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Samstag, 23. Oktober 2021

Zitkala-Ša - Iktomi und die Enten

 ZITKALA-ŠA - IKTOMI UND DIE ENTEN


Iktomi ist eine Spinnenfee. Er trägt braune Hirschleder-Hosen mit langen, weichen Fransen zu beiden Seiten und winzige perlenbesetzte Mokassins an den Füßen. Sein langes, schwarzes Haar ist in der Mitte gescheitelt und mit roten, so roten Bändern umwickelt. Jeder runde Zopf hängt über einem kleinen braunen Ohr und fällt ihm nach vorne über die Schultern.

Er malt sogar sein lustiges Gesicht rot und gelb an und malt auch große schwarze Ringe um seine Augen. Er trägt eine Jacke aus Hirschleder, auf der bunte Perlen festgenäht sind. Iktomi kleidet sich wie ein echter Dakota-Krieger. In Wahrheit sind seine Farbe und sein Hirschleder das Beste an ihm — wenn überhaupt ein Kleidungsstück zu einem Menschen oder einer Fee gehört.

Iktomi ist ein gerissener Bursche. Seine Hände sind immer für Unfug zu haben. Lieber legt er eine Falle aus, als dass er sich mit ehrlicher Jagd auch nur das Geringste verdient. Warum! Er lacht geradezu mit weit aufgerissenem Mund, wenn ein paar einfache Leute in einer Falle gefangen sind, fest und schnell.

Er träumt nie davon, dass ein anderer so klug lebt wie er. Oft führt ihn seine eigene Einbildung hart gegen den gesunden Menschenverstand einfacher Leute.

Der arme Iktomi kann nichts dafür, dass er ein kleiner Kobold ist. Und so lange er eine freche Fee ist, findet er keinen einzigen Freund. Niemand hilft ihm, wenn er in Schwierigkeiten steckt. Keiner liebt ihn wirklich. Diejenigen, die gekommen sind, um seine hübsche Perlenjacke und seine langen Fransenhosen zu bewundern, gehen bald wieder weg, krank und müde von seinen eitlen, eitlen Worten und seinem herzlosen Lachen.

So lebt Iktomi allein in einem kegelförmigen Wigwam in der Ebene. Eines Tages saß er hungrig in seinem Tipi. Plötzlich stürzte er hinaus und schleppte seine Decke hinter sich her. Schnell breitete er sie auf dem Boden aus, riss mit beiden Händen trockenes hohes Gras ab und warf es schnell in die Decke.

Er knüpfte alle vier Ecken zu einem Knoten zusammen und warf das leichte Grasbündel über seine Schulter.

Mit der freien linken Hand schnappte er sich einen schlanken Weidenstock und machte sich mit einem Sprung auf den Weg. Das Bündel auf seinem Rücken wippte hin und her, während er leichtfüßig über den unebenen Boden lief. Bald kam er an den Rand des großen, ebenen Landes. Auf der Hügelkuppe hielt er inne, um Luft zu holen. Mit einem lasterhaften Schmatzen seiner trockenen, ausgedörrten Lippen, als ob er ein zartes Stück Fleisch probieren wollte, blickte er geradewegs ins Leere und auf den sumpfigen Flussgrund. Mit der dünnen Handfläche, die seine Augen vor der westlichen Sonne schützte, spähte er weit in die Tiefebene und kaute dabei auf seinen eigenen Wangen herum. »Aha!« grunzte er, zufrieden mit dem, was er sah.

Eine Gruppe von Wildenten tanzte und schmatzte in den Sümpfen. Mit ausgebreiteten Flügeln bewegten sie sich in einem großen Kreis auf und ab. Innerhalb des Kreises, um eine kleine Trommel herum, saßen die auserwählten Sänger, nickten mit dem Kopf und blinzelten mit den Augen.

Sie sangen einstimmig ein fröhliches Tanzlied und schlugen einen lebhaftes Rhythmus auf der Trommel.

Auf einem gewundenen Fußweg in der Nähe kam die gebeugte Gestalt eines Dakota-Kriegers. Er trug ein sehr großes Bündel auf dem Rücken. Mit einem Weidenstock stützte er sich ab, während er unter seiner Last entlangtaumelte.

»Ho! Wer ist denn da?« rief eine neugierige alte Ente, die immer noch im ihrem Kreistanz auf und ab wippte.

Daraufhin reckten die Trommler ihre Hälse, bis sie in ihrem Gesang erstickten, um einen Blick auf den vorbeiziehenden Fremden zu werfen.

»Ho, Iktomi! Alter Freund, sag uns doch bitte, was du in deiner Decke trägst. Eile nicht davon! Halt! Bleib stehen!« drängte einer der Sänger.

