffnet, und wie geziemte Furcht einem Soldaten, der seit seinem vierzehnten Jahre Heim und Panzer getragen, und unter des großen Torstenson Fahnen zum Jüngling und Mann gereift war? Ich klopfte an das Thor laut und stürmisch, und bald fragte eine grämliche Stimme nach meinem Begehren.
»Ein verirrter Reisender, der um eine Nachtherberge bittet!« rief ich.
»Gleich! « entgegnete der Pförtner. Das Thor knarrte in den rostigen Angeln, und beim matten Schein einer Kienfackel erblickte ich einen gebückten Greis, der mir in’s Antlitz leuchtete. Von seinem Arm wehte ein langer Trauerflor in die Zugluft mit unheimlicher Begrüßung mir entgegen. Ein Knabe führte mich, auf den Wink des Alten, in den innern Hof; dort empfing mich ein Diener, der mein Roß übernahm, indeß der Knabe mich über eine Wendeltreppe zu einem Saal leitete, in dem zwei schwarze Gestalten bei einem Tisch saßen und kaum aufblickten, als mein Führer: »ein Gast!« rief.
Mit soviel Höflichkeit, als ich nur immer im Lager erlernt hatte, nahte ich mich den Beiden, einem ernsten Mann und einer blassen Frau, und entschuldigte meine späte Ankunft mit der Noth eines Verirrten.
»Ihr kommt in’s Haus der Trauer, und wir können Euch nicht die heitere Gastfreundschaft gewähren, die ein junger Kriegsmann so gerne findet. Doch soll Euch von den Bedürfnissen des Leibes nichts abgehen,« sprach der Burgherr mit sanfter und doch dabei so volltönender Stimme; die Dame wandte sich auch zu mir, und entschuldigte, was etwa die Hausfrau versäumen möchte, mit dem Schmerz einer betrübten Mutter. Ich setzte mich zu Beiden, und entgegnete:
»Für meine Bedürfnisse ist bald gesorgt, denn ich selbst bin nicht gar müde, und zu sehr der Strapazen gewohnt, um schon so ermattet zu seyn, wie Ihr voraussetzt. Meine größte Sorge war mein Gaul, und der ist gut aufgehoben. Ueber mich habt Ihr zu gebieten, ob ich Euch allein lassen, ob ich mit Euch einige Stunden oder die ganze Nacht verplaudern soll. Es würde mir lieb seyn, wenn Ihr einigen Trost darin fändet, mir den Anlaß Eurer Trauer mitzutheilen, denn wo ich einkehre, bin ich gewohnt, mich für die Zeit meines Aufenthaltes als ein Glied der Familie zu betrachten, und verlange meinen Theil am Schmerz so gut wie an der Freude des Hauses!«
Ein leichtes Lächeln überflog die betrübten Mienen der Dame, und sie erzählte mir, indem neue Regenschauer von Thränen den Sonnenblick des Wohlwollens bald wieder umhüllten, daß ihre einzige Tochter am vorigen Tage plötzlich gestorben sey. »Meine Emma,« sprach sie, »war unsere letzte Hoffnung, denn von unserm Sohn, dem wilden Soldaten, haben wir seit drei Jahren keine Nachricht, und bemühen uns seit dem Friedensschluß vergeblich, nur die Gewißheit seines Todes zu erhalten!«
»Dann ist es ja möglich, daß er irgendwo in der Ferne noch lebt, ohne daß es ihm bisher vergönnt war, Euch Nachricht zu geben, denn die Wechselfälle des Krieges sind mannichfach und spotten jeder Berechnung!« tröstete ich.
