Donnerstag, 27. Mai 2021

Ventura García-Calderón - Die Mutter des Stroms

 Ventura García-Calderón - Die Mutter des Stroms

Als ich aufbrach, sagte Jaime Basadre, um wie so viele andere mein Glück im Urwald zu machen, gab mir der Zufall einen eigenartigen Reisegefährten, einen Priester aus Aragonien, bäurisch ungeschliffen, aber eine gute Haut, der vorhatte, alle heidnischen Flüsse der Welt zu taufen. Bruder Carmelo wollte zu dem hundertjährigen Kloster Ocopa, wo die Missionare die Wilden lehren, den Sonnengott zu verleugnen, dessen glänzendes Reich sich doch so weit über Amerika erstreckte, und davon träumen, mit der Zeit alle glorreichen Spuren seines Kults zu vertilgen. Ein Traum wie irgendein anderer! Auch der meinige, schnell große Reichtümer zu sammeln, war nicht mehr wert.

Jedes Kind in der Hauptstadt hat von den Millionen erzählen hören, die man in Iquitos durch einfaches Ritzen der Kautschukbäume verdient. Die ganze Ausbeute läßt man dann den größten Strom der Welt, den Amazonas, abwärts treiben, mitten zwischen Urwaldriesen, die noch auf dem Wasser ihre singenden Vogelnester bewahren. Aber auch die Kehrseite des Abenteuers war mir bekannt: Fieber aller Art, trostlose Einsamkeit, Kannibalen, deren vergiftete Pfeile nicht horizontal heranschwirren, sondern senkrecht vom Himmel fallen. In diesem Paradies der Schlangen lebt man von Affenfleisch und Schildkröteneiern. Doch für so etwas schwärmt man mit zwanzig Jahren.

Die Andenketten lagen hinter mir, und wie ein Wunder tauchte plötzlich im blauen Dunst der Ferne der Urwald auf. Während unsere Maultiere mühsam auf den schmalen Pfaden der Sierra kletterten, hielt mein Begleiter, da er keine Ungläubigen zur Hand hatte, mir unaufhörlich fromme Vorträge. Unser Führer, ein halbwilder Indianer in zerfetztem Poncho, ritt auf dem blanken Fell, an den nackten Fuß einen eisernen Stachel gebunden, mit dem er sein Tier spornte. Welch ungeheuerlicher Fuß! Abgetreten wie eine alte Schuhsohle und durchlöchert von Sandflöhen, die behaglich in seinem Innern nisteten.

Dieser schweigsame, träumerische Führer schien den Missionar für einen großen Zauberer der Weißen zu halten, was ihn aber nicht hinderte, bei jedem alten Indianergrab am Wege abzusteigen und einen Stein auf den Hügel zu legen, wie es die fromme Sitte von alters her gebot. Denn so beschwört man die in der Luft schwebenden Geister, ganz abgesehen davon, daß die Mumien unter der Erde hören, wer vorbeikommt. Wer das nicht glaubt, soll die Kondore ansehen, wie sie im Dienst der Toten auf der Lauer liegen und auf ihr Geheiß mit ihren runzligen alten Hexenaugen von den hohen Gipfeln herab nach allem spähen, was vorgeht . . . So sagte der Führer, der bei jeder Rast am Rande des engen Weges hockte, die Beine über dem Abgrund, und endlos trockene Cocablätter kaute. Wunderbar, wie sie ihn belebten und alle Mattigkeit verscheuchten! Nicht einmal der eisige Wind, der heulend von den Höhen herabblies, konnte ihm etwas anhaben.

Bruder Carmelo aber faßte das schwere Ebenholzkreuz auf seiner Brust und spritzte einige Tropfen geweihten Wassers von Lourdes auf dieses Sodom und Gomorrha.

So hatte er, als wir am Rande der wie ein grünes Meer fortrollenden Montaña ankamen, eine ganze Reihe von Schneekuppen getauft, mehr als ein Paternoster gebetet, um uns vor den ungläubigen Kondoren zu behüten, und wenigstens die halbe Flasche Weihwasser auf die Grabstellen der alten Rasse entleert. Ich muß gestehen, daß die Reise soweit glatt verlaufen war. Und dieses einfache Mittel, die Gefahren meines Landes zu beschwören, würde mich für immer bestochen haben, ohne diese jähe Katastrophe. Doch ich will den Ereignissen nicht vorgreifen . . .

