Montag, 18. Mai 2020

Georg von der Gabelentz - Der Dämon des Todes

Georg von der Gabelentz - Der Dämon des Todes

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Der Dämon des Todes winkte seinen Geiern und gebot: »Fliegt noch einmal über die Erde! Ihr tatet euer Werk nur schlecht, denn noch ist Leben auf ihr. Ich kann nicht eher schlafen, als bis sich dort unten für eure Schnäbel nichts Lebendiges mehr findet.«
Da breiteten die Geier gleich dunklen Wolken ihre mächtigen Schwingen und flogen davon und ihre spähenden, scharfen Augen schossen wie Blitze vor ihnen her.
Die Geier hießen Elend, Haß, Neid, Wahnsinn.
Der Geier Elend schwang sich den Menschen auf die schmerzenden Schultern, daß sie unter seiner Last mit müden Knieen zusammenbrachen und sterbend in die Grube am Wege fielen.
Der Geier Haß setzte sich heimlich anderen auf die Faust, daß sich diese zornig zusammenballte und die Menschen ahnungslos, daß der Geier des Dämons ihnen die willenlose Hand führte, nach Waffen griffen und einander in sinnlosem Kampfe erschlugen.
Der dritte Geier krallte nachts seine scharfen Klauen den Schlafenden in die Brust, daß sie aus ihrer Ruhe aufführen, daß sie mit scheelen Blicken rechts und links auf den Nachbarn sahen und alle ihre Gedanken immer wieder nach dem einen Ziele schickten wie sie sich des anderen Besitz aneignen könnten. Darüber bemerkten sie nicht, daß sie Schritt für Schritt ihrem Untergange zuliefen.
Der Geier des Wahnsinns aber sprang wie ein kalter und dunkler Schatten den Menschen aufs Haupt, schlug ihnen seine dichten Fittiche über die Augen, daß sie blind wurden und hämmerte ihnen mit dem Schnabel auf den Schädel. Da wurden im Gehirn alle Träume und Tollheiten wach, daß die von dem Tiere Befallenen zu lachen zu tanzen und zu weinen begannen und zum Schlusse unter Zuckungen zu Boden fielen und gleichfalls starben.
Keiner der Vögel gönnte sich Rast.
Viele tausend Jahre rauschten über die Erde hin, und sie waren den Boten des Dämons wie eine einzige Minute.
Endlich kehrten diese mit müden Schwingen heim vor den düstern Saal ihres Herrn. Ihre scharfen Schnäbel waren stumpf geworden von der harten Arbeit. Auf der Erde aber war auch nicht ein Fußbreit Landes, auf dem sie sich hätten niederlassen können, ohne über einem Grabe zu sitzen und den Moder der Verwesung zu spüren denn tausend mal tausend morsche Gebeine düngten den Boden.
Als die Vögel mit ihren Schnäbeln an das eherne Tor des Palastes klopften trat der alte Dämon des Todes zu ihnen. Die Kälte eines eisigen Schneefeldes strahlte von seinem weiten Mantel aus. Seine Stimme hatte keinen warmen Klang, und in seinen Augen lag kein Licht.
»Was bringt ihr mir?« fragte er seine Boten. »Werde ich nun endlich Herr sein über die Erde? Tragt ihr endlich das große, das ewige Schweigen zu mir herauf, damit ich ruhen kann?«
Da antworteten die Geier mit heiseren Stimmen einer nach dem anderen:
»Ich schleppte das Elend auf die Menschen.«
»Ich schenkte ihnen den Haß.«
»Und ich säte Neid.«
»Ich aber pflanzte den Wahnsinn ihnen ins Hirn.«
»Ihr tatet recht,« nickte der Dämon.
»Das Elend, das ich brachte, erdrückte langsam die einen,« begann der erste Geier von neuem.
»Rasch tötete der Haß die anderen,« fuhr der zweite fort.
»Neid fraß die meinen.«
»Und meine zerbrach der Wahnsinn wie morsches Holz bricht,« also sprach der letzte der Boten.
»So bin ich endlich Sieger über dieses Geschlecht kluger Zwerge geworden?« fragte der Dämon und reckte sich empor im Gefühl des Stolzes, daß sein Haupt fast die eherne Decke des Saales berührte.
Die Geier aber entgegneten und sahen dabei zu Boden als fürchteten sie sich.
»Herr, du bist noch nicht Sieger! Wahr ist’s, Tausende nach Tausenden streckten wir hin, wir überflogen die höchsten Mauern stolzer Schlösser, wir brachen den festesten Harnisch, wir fanden den Menschen selbst im tiefsten Versteck vergessener Hütten.
Doch da begegneten wir plötzlich einem Stärkeren und seiner Kraft gegenüber waren wir machtlos.
Wo er erschien entfiel dem Hasse der Dolch, dem Neid versiegte das Gift, dem Elende nahm er die zermalmende Schwere und selbst dem finstern Wahnsinn stahl er seinen Schrecken. Wo jener Gott war, da gewannen die Wesen neue Kraft und neues Leben. Aus Leid selbst wurde ihnen Lust. Immer neue Geschlechter ersetzten die vernichteten, immer neue. Müde sind wir vom fruchtlosen Morden!«
Da drohte ihnen der Dämon des Todes, und seine Gestalt bebte vor Zorn.
»Rastet nicht, ihr Verfluchten! Kehrt wieder hinab auf die Erde und an euer Werk!«
Er streckte seine Hand befehlend über die Vögel aus, daß diese, einer nach dem anderen die langen Flügel breitend, sich emporhoben in die Luft und von neuem durch die Wolken auf die Erde hinabschossen.
Der Dämon aber schloß die dröhnende Erztür seines Palastes und kehrte gebückt, mit langsamen Schritten in den Saal zurück, und seine Lippen murmelten:
»Gott der Liebe! Noch immer bist du stärker als ich! Ich muß wohl noch einmal tausend mal tausend Jahre warten!«