Die Dame schüttelte das Haupt, aber die Lippen zuckten doch in einem kaum sichtbaren Lächeln der Hoffnung. Ich fragte weiter, wo ihr Sohn gedient? Sie nannte mein Regiment und einen wohlbekannten Namen. — Freudig rief ich:
»Freiherr Baldenstein war ja lange Zeit mein Lieutenant, ich hab‘ ihn noch vor einem Jahr in Sachsen gesehen, von wo aus er damals mit Aufträgen des Kanzlers nach Stockholm abging. O, wir waren treue Kameraden! Wie oft hat mir das gute Herz von seinen Eltern erzählt, von seiner schönen Schwester, und wie oft sagte er in freundlichem Scherz zu mir: »Berthold , Du wirst Doch noch mein Schwager!«
»Jetzt ist sie mit dem blassen Tod vermählt, die süße Rose!« seufzte der betrübte Vater, und fügte hinzu, daß Edgar im vollsten Ernst an eine Verbindung seiner Schwester mit dem tapfern und schönen Obristen Berthold gedacht, und ihnen vorläufig davon geschrieben habe, mit der Bitte , seine Schwester (wenigstens nicht gegen ihre eigene Neigung) ja nicht zu verloben, bevor sie Berthold gesehen.
So war ich gleichsam ein alter Freund, und die Mutter bat mich, ihr noch mehr von ihrem Edgar zu erzählen; ihre Hoffnung rankte sich immer freudiger an meinen Berichten empor, so daß in der Erwartung einer freudigen Zukunft die trübe Gegenwart versank, und beide Eltern mit mir ein heitreres Mahl hielten, als sie wenige Stunden vorher hätten erwarten dürfen. Die eilfte Stunde hatte bereits geschlagen, als der Freiherr mich ermahnte, zur Ruhe zu gehen; er selbst wollte in dieser Nacht die letzte Todtenwache bei seinem Kind halten, weil er keinem von der rohen und abergläubischen Dienerschaft dieß geheiligte Amt anvertrauen mochte. Ich erbot mich, seine Stelle zu vertreten, — er sah mich groß an und schüttelte das Haupt, bis die Hausfrau, in liebender Besorgniß für die Gesundheit des Gatten, ihre Bitten mit , — den meinigen vereinte, und zuletzt durch den Beweis, daß ich als bezeichneter Freier Emma’s eine Art Verpflichtung zu dem letzten traurigen Dienst hätte , den Streit entschied.
Der Freiherr führte mich selbst in die gothische Kapelle, wo neben dem Eingang zur Gruft, dem letzten Hafen der Besitzer des Schlosses, auf einem prächtigen Paradebett die jungfräuliche Leiche ruhte. Mit , verschränkten Armen stellte er sich zur geschmückten Braut des Todes, betrachtete die geliebten Züge, blaß wie die weißen Rosen ihres Kranzes, welcher den langen Schleier über den goldenen Locken festhielt, und seufzte:
»Hienieden seh’ ich nicht mehr Dein Erwachen!«
Während dessen hatte ein Diener den Armleuchter, eine Flasche Wein und ein Gesangbuch auf die Stufen des Hochaltars gestellt, und Beide entfernten sich stumm. Ihre Schritte verhallten in den Wölbungen der Kapelle, und ich war, in schauerlicher Stille, allein mit der leblosen Hülle Emma’s. Zum erstenmal fühlte ich in meinem Leben den hohen Ernst des Todes, wie ich ihn nie empfunden, so oft ich auch nächtlicher Weile auf dem Schlachtfeld bei den Erschlagenen die einsame Wache gehalten, oder zwischen und auf Leichen — ermattet von der Blutarbeit eines heißen Tages — auf den schauerlichen Polstern entschlummert, von Frieden und Glück geträumt hatte. Hier aber, unter dem Schatten der Spitzbogen , deren steinerne Blumen und Zacken bei dem matten Scheine der Kerzen und der Alabasterampel in wunderbare, unheimliche Formen sich gestalteten, und durch das Flackern der leichten Flammen ein gespenstisches Leben erhielten, — an dem Eingang zur Gruft, aus deren Dunkel eine lange Reihe von Särgen in verschwimmenden Umrissen heraufdämmerte, —- neben dem bekränzten Opfer des unerbittlichen Geschicks, hier erfaßten mich alle nie geahnten Schauer des Todes, und ich starrte in die Gruft, als erwartete ich das Heraufsteigen der Geschiedenen, deren Geister den neuen Gast willkommen heißen sollten, dem kecken Fremdling zürnend, welcher sich in ihre Behausung drängte und Abschied von der Rose nahm, auf die er kein Recht mehr besaß, seit sie die Farbe der ewigen Verheißung für den Purpur des vergänglichen Lenzes eingetauscht hatte.