Auf einer Balsa, diesem primitiven, kaum aus dem Wasser ragenden indianischen Floß mit Strohsegeln, schifften wir uns jetzt ein, um die von den Anden stürzenden Flüsse hinunterzugleiten. Was bedeuteten die halsbrecherischen Pfade der Sierra gegen diese Fahrt durch Stromschnellen und tosende Strudel! Gut, daß unsere Piloten, Indianer im Lendenschurz, den energischen Kopf mit Arafedern geschmückt, uns mit Lianen in der Mitte des Fahrzeuges festgebunden hatten! Das Schlimmste kam noch. Immer mehr verengten sich die felsigen Ufer, immer reißender wurde die Strömung. Da übernahm ein herkulischer Indianer, dessen Halskette aus Amuletten ihn als den Zauberer seines Stammes kennzeichnete, allein das Kommando. Stillschweigend sahen wir zu, wie er die Stabilität des Floßes prüfte, etwas Flußwasser kostete und respektvoll auf den Wind lauschte, als höre er Freundesstimmen. Meiner Treu, er hatte eine stolze Haltung, dieser Kapitän der Urwaldströme, mit den mächtigen Muskeln und dem Stückchen Rohr in der überbreiten Oberlippe.

Die Ration Masato pro Kopf mußte verdoppelt werden, und durch den Dolmetscher ließ er uns mitteilen, daß wir seinen Weisungen aufs Wort nachkommen müßten. Vor allem durfte keine Silbe gesprochen werden, denn an der gefährlichsten Stelle, wo der Fluß gegen eine in seinem Bett quergestellte Granitmauer antobt, schläft eine Schlange, die es wie die Menschen nicht liebt, daß man sie brüsk aus dem Schlafe weckt. »Die Mutter des Stroms« nennen sie die Indianer. Ein Dämon? Eine schützende Gottheit? Eines hatte ich jedenfalls verstanden: man durfte die Mannschaft in keiner Weise stören.

Im Anfang ging alles gut. Unser Missionar hatte sich darauf beschränkt, voll stummer Verachtung auf den wilden Amtsbruder zu schauen, der uns mit verborgenen Mächten und Teufeln in Schlangengestalt drohte, und jetzt, das kleine Schlagruder mit beiden Händen gepackt, aufmerksam flußabwärts spähte. Kurz vor der verhängnisvollen Wand mußte er den einen günstigen Augenblick wahrnehmen, die Balsa um die gefährliche Mauer herumzubringen.

Steil wie Wälle stiegen die Ufer empor; Wolken von Gischt fegten über uns fort, und in schwindelerregender Fahrt schoß das ächzende Fahrzeug durch die schäumenden Wirbel. Blank poliert vom Wasser erhob sich die rote Mauer vor unseren Augen, kam rapid näher und wuchs ins Ungeheuerliche. Seltsamer Kontrast: aus einer Felsspalte neigte sich eine schlanke Palme, an deren Zweigen als schwere Früchte schlafende Affen hingen.

Beklommen wollte ich nach rückwärts zu unserem Steuermann blicken. Im selben Augenblick schwankte die Balsa wie toll, und ich sah etwas Ungewöhnliches, etwas Sinnloses — zu spät, um es verhindern zu können. Unser Missionar beugte sich, halb aufgerichtet, über das Wasser und schrie mit verzerrtem Gesicht: »Apage, Satanas!« Und weit ausholend, spritzte er den Rest seines Weihwassers in den quirlenden, tobenden Kessel.

Der Strudel hatte uns gefaßt. Ein fürchterlicher Ruck, und die Balsa kenterte. Schon halb in der eiskalten Flut, durchschnitt ich die Lianen und schwamm mit verzweifelter Kraft, um nicht an der Wand zu zerschellen. Minuten später trieb ich in ruhig fließendem Wasser. Riesige Bäume bedeckten die flachen, immer breiter werdenden Ufer. Noch eine Anstrengung, und zitternd betrat ich nahe am Ufer eine Sandbank, auf der eine zwei Meter lange Schildkröte ihre Schale in der Sonne trocknete. Unser Steuermann war schon da. Mit verstörten Augen seine Amulette aufs Wasser haltend, murmelte er Beschwörungsformeln, sicherlich, um die zornige Mutter zu beruhigen, deren Träume der weiße Zauberer mit seinem Tränklein gestört hatte. Muß ich noch sagen, daß der für immer im Strudel verschwunden war?

Was hatte sich nun eigentlich zugetragen? Hatte der Steuermann im letzten Augenblick die Nerven verloren und die Balsa durch seine Nachlässigkeit scheitern lassen? Oder traf uns der Schwanzhieb einer Riesenboa?

Diese letzte Erklärung schien mir die wahrscheinlichste, als ich am Abend mit dem Zauberer in der Hütte eines Wilden das kräftige Maniokabier trank und den furchtbaren Eid leistete. Ein kleiner Schnitt in den linken Arm, zwei Tropfen Blut von jedem in dieselbe Kürbisschale — und ich schwor, niemals Weihwasser auf die Flußgottheiten meines Landes zu schütten.

Berechtigte Übertragung aus dem Spanischen von Otto Albrecht van Bebber


Ventura García-Calderón - Die Mutter des Stroms

 Ventura García-Calderón - Die Mutter des Stroms Als ich aufbrach, sagte Jaime Basadre, um wie so viele andere mein Glück im Urwald zu mache...