»Halt! Bleib stehen! Zeig uns, was in deiner Decke ist!« riefen andere Stimmen.

»Meine Freunde, ich will euch den Tanz nicht verderben. Oh, ihr würdet es nicht gerne sehen, wenn ihr nur wüsstet, was in meiner Decke ist. Singt weiter! tanzt weiter! Ich darf euch nicht zeigen, was ich auf dem Rücken trage«, antwortete Iktomi und stupste sich mit den Ellenbogen in die Seite. Diese Antwort löste den Ring völlig auf. Nun drängten sich alle Enten um Iktomi.

»Wir müssen sehen, was du bei dir trägst! Wir müssen wissen, was in deiner Decke ist!« schrien sie ihm in beide Ohren. Einige strichen sogar mit ihren Flügeln über das geheimnisvolle Bündel. Der schlaue Iktomi stupste sich wieder an und sagte: »Meine Freunde, ich trage nur ein Päckchen mit Liedern in meiner Decke. «

»Oh, dann lasst uns eure Lieder hören!« riefen die neugierigen Enten.

Schließlich willigte Iktomi ein, seine Lieder zu singen. Vor Freude schlugen alle Enten mit den Flügeln und riefen gemeinsam: »Hoye! hoye!«

Iktomi legte sein Bündel mit großer Sorgfalt auf den Boden.

»Ich werde zuerst ein rundes Strohhaus bauen, denn ich singe meine Lieder nie im Freien«, sagte er.

Schnell bog er grüne Weidenruten und steckte die beiden Enden jeder Stange in die Erde. Diese bedeckte er dicht mit Schilf und Gräsern. Bald war die Strohhütte fertig. Eine nach der anderen watschelten die dicken Enten durch eine kleine Öffnung hinein, die der einzige Eingang war. Iktomi stand lächelnd neben der Tür, als die Enten, die sein Liederbündel beäugten, in die Hütte stolzierten.

Mit einer seltsamen tiefen Stimme begann Iktomi seine sonderbaren alten Melodien. Alle Enten saßen mit großen Augen im Kreis um den geheimnisvollen Sänger herum. Es war schummrig in der Strohhütte, denn Iktomi hatte nicht vergessen, den kleinen Eingang zu verdecken. Plötzlich ertönte sein Lied in voller Lautstärke. Als die erschrockenen Enten unruhig auf dem Boden saßen, änderte Iktomi seine Melodie in eine Moll-Stimme. Dies waren die Worte, die er sang:

»Istokmus wacipo, tuwayatunwanpi kinhan ista nisasapi kta«, was bedeutet: »Mit geschlossenen Augen musst du tanzen. Wer es wagt, seine Augen zu öffnen, wird für immer rote Augen haben.«

Der Kreis der sitzenden Enten erhob sich und begann im Rhythmus von Iktomis Gesang und Trommel zu tanzen, wobei sie ihre Flügel dicht an die Seiten hielten.

Mit geschlossenen Augen tanzten sie! Iktomi hörte auf, seine Trommel zu schlagen. Er begann lauter und schneller zu singen. Er schien sich in der Mitte der Manege zu bewegen. Keine Ente wagte es, mit den Augen zu zwinkern. Jede schloss die Augen ganz fest und tanzte noch heftiger. Auf und ab! Sie drehten sich nach rechts und hüpften in diesem blinden Tanz hin und her. Es war ein schwieriger Tanz für diese neugierigen Volk.

Endlich konnte einer der Tänzer seine Augen nicht mehr schließen! Es war ein Skiska, der Iktomi in der Mitte des Kreises mit einem winzigen Blinzeln anschaute. »Oh! Oh!« krächzte er in schrecklichem Entsetzen! »Lauft! Fliegt! Iktomi verdreht euch den Kopf und bricht euch das Genick! Lauft hinaus und fliegt! fliegt!« rief er. Daraufhin öffneten die Enten ihre Augen. Neben Iktomis Liederbündel lag die Hälfte ihrer Schar flach auf dem Rücken.

Sie flogen durch die Öffnung, die Skiska gemacht hatte, als er mit seinem Alarm losstürmte.

Doch als sie hoch in den blauen Himmel stiegen, riefen sie sich gegenseitig zu: »Oh! Deine Augen sind rot, so rot!« »Und deine sind rot, so rot!« Denn die warnenden Worte der magischen kleinen Macht hatten sich bewahrheitet. »Aha!«, lachte Iktomi und löste die vier Ecken seiner Decke, »ich werde nicht mehr hungrig in meiner Behausung sitzen.« Mit schönen fetten Enten in seiner Decke stapfte er nach Hause. Er überließ die kleine Strohhütte Regen und Wind.