Lange starrte ich hinab in die Gruft, und meisterte, wie der afrikanische Jäger den jungen Leu’n, durch meinen festen Blick das mir so m neue Gefühl des Entsetzens; dann ließ ich mich auf den Stufen des Altars nieder, ergriff das Gesangbuch, und mein Blick fiel, als ich es aufschlug, auf folgenden Vers:

»Zum Himmel steigt aus düstern Särgen
Gebrochner Augen Liebesstrahl,

Und ihnen sey mit offnen Blicken
Auch Deines Sehnens Gluth vereint,
Nur da wohnt wahrhaft das Entzücken,
Wo Lust, wo Trauer nicht mehr weint.«

Ich klappte das Buch wieder zu, und sah auf die Leiche hin. Ich konnte nicht begreifen, wie ich bisher gezagt hatte, die Schöne anzuschauen, hinter deren sanft niedergelassenen Wimpern die blauen Sterne zum Himmel strahlten, wie das Lied verhieß; das einfache Bild des alten Dichters hatte mich mit so wunderbarem Trost gestärkt, daß ich im Tode jetzt nur den leisen Schlummer erblickte; die hohe Steinhalle wölbte sich zur traulichen Frühlingslaube und ich heftete sehnende Blicke auf die Braut, die mir verheißen und entrissen worden, ehe ich sie gekannt.
»Süße Emma ,« seufzte ich, »so muß ich von Dir lassen, ehe Du nur einen Blick der Liebe von mir mit Dir hinübernimmst, — nicht j einmal das Wiedersehen ist uns beschieden, denn Du hast mich nie gesehen. Ich stehe vor Dir wie ein Wanderer, der nach langem Irren endlich die niegekannte Heimath erreicht und vom Haus seiner Väter nur die Brandmauern noch findet!«
»Noch findet!« dröhnte eine Stimme. Erschreckt fuhr ich empor und rief : »Wer spricht hier und verleiht der holden Ruhe des Todes ein gespenstiges Leben?«
— »Leben!« sprach dieselbe Stimme, und ich spottete meiner Furcht vor dem Wiederhall meiner eigenen Rede: »Gute Echo, Du sagst hier: noch findet Leben! hier, wo allein die Hoffnung herrscht, und zwar die, welche erst jenseits der düstern Schwelle ankern vor der jedes athmende Wesen erbebt! Hier blüht nur die Entsagung, für mich die reinste Trauer um ein niebesessenes Gut, — ach, was bliebe noch?«
— »Liebe noch!« glaubte ich von der unermüdlichen Trösterin zu vernehmen, und schwieg betroffen. Noch lieben? — Die geknickte Rose ist eben so schön, wie die am mütterlichen Strauch, aber kein Thautropfen glänzt mehr in ihrem Busen und der Zephyr küßt sie nicht, die Seele ist es, die den Kuß empfängt, nicht die Hülle. Ich sah die schwellenden Knospen des Mundes, und in diesem Augenblick stieg ein frevelndes Gebet zum Himmel, er möchte nur einen kleinen Augenblick, nur so lange, als ein Scheidekuß dauert, die Seele zurücksenden; in wahnsinniger Gluth fiel ich auf die Knie nieder, hob die gefalteten Hände empor und flehte um einen Tropfen Erquickung in dieser Hölle.
