Montag, 6. Juli 2020

Kyau-Haku-Sai - Die Erzählungen des Alten

Kyau-Haku-Sai - Die Erzählungen des Alten.

Die Erzählungen des Alten.
   Erzählung von Kyau-Haku-Sai.
  Aus dem japanischen von Paul Enderling  
Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart und Leipzig,1905


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Bearbeitet von Hans-Jürgen Horn


    I. Von den verzauberten Füchsen.

  Der Alte sprach: »Ja Regennächten bleibt man gern zu Hause; denn man kennt zuviel Geschichten von den Füchsen die sich zu solcher Stunde in den Ebenen des Nordens in verzauberter Gestalt zusammenfinden, um die Menschen zu verführen. Sie verwandeln sich in liebliche Gaishas oder schöngewandete Tänzerinnen und locken sie zu den Orten der Freude.
   In diesen Gegenden gab es einmal einen großen Gelehrten, der in solch einer Regennacht mit fünf oder sechs Schülern zusammensaß und ihnen sagte: »Wenn ihr jetzt in die Felder geht, werden euch sicherlich in Tänzerinnen verwandelte Füchse begegnen.«
   »Meister!« sagten die Schüler darauf, »du hast ans doch immer gelehrt, dass der Weise die Gefahr nicht vorwitzig aufsucht. Wie sollten wir jetzt dieses tun?«
   »O, ihr Toren!« sprach der Gelehrte lächelnd. »Wenn ihr dorthin geht, wißt ihr doch, dass die Füchse nur Füchse sind und seid nur furchtsam, weil ihr nicht wißt, welche Schlinge euch gelegt ist. Die Füchse bleiben Tiere, kennen nicht der Menschen innerstes Wesen und können ihnen also doch auch nicht sonderlich gefährlich werden.
   Weit schlimmer sind die wirklichen Gaishas, die das Menschenherz kennen und tausenderlei verführerische Mittel anwenden, um den Mann zu umgarnen. Ist es da nicht weit gefährlicher, wenn Menschen wie ihr gedankenlos und lachenden Auges diesem furchtbaren Zauber gegenübertreten und wiederum vor jenen Füchsen sich ängstigen, die doch eigentlich so harmlos sind ?«
   Da erröteten die Schüler und gelobten, fortan nur noch ihren Studien zu leben.
   Ein altes Sprichwort sagt: »Das Böse kommt nicht vom Himmel, sondern vom Weibe.«


   II. Des Oheims Rat.

  Ein Jüngling aus vornehmer Familie lebte nur den Vergnügungen und warf sein Geld mit beiden Händen fort, als wenn er es gefunden hatte. Auf die Bitten und Ermahnungen seiner Eltern und Freunde hörte er nur mit halbem Ohr und ging den alten Weg weiter.
   Sein Oheim, ein lebenskundiger Mann, bat ihn eines Tage zu sich und zeigte ihm nach längerem Plaudern ein Lackkästchen, worauf »Sparbüchse« stand.
   »Im Buch der Blumen las ich von einem Mann, der jedesmal, wenn er im Begriff war, 100 Unzen auszugeben, nur 80 ausgab und die übrigen 20 in die Sparbüchse tat; bei 200 gab er nur 160 aus und legte 40 zurück usw., so daß er also zwei Zehntel seiner Ausgaben ersparte und allmählich wohlhabend wurde.
   Tue du nun desgleichen! Lege 20 Unzen von 100, die du dem Vergnügen widmen wolltest, in dies Kastchenl Dann wirst du bald Freude am Sparen haben und gern auf manch Vergnügen verzichten.«
   Mit diesen Worten gab er ihm die Sparbüchse.
   Der Neffe dankte und versprach, dem weisen Rat zu folgen.
   Nach etwa vierzig Tagen ein ein alter Diener betrübt zum Oheim und erzählte, daß der Jüngling seit jener Unterredung weit verschwenderischer als früher lebe und jetzt vor dem Nichts stünde. Am selben Abend noch rief er ihn zu sich und fragte zornig, warum er sich trotz seiner Versprechungen nicht gebessert hätte.
   »Ich habe deinen Rat getreulich befolgt, lieber Oheim« —- bekam er zur Antwort. »Denn es macht wirklich Vergnügen, das Geld im Kasten sich vermehren zu sehen. Ich habe stets zwei Zehntel meiner Ausgaben dem Kästchen abgegeben: so habe ich vorgestern von 100 Unzen 20, gestern von 500, die ich dem Vergnügen zu opfern gedachte, 100 und heute von 300 volle 60 Unzen erspart.
   Diese Ersparnisse, die ich so nach und nach machte, konnte man aber doch keine ordentliche Summe nennen. Da dachte ich mir: Besuche bis zum Frühling eifriger als vorher die Orte des Vergnügens, Tag und Nacht, und lege immer zwei Zehntel deiner Ausgaben zurück, dann wird das Kästchen bald gefüllt sein!!
   So tat ich auch und bin also mit Eifer deinem Rate gefolgt. Zürne mir also, bitte, nicht!« . . .
   Ein altes Sprichwort sagt: »Die beste Arznei wird in der Hand des Pfuschers zu Gift.«

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