Als Iktomi sein eigenes Tipi auf der Hochebene erreichte, entfachte er ein großes Feuer im Freien. Er pflanzte spitze Stöcke um die auflodernden Flammen. An jedem Pfahl befestigte er eine Ente zum Braten. Einige vergrub er unter der Asche, um sie zu backen. Als er in seinem Tipi verschwand, kam er mit einigen großen Muscheln wieder heraus. Diese waren sein Geschirr. Er legte eine unter jede gebratene Ente und murmelte: »Das süße Fett, das herausquillt, wird gut zu den knusprigen Brüsten passen.«

Iktomi häufte weitere Weidenzweige auf das Feuer und setzte sich mit gekreuzten Beinen auf den Boden. Das lange Kinn zwischen seinen Knien zeigte in Richtung der roten Flammen, während seine Augen auf die braun werdenden Enten gerichtet waren.

Knapp über seinen Knöcheln verschränkte er seine langen, knochigen Finger und löste sie wieder. Ab und zu schnupperte er ungeduldig an dem würzigen Duft.

Der lebhafte Wind, der das Feuer schürte, spielte auch mit einem alten, knarrend quietschenden Baum neben Iktomis Wigwam.

Der Baum schwankte hin und her und rief mit der Stimme eines alten Mannes: »Hilfe! Ich werde zerbrechen! Ich falle!« Iktomi zuckte mit seinen großen Schultern, wandte aber nicht ein einziges Mal seinen Blick von den Enten ab. Das Tropfen des bernsteinfarbenen Öls in die perlmuttfarbenen Schalen erfreute seine hungrigen Augen. Doch der alte Baummann rief weiter um Hilfe. »He! Was ist das für ein Geräusch, das mein Ohr schmerzen lässt!« rief Iktomi und legte eine Hand auf sein Ohr.

Er erhob sich und sah sich um. Das Quietschen und Knarren kam von dem Baum. So begann er auf den Baum zu klettern, um das unangenehme Geräusch zu finden. Aber ohne es zu bemerken, setzte er seinen Fuß genau auf einen gebrochenen Ast. In diesem Moment kam eine Windböe und drückte die gebrochenen Kanten zusammen. Dort wurde Iktomis Fuß von einer starken Holzhand gefangen.

»Oh, mein Fuß ist zerquetscht!« heulte er wie ein Feigling. Vergeblich zog und schlug er, um sich zu befreien.

Während er so als Gefangener auf dem Baum saß, sah er durch seine Tränen hindurch ein Rudel grauer Wölfe über das flache Land streifen. Er winkte ihnen mit den Händen zu und rief mit lauter Stimme: »He! Graue Wölfe! Kommt mir nicht zu nahe! Ich habe mich auf dem Baum festgehalten, und mein Entenschmaus wird kalt. Kommt nicht her, um meine Mahlzeit zu verzehren«

Als der Anführer des Rudels Iktomis Worte hörte, wandte er sich an seine Kameraden und sagte:

»Ah! Hört den dummen Kerl! Er sagt, er hat einen Entenschmaus, der gegessen werden muss! Lasst uns dorthin eilen und unseren Anteil holen!« Die Wölfe sprangen in Richtung von Iktomis Hütte davon.

Vom Baum aus beobachtete Iktomi, wie die hungrigen Wölfe seine schön gebräunten fetten Enten auffraßen. Sein Fuß tat ihm immer mehr weh. Er hörte, wie sie die kleinen runden Knochen mit ihren starken langen Zähnen knackten und das ölige Mark herausfraßen. Jetzt schossen heftige Schmerzen von seinem Fuß durch seinen ganzen Körper. Laut schluchzte Iktomi. Echte Tränen zeichneten braune Schlieren über seine rotgeschminkten Wangen. Schmatzend begannen die Wölfe den Ort zu verlassen, als Iktomi wie ein schmollendes Kind schrie: »Wenigstens habt ihr mein Backwerk unter der Asche gelassen!«

»Ho! Po!« riefen die schelmischen Wölfe, »er sagt, dass unter der Asche noch mehr Enten zu finden sind! Kommt! Lasst uns dieses eine Mal satt werden!«

Sie rannten zurück zum erloschenen Feuer und gruben die Enten mit einer solchen Eile aus, dass eine Wolke aus Asche wie grauer Rauch über ihnen aufstieg.

Wieder stöhnte Iktomi laut auf, als die Wölfe davongestürmt waren. Viel zu spät kehrte der kräftige Wind zurück und riss im Vorbeibrausen die Bruchkanten des Astes wider auseinander. Iktomi war befreit. Aber leider hatte er auch keinen Entenschmaus mehr.


Aus: ALTE INDIANISCHE LEGENDEN

Nacherzählt von Zitkala-Ša übertragen von ngiyaw eBooks

Zitkala-Ša - Iktomi und die Enten

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