Vergebens, kein Hauch des Lebens streifte die blassen Wangen. »O Frühling, wo weilst Du — hier ist Dein Paradies und Du flüchtest in Wüsten? Könnte ich doch mein Leben dieser Blüthe einhauchen! Mit der Gluth, die mich allein zu verzehren droht, könnten wir, wenn wir sie theilen dürften, lange Jahre des Heils nähren!«
Ich näherte mich der Schönen, starrte sie — auf meinen Arm gestemmt über ihr schwebend — liebeglühend an, als sollten die heißen Strahlen meiner Augen die ihren beleben, wie die Sonne die Veilchen weckt; und schon war mirs, als sehen die süßen unter der schirmenden Hülle wieder erwacht, und würden mir — so hoffte ich von Augenblick zu Augenblick — freudig entgegen leuchten. »Hebt euch, seidene Wimpern, hebt euch!« rief meine Seele, und näher und näher glühte mein Antlitz an dem ihren, so daß schon mein Bart die Wangen berührte und, von meinem Hauch bewegt — die Goldlocken sich regten. »Sie lebt!« jauchzte es in mir, ich senkte mich auf Emmas Lippen und fuhr zurück, wie von der eisigen Faust des Todes selbst hinweggeschleudert.
Kalte Fieberschauer packten mich an, — entsetzt von dem Furchtbaren Kuß floh ich das Brautbett der ewigen Ruhe, stemmte, abgewendet, das Haupt an einen Pfeiler und schloß die Augen; lange bebte mein Herz von der gräßlichen Empfindung nach, wilde Schreckbilder durchkreuzten meine Seele, wie zuckende Blitze eine dunkle Wetternacht, und als endlich dieser Sturm sich legte, donnerte die Stimme des strafenden Gewissens mir mit Posaunenklang von den drohenden Gerichten des Himmels, — aus den Särgen erhoben sich rasselnd die kriegerischen Ahnherren, und leise, aber nicht minder furchtbar, die blassen Frauen in weißen Grabgewändern, forderten mit hohler Todtenstimmne, klanglos und doch so laut wie der letzte, sargsprengende Erstehungsruf, Sühne für meinen Frevel, für die Entweihung des Heiligthums, für die Störung der Ruhe der Freistatt. Schon krallten unzählige, entfleischte Hände nach mir, da vermochte ichs nicht länger ausznhalten, —- ich raffte mich empor, riß die Augen weit auf und der wüste Spuck war verschwunden. Friedlich ruhte die entweihte Leiche beim Scheine der Ampel, nichts regte sich, die Särge standen unten uneröffnet, — da hob im Thurm die Glocke zum Schlag aus, und mit den feierlichen Klängen, in denen die Mitternacht niederbebte, kam Fassung und Ruhe in mein Herz zurück; der eherne Mund, tönte mit Trost und Muth zu.
Still setzte ich mich nieder, und es bedurfte jetzt nur noch kurzer Ueberegung, um mir klar zu machen, daß alle Schrecken nur Ausgeburten meiner erregten Sinne gewesen; — ich schämte mich, daß etwas, das ich hätte voraussetzen sollen, mich mit solchem Entsetzen überrascht und in so unmännlicher Feigheit überwältigt hatte. Ich blickte wieder um auf die Schöne, neues Verlangen im Herzen, ich näherte mich dem Lager, durch mein eigenes Beben gereizt, die letzte Furcht zu unterjochen, und so kam es, daß mir ein Kuß von den Lippen der Todten fast wünschenswerther erschien als einer, in welchem glühendes Leben der Sehnsucht entgegenwogt. Rasch und ungestüm preßte ich meine Lippen auf Emmas Mund und fuhr zwar wieder zurück, aber doch blieb ich, fest ihr in das bleiche Antlitz blickend, über sie hingebeugt, und sprach:
