Montag, 2. März 2020

Matthias Blank - Vom Tode zum Tode

Vom Tode zum Tode
Kleine Geschichten von Matthias Blank
(mehr von dem Schriftsteller bei ngiyaw eBooks)

Klein-Lieschen

»Heisa, Heisa, schlaf Kindlein, schlaf ein!«
Klein-Lieschen saß auf der Wiese am Ufer des Baches im Gras und sang und wiegte mit ihren mageren Aermchen die Puppe. Immerfort sang sie und wurde nicht müde dabei.
Lieschens Puppe aber hatte keine Schlafaugen, wie die der reichen Kinder, hatte auch keinen schönen feinen Porzellankopf mit echten Haaren zum Kämmen, konnte auch nicht »Papa«, »Mama« schreien, wenn man sie auf den Bauch drückte; Lieschens Puppe war derb, aus Holz geschnitzt und mit Farben bunt bemalt.
Doch hatte Klein-Lieschen ihre Puppe so lieb, lieber noch als wäre sie aus Porzellan gewesen, mit Schlafaugen und echtem Haar. Dafür war sie auch Kleinlieschens Puppe und Kind.
Sie hatte diese gar zu lieb!
»Schlaf Kindlein, schlaf ein!«
Stadtkinder kamen, solche mit Holzreifen, schönen großen Bällen, Mädchen mit seidenen, knisternden Kleidern, Wägelchen und Sprechpuppen. Klein-Lieschen aber sah sie nicht einmal an und sang unverdrossen ihr Wiegenlied.
»Schlaf Kindlein, schlaf ein!«
»Ach, was hast Du für ’ne garstige Puppe?«
Alle Stadtkinder standen um Klein-Lieschen, gafften sie an und lachten dabei. Diese aber drückte ihre Puppe noch fester an sich, als wollte sie diese schützen
»Laß doch das häßliche Ding mal ansehen!«
»’S ist meine Puppe!«
»Zögernd hatte es Lieschen gesprochen und ganz leise.
Einer von den Jungen aber, der Kurmacher der Mädchen, der mit dem samtenen Anzug und den gelben Stiefeln, mit dem Spazierstöckchen und silbernem Knopfe, trat dicht vor Lieschen hin:
»Deine Puppe kann wohl gut schwimmen und ersäuft gar nicht. Die muß man mal schwimmen lassen!« »
Er lachte dabei, aber nicht so grob und laut, wie Klein-Lieschen vielleicht gelacht hätte, sondern so vornehm, so selbstbewußt, wie er es den grossen Leuten in der Stadt schon abgeguckt hatte. Da lachten jetzt auch die andern alle mit, klatschten in die Hände und jubelten:
»Ja, schwimmen muß sie!«
Klein-Lieschen biß trotzig die Zähne zusammen und hielt ihre häßliche Puppe noch fester umklammert.
Aber die Stadtkinder waren zu viele, packten sie fest und hatten auch bald die Puppe genommen. Der Junge aber mit dem samtenen Anzug und den gelben Stiefeln schleuderte sie in weitem Bogen in den Bach.
»Hurrah, sie schwimmt!«
Alle konnten so herzlich lachen.
Nur Klein-Lieschen nicht; sie schrie aber auch nicht und weinte nicht, sondern stand nur auf und stapfte dem Bache zu ihrer Puppe nach. Verlangend streckte sie die Aermchen aus, als die Puppe auf den Wellen schaukelte. Doch konnte sie ihr Püppchen so nicht erreichen. Da machte sie noch einen Schritt und noch einen und — —; aber die Wellen, die trugen sie nicht, sondern zogen Klein-Lieschen in die Tiefe hinab.
Als die Stadtkinder dies sahen, da schrieen sie laut und liefen davon.
»Was mußte die dumme Trine wegen so ’nem Holzklotz auch in das Wasser laufen!« meinte später der große Junge mit dem samtenen Anzug und den gelben Stiefeln.
Eine Mutter aber weinte sich über Klein-Lieschen die Augen blind — — —


Lügen

Sie liebten sich und durften sich nicht lieben, denn sie war eines Andern Frau.
Da beide zu ehrlich waren, um betrügen zu können, zugleich aber davor zurückschreckten, um ihrer Liebe willen die Verachtung der Welt zu ertragen, so trennten sie sich. Sein Weg führte in die weite Welt hinaus, während sie bei ihrem vor Gott und Gesetz ihr angetrauten Gatten zurückblieb.
Sie that wie bisher, was die Pflicht von ihr forderte, gab dem Gatten ihren Leib, während ihre Seele bei dem Geliebten weit in der Ferne weilte. Er dagegen jagte unbefriedigt in seiner Sehnsucht umher. — Die Jahre eilten dahin.
Und da fand er wieder das Weib, das er geliebt. Jetzt war sie frei. Denn der Gatte war schon gestorben. Sie selbst aber lag im Bette, hohlwangig, mit verlöschenden Augen, fahl wie der Tod. Er ging gebückt unter der Last seiner Jahre und auf seinem Haupte lag der Schnee des Winters.
So hatten Sie sich gefunden und als sich ihre Blicke kreuzten, sagte er:
»Unsere Liebe war die größte, da wir entsagen konnten und der Pflicht mehr gehorchten als unseren Sinnen.«
Sie antwortete: »Ich bin glücklich, weil ich entsagen durfte und im Angesichte des Todes mich frei fühle von jener Sünde . . .«
Die Beiden schwiegen und fühlten nicht, daß die Lüge ans ihnen gesprochen hatte, um die Reue nicht laut werden zu lassen.
Und über die Lügen der Beiden schritt der Tod hinweg und nahm ihr Leben in einer Nacht — —


Aus: Jugend, 1905

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