Aus: Georg von der Gabelentz, Das weiße Tier, Novellen, Verlag von Egon Fleischel & Co., Berlin, 1904

Samstag, 2. Mai 2020

Annemarie Schwarzenbach - Kurdenkinder

Annemarie Schwarzenbach - Kurdenkinder

Photo: Annemarie Schwarzenbach


Wir treffen sie im Elbursgebirge, ganz im Osten, wo es weit und breit keine kurdischen Stämme gibt. Sie sagen uns, daß ihre Eltern an einem Aufruhr beteiligt waren und mit vielen anderen ums Leben kamen. Die Kinder hat man deportiert, und hier leben sie nun, ohne Angehörige, in diesem fremden Gebirge, in rauhem Klima, sie haben niemals genug zu essen und frieren so, daß ihnen beim Sprechen die Zähne aufeinander schlagen; sie tragen noch die hübsche Tracht ihres Volkes und sprechen ihren kurdischen Dialekt. Wenn sie die harte Jugend, die schweren Entbehrungen überstehen, werden starke, widerstandsfähige Leute aus ihnen werden.

Quelle: Zürcher Illustrierte, 10 (1934) Heft 31

Annemarie Schwarzenbach - Anatolische Zigeunerin

Annemarie Schwarzenbach - Anatolische Zigeunerin


Photo: Annemarie Schwarzenbach


Zigeuner gibt es im ganzen Orient, und überall treten sie als Musikanten, Tänzer und Gaukler auf. Dieses kleine Mädchen ist eine berufsmäßige Bettlerin und sammelt in ihrem großen Sack Lumpen, Papier und was man ihr gibt, um es dann im Bazar zu verkaufen oder gegen ein wenig Nahrung einzutauschen. Sie ist selbstbewußt, böse und stolz. Das Leben behandelt sie mit Härte, nun begegnet sie den Menschen ebenso. Fragt man sie, woher sie stamme, so schüttelt sie abweisend den Kopf: sie hat keine Heimat und gehört in kein Land. Der Staat bedeutet ihr eine Einrichtung mit Polizisten und Grenzen — beides für sie gleich unangenehm und überflüssig!

Quelle: Zürcher Illustrierte, 10 (1934) Heft 31

Kyau-Haku-Sai - Die Erzählungen des Alten

Kyau-Haku-Sai -  Die Erzählungen des Alten. Die Erzählungen des Alten.    Erzählung von Kyau-Haku-Sai.   Aus dem japanischen von Paul E...