»Oho, Soldatenliebchen, willst spröde seyn? — Deine Lippen sind kalt, armes Herz, aber ich will sie durchglühen mit meinem Feuer, trotz Deinem eisigen Bräutigam; durch die verlassene Hülle hindurch soll Deine Seele den Kuß fühlen, er soll sie bis ins innerste Mark brennen, daß sie in glühender Sehnsucht erbebt, und säße sie in den Flammen des Fegefeuers. Trinke den Kuß des Lebens, todte Braut!«
In wilder Raserei beugte ich mich wieder auf ihre Lippen — ich umfing den schlanken Leib. —
»Liebchen, todtes Liebchen, wie hold ruhst Du nun in meinem Arm! Nicht wahr, ein Kriegsmann ist ein rascher Freier, er überwindet sogar die Schauer des Todes, in kühnem Frevelmuth trotzt er noch an der Schwelle der Gruft dem Leben einen bräutlichen Kranz ab!«
Gluth strömte von meinen Lippen, — da schwellte urplötzlich ein Seufzer Emma’s Busen, fest drückte sich ihr Arm um meinen Nacken, und ich zu sehr hingerissen von den Taumeln der Seligkeit, um zu erschrocken, fühlte nur in verdoppelter Gluth das erwiederte Leben, — meine Küsse begegneten jetzt Küssen, — ach, und die blauen Augen strahlten mir entgegen, nicht todesstarr, sondern aufgegangen im Uebermaß des Lebens, vor dem sie vor Kurzem erst noch sich geschlossen hatten zu ewiger Nacht.
»Wo bin ich?« flüsterte endlich beim ersten Grauen des Morgens Emma, nachdem sie noch lange Zeit gebraucht hatte, ihre Lebensgeister zu sammeln.
»Im Arm Deines Bräutigams!« entgegnete ich, die kaum Losgelassene wieder an mich pressend. Sie sah mich halbbewußtlos, verwundert, aber mit unendlicher Zärtlichkeit an, und fragte, ob sie im Himmel sey?
»Nein,« rief ich, »ich bin im Himmel , aber in einem irdischen. Wir sind im Paradies der Liebe!«
»Liebe l« lächelte sie, wie die Erde lächelt, wenn ihr der Mai sein allmächtiges »Werde« zuruft. — Ich eilte ihr von dem Wein einige Tropfen einzuflößen, unterdessen kehrte ihre volle Besinnung zurück, sie betrachtete die Umgebungen, ihr eigenes Gewand, sah in die offene Gruft und stieß mich von sich, mit dem Ausruf: »Frevler!« Ich suchte sie zu besänftigen, — vergebens! Thränen erstickten ihre Stimme, aber sie hörte nicht, was ich sprach; taub blieb sie für mein Flehen, wie für meinen Trost, als plötzlich schmetternde Drommeten mich unterbrachen. Im Hofe draußen ward es laut, dann nahten rasche Tritte der Kapelle; erschreckt fuhr Emma empor und wollte sich verbergen, ich hielt , sie, aber fest, und während sie sich noch sträubte trat der Freiherr mit seiner Gemahlin und Edgar ein, der eben angekommen war, und — mit der Trauerkunde von seiner Schwester Tod beim Empfang unfreundlich begrüßt — die Hülle der Theuern noch einmal sehen wollte. Wie festgezaubert blieben die Drei stehen, nachdem sie vor dem unerwarteten Anblick einige Schritte zurückgeprallt waren, bis ich laut ausrief:
»Sie lebt, Euch täuscht kein Trugbild, edler Vater, glückliche Mutter! Willkommen Edgar, Deine Prophezeihung geht in Erfüllung; holt schnell den Prädikanten, daß er auf der Stelle an demselben Altar, vor welchem der Eid der Liebe als Engel der Auferstehung über Emma kam, uns den Segen der Kirche ertheile, denn nur als meine angetraute Gattin darf ich Euch die Gerettete, von der Schwelle der Gruft zurückgerissene, wieder in die Arme führen.«

Kyau-Haku-Sai - Die Erzählungen des Alten

Kyau-Haku-Sai -  Die Erzählungen des Alten. Die Erzählungen des Alten.    Erzählung von Kyau-Haku-Sai.   Aus dem japanischen von